Das dunkle Mittelalter – the dark ages, wie es im Englischen häufig heißt – ist ein gern genutzter Topos, um eine Zeit zu umschreiben, in der es besonders derb, brutal und zünftig zuging. Eine Zeit, in der die Gesellschaft brutalisiert war, man eher noch den Barbaren glich, denn gesitteten, gar zivilisierten Menschen. Eine Zeit, über die wir angeblich kaum etwas wissen, da es nur wenige Zeugnisse gäbe, die uns Auskunft über den Zeitraum zwischen ca. 500 n. Chr. und dem Jahr 1500 geben könnten. Dass solch ein Topos eine Zeit umfasst, die ca. 1000 Jahre gedauert hat und nolens volens unterstellt, in diesen Zeiträumen hätte sich quasi nichts entwickelt, die Menschen seien auf ein und derselben Entwicklungsstufe stehengeblieben, sollte mittlerweile allerdings Allgemeinbildung sein.
Für all jene, die das vielleicht nicht glauben wollen und bereit sind, sich eines Besseren belehren zu lassen, und für jene, die das Thema tatsächlich interessiert, hat der britische Historiker, Publizist, BBC-Journalist und Autor Dr. Ian Mortimer ein sehr unterhaltsames weil gut lesbares, vor allem aber äußerst informatives Überblickswerk vorgelegt: ALS LICHT DAS DUNKEL DURCHDRANG (THE MEDIEVAL HORIZONS, Original erschienen 2023; Dt.2024), so der etwas sperrige deutsche Titel.
Mortimer greift einen von dem israelischen Historiker Yuval Noah Harari geprägten Satz aus dessen mittlerweile zu einem Bestseller und Standardwerk avancierten Buch EINE KURZE GESCHICHTE DER MENSCHHEIT (2011/2013) auf, der besagt, dass, wäre ein spansicher Bauer im Jahr 1000 eingeschlafen und im Jahr 1600 erwacht, dieser eine kaum veränderte Welt vorgefunden hätte; wäre hingegen ein Matrose des Jahres 1600 eingeschlafen und in unserer Zeit erwacht, so verstünde er die Welt aufgrund all der technischen Neuerungen nicht mehr. Mortimer stößt sich an diesem Satz, er verhakt sich geradezu darin und so wird er nicht nur zum Ausgangspunkt seiner Untersuchung, sondern – gelegentlich etwas penetrant – er kommt immer wieder darauf zurück. Denn Mortimer ist der Meinung – und belegt dies auf den folgenden knapp 300 Seiten eindrucksvoll – dass sich in diesen 600 Jahren zwischen dem Jahr 1000 und dem Jahr 1600 enorm viel ereignet und entwickelt habe. Und keineswegs sind damit nur technische Neuerungen gemeint, im Gegenteil. Diese hat es gegeben und sie waren prägend, doch gebar dieser von ihm im Einführungskapitel sehr genau umfasste und definierte Zeitraum sehr viel mehr, als die eine oder andere technische Erfindung. Im Grunde, so legt Mortimer es nah, wurden in diesen Jahrhunderten die Grundlagen geschaffen, auf denen die Neuzeit und später die frühe Moderne fußten und ihren Siegeszug beginnen konnten.
Mortimer spricht – und darauf nimmt der Originaltitel seines Buchs Bezug – von Horizonten, die sich in diesem Zeitraum von gut 600 Jahren erweiterten. Grundsätzlich ist das erst einmal wortwörtlich zu verstehen. Denn der Mensch des Jahres 1000 hatte einen Bewegungsradius von wenigen Meilen. Das hatte sich bereits 500 Jahre später deutlich verändert, Menschen reisten mehr; dadurch, dass es bspw. feste Marktplätze gab und feste Markttage, waren auch Bauern und Händler gezwungen, weitere Wege zurückzulegen als ihre Vorfahren. Meilen übrigens deshalb, weil Mortimer sich stark auf England und die dortigen Entwicklungen bezieht, allerdings auch immer wieder mal auf den Kontinent schweift und Vergleiche anstellt. Die Entwicklungen in diesen Jahrhunderten, die Geschwindigkeiten, mit denen sich Dinge, Bedingungen, Bewusstseinszustände änderten, waren indes sehr unterschiedlich.
Der Begriff „Horizonte“ bezieht sich hier aber nicht nur auf die tatsächlichen Horizonte, die die Menschen in ihren Bewegungsräumen erblickten, sondern Mortimer nutzt den Begriff vor allem metaphorisch. Aufgeteilt in sieben Kapitel untersucht er den Krieg, die Ungleichheit, den Komfort, die Geschwindigkeit, Bildung und schließlich den Individualismus und die jeweiligen Entwicklungen in diesen Feldern. Und gibt neben etlichen erwähnten, erklärten und immer ausgesprochen interessanten Details – die Wiederentdeckung des Spiegels und sein Einfluss auf die Selbstwahrnehmung; die Einführung kategorischer Zeiteinheiten; technische Neuerungen wie der Langbogen (dies eines der bekannteren Details unter den angeführten Beispielen) und ihr Einfluss bspw. auf die Kriegführung; Entwicklungen am Bau und deren Auswirkung auf die Art des Lebens, aber auch darauf, wie sich Herrschafts- und Machtverhalten dadurch änderten etc. – tiefere Einblicke, welch entscheidenden Wandel das Mittelalter mit sich brachte. Immer wieder verweist Mortimer darauf, dass Hararis Bauer des Jahres 1000 enorme Schwierigkeiten gehabt hätte, wenn er nur 200, 300 oder 600 Jahre später aufgewacht wäre und sich in einer dann schon massiv veränderten Welt hätte zurechtfinden müssen.
Es ist Mortimers Schwerpunkt, der sein Buch so interessant macht. Denn es stimmt, was er zu Beginn, in der Einführung und vor allem auch im ersten der sieben Kapitel, in welchem er sein Konzept der Horizonte erklärt, anführt: Zumeist konzentrieren sich Historiker und deren Beschreibungen des Mittelalters auf die technischen Errungenschaften und dabei vor allem auf jene, die sich auf die Kriegführung, bzw. Wehrhaftigkeit (Burgen und Schlösser etc.) bezogen und auswirkten. Gerade der weiter oben bereits angesprochene Langbogen, der immer wieder als Erklärung dafür angeführt wird, weshalb und wie Henry V. die Schlacht von Azincourt am 25. Oktober 1415 trotz nummerischer Unterlegenheit seiner Truppen so überwältigend gewinnen und das Heer des französischen Königs und seiner Alliierten so verheerend schlagen konnte, ist das Paradebeispiel einer solchen Errungenschaft. Sicher waren die Änderungen in der Kriegführung wichtig und sicher spielten dabei auch die technischen Neuerungen eine wesentliche, gar entscheidende Rolle, doch andere, „weichere“ Entwicklungen und Errungenschaften waren möglicherweise noch viel wesentlicher dafür, dass sich im Laufe des 12. Und des 13. Jahrhunderts das Selbstverständnis vor allem der adligen Krieger grundlegend änderte. Je größer bspw. die Reiche wurden, die Könige regierten, desto weniger waren ihre Fähigkeiten auf dem Schlachtfeld gefragt, dafür gab es bald Spezialisten. Nicht mehr Heerführung war entscheidend für einen Herrscher, vielmehr war es sein Blick für sein Reich und die Bedürfnisse seiner Untertanen. Und dazu trug auch eine neue, sich verändernden Staatsphilosophie wie die des Thomas Hobbes bei, der mit seinem LEVIATHAN (1651) nicht nur über den Souverän und das Wesen seiner Macht, über die Souveränität als solche nachdachte, sondern auch einen Gesellschaftsvertrag entwarf, der diesen Souverän in Pflichten einband.
Für Mortimer sind genau solche Entwicklungen und die daraus hervorgegangenen Änderungen – eher Fragen der Geisteshaltung, politische wie philosophische Erweiterungen des Bewusstseins, gesellschaftliche Veränderungen wie bspw. das zunehmende Spezialistentum – die entscheidenden Ansätze, das Mittelalter wahrzunehmen, es zu analysieren, es zu untersuchen und letztlich zu verstehen. So ist die Einführung des Buchdrucks, mehr noch die darauf fußende Einführung der Bibel in der Übersetzung von William Tyndale für Mortimer eine, wenn nicht sogar die entscheidende und weitreichendste Neuerung des Mittelalters. Denn ähnlich wie Luthers Bibelübersetzung im deutschen Sprachraum, war Tyndales Übersetzung maßgeblich nicht nur für ein zunehmend einheitliches Englisch, sondern auch dafür, dass mehr und mehr Menschen Lesen lernten, dadurch ein vollkommen anderes Verhältnis zu Gott und damit zum Glauben fanden und dies massiv die späteren Entwicklungen in der anglikanischen Kirche hin zum in England herrschenden Protestantismus und dem später daraus hervorgegangenen Puritanismus förderte.
Es sind eben genau solche Spuren, denen Mortimer nachspürt und die er ausgesprochen gut erklärt, die die Lektüre seines Buchs so spannend machen. Doch kommt zu der Fülle der Details und dem spannenden Ansatz auch Mortimers Fähigkeit zu schreiben, zu erzählen hinzu. Denn man kann das nicht nur gut lesen, nein, es ist tatsächlich spannend. Man folgt den Überlegungen des Autors gern, er nimmt seine Leser*innen mit, er versteht es, immer wieder neue – um in seinem Duktus zu bleiben – Horizonte zu eröffnen, so dass auch Leser*innen, die sich bereits in der Materie ein wenig auskennen überrascht werden dürften.
ALS LICHT DAS DUNKEL DURCHDRANG ist eines jener seltenen historischen Bücher, denen es gelingt, nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern die Vermittlung selbst schon zu einem Vergnügen zu machen. Ein unbedingt empfehlenswertes Werk, das Grundlagen schafft und seinen Leser*innen doch auch immer wieder weiterführende, nein, erweiternde Erkenntnisse bietet. Und das man getrost als Aufforderung verstehen kann, selbst tiefer in die Materie einzutauchen und sich immer wieder mit dem Mittelalter – oder sollte man gar sagen: Den Mittelaltern? – zu beschäftigen.