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Psyche mit Zukunft: Sieg über die Finsternis in mir

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Fortschritt?

Neue Technologien?
Künstliche Intelligenz?
Wohnen im Weltraum?

Egal, was sie bringen mag, auch in der Zukunft geht der Alltag weiter. Menschen und andere Lebewesen essen, schlafen, lieben und leiden. Und einige von ihnen haben psychische Erkrankungen. Wie wird deren Umgang damit von neuen Behandlungsmethoden berührt? Bleiben sie Einzelkämpfer*innen oder gibt es Hilfe? Und was ist, wenn doch die sogenannte Normalität die Regeln festlegt – immer begleitet vom Flüstern des Scheiterns und Schiefgehens?

Von den regennassen Straßen der Städte bis zur kalten Einsamkeit des Weltraums – Science-Fiction ist Abenteuer. Im Kopf und zwischen den Sternen.

Die Geschichten:
Winter, Charline - Marskinder
Stein, Katharina - Der Wert der Dinge
Doubleu, Lee - Der Hobbyfriedhof
Rosenberg, Jol - HHH
Ramin, Anne K. - Im Herzen der Maschine
Schulz, Paula - Die Koloratur des Fallenlassens
Dreßler, Saskia - Sternenängste
Mira, Aiki - Ein Schritt ins Leere
Tères, Marie - Tulpenfarben
Küper, Thorsten - Hesitation Marks
Reß, Alessandra - Götter des verschobenen Teppichs
Brenach, An - KI-ne Panik!
Kehrberg, Simone - Neu formatiert
Richter, Lena - Toter Winkel
Stance, C. N. - Ich und mein Parasit
Velten, Paula - Emmerich
Meier, Marie - Seelenruh
Hobusch, Nicole - Grenzwandlerin
Rehak, Jannika - Retrospektive

312 pages, Paperback

Published October 1, 2024

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Jol Rosenberg

15 books3 followers

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Displaying 1 - 6 of 6 reviews
Profile Image for Callibso.
1,025 reviews20 followers
August 5, 2025
Eine richtig gute Anthologie mit einigen gelungenen Geschichten und ganz ohne schlechte. Ich fand das Buch sehr schön aufgemacht mit einem retro-futuristischen Cover. Es folgt ein interessantes Vorwort mit einer treffenden Beschreibung der Science-Fiction zu Beginn. Mit dem weiteren “Beiwerk” bestehend aus fiktiver Werbung und Postkarten konnte ich nicht immer etwas anfangen, fand die Idee aber gut.

Ein paar Bemerkungen zu den einzelnen Geschichten:

Winter, Charline - Marskinder
Die Ich-Erzählerin liegt antriebslos und depressiv auf dem Sofa bei ihrer Schwester. Sie war in der Psychiatrie, ihre Schwester einer der ersten Menschen auf dem Mars.
Sehr gute kurze Charakterisierung (“Die Nacht hat noch nie etwas von mir verlangt. Nachts ist existieren genug.”), aber leider keine Handlung.

Stein, Katharina - Der Wert der Dinge
Die Geschichte einer Frau, die es trotz ihrer Angstzustände schafft, auf einer Raumstation zu arbeiten und diese sogar zu leiten. Gegen alle Probleme hat sie sich Lebenstraum erfüllt: “Weil ihr Traum jedes Opfer Wert ist.”
Gute Schilderung und dazu noch eine spannende Hypothese über eine zielgerichteten Evolution im All, die aber in der zu kurzen Geschichte nicht weiter ausgeführt wird.

Doubleu, Lee - Der Hobbyfriedhof
Der Ich-Erzähler besucht seine Oma. Er hat ADHS, wie Oma anscheinend auch. Er ist übrigens gender-fluid und die coole Oma bindet ihm jeden Tag ein farbiges Bändchen um, auf dem das für den jeweiligen Tag gewünschte Pronomen steht, damit sie sich daran erinnert: Am Tag der Geschichte ist das gelbe für “er/ihm” dran und deshalb verwende ich hier auch “er/ihm”. Oma hat auch ADHS und früher viel Ritalin genommen, bis es zum sogenannten "Ritalin-Crash" kam.
Die Geschichte hat schöne Details, wie Katzen, die “Mick Jagger” und “Yoko Ono” heißen, oder die Beschreibung technischer Unterstützung oder anderer kleiner Hilfsmittel in der Wohnung von ADHS Patienten. Irgendwie wirkte alles passend chaotisch auf mich. Die Probleme mit der Krankheit werden gut beschrieben und ein leichter Humor durchzieht die Geschichte.

Rosenberg, Jol - HHH
Luan 36D, Pronomen en, nimmt an einem Test teil und erhält für sechs Monate eine neue 3-H-Einheit, einen Androiden, der Luan glücklich machen soll. Luan erzählt die Geschichte und wir erfahren von psychischen Problemen und finanziellen Problemen und letztere waren auch der Grund für die Teilnahme an der gut bezahlten Testphase.
Natürlich verändert die 3-H-Einheit Luas Leben, beeinflusst vieles zum Positiven. Aber nach einiger Zeit wird klar, dass nicht alle Auswirkungen gut sind und natürlich wirkt sich alles auch auf die Einheit selbst aus.
Mir hat der leichte Stil, der die Probleme aber nicht unterschlägt, und die Entwicklung der Figuren, einschließlich des Roboters, sehr gut gefallen. Jol findet dann sogar noch einen guten Schluss.

Ramin, Anne K. - Im Herzen der Maschine
“Die Maschine war unfehlbar”, das denkt die Ich-Erzählerin in dieser kurzen Geschichte mehrfach. Dabei kann ihr die Maschine nicht helfen, sie versinkt weiter in ihrer Depression und anderen Krankheiten. Obwohl ihr Job mit der Suche nach psychischen Erkrankungen zu tun hat, kann ihr nicht geholfen werden. Deprimierend.
(Das Geschlecht der Erzählerin wird nicht eindeutig benannt.)

Schulz, Paula - Die Koloratur des Fallenlassens
Cecile ist eine Steampunkerin und zum ersten Mal in der Silbernen Stadt. Dort hat sie Probleme bei der Fahrt mit der U-Bahn, weil sie u.a. Höhenangst hat. Eine ältere Frau hilft ihr und erklärt ihr ein wenig die Welt und die Technik.
Das Worldbuilding in der Geschichte fand ich schön, hier finden sich einige interessante Ideen. Auch der freundliche Umgang der Menschen miteinander und die “fürsorgliche” Technik gefielen mir. Cecile entwickelt sich schnell und hilft am Schluss noch jemand anderem.
Trotzdem war etwas zu wenig Handlung drin.

Dreßler, Saskia - Sternenängste
Sanariel, Pronomen sier, berichtet von ihrem ersten Flug im Raumschiff, bei dem sier massive Probleme wegen Flugangst bekommt. Trotzdem rettet Sanariel das Schiff und die Besatzung, weil Sanariels Fähigkeiten im entscheidenden Moment gebraucht werden.
Ein klassisches SF Setting, aber: Die Behandlung von Raumschiffen und insbesondere einer Dunkelwolke ist schlicht falsch und was eine “Lichtmeile” sein soll, weiß ich nicht.

Mira, Aiki - Ein Schritt ins Leere
Diese Geschichte ist eine Art Abschiedsbrief: Das erzählende Ich lässt uns teilhaben an einer Beziehung vom Beginn bis zum Ende. Es berichtet von der Liebe zu einer Raumfahrerx. Dies ist die geschlechtsneutrale Bezeichnung, die Geschlechter und Pronomen von beiden Personen sind unklar.
Die beiden treffen sich regelmäßig auf dem Mond, in einem teureren, aber trotzdem heruntergekommenen Hotel. Sie haben sich auf dem Mond kennen- und lieben gelernt. Das erzählende Ich berichtet von dieser Beziehung und von der besonderen Lebensweise in der Raumfahrt. Diese Menschen leben in einem Polykül und tauschen untereinander auch Körperteile aus. Das Leben im Weltraum hat die Menschen verändert, aber sie lieben es trotz aller Gefahren.
Die Schilderung der Liebe ist intensiv. Elegant fließen weitere Informationen zur Gesellschaft ein, bis hin zu neuen Worten. Das Ich hat immer Medikamente gegen Neurodivergenz genommen. Diese setzt es nun zu Anfang des Berichtes ab, ist jetzt “Ohne Pille”, was Auswirkungen auf die Wahrnehmung hat.
Eine Liebesgeschichte, in der wir Sätze finden, wie: “Liebe ist nur für Geschichten” und “Menschen von der Erde sind nicht gut darin, Liebesgeschichten zu schreiben, deshalb lassen wir das KI machen.” (S. 120) und in der eine Hauptfigur genau solche KI generierten Liebesgeschichten korrigiert. Nach zwanzig Stunden ohne Pille heißt es: “alles, was du je zu mir gesagt hast, wird in mir gedreht und gewendet wie geschliffene Edelsteine, die mir das Herz blutig ritzen”.
Es ist schön großartig, was Aiki hier wieder macht: Eine sehr genaue Schilderung der Begegnung zwischen Menschen, eine Welt, die mit wenigen Worten als zukünftige erkennbar wird, gesellschaftliche und technologische Änderungen, eindeutig SF und dazu noch Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen - und ein starkes Ende.
Natürlich ist dies handlungsarm, es geht letztlich um die beiden und ihre Liebe von Anfang bis zum Ende. Eine Erzählung, die auch in der Kürze in Erinnerung bleibt, tief und nachhaltig. Das berührt und braucht nicht mehr.

Tères, Marie - Tulpenfarben
Jesa arbeitet in einem Institut, in dem man versucht, besonders resistente Pflanzen zu züchten, um die Nahrungsversorgung für eine Megastadt sicherzustellen. Als persönliches Geheimprojekt versucht sie, eine besondere Tulpenart nachzuzüchten.
Sehr schön wird ihre Annäherung an Leander geschildert, der sehr verschlossen und abweisend wirkt und dem sie hilft, mit seiner psychischen Erkrankung fertig zu werden und sich Menschen wieder mehr zu öffnen.

Küper, Thorsten - Hesitation Marks
Eine gute Geschichte,die ich anfangs etwas seltsam erzählt fand, weil sie zwischen mehreren Zeiten hin und her springt.
Es geht um zwei verliebte Frauen, von denen eine eine KI entwickelt. Als sie erkennen muss, dass diese KI gefährlich wird, versucht sie, der KI ein Gefühl für Schuld zu vermitteln. Dies geschieht unter großem persönlichem Einsatz. Die Beziehung ist gut beschrieben.
Unter “Themen in der Geschichte” steht “Generisches Maskulinum”. Das hätte ich ohne diesen Hinweis gar nicht bemerkt.

Reß, Alessandra - Götter des verschobenen Teppichs
Eine Geschichte mit Humor, in der eine Frau ihre Zwangsstörungen der neuen Haushalts-KI als Religion “verkauft”, was wegen der Fürsorglichkeit des Computers unerwartete Auswirkungen hat.

Brenach, An - KI-ne Panik!
Noch eine Geschichte mit Humor. Es gibt einige absurde Situationen und eine KI, die nach einem Vorfall Angst entwickelt.
Der Weltenbau ist schön schräg: Wanderläden fliegen im Universum herum und treiben Handel. Sie erfüllen jeden Wunsch, der auf den jeweiligen Welten von Bedarfssensoren entdeckt wird. “Herr K” ist der Name des Verkäufers im von der KI Kaila
gesteuerten Raumschiff und das soll wohl an Kafka erinnern, ich habe aber eher an Lem gedacht.

Kehrberg, Simone - Neu formatiert
Eine kurze Geschichte, in der Julian sich an denen rächt, die ihn wegen seiner Probleme immer verlacht haben.

Richter, Lena - Toter Winkel
Die Ich-Erzählerin arbeitet auf einer Station für psychisch Erkrankte, als die Polizei auftaucht, weil anscheinend Medikamente gestohlen wurden.
Letztlich geht es darum, die eigenen psychischen Probleme zu erkennen, sie nicht zu verschweigen und dich auch helfen zu lassen.

Stance, C. N. - Ich und mein Parasit
Der Ich-Erzähler Siig arbeitet in einer Art Weltraumkneipe.Er ist ein Außenseiter, denn er trägt einen speziellen Parasiten auf dem Kopf, der anscheinend auch noch Depressionen verursacht. Eines Tages trifft Siig einen Leidensgenossen und schafft es auch nach längerem Zögern sich diesem zu öffnen.

Velten, Paula - Emmerich
Eine nette Geschichte um Dr. Draner, die auf einer Raumstation zusammen mit einer Gans lebt. Sie leidet unter Zwangsstörungen, aber genau dadurch rettet sie die Station und das Leben vieler Menschen.

Meier, Marie - Seelenruh
In einer Stadt, die in Ober- und Unterstadt geteilt ist, lebt Green in der Unterstadt. Er hat ein Hilfsmittel für die vielen Depressiven der Stadt, dort werden psychische Krankheiten offiziell nicht anerkannt. Eines Tages kommt Door zu ihm und lässt sich auch behandeln.Die beiden kommen einander näher, was ich gut beschrieben fand.
Allerdings wird die Geschichte dann für meinen Geschmack etwas überstürzt zu einem glücklichen Ende gebracht.

Hobusch, Nicole - Grenzwandlerin
Esra lebt alleine in einer Wohnung. Sie leidet an Wahnvorstellungen und traut sich kaum noch heraus. Seltsame Dinge geschehen ihrem Umfeld und da wir die Welt aus ihrer Sicht geschildert bekommen, wissen wir nicht, was Einbildung ist und was nicht.
Eine gemeine Pointe am Schluss.

Rehak, Jannika - Retrospektive
Ich finde es immer gut, wenn es in einer SF Geschichte mal um Kunst geht. Außer bei Kris Brynn habe ich das bei aktuellen Geschichten zuletzt selten gelesen. Hier geht es um Lorys van Beek, die es trotz ihrer psychischen Probleme (z.B. Angstzustände) bis zu einer Ausstellung in MOMA nach New York geschafft hat. Letztlich geht es darum, wie ein einzelner Mensch einen Unterschied machen kann und helfen kann, indem er im entscheidenden Moment einen anderen Menschen aufbaut.
Schön geschrieben.
Profile Image for Emma.
782 reviews32 followers
November 2, 2025
Gute Anthologie mit ein paar Highlights und insgesamt einfach sehr stark zusammengestellt.
Was mir am wenigsten gefallen hat, waren diese Annoncen zwischendrin und dass es doch häufig um Depressionen ging, aber insgesamt war die Abwechslung doch gegeben.
Profile Image for faanielibri.
887 reviews65 followers
November 17, 2024
‚Psyche mit Zukunft‘, herausgegeben von Jol Rosenberg, vereint Kurzgeschichten von 19 Autor*innen, die sich damit auseinandersetzen, wie Mental Health in der Zukunft gestaltet werden könnte. Wie die Gesellschaften damit umgehen werden, welche Möglichkeiten es gibt.
Der Untertitel ‚Sieg über die Finsternis in mir‘ spricht Bände – denn die Autor*innen sind sich einig, dass es psychische Krankheiten auch noch in Zukunft geben wird. Wie der Umgang damit ist, wird entscheidend sein. Die Autor*innen haben dabei völlig verschiedene Ansätze gefunden, 19 Zukünfte entworfen – und dabei ihrer Phantasie freien Lauf gelassen.
Ich war nie großer Fan von Kurzgeschichten, habe aber mittlerweile ein paar Mal zu Anthologien gegriffen. Es ist für mich schon eine Kunst, die Botschaft, die man als Autor*in vermitteln möchte, auf wenige Seiten auszudrücken. Das gelang den meisten meiner Meinung nach ganz gut, bei ein paar Geschichten tat ich mir schwer. Generell kann ich sagen, dass mir die Geschichten, die ein bisschen länger waren, am besten gefallen haben. Einfach, weil die Welt der Zukunft mehr Raum bekommen hat und ich die Figuren besser fassen konnte.
Die Geschichten decken ein breites Feld von Krankheiten ab, es werden z.B. Depressionen thematisiert, Zwangshandlungen, Sucht und ADHS. Dabei ist die Repräsentation, soweit ich das beurteilen kann, sehr respektvoll und nicht klischeebeladen. Sie geben die Vielfalt und Individualität der verschiedenen Krankheitsbilder wieder, sowie die unterschiedlichen Ausprägungen, die sie von Mensch zu Mensch haben können.
Die Anthologie zeigt, dass Science Fiction auch im Kleinen funktioniert und nicht immer über den Weltraum oder die Besiedelung fremder Planeten handeln muss. Sie konzentriert sich auf die Vielfalt der Menschen, sei es Alter, Herkunft, Gender oder Sexualität. Sie erzählt davon, wie die Menschen mit ihren individuellen Krankheit umgehen, vor allem auch in Interaktion mit der Gesellschaft, mit der Familie und Freund*innen. Und sie thematisiert die Einsamkeit, die oft mit Krankheiten einhergeht.
Profile Image for Katrin.
230 reviews
June 20, 2026
Ehrlich gesagt: Gar nicht meins. Ich habe mich nur durchgequält und irgendwann Geschichten übersprungen, weil mir schon deren erste halbe Seite null zusagte. Dass ich fast zwei Monate für dieses Buch gebraucht habe, spricht leider Bände. Zwei Sterne gibt es für die wenigen Geschichten, die mir gefielen (beispielsweise Seelenruh von Marie Meier oder Emmerich von Paula Velten). Schade, aber ich werde ich es zum Bücherschrank geben, in der Hoffnung, dass jemand anderes mehr Freude an dem Buch hat.
Profile Image for Ralf Schneider.
64 reviews1 follower
December 7, 2024
Geschichten, in denen die Psyche des Menschen thematisiert wird, ohne stereotyp zu sein, sind nicht häufig. Noch seltener sind aus meiner bescheidenen Erfahrung heraus Science-Fiction-Geschichten, die sich mit Psyche, Neurodivergenz und den zahlreichen psychischen Erkrankungen befassen. Und derlei Geschichten, in denen queere Protagonistens eine Rolle spielen, sind im Grunde Einhörner.

Die Science-Fiction-Anthologie von Jol Rosenberg ist ein solches Einhorn. 22 Kurzgeschichten, von denen drei von der Redaktion beigesteuerte Texteinsprengsel sind, die aber nicht minder ins Schwarze der Thematik treffen, handeln von Menschen und Nicht-Menschen, die mit psychischen Besonderheiten oder Erkrankungen konfrontiert sind und in irgendeiner Weise, das Leben zu meistern versuchen.
Dabei sind die Handlungen, die Neurodivergenzen resp. Erkrankungen, die Zeitpunkte der Handlung sowie die Orte im Universum so vielfältig, wie die menschliche Psyche selbst. Auch wenn die/der Lesende nicht zu den Menschen zählt, die/der an psychischen Ausprägungen leiden bzw. mit ihnen leben, so werden in allen Geschichten äußere und innere Umstände geschildert, die jede/jeder (womöglich in schwächerer Ausprägung) schon einmal selbst erlebt oder bei anderen wahrgenommen hat.
Der Kunstgriff, die Schicksale der Protagonistens in einer nahen oder fernen Zukunft zu platzieren, ermöglicht es den Lesenden, aus einer einigermaßen sicheren Distanz, die eigene Gesellschaft und das eigene Verhalten kritischer zu betrachten, als man dies in einer Gegenwartsgeschichte, in der man womöglich zu sehr verwoben ist, tun könnte.

So wird so manche Neurodivergenz in Rosenbergs Anthologie gar nicht als pathologisch dargestellt, die es zu heilen gilt. Vielmehr spielen die Autor_innen teilweise mit Möglichkeiten, Menschen, die derlei Veranlagungen haben, so zu nehmen wie sie sind und statt diese mithilfe von Medikamenten und Therapien in die Masse der Durchschnittsmenschen überführen zu wollen, werden Zukünfte kreiert, in denen sich die Umwelt an diese Menschen angepasst hat.

Nichtsdestotrotz ist die Anthologie kein medizinisches Sachbuch, sondern soll unterhalten, erstaunen, verstören, überraschen, sensibilisieren und neugierig machen. Und was soll ich sagen: Bei mir hat das alles zugetroffen. Aber auch wenn die hier gesammelten Geschichten lediglich kleine Ausschnitte aus einem schier unüberschaubaren Blumenstrauß an möglichen Variationen und Intensitäten der Psyche (was auch immer, man darunter verstehen mag) bieten und sicherlich zahlreiche psychische Besonderheiten und Erkrankungen hier nicht thematisiert werden, so hat jede einzelne Kurzgeschichte mit ihrer fiktionalen Handlung das Potential, reale Gedanken bei den Lesenden zu erschaffen.

Die hier dargebotenen Gedankenexperimente, die vielleicht sogar aus den persönlichen Erfahrungen der Autor*innen erwachsen sind, erschaffen beim aufmerksamen Lesen womöglich neue Pfade in unseren Köpfen, die mehr Verständnis für diejenigen entstehen lassen, die nicht den Konventionen eines Durchschnittsmenschen entsprechen.
Profile Image for Ingrid.
866 reviews6 followers
November 18, 2025
Ich muss gestehen, ich könnte jetzt nicht jede einzelne Geschichte zitieren weil ich dieses Buch über einen recht langen Zeitraum 1-2 Geschichten pro Woche gelesen habe.
Bei einigen Geschichten dachte ich, ist das Gefühl nicht völlig normal. Bei anderen hätte ich schreiben können: genial.
Es wurde eine sehr breite Palette von psychischen Besonderheiten zum Thema gemacht und alle Geschichten waren eindrücklich und regten zum Nachdenken an.
Nur um ein Beispiel zu nennen, eine Depression als Parasiten, der den eigenen Kopf besiedelt zu beschreiben ist viel eindrücklicher als die normale Sicht auf diese Krankheit.
Danke für diese Sammlung die ich nur wärmstens empfehlen kann.
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