Wir spielen Alltag: Leben in Israel seit dem 7. Oktober | »Klug und empathisch – ein Buch, in dem die Traumata der israelischen Gesellschaft sichtbar werden.« Sigrid Brinkmann, DLF
Für dieses Land hat sie ihr Leben lang gekämpft – für eine Heimat ohne Verfolgung, für Frieden mit den palästinensischen Nachbarn, für Freiheit und Demokratie. Dann kam der 7. Oktober und erschütterte alles, was vorher war. Während Sirenen heulen und die Gedanken bei den verschleppten Geiseln sind, führt die Regierung einen Krieg, der noch mehr Menschen tötet und keine zurückbringt. An welche Zukunft kann man da noch glauben?
In einer Zeit fehlender Antworten schreibt Lizzie Doron von ihrem Alltag, den es nicht gibt und der doch Begegnungen mit Hinterbliebenen, absurd-komische Szenen mit den Enkeln im Luftschutzraum, politische Diskussionen beim Friseur, schal werdende Gedenkveranstaltungen, Schweigen am Telefon mit dem palästinensischen Freund. Das bewegende Zeugnis einer traumatisierten Gesellschaft.
Wie schreibt man eine Rezension über ein Thema welches an Brutalität, Tragik und mit so einer grossen Hoffnung verbunden ist? Mir fällt es schwer. Immer wieder hört man davon, von der menschengemachten Tragödie. Im Osten nichts Neues. So weit weg von Unserem westlichen Alltag mit unseren (vermeintlich) schwierigen Problemen.
Es fällt mir schwer. Ein wichtiges Buch, lest es, für mehr Verständnis und Einsicht.
"Wir spielen Alltag – Leben in Israel seit dem 7. Oktober" von Lizzie Doron, übersetzt von Markus Lemke, erschienen bei dtv, ist ein schmaler, aber unglaublich intensiver Bericht über die Zeit nach dem 7. Oktober 2025. Doron erzählt vom Alltag in Israel, der nach dem brutalen Terrorangriff der Hamas plötzlich fragil, fragmentiert und von Angst durchzogen ist: Sirenen, Raketen, plötzliche Todesnachrichten und die ständige Unsicherheit über das Leben der Liebsten prägen jede Zeile.
Meine Meinung Was mich an diesem Buch sofort ergriffen hat, ist die Mischung aus persönlicher Reflexion und kollektiver Erfahrung. Doron schreibt so, dass man die Schwere jedes Moments spürt: „Monate später, da ich dies schreibe, weiß ich, Worte können diese quälende Zeit nicht erfassen, die so unendlich langsam verstrich … die Luftalarme und das Sirren der Raketen, die Einschläge und die Abschüsse ringsum“ (S. 16). Dieses Schreiben ist radikal ehrlich, dabei aber nie voyeuristisch. Es zeigt Trauma und Ohnmacht, ohne die Betroffenen zu instrumentalisieren.
Besonders gut gelingt es der Autorin, die kleinen Rituale einzufangen, die überleben helfen: das Erinnern an Freund:innene, die gestorben sind, oder die absurden, fast komischen Momente im Schutzraum mit Enkelkindern. Doron vermittelt, dass das Leben trotz allem irgendwie weitergeht, oder zumindest weitergehen muss.
Das Buch ist sensibel im Umgang mit der Gewalt gegenüber Palästinenser:innen, gleichzeitig reflektiert es das Trauma innerhalb Israels, ohne in simplen Schuldzuweisungen zu enden. Diese Ambiguität ist schwer, aber notwendig. Doron schafft es, Empathie zu erzeugen – für Menschen auf allen Seiten – und zeigt, wie antisemitische Vorurteile, Gewalt und die allgegenwärtige Angst miteinander verflochten sind.
Ein Zitat das mir besonders hängen geblieben ist, weil es wie ich finde das Bild der verlorenen Menschlichkeit, des persönlichen Schmerzes so gut einfängt: „Die Führer werden sich die Hände reichen. Diese alte Frau wird weiter auf ihren getöteten Sohn warten. Diese Kinder werden auf ihren heldenhaften Vater warten … Aber du hast gesehen, wer den Preis dafür bezahlt hat“ (S. 94).
Fazit "Wir spielen Alltag" ist ein Buch, das erschüttert, ohne zu polarisieren. Es zeigt, wie nah Normalität und Horror beieinanderliegen und wie schwer es ist, in einem Land voller Angst und Trauma weiterzuleben. Für alle, die sich für Gegenwartsliteratur, Israel & Palästina, Friedensarbeit und persönliche Perspektiven auf Krieg und Trauma interessieren. Definitiv keine leichte Lektüre, aber umso wichtiger. Danke an netgalley.de und den dtv Verlag für das Rezensionsexemplar.
Es ist noch Sommer, aber ich weiß, dass dies eines der wichtigsten Bücher sein wird, das ich dieses Jahr gelesen haben werde.
Die Autorin beschreibt sehr ehrlich, wie ihr inneres Leben nach dem 7. Oktober ausschaut. Sie sorgt sich um ihre eigene Sicherheit und ist gleichzeitig beunruhigt, wie sich Israeler um sie herum radikalisieren. Sie ist besorgt um ihren palistinänsischen Freund und findet gleichzeitig nicht die Kraft und die richtigen Worte, um ihm seelisch beizustehen. Sie geht auf Demonstrationen, in dem Glauben, dass sie nichts bewirken werden, da sie auch nicht tatenlos zuschauen möchte.
Beim Lesen ihres Memoirs wurde mir noch mal bewusst, wie Kriege immer nur nehmen und nehmen. Die Autorin zeigt sehr eindrücklich, wie selbst diejenigen, die “gewinnen” zu scheinen, langsam das, was Menschlichkeit ausmacht, verlieren. Mitmenschlichkeit und Hoffnung verloren zugunsten einer vermeintlichen, temporären Sicherheit.