Ein starkes Plädoyer gegen den Kriegseinsatz – fern von naiver Friedensbewegtheit und weltfremdem Pazifismus.
Die Verteidigungsfähigkeit wird zur «Kriegstüchtigkeit» umerklärt, die Bundeswehr mit 100 Milliarden Euro aufgerüstet, die Wiedereinführung der Wehrpflicht Die Zeichen stehen auf Mobilmachung, auch mental. Die Nation wird dabei zur großen Solidargemeinschaft verklärt, der ein jeder glücklich zu dienen hat. Und das nach Jahrzehnten der Entsolidarisierung, in denen die Verarmung breiter Bevölkerungsschichten von neoliberalen Politikern für alternativlos erklärt wurde. Ole Nymoen erhebt Die Behauptung, das Sicherheitsinteresse eines Staates falle notwendig mit dem seiner Untertanen zusammen, erscheint geradezu absurd. Immerhin sind es junge Männer wie er, die im Kriegsfall gezwungen sind, im Land zu bleiben und ihr Leben zu riskieren, ob sie wollen oder nicht. Ganz zu schweigen davon, dass der «Dienst an der Waffe» auch beinhaltet, mit dieser Waffe andere zu töten. Und wer bestimmt eigentlich über den «Waffengang»? Ist es wirklich der demos, das Volk? Nicht kämpfen zu wollen für einen Staat, das ist vor diesem Hintergrund mehr als nur eine individuelle Verweigerung – nämlich ein Akt der Humanität und des Protests für mehr kollektive Selbstbestimmung.
Ole Nymoen studiert Soziologie und Wirtschaftswissenschaften in Jena und arbeitet als freier Journalist. Mit Wolfgang M. Schmitt spricht er in ihrem gemeinsamen Podcast Wohlstand für alle über Geld sowie ökonomische Ideengeschichte und politische Ökonomie.
Nymoens Argumentation ist geprägt von einem Zynismus, der wahrlich seinesgleichen sucht, und einem Unverständnis für Freiheit, das nur jemand in einem reichen, befriedeten Land haben kann.
Vorweg: ich nehme es niemandem übel, den Dienst an der Waffe zu verweigern, aus welchen Gründen auch immer. Einen anderen Menschen zu töten, erfordert neben dem Willen auch immer den Verlust eines Stücks des eigenen Ichs. Doch darum geht in diesem Buch gar nicht; es geht nicht um persönliche ethische Argumente zum Morden - die Argumentation hier ist meiner Meinung nach komplett bodenlos.
Die Kernthese des Buches basiert auf zwei Annahmen.
Zum einen sei es so, dass Menschen ihre "Kleider und Ansichten" (damit sind ihre Kultur und Lebensumstände) frei wechseln können. Für Nymoen ist das höchste Gut das Leben an sich; wie dieses Leben konkret aussieht, ob dieses Leben in Freiheit oder Unfreiheit erfolgt, ob die Bevölkerung in ihren Sitten und Sprache unterdrückt wird, ob sie verfolgt wird - alles egal. Der Autor argumentiert, dass der physische Verlust an Menschen bei jeglicher Form von Verteidigung diese sinnlos macht, da die Todesfälle geringer wären, wenn man einfach kapituliert und sich der Fremdherrschaft unterwirft. Für Nymoen ist es egal, ob die eigene Heimat, mit der er sich doch im Gegensatz als Nationalstaat identifizieren kann, in einen Ort verwandelt, an den man nie wieder zurückkehren kann. Letztendlich werden solche Gedanken als Irrationalität abgetan, beziehungsweise als allgemein falsch. Wer sich nicht den neuen Umständen anpassen kann, ist selber schuld.
Zum anderen existiert für den Autor eine klare Trennung zwischen Staat und Bevölkerung, wobei für Nymoen der Staat konkret auch nur aus seinem Herrscher zu bestehen scheint. Werden Konflikte oder Kriege ausgetragen, so finden diese nur direkt zwischen den jeweiligen Herrschern statt; die Bevölkerung ist nur eine träge Masse, die im Frieden zum Aufbau der Wirtschaft genutzt und im Krieg willenlos verheizt wird. Die Bevölkerung besitzt keine Handlungsfähigkeit als eigenes Subjekt. Um ein Beispiel vom Autor aufzugreifen - der richtige Einmarsch Russlands in die Ukraine ist allein Wladimir Putins Schuld. Die Millionen Hände, die die Waffen bauen, die Munition herstellen, und die Waffen dann abschießen, sind dagegen allesamt unschuldig. Dass die Bevölkerung diesen Krieg trägt, ist für Nymoen einfach ein Merkmal von Staaten, und nicht weiter interessant. Eine Unterscheidung zwischen Demokratien und Diktaturen gibt es für den Autor sowieso nicht; und in jedem Krieg ist der Agressor für den Angriff zu ächten, der angegriffene Staat gleichzeitig dafür, dass er sich nicht einfach ergibt.
Erstaunlicherweise gibt für Nymoen einen Sonderfall, in dem eine Verteidigung für ihn gerechtfertigt ist: den Vernichtungskrieg. Doch was versteht der Autor unter diesem Begriff? Das prägende Beispiel ist hier der von der Deutschland im Rahmen des 2. Weltkriegs verübte Holocaust. Die Verbrechen, die dabei begangen wurden, sind allgemein bekannt, und doch halte ich es für sinnlos, den Holocaust im allgemeinen in eine eigene Kategorie zu stellen, um alle anderen Verbrechen gegen die Menschlichkeit als "nicht so schlimm" abzuweisen. Genozid ist der Menschheit nicht neu, was auch Lemkin, dem Erfinder des Genozidbegriffs, bewusst war. Nymoen relativiert meiner Ansicht nach andere Genozide - der Völkermord in Bosnien-Herzegowina, der während der Jugoslawienkriege stattfand, die vom Autor erwähnt werden, scheint da scheinbar nicht schlimm genug gewesen sein, um sich "moralisch korrekt" verteidigen zu dürfen. Die Deportation von Kindern, Zerstörung von Kulturgut, erzwungene Russifizierung jenseits der allgemeinen Zerstörung in der Ukraine? Schlimm, aber nicht den Widerstand wert, da die Verluste an Menschen zu hoch seien. Ich musste beim Lesen mehrmals das Buch beiseite legen, um erstmal zu verarbeiten, was der Autor hier als richtige Entscheidung darstellt.
Die Frage ist nun, wollen wir in solch einer Welt leben? Einer Welt, in der ein x-beliebiger Staat nach Lust und Laune sich mit Gewalt Gebiete einverleiben kann? Denn nach dieser Logik muss sich ein kleinerer Staat einem größeren Staat immer unterwerfen, um Schaden von seiner Bevölkerungen abzuwenden, ja manchmal sei der Gesamteffekt sogar positiv wie bei Napoleons Kriegen! Nymoen scheint nicht so weit zu denken. Ehrlicherweise gibt er zu, dass er auch keine Lösungen hat - nach einer kurzen Bemerkung, warum er internationales Recht für nutzlos hält, wird seine Vision einer internationalen Weltmacht, unter der alle Menschen gemeinsam klar. Doch zur Realität, in der wir uns befinden, kommt von Nymoen nur eine Argumentation untersten Niveaus.
Ich möchte die Gedanken zur Wirtschaft ausdrücklich loben - es ist vieles falsch in Deutschland, insbesondere was soziale Gerechtigkeit angeht. Für mich ist dieses Buch allerdings aufgrund der durchgehend schwachen Argumentation auch nicht das Papier wert, auf dem es gedruckt ist.
Lieber Ole, wenn du kleiner Wicht das hier liest: Ich bin zuallererst zutiefst erbost, dass ich nicht in der Danksagung auftauche, trotz unserer unermüdlichen gemeinsamen Plackerei in diesem Thema und meiner JAHRELANGEN Vorarbeit. Dennoch ist dieses Buch so gut, wie es nur sein kann: kurz, knackig geschrieben, genau richtig provokant usw. usf. Die meisten der Gedanken in dem Buch waren mir persönlich nicht unbedingt neu, aber zu wissen, dass viele tausend unbedarfte Leute im Lande gerade diese Gedanken ebenfalls lesen und vielleicht zum ersten Mal haben, ist ein wirklich schönes Gefühl. Jeder, der nicht im Schützengraben enden will, sollte dieses Buch lesen und weiterverschenken!
Und hier die publizistische Antwort auf die perverse Werbung der „Tagesschau“ für die Bundeswehr: Die große Leistung, die Ole hier vollbringt, ist, dass es kein Buch geworden ist, das sich den bürgerlichen Vorwurf gefallen lassen muss, aus einer „linken Perspektive“ geschrieben zu sein. Es ist allen voran ein universalistischer Standpunkt, der zu Recht die steigende Kriegsbereitschaft in seinem ideologischen Mief offenlegt und sehr eindringlich dazu aufruft, immer noch lieber als staatenlose Nomade zu leben, als als staatstreue Leiche zu verenden.
Einziger wirklicher Negativpunkt: Ole drückt sich davor, auf den durchaus zu beantwortenden Präzedenzfalls des Vernichtungskrieges eines Hitler, und wie man darauf reagieren sollte, eine wirkliche Antwort zu finden. Das ist definitiv eine angreifbare Lücke dieses Textes.
Jedoch: So fürchterlich pädagogisch das also auch klingen mag: Es ist das genau richtige Buch, zur genau richtigen Zeit:
„Dabei gibt es so viel, für das es sich zu leben lohnt – und nichts, wofür man sterben sollte.“ – Ole Nymoen
Ich weiß nicht, ob Nymoen sich als Anarchist bezeichnen würde. Dass er auch auf Marx/Engels bezieht, lässt daran Zweifel aufkommen. Aber letztlich begründet er seine Argumentation zum Thema auf einer fundamentalen Kritik unseres Verständnisses von Staat und staatlicher Gewalt, wie sie historisch in der anarchistischen Denke oft zu finden ist. Manchmal klar und auf den Punkt, manchmal nölig-spitzfindig. Oft und im Grundsatz ohnehin (ich habe zwei Söhne im besten „wehrfähigen“ Alter) stimme ich ihm zu. In der Ukraine kämpfen auch Anarchisten (s. Radical Aid Force) gegen Putins Annektion. Nicht weil sie so von Selenskij , ihrer Nation und den gängigen Heroismus-Narrativen angetörnt wären. Da geht es um Schadensbegrezung, um den „kleineren Sch8sshaufen“, die ein bisschen größere bürgerlich-liberale Freiheit.Als bessere Basis für ihre eigentlichen Kämpfe. Nymoen aber ist ein Wohlstandsbengelchen wie ich, und wir beide müssen einsehen, dass auch für uns gilt, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt. Auch mit einer klaren Haltung lässt sich nicht jeder Widerspruch auflösen. Aber gut, mal mit einer pazifistischen Argumentation mitzudenken, die keine Schnittmenge mit den AfD-nahen Friedensbewegten hat.
Ich bin rezeptionsästhetisch geschult genug, um zu wissen, wie sehr das Lektüreergebnis von den Überzeugungen abhängt, mit denen man an einen Text herangeht. Und so wird das Buch alle diejenigen schwerlich überzeugen, die schon vorher wissen und immer schon gewusst zu haben meinen, dass man "sein Heimatland" verteidigen müsse. Puhhh, Nestbeschmutzer, undankbarer Nutznießer von Freiheit und Demokratie und so. Geschenkt. Andere, die - wie ich - Kriege abstoßend und eigentlich "sinnlos" finden und deswegen der Idee, in selbige zu ziehen oder ihre Kinder dorthin zu schicken, eher ablehnend gegenüber stehen, werden aber gerade deshalb noch manch interessante Idee finden, die die eigene Meinung weiter qualifizieren und modifizieren kann. Argumente gegen Kriege, gegen Wehrdienste, gegen Patriotismus und anderen Unsinn findet man sowieso. Von daher lohnt die Lektüre gerade für diejenigen, die sich als Pazifisten begreifen oder aus anderen Gründen Kriege prinzipiell ablehnen.
Das ganze Elend beginnt nach Ole Nymoen schon mit der Konstruktion vom "Heimatland". Freilich gibt es "Heimat", aber die liegt halt für einen Norddeutschen nicht im Allgäu. Als "Landsleute" begreifen sich regional verwurzelte Menschen nur insofern, als ihnen ein historisch gewordener Staat, den sie nicht gewählt haben und den sie auch nicht abwählen können, ein "Land" vorgaukelt, von dem schon traditionell meist im Kollektivsingular gesprochen wird: "Unser" oder gar "mein Land"? Nymoen stellt nun konsequent die Frage, die ich meinen ukrainischen Schüler/innen schon vor 2014 gestellt habe: Wie viel "Land" gehört euch? Was ist, wenn ihr von "unserem Land" sprecht, "euer"? Ist es nicht vielmehr so, dass z.B. den Oligarchen, die Fabriken, Bergwerke und Schürfrechte im Donbass besitzen, "Land" wirklich gehört, von dem die anderen nur träumen und das sie sich oft als Häuslebauer nicht leisten können? Und genauso ist es gekommen: Heute tragen dort arme Leute, denen im Donbass nichts gehört und die die dort lebenden oder dorthin gekommenen Kämpfer vorher nie als "Feinde" begriffen hätten, ihre Haut auch noch für "unsere Werte", "unsere Sicherheit" (alles EU!) usw. zu Markte. Meint: Der Staat ist ein Machtsubjekt, das Interessen (der Reichen) vertritt und sich dafür das Recht anmaßt, Menschen in den Tod zu schicken. Kriege sind also nicht "sinnlos"; sie folgen Interessen, die zu verschleiern all das Gerede von "Freiheit", "Werten", "Patriotismus" usw. gerade gut genug ist. Nix als Gedöns.
Dafür würde der Autor nicht in den Krieg ziehen- ich auch nicht. Dabei ist doch aber ein Leben in "Freiheit" und "Demokratie" (Stimme abgeben!) besser als das in einer Diktatur, oder? Freilich. Nur dass die Freiheit in dem Moment endet, in dem staatliche Interessen wirklich berührt werden. So hat der Autor natürlich die Freiheit, seine Meinung in Buchform unters Volk zu bringen. Aber, so fragt Nymoen zu Recht, hätte er auch die Freiheit, im Falle, dass der Staat in einen Krieg eintritt bei seiner Kriegsdienst- Verweigerung zu bleiben? Nein, dann käme in Deutschland wie in der Ukraine die Feldgendarmerie und man würde im besten Falle im Knast landen, im schlechteren würde man standrechtlich erschossen. Und ob es wirklich besser ist, seine Arbeitskraft demokratisch (wo gibt es am Arbeitsplatz Demokratie?) zu Markte zu tragen, wo man das - inklusive des Konsumismus - auch in China tun könnte, ist angesichts der Alternative "Tod oder Leben" zumindest fraglich. Was wohl stimmt, denn DDR- Bürger konnten ungestört zur Arbeit gehen und litten nicht täglich unter der Diktatur. Ob man darunter "leidet", ist eine politische und meist keine lebenspraktische Frage. Die meisten DDR- Bürger vermissten die Freiheit viel weniger als den ungehemmten Konsum, der ihnen via Westfernsehen versprochen wurde. Von daher kann man also kapitulieren, um sein Leben und das seiner Familie wie das anderer Menschen zu erhalten, denn "zur Arbeit gehen" kann man in jedem System.
Und was ist dann mit den Vergewaltigungen der Russen in Mariupol usw.? Hätte die Sowjetunion also gegenüber Hitler kapitulieren sollen? Hier unterscheidet Nymoen trennscharf zwischen einem Krieg (aus welchen Interessen auch immer) und eine Vernichtungskrieg. Will ein Regime Land, Rohstoffe, Arbeitskraft etc., wird es, um in den Genuss dieser Güter zu kommen, fremde Arbeitskraft schonen und ausbeuten (wie jeder schnöde Kapitalismus). Anders ist das, wenn man Vertreter/innen anderer Völker aus rassistischen Gründen als "lebensunwert" abqualifiziert. Dann haben die Betroffenen aus Gründen des Überlebens keine Wahl, weswegen es kaum verwundert, dass die Sowjetmenschen inklusive der Lagerhäftlinge auch unter Stalin erbittert ihr Leben gegen die Hitlersoldateska verteidigten. Einsichtig wird, wozu die Qualifizierungen Putins als "Putler" oder "neuem Hitler" dienen sollen. Suggeriert wird, die Russen hätten Vernichtung im Sinn. Warum? Weil sie Russen sind? Da wären wir dann wieder beim Original, nämlich bei Hitler und seiner bis heute tief sitzenden Rassenideologie.
So dekonstruiert der Autor der Reihe nach die der Presse wie den Geschichtslehrbüchern (letztere erfreulicherweise immer noch relativ wenig) lieb gewordenen bürgerlichen Staatsrechtsphrasen, die vor der kapitalistischen Verrechtlichung und Kodifizierung als Ausdruck von Eigentumsrechten keinen Bauern hinterm Ofen hervorgelockt hätten. Welchen Sinn hätte es auch gehabt, einen landarmen oder landlosen Bauern zum Kampf "für sein Land" aufzurufen? Im 15. Jahrhundert war das noch konkret genug, um Schulterzucken hervorzurufen; seit dem 19. Jahrhundert hat die Schizophrenie kapitalistischer Ökonomie die Individuen so weit geformt, dass sie sich mit etwas identifizieren, was ihnen nicht gehört, dass sie Ziele teilen, die nicht ihre Ziele sind, und dass sie sich so sehr um das "Staatswohl" sorgen, dass man ihnen sogar demokratische und meinungsfreie Spielweisen zugestehen kann, da das für den Staat im Angesicht der weitegehenden Identifikation der Leute mit "ihrem Staat" völlig ungefährlich ist. Würde es gefährlich, wie es die Kommunisten in den 50er Jahren waren, würde man das sofort wieder unterbinden, die Parteien verbieten usw. Das wäre zwar nicht im Sinne des Volks- wohl aber in dem des Staatswohls. Und so ist es auch im Kriegsfall. Das Volk hat nix vom Krieg, weder in der Verteidigung "ihres" Staates noch im Falle der vom eigenen Staat ausgehenden Aggression. Dass Völker so etwas dennoch nicht verhindern können, dass Mehrheiten gegen Krieg und Waffenlieferungen sein können und der Staat doch das Gegenteil tut, zeigt deutlich, was "Staat" ist: Eben ein Machtinstrument, an dessen Macht alle frommen Wünsche regelmäßig (seit Jahrhunderten!) zerschellen. Egal, ob in Demokratien (USA) oder Diktaturen (Russland).
Wozu also für fremde Interessen in den Krieg ziehen? Nymoen hat Recht: Never! Und wer's anders sieht, soll sich bitte zuerst an die Front melden, mich aber im Sinne von Meinungs- und Gesinnungsfreiheit ausreisen lassen. Irgendwo hinter den hohen Bergen in einem Tal der Karpaten blühen dann vielleicht doch noch Blumen und wenn der Russe da um die Ecke kommt, kriegt er einen Wodka angeboten. Ich hoffe, wir trinken ihn dann gemeinsam "za mir"!
P.S.: Gerade murmelt man im Radio mal wieder den Unsinn vom "völkerrechtswidrigen" Angriff der Russen auf Zivilisten in Sumi. Im gleichen Atemzug kritisiert der Sprecher Russland dafür, in "völkerrechtlich erlaubten Waffenlieferungen" eine "Eskalation" zu sehen. Völkerrecht? Nymoen weist klug darauf hin, dass niemand im privaten Leben auf die Idee käme, im Moment z.B. eines Messerangriffs auf das Recht hinzuweisen und zu rufen "das darfst du aber nicht"! So ein Ausruf wäre lächerlich oder würde zumindest als Ausdruck von Hilflosigkeit gewertet. Dem potentiellen Opfer ein Messer zuzustecken, wäre dann zynisch. Warum sollte das mit Blick auf "Völkerrecht" anders sein? Wo das "Recht" des Stärkeren gilt, muss man sich was anderes einfallen lassen. Nymoens Buch ist insofern auch ein Aufruf, über Alternativen zur "Staatenkonkurrenz", die in schöner Regelmäßigkeit zu Kriegen und Weltkriegen führt, nachzudenken, statt sich mit neuen Feindbildern verdummen und auf den Feldzug gegen China vorbereiten zu lassen. Dabei hilft es, statt auf die ohnehin nicht wirklich vorhandene "Gemeinschaft" etwa zwischen Armen und Reichen in den historisch- willkürlichen Grenzen eines Landes (warum gibt es das deutschsprachige Österreich?) zu schauen, sich daran zu erinnern, dass überall Menschen (!) wohnen. Es geht eben nicht um "Identität", sondern um den universellen Humanismus eines Immanuel Kant (auch wenn der - wie Nymoen weiß - eine kaum zu verwirklichende Utopie ist). Gott, sind wir blöd! Oder hilft das Buch doch beim Weiter- und Neudenken? Es wäre uns zu wünschen!
Dieses Buch erscheint genau zur rechten Zeit. Sondervermögen in Milliardenhöhe, Aufrüstung und Abschottung. Doch wofür lohnt es sich zu sterben? In dem Buch wird gut und kurzweilig argumentiert und man ist gut gerüstet für anstehende Diskurse.
Mh mh. Das Buch regt auf jeden Fall zum Nachdenken an, darüber, was Krieg für wen bedeutet, wem er nützt und wer darunter leidet. Es stellt in Frage, welche Strukturen und Freiheiten wir eigentlich im Falle eines Krieges verteidigen - und welche nicht. Ich denke, wenn man sich noch nie so richtig mit dem Thema beschäftigt hat (so wie ich) ist es ein ganz guter Einstieg, da auch erklärt wird, was genau ein Staat eigentlich ist und wozu er existiert, es lässt aber ganz viele Fragen offen. Das liegt zum einen daran, dass der Autor selbst nicht viele Antworten hat (was er auch zugibt), etwa welche Alternativen es gibt außer Kämpfen und Kapitulieren. Das Buch hat auch nicht so richtig einen Appell, es ist wirklich, was der Titel verspricht: eine Argumentation warum Nymoen persönlich nicht für sein Land kämpfen würde, er argumentiert, dass es für ihn individuell besser ist, unter feindlicher Herrschaft zu leben, als im Krieg möglicherweise zu sterben. Über dieses Individuelle geht er aber nicht wirklich hinaus. Das bringt mich zum anderen Punkt, warum so viele Fragen offen bleiben: Das Buch ist kurz, auf 133 Seiten kann man nicht alle Formen des Kriegs analysieren, es wird sich auf den Krieg zwischen zwei Staaten beschränkt. Der Vernichtungskrieg (also z.B. der Krieg, den die Nazis geführt haben) wird explizit ausgenommen, dabei ist das doch DAS Argument/Gegenbeispiel, was von Kritiker:innen als erstes kommen würde: Hättest du dann auch nicht gegen die Nazis gekämpft? Diese Frage wird leider nicht wirklich beantwortet. Außerdem wird nicht über Bürgerkriege geredet, was ich sehr interessant gefunden hätte, da die Bürger da ja für ihr eigenes Wohl/ihre Freiheit/... kämpfen und nicht für das eines Staates. Ist es dafür dann wert, zu kämpfen und womöglich zu sterben? Wurde leider nicht beantwortet. Ich hätte gerne auch mehr zu realen Beispielen gehabt, der Ukrainekrieg wird angeschnitten, aber so richtig schlau daraus wurde ich nicht. Auch die Kritik an der NATO und der Außenpolitik Baerbocks war spannend, aber viel zu kurz ausgeführt, Herr Nymoen geben Sie mir mehr Beispiele & Erklärungen, ich verstehe das sonst nicht!!
Fazit: Das was ich gelesen hab fand ich durchaus interessant, aber es wirft viel mehr Fragen auf, als dass es beantwortet.
Ole "Putinknecht" Nymoen liefert mit "Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde" nicht nur eine moralische Argumentation ebenjenes nicht zu tun ("Ich möchte nicht auf Menschen schießen von denen mich nichts Substanzielles trennt"), sondern vor allem auch eine gewinnbringende Analyse staatlichen Handelns und des Verhältnisses zwischen BürgerInnen und Staat. Er argumentiert gegen ein nationalstaatliches "Wir", das in Friedenszeiten in Eigenverantwortung und mangelnder Solidarität besteht und in Kriegszeiten in das genaue Gegenteil umgeschlagen wird. Des weiteren führt er aus, dass Kriege zwischen zwei Staatsgewalten nicht "sinnlos" seien, sondern dem Machtausbau oder -erhalt der jeweiligen Herrscher und damit nicht der Bevölkerung diene (wie das ggf. heute durch die Argumentationsfigur der "Verteidigung der demokratischen Werte" suggeriert werde). Er plädiert dafür, sich auf die Seite der internationalen Bevölkerung zu stellen und nicht für eine Seite Partei zu ergreifen ("Wer sich in Kriegen mit einzelnen Staaten gemeinmacht statt mit den betroffenen Menschen auf beiden Seiten, der akzeptiert [...], dass einige wenige Herrscher ihre Untertanen nach Gutdünken instrumentalisieren dürfen."). In einem weiteren Schritt befasst sich der Autor mit dem "Unsinn des Krieges" und kritisiert dabei Patriotismus, die Berufung auf das Völkerrecht (da diese immer nur im eigenen Interesse geschehe) , die Analogie zwischen Privatpersonen und Staaten und den beidseitig genutzten Vorwurf der Gegner sei "wie Hitler". Ein ebenfalls bedeutender Punkt ist das Eingeständnis selbst keine realistische, konstruktive Lösung im Angebot zu haben, es sei aber durchaus verwunderlich mit welcher Selbstverständlichkeit die Bürger sich der Staatsmacht unterwerfen. Hier kommt dann sogar ein direktes Zitat aus dem GSP: Anderen den krieg und seine Gründe zu erklären bringe zwar keine Hoffnung, aber immerhin sei man dann mit seiner eigenen Urteilskraft kein Spielmaterial mehr. Insgesamt ist das Buch sehr kurzweilig geschrieben u.a. mit einigen auflockernden und anregenden Brecht- & Remarque-Zitaten. Das ein oder andere Argument könnte etwas umfangreicher ausformuliert sein, gerade weil sie oftmals den geläufigen Narrativen widersprechen. Trotzdem: Leseempfehlung!
Ich habe mir bewusst dieses Buch ausgesucht, um das Thema Krieg und Wehrpflicht ganzheitlicher zu verstehen. Dabei war ich wie in diesem Fall an Kritiken interessiert, da der gesellschaftliche Konsens ja momentan ein anderer ist.
Aufschlussreich fand ich das Buch dahingehend, dass es die auf Staaten basierende Weltordnung beleuchtet hat, und was, laut dem Autor, das Potential für Kriege überhaupt erst liefert. Grundsätzlich ist das Buch eine enge Verknüpfung aus Nationalstaaten-Kritik in ihrer heutigen Form und der daraus einhergehenden Gewalt gegenüber der dort lebenden Bevölkerung in Form von Wehrdienst und politischen Entscheidungen entgegen dem Wohle des Volkes. Gerade die politischen Entscheidungen (konkret der Regierungen Deutschland) bringen ihn zur Überzeugung, dass die Staatsoberhäupter und die Regierungsform es nicht wert sind zu verteidigen.
Er hebt auch hervor, dass ihn persönlich wenig von Menschen in anderen Ländern trennt und das seine Solidarität den Menschen und nicht dem Staat gilt. Diesen Standpunkt kann ihn durchaus verstehen deswegen nicht zur Waffe greifen zu wollen, gegen jemanden, den ich nicht kenne.
Man mag von den aktuelle (demokratischen) Regierungen der Welt halten was man mag, dennoch würde ich seine weiteren Argumentationsketten nicht bis zum Ende mitgehen. Mit Ausnahme des Vernichtungskriegs, spricht der Autor der Staatsführung das Recht ab, das Land zu verteidigen, aus der Argumentation, diese würde alleinig ihren eigenen Machtanspruch sichern wollen. Laut dem Autor könne es der Bevölkerung auch unter einem anderen Machthaber gut gehen. Für ihn rechtfertigt keine Freiheit oder Staatsform die Verteidigung durch den eigenen Tod. Dem würde ich Wiedersprechen. Es ist eine durchaus privilegierte Sicht, sich von Freiheiten lossprechen zu können, solange man dafür am Leben bleibt, wofür andere in der Geschichte der Menschheit aber hart Arbeiten oder sogar Sterben müssten. Diese Freiheiten einfach aufzugeben, finde ich falsch, da es genug Regierungen auf der Welt gibt unter denen ich sicher nicht unbeschwert leben möchte. Auch politische Verfolgung wird hier völlig unberücksichtigt gelassen.
Er gibt am Ende des Buches zu, dass es gewisse zwischenmenschliche Gemeinschaften geben könnte, für die er kämpfen würde die seinen staatlichen Idealen entsprechen würden, die zum Wohle des Volkes arbeiten. Für mich klingt das aber so, solange wir noch keinen perfekten Staat haben, soll man dafür auch nicht kämpfen. Das empfinde ich als falsche Schlussfolgerung. Ich würde soweit gehen, das Deutschland, oder eine andere westliche Demokratie, zumindest den richtigen Weg für eine gute und schützenswerte Welt- und Wertgemeinschaft ebnet. Und ich finde der Weg dahin ist schützenswert.
Mehr kann man sich eigentlich nicht wünschen. Aufbau ist sehr nachvollziehbar und angenehm gestaltet. Die Argumente treffen das was sie kritisieren wollen und enthebeln Ideologien von Napalmfreunden jeglicher Art. Perfekt wenn man sich schonmal auf Diskussionen rund um Zeitenwende o.ä. vorbereiten möchte.
"Zu dieser Freiheit gehört es, dass die einen mit zweihundert Stundenkilometern über die Autobahn brettern, während die anderen in überfüllten Bahnen stehen; dass die einen ihr drittes Feriendomizil erwerben, während die anderen unter Brücken schlafen. Für diese Freiheiten kämpfen Liberale mit voller Inbrunst. Wenn es aber andererseits um den Krieg geht, dann gilt die Freiheit des Individuums ihnen nichts mehr; dann darf der Staat ganz frei über seine Bürger verfügen."
Ich fand die gesellschaftskritischen Denkimpulse, die Ole Nymoen hier anregt, insgesamt gut. An einigen Stellen fehlte es mir (auch aufgrund der Kürze des Buches) etwas an Tiefe. Trotzdem freue ich mich, dass dieses Buch gerade jetzt erschienen ist, und so einen Kontrapunkt zur gegenwärtig recht eintönigen medialen Debatte setzt. Nymoens Diskursanalyse ist in diesem Kontext besonders interessant.
Da ich mich schon länger mit Staatstheorie sowie Friedens- und Konfliktforschung befasse, war für mich inhaltlich wenig Neues dabei. Der insgesamt sehr persönlich geschriebene Text ist aber sehr angenehm zu lesen und auch ohne Vorwissen leicht zugänglich. Es sind definitiv viele interessante Gedanken dabei, daher würde ich das Buch durchaus als schnell lesbaren Einstieg in die Thematik empfehlen (vor allem, wenn man nach kritischen Argumenten sucht).
Was Krieg jenseits der politischen Rhetorik bedeutet, wird jedenfalls klar:
"Der homo sapiens, der eigentlich ein verständiger Mensch sein sollte, wird zum Ding, zum bloßen Werkzeug der Machthaber; alle Vernunft wird dem Gehorsam unterworfen."
Selbst wenn man nicht alles teilt, ist es doch gut geschrieben, und wird seinem Anspruch gerecht: hier werden die Gedanken des Autors erklärt. Ich hätte mich gefreut dass an der ein oder anderen stelle länger ausgeführt oder noch ein beispiel genannt wird. für einen einblick in das mindset des autors reicht es aber vollkommen aus und gibt gute Argumente für antimilitarismus, die man auch im alltag anwenden kann.
Die Lektüre ist sehr wichtig für die heutige Zeit der Aufrüstung. Der Kernstandpunkt wird strukturiert elaboriert und das sehr verständlich. Ich finde manche Nebendiskussionen aber etwas widersprüchlich gemacht
Das Buch erklärt sehr sehr gut, wieso Krieg nicht sinnlos ist, aber die Interessen vertritt, die nicht den Interessen von Privatpersonen entsprechen. Ich empfehle dieses Buch absolut jeder Person. Es sollte in Schulen gelesen werden.
Ole Nymoen formuliert aus einer originär linken Position heraus einen Standpunkt, der sich in der Debatte rund um Kriegsbeteiligungen explizit gegen solche ausspricht. Hierfür leitet der Autor in drei Schritten her, was an der Formulierung, für „sein Land“ zu kämpfen eigentlich so problematisch ist und für was es sich seiner Meinung nach stattdessen zu kämpfen lohnt.
Das Hilfreiche an diesem Buch ist, dass es von einem lebendig erzählten Theorieteil in einen alltagsnahen Praxisteil übergeht, in dem gängige Argumente Pro-Kriegstüchtigkeit analysiert und entkräftet werden.
In Nymoens Staatskonzept werden Staaten zunächst als Einheiten betrachtet, deren oberste Priorität es ist, sich selbst zu erhalten oder ihre Macht zu erweitern. Staatliche Herrschaft dient für ihn in erster Linie also nicht dem allgemeinen Nutzen der Bevölkerung. Denn Bevölkerungen können im Kriegsfall dazu gezwungen werden, für ein abstraktes Konstrukt (den Staat) ihr Leben zu riskieren, nur weil sie zufällig innerhalb seiner Grenzen geboren wurden.
Meiner Einschätzung nach ist Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde ein wichtiger Baustein in der Debatte um das, was momentan Kriegstüchtigkeit genannt wird. Sachlich fundiert vertritt der Nymoen hier eine Position gegen Nationalismus jeglicher Art, was mir persönlich aus dem Herzen spricht.
mehr JOMO wagen! (das lesen hätte ich mir sparen sollen)
die auswahl der zitate hat mich gekillt tho, es hatte meme-potenzial
side note: im vergleich zu bürgi-kriegsfanatiker*innen die nymoen ja iwie gefühlt den tod oder lebenslang gulag wünschen geh ich völlig mit bei der aussage “verrecken für diesen staat? auf keinen fall”, die gründe/theoretische basis die angeführt werden sind mir teilweise nur nicht besonders nahe
4,25/5- Definitiv eine Empfehlung, sehr wichtiges Buch zu einer sehr schwierigen Thematik. Gerade das Kapitel zu Anfang darüber, dass die Kapitalinteressen nicht unbedingt der Hauptgrund für Kriege ist fand ich interessant, aber auch sehr nachvollziehbar. Ich war bislang auch dem „Volksmund“ nachgegangen und davon ausgegangen, dass dies einer der Hauptgründe sei. Das Kapitel über die Verteidigung des Landes lässt mich nicht los und wird definitiv eines meiner neuen Hauptgesprächsthemen, wenn ich in einen Diskurs diesbezüglich komme. Auch wenn ich dem ganzen nicht komplett zustimmen würde. Ich denke sofern der Aggressor jemand ist, der das Leben in dem Land nicht mehr lebenswert macht, aufgrund zu starker Repressionen oder ähnlichem, würde ich es vielleicht ein wenig anders sehen, kann seinen Punkt aber auch wirklich gut nachvollziehen.
anfangs viele wiederholungen, aber sonst fand ichs gut - vor allem wie er mit liberalen abgerechnet & die autoritär logik des liberalismus veranschaulicht hat.
|4,0*| Spannender Gegenpol zur zunehmenden Militarisierungen in Europa und der Welt. Nymoen vertritt hier einen konsistenten und schlüssig argumentierten Standpunkt und hat mir persönlich einige Denkanstöße gegeben, die mich sicherlich einige Zeit beschäftigen werden.
Ein wichtiges Buch und ein Plädoyer gegen den Kriegsdienst. In vielen Punkten stimme ich mit Nymoen überein, warum ich ebenfalls nie für "mein" Land kämpfen würde.
Aber persönlich gibt es Argumente, mit denen ich nicht übereinstimmen kann. Zum Beispiel glaube nicht, dass alle Soldat:innen manipuliert wurden. Dass alle Menschen im Grunde gut sind, das bezweifle ich. Dies liegt nicht nur am Kapitalismus.
Auch sind einige Gedanken zu wenig präzise ausgearbeitet bzw. zu blau gedacht: Ob es wirklich Frieden geben würde, wenn es keine Nationen, weniger Staatsgewalt und Armut geben würde? Das wage ich zu bezweifeln.
Zudem geht das Buch nur auf einen Krieg zwischen Nationen ein. Dabei gibt es viele andere Kriegsformen. Auch die Möglichkeiten der Flucht von Frauen und Kindern sind zu kurz beschrieben. Keinesfalls ist das so einfach wie vom Autor beschrieben.
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vlt manchmal einen Hauch idealistisch aber im Kern so akkurate, schöne und entlarvende Analyse. danke Lilly für kurze bücher die ich in einem Tag lesen kann ich liebe Erfolgserlebnisse.
Es kann mir doch keiner erzählen dass diese deutschen Dauerbeschwerer, die Testosteron unterversorgten, deren welt zusammenbricht wenn man im fucking Ruheabteil im Zug zu laut telefoniert, diese spätkapitalistischen konsumorientierten lappen mit teuren küchengeräten in irgendeiner art und weise "kriegsbereit" sind!
Kriegstüchtig auf social media unter NATO propaganda dauerbeschuss? Ja! Wenns woanders ist und irgendwelche less woken männer in die gräben gezwungen werden. Aber dass diese bequemlichen, weichgespülten mensch*innen mit westlichen werten und von sprache getriggerten (nicht einen einzigen tag im kriegsgebiet verbrachten) ihre lebensqualität in grossstadt eigentumswohnungen für ihre werte (freiheit, demokratie, sehr guten wein und kaffee) aufgeben, ist ja wohl ein witz. Das sind die, die mit ihren Macbooks im allerersten flug schnell in die ferne ziehen nur um dann von dort zwischen online meetings weiterhin ihren kriegstuechtigen blödsinn zu blöken.
Also: völlig richtiges buch und kern-aussage. Dass letzterer nicht alle zustimmen ist ja klar, dass der autor jetzt aber skandalmässig von talkshow zu talkshow tingeln muss, zeigt die Absurdität des hiesigen pseudo-kriegswahns. Kaisers neue kleider vibes.
Der grossteil des buchs ist progressives class versus nation 101, dem bis vor kurzem (sprich: vor der grotesken zeitenwende) im selbstverständnis linke auch zugestimmt hätten. Warum diese, selbst durchgehend kriegsdienstverweigerer, jetzt glauben dass die challenge of our time darin liegt, einen krieg mit russland sprichwörtlich heraufzubeschwören (after Ukraine, we're next etc) und mit immer weiterer kriegsbeteiligung (und in deutschland stationierten langstrecken raketen, logo) letztlich selbst zu befeuern, ist mir wirklich, wirklich unerklärlich (und inzwischen auch ein bisschen egal).
Aber real talk: dieses marode, strukturell unterinvestierte inzwischen fast schwellenland fehlt jeglicher sinn von solidarität. Die mehrheit der bevölkerung ist eine kaputte waschmaschine von einer finanziellen katastrophe entfernt, flaschensammelnde renter, kinderarmut etc. Westliche werte. Auf der anderen seite eine abgeschottete bürgerliche politische elite, die meint, jetzt erstmal literally hunderte milliarden in rüstung zu stecken, am willen und interesse der bevölkerung vorbei. Das ist ja alles schonmal ordentlich frech aber jetzt so brüskiert zu tun, weil mal einer laut sagt, was die allermeisten denken "sorry, aber ich sterbe nicht für dieses land" ist an widerwaertigkeit schwer zu toppen.
On Ukraine: Meine solidarität gehört auch weiterhin den millionen männern die das land verlassen haben und hundert tausenden die sich zum jetzigen zeitpunkt verstecken, weil sie angst haben zu sterben in einem aussichtslosen krieg (die ukrainische elite reist weiterhin fröhlich und kauft sich frei - weiss auch jeder). Meine solidarität gehört auch den russischen armen teufeln, die aus finanziellen nöten dort von ukrainischen drohnen zerfetzt werden, zu hundert tausenden (und den zum kämpfen gezwungenen, im land eingesperrten ukrainern, average age der soldaten inzwischen 45 - bei Assad war zwangsrekrutierung noch meschenrechtssa che). Die russischen und ukrainischen oligarchen bleiben weiterhin geeint und verschont, bzw profitieren von der war economy. class, nation, capitalism and war 101.
In summary: I agree, ich würde für dieses unsolidarische, marode land keinen finger rühren. wenn nicht ohnehin schon im ausland, waere ich auch im ersten flieger mit den anderen grünwaehlern richtung sonne, frieden und funktionierendem internet. Vaterlandsverräterin, drückebergerin, lumpenpazifistin (eventuell Kommunistin) und das alles mit ansage.
Wünsche den besatzern dann viel freude mit dieser kaputten infrastruktur, nach pisse stinkenden großstaedten und strukturschwachen regionen, überalterten, kaum digitalisierten gesellschaft, und keine rohstoffe to speak of! Werde ja dann aus der ferne die mutigen partisanen aus berlin mitte bewundern; drone start-ups and 21st century Insta war hype and merch den ich gut aus der Ukraine kenne (vorallem von den Kyiv rich kids, die irgendwie alle nicht an die front müssen).
Das eigentlich erstaunliche an dem buch ist, das es so eines bedurfte. Kein großer wurf, keine großen philosophischen erkenntnisse, nur die bottom line: da will einer nicht sterben und vorallem auch nicht töten und besitzt die chutzpah das in diesen zeiten der kriegstaumelei laut auszusprechen.
Sachbücher zu beurteilen und zu bewerten fällt mir schwer. Nymoen argumentiert stichhaltig und innerhalb seiner Logik überzeugend, dennoch teile ich seine Auffassung nicht. Entsprechend möchte ich die Zeilen hier nutzen, um eine Entgegnung zu formulieren und Leerstellen seiner Argumentation offenzulegen:
Nymoen baut seine Argumentation gegen Kriegstüchtigkeit und (impliziert) gegen Waffenlieferung für die Ukraine etc. auf folgenden Annahme auf.
1. Die Interessen der herrschenden Klasse und beherrschten Klasse sind auch in Demokratien im Generellen und insbesondere im Krieg nicht deckungsgleich, sondern grundsätzlich verschieden. 2. Kriege seien Instrumente der herrschenden Klasse eines Landes, um sich mehr Land und mehr Einfluss und Macht einzuverleiben. 3. Da auch der sich verteidigende Staat und seine herrschende Klasse nur seine Macht erhalten will, es der Bevölkerung aber letztlich egal sein könne, von wem sie regiert wird, ist auch der verteidigende Staat für seine Kriegsführung zu kritisieren. Dem einfachen Volk sei mehr damit gedient, unter einer anderen Regierung zu leben, anstatt im Krieg für die alte Regierung zu sterben, da sich für die einfachen Leute sowieso nicht viel im alltäglich Leben ändern würde.
Aus diesen Annahmen folgt für Nymoen, dass man als einfacher Bürger jeglicher Kriegsführung - auch des eigenenen Staates im Verteidigungsfall - kritisch gegenüber eingestellt sein sollte.
Das Kernproblem dieser Argumentation ist, dass sie bei den gegenwärtigen Konflikten der Welt schlicht nicht anwendbar ist. Die Argumentation stammt aus einer Zeit, als einfache Soldaten ihrem König oder Diktator unterstellt waren, der gegen andere Könige oder Dikatoteren Krieg führte, um sich - wie nach Nymoen beschrieben - mehr Land und Macht zu sichern. Einem Bauern im 19. Jahrhundert konnte es tatsächlich recht egal sein, ob er nun vom französisch oder deutschen Fürst/König/Kaiser regiert wurde. In der Folge ist die Unsinnigkeit des sich in den Gesellschaften des 19. Jahrhunderts entwickelnden Nationalismus tatsächlich offenkundig: Wie Nymoen treffend beschreibt, hat man über die Grenzen der Staaten hinweg innerhalb seiner gesellschaflichen Schichten mehr gemein als innerhalb einer Nation über die gesellschaftlichen Schichten hinweg. Auch heute noch habe ich mit einem französischen Studenten sicher mehr gemein als mit einem deutschen Investmentbanker und selbst ein ukrainischer Soldat ein mit einem russischen Soldaten vermutlich mehr, als mit den Herrschern der jeweiligen Staaten. Eine darauf basierende Skepsis gegenüber der gegenseitigen unsinnigen Gewalt ist nachvollziehbar und teile ich ausdrücklich.
Nymoen aber übersieht, dass die relevanten Konfliktlinien heute nicht der Logik der "klassischen" Krieg folgen, wie sie bis ins 20. Jahrhundert geführt wurden. Es geht heute nicht länger um die egoistischen Machtansprüche einiger kriegslüsterner Herrscher. Stattdessen befinden wir uns in einer globalen, geopolitischen Konkurrenz- bzw. Konfliktlage zwischen Gesellschaftssystemen, für die einzelne Staaten oder auch sich innerhalb von Staaten gegenüberstehende Gruppierungen stehen: Demokratie, Freiheit und individuelle Bürgerrechte auf der einen, autoritäre Führung mit unvermeidlichem Gehorsam auf der anderen Seite. Unter dieses Schema passt auch der Ukrainekrieg, auf den sich Nymoen ohne Zweifel bezieht, auch wenn er nie konkrete Namen nennt (wohl auch, um abstrakt, anstatt konkret argumentieren zu können).
Der Staat Ukraine steht heute eben für ein gänzlich anderes Gesellschafts- und Herrschaftssystem als der Staat Russland, weswegen es offenkundig für das einfache Volk nicht egal ist, von wem es regiert werden. Der im Krieg aufgeflammte Nationalismus der Ukrainer beruht nicht auf einem blinden Vertrauen in eine abstrakte Nationalgeschichte oder einen Führer, sondern viel mehr auf gemeinsamen Werten wie Freiheit und Demokratie, denen man sich berufen fühlt und deren Vorzüge man weiter genießen will. Dazu kommt, dass Ukrainer unter russischer Herrschaft das Ende ihrer eigenen Kultur und Individualität, sowie den Beginn willkürlicher Gewalt fürchten müssen. Viele Gründe also, die einen gesunden Patriotismus ins bestehende System begründen und somit einen Verteidigungskrieg zur Sicherung des Systems legitimieren. Meine Argumentationslinie würde sich analog auch auf die Bundesrepublik übertragen lassen, würde Deutschland von einem Aggressor wie Russland angegriffen werden.
Nymoens Ausführungen basieren insbesondere auf einer durch marxistisches Denken geprägten Skepsis gegenüber dem eigenen kapitalistischen System hier in Deutschland bzw. generell im Westen. Dass er persönlich insofern nicht für ein System kämpfen würde, wovon er nicht überzeugt ist, ist keiner Debatte wert und steht im selbstverständlich zu. Niemand sollte für einen Krieg, in dem er nicht kämpfen möchte, verpflichtet werden. Mir geht es eher um die allgemeineren Implikationen seiner Argumentation, nicht um die individuelle Entscheidung eines jungen Mannes, da ich diese Debatte schlicht nicht für führenswert halte (im übrigen aber sollten auch ukrainische Männer in Deutschland, die vor dem Kriegsdienst fliehen, analog hier in Deutschland selbstredend volle Unterstützung erhalten). Sowieso kann ich seine Skepsis nachvollziehen und ich teile auch viele seiner anderswo geäußerten Kritik am Demokratieverständnis in Deutschland und dem fehlenden Vermögen, auch hier Debatten zur Verbesserung des Systems anzustoßen. Dennoch kann der Umkehrschluss nicht heißen, dass ein zu optimierendes oder sogar radikal zu veränderndes demokratisches System gleichzusetzen ist mit einem autoriären Unrechtsstaat, dass es also egal sei, unter wessen Herrschaft man lebt.
Edit:ein weiterer Punkt fällt mir noch ein, der ihm v.a. als solidarischen Linken aufhorchen lassen sollte. Es ist eine ziemlich privilegierte Sicht, als weißer cis-Mann davon zu schreiben, dass er ja unter z.B. russischer Führung - wenn auch nicht in Freiheit - zumindest sein Leben sichern könnte. Für viele Minderheiten gilt genau das aber nicht. Einem Schwulen, einer trans-Frau, einem Juden, Schwarzen, Christen whatever drohen je nach geltendem Recht im angreifenden Staat und je nach Grad der Repression in dem jeweiligen System Gewalt und Tod. Ist es nicht allein die Wahrung der Minderheitenrechte wert, für die freiheitliche Gesellschaft im freiheitlichen Staat zur Waffe zur greifen, in Solidarität mit seinen marginalisierten Mitmenschen innerhalb der Gesellschaft? Ole Nymoen gibt darauf keine Antwort.
Also hier hat Ole Nymoen wirklich ein absolutes Brett rausgehauen.
Ich bin mit den Ansichten von Ole durchaus schon aus dem Podcast "Wohlstand für Alle" (sehr zu empfehlen) mit Wolfgang M. Schmitt, vertraut war aber dennoch sehr gespannt auf dieses Büchlein.
In diesem holt er zu einem schön kritischen Rundumschlag gegen die gegenwärtige Kriegsrethorik, Aufrüstungs- und Wehrpflicht Debatte aus und lässt dabei keine politische Gruppe ungeschoren davonkommen. Erfreut haben mich auch die gelegentlichen Seitenhiebe in andere Bereiche wie der herablassende Diskurs über Bürgergeldempfänger in der BRD, die wilden Behauptungen über die Gen Z und ungleiche Verteilung des Vermögens in Deutschland und deren oftmals fehlgeleitete Darstellung.
Kurz und knackig wird hier eine fantastische, ideologiekritische Abhandlung des Themas abgeliefert mit der man höchstwahrscheinlich nicht immer komplett übereinstimmen, stets aber nachvollziehen kann.
So einen Text hat es angesichts der überall dominierenden, scheinbaren vor Zustimmung überlaufenden Debatte zur Wiedereinführung der Wehrpflicht dringend gebraucht.
Ich würde nicht jeden einzelnen Punkt 1zu1 so unterschreiben, aber Nymoen spricht hier einige wichtige Aspekte an, die man sich in jedem Krieg vor Augen führen sollte. Zum einen die Wahllosigkeit des Krieges. Auf welcher Seite man im Krieg kämpft, entscheidet der Staat. Wäre man im Land des Gegners geboren wurden, würde man für diesen kämpfen, selbst wenn exakt dieselben Überzeugungen hätte. Das spielt im Krieg keine Rolle mehr.
Darüber hinaus gibt es einen Grundsatz, der mir da sehr wichtig ist: Niemand hat das Recht von irgendjemanden zu verlangen, sein Leben her zu geben. Das eigene Leben ist das kostbarste Gut, das man besitzt und darüber verfügt man ganz allein. Wenn jemand einen Beruf mit einem höheren Risiko gewählt hat - zum Beispiel bei der Feuerwehr oder als Berufssoldat - kann ich eine höhere Risikobereitschaft erwarten, aber auch dort kann ich nicht erwarten, dass jemand in den sicheren Tod zieht. Ich kann ihn weder dazu zwingen, noch durch Lügen oder falsche Versprechungen dorthin locken.
Wenn jemand von sich aus bereit ist sein Leben zu geben, stehe ich der Person nicht im Weg. Das ist ihre Entscheidung. Sie sollte aufgeklärt werden, um zu verstehen, wofür genau sie ihr Leben aufs Spiel setzt, doch wenn die Person das weiß und trotzdem bereit ist, sollte sie es tun dürfen. Es ist ihr Leben und sie verfügt darüber. Wenn die Person jedoch nicht dazu bereit ist, hat man das zu akzeptieren und die Person ist dann auch nicht in der Pflicht sich zu rechtfertigen. Wenn ein Mensch sein Leben nicht opfern will, dann ist das so und daran darf auch nicht mehr gerüttelt werden. Das ist ein Punkt, den ich gerade in Kriegszeiten nicht genug betonen kann und ich es als schwerstes Verbrechen ansehe, darauf keine Rücksicht zu nehmen. Egal ob man die Person mit Gewalt dazu zwingt oder mit einer Befragung in Bedrängnis bringt.
Das Buch hat mir sehr gefallen, ich fand es angenehm zu lesen. Die Argumente sind gut ausgeführt, aber es ist auch nicht so tief gehend, dass es langweilig wird.
Gut fand ich die Punkte: -Unterscheidung zwischen Heimat und Nationalität -Warum Kriege nur den Machthabern dienen und nicht den einfachen Bürgern, die eigentlich nur einen Staat auf der Welt benötigen würden, der das Gewaltmonopol inne hat, nicht über 200 -Verlogenheit deutsche Politiker, die nur ans nationale Wir appellieren, wenn es den eigenen/den Interessen des Großkapitals dient, ansonsten aber immer auf Eigenverantwortung pochen
Was vielleicht etwas kurz kommt ist, das es ja mit Sicherheit schon Dinge gibt, für die es sich zu kämpfen lohnt. Was das ist muss letztendlich natürlich jeder für sich selbst entscheiden.
Letztlich ein gutes Buch, dass viele Widersprüche aufzeigt, aber wie auch selbst im Vorwort beschrieben, nicht wirklich Lösungsansätze liefert. Was natürlich auch manchmal notwendig ist, aber womit man es sich natürlich auch etwas leicht macht.
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