Zwei Frauen, ein Maler und eine »Werden Sie nicht sein Modell!«
›Die Richtige‹ ist etwas Besonderes im Werk von Martin Mosebach, steht für sich – als Spiegel, als Brennglas, als Kostbarkeit. Ein virtuos und mit großer Menschenkenntnis erzählter Roman über die Abgründe in menschlichen Beziehungen, über Kunst und Leben, Liebe und Macht.
Ein verblühtes Azaleenbäumchen, fast schon im Müll, und dann, ganz unerwartet, eine rosa Wolke, neues Grün – »so müsste man arbeiten, wie diese Pflanze!« Sagt Louis Creutz, ein Maler, der über Grenzen hinweggeht, weil er keine sieht. Von den Menschen, die mit ihm in Berührung kommen, profitiert er, solange sie ihm nützlich sind, und dann lässt er sie fallen. Meist sind es Frauen, seine Modelle. Eine von ihnen ist inzwischen obdachlos, eine Streunerin mit goldgefärbten Locken, schwarzem Seidenumhang und einem unheimlichen Maskengesicht. Eine andere, noch junge, lebensfrohe, die barfuß in Sandalen der Kälte trotzt, schlägt jede Warnung in den Wind.
Mit diesem Roman erklimmt Martin Mosebach neue Höhen – ein großes Buch, bildstark, voller Überraschungen und hinreißend erzählt.
Martin Mosebach has published novels, stories, and collections of poems, written scripts for several films, opera libretti, theatre and radio plays.
The German Academy for Language and Literature praised him for "combining stylistic splendour with original storytelling that demonstrates a humorous awareness of history."
Among his works translated into English is The Heresy of Formlessness, a collection of essays on the liturgy and its recent reform told from the perspective of a literary writer. It has been published in the United States by Ignatius Press.
The book argues for a return to the Tridentine Rite of the Mass, the form of the Roman Rite before the Second Vatican Council, the use of which, in accordance with the Roman Missal of 1962, is authorized, under certain conditions, by the 2007 motu proprio Summorum Pontificum.
Other works include The Turkish Woman, "The Tremor," "The Long Night" and "Prince of Mist," in which the author examines the motives behind man's eternal search for a meaning.
Martin Mosebach thematisiert in Die Richtige ein bürgerliches Kabinettstückchen, die Vermählung des widerborstigen Dietrich Rupps mit der singenden, edel-blassen Astrid Thorblén. Gegensätze treffen hier aufeinander: Der fleißige, scheue, unbekümmerte Dietrich, der ein international agierendes Unternehmen für Hebebühnen erfolgreich führt und als Hobby Wildschweine erlegt, soll endlich unter die Haube gebracht werden. Beate, Gattin seines Bruders Rudolf, hat die Richtige gefunden:
Rudolf neigte sich soeben zu einer jungen blonden Frau mit etwas unordentlichem Haar, die, was er sagte, mit beweglicher Miene aufnahm, den Ausdruck ständig ändernd. Er brachte sie offenbar zum Lachen, wobei Louis Creutz unwillkürlich die Vorstellung hatte, daß diese Frau auch ohne Anlaß lachbereit sei. Einen Augenblick öffnete sich die Menschenmauer, und er sah sie ganz, schlank, in vorzüglicher Haltung, Gesicht, Hals und Arme sehr hellhäutig, ein nordischer Typ, aber von den Lippen her rosig erwärmt. Beate trat hinzu, stellte sich zu den beiden, ohne sich an dem Gespräch zu beteiligen, die junge Frau jedoch aufmerksam musternd.
Das Projekt „Astrid“ beginnt, und hierzu beordert Beate ihren alten Freund Louis Creutz, seines Zeichen bildender Künstler, bekannt für Aktmalereien, dazu, sie nach Venedig zu begleiten, um Beate beim Psychologischen des Verkupplungsvorganges zu unterstützen. Leider bleibt Dietrich behäbig und zurückhaltend, mehr beobachtend, indes sich Louis ins Zeug legt, Astrid eine gute Zeit zu verschaffen:
Die kleinen Füße röteten sich, Louis Creutz meinte, sie bläulich werden zu sehen. Der Miene der Frau war aber keinerlei Unbehagen anzumerken. Klappernd stieg sie die zahllosen Brücken hinauf und hinab […] Auch die Frau mußte [letztlich] zugeben, kalte Füße zu haben, sie legte den linken Unterschenkel auf den rechten Oberschenkel und massierte ihre Zehen. Die Füße sahen wirklich mißhandelt aus, der Maler nahm seinen Kaschmirschal ab, beugte sich zu Boden und wickelte ihn um ihren rechten Knöchel.
Mosebach siedelt seinen Roman Die Richtige im Kunstbetrieb an. Louis Creutz, der Verführer, stellt das Luziferische dar, verführt und inspiriert die reichen Damen und Herren aus der höheren Gesellschaft, die als seine Mäzene fungieren. Er selbst bezieht seine Inspiration aus nächtlichen Trink-, Spiel- und wahrscheinlich Sexgelagen mit dem kleinkriminellen Ed Weiß, den er noch aus der Schulzeit kennt. Hineingewirkt erscheint noch eine Landstreicherin namens Flora und zur Erzählzeit bereits beendeten Ehegeschichte von Louis mit der iratischen Irene Zetzsche.
Im gebrochen, rudimentär-hiatusartigen Stil, mit vielen winzigen Kapiteln voller Ornamentalik, Symbolik und überbordernd sprießend verdammender Allegorese zieht Mosebach das Drama "Mann sucht Frau" auf, um bürgerlich-ästhetische Klischees zu ironisieren. Es gelingt. Der Böse blickt obsiegt. Das Bild erstarrt, und am Ende verzieht sich in Form von Tauben der Heilige Geist ins heilige Schlafgemach. Zu gewollt. Kein Vergleich zu Gustav Flauberts Madame Bovary, eher von der Klasse La noia eines semi-gebremsten Alberto Moravia.
--------------------------------- --------------------------------- Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich): --------------------------------- ---------------------------------
Inhalt: ●Hauptfigur(en): Louis Creutz (L), bildender Künstler, Aktmaler, wahrscheinlich um die 50 Jahre alt; Astrid Thorblén (A), gescheiterte Opernsängerin, Opernangestellte, 35 Jahre alt; 15 Jahre jünger als L; Rudolf (R), Beate (B) Rupp, Ehepaar, Unternehmerfamilie. Dietrich (D), Bruder von Rudolf, erfolgreicher Geschäftsmann, ledig, macht die meiste Arbeit. Flora Ortiz (F), Landstreicherin, ehemals Theaterschauspielerin. ●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: 1.) Beginnt vor einer Vernissage, L nicht allzu aufgeregt, trifft seine Bekannten B und R, bleibt aber nicht lange, hört sich die Rede auch nicht an, sondern verbringt den Restabend mit Ed Weiss in einem halblegalen Spielclub, den er noch aus der Schule kennt. Am morgen danach hört er von B, dass sie eine Frau für D gefunden habe, L soll bei der Verkupplung helfen. Sie fahren nach Venedig. 2.) In Venedig, sie gehen zu viert umher. L bemüht sich um A, D bleibt schweigsam. A trägt keine Socken. Es ist kalt. L legt ihr seinen Kaschmirschal um den rechten Knöchel. 3.) Venedig: L doziert B gegenüber von materiellen Ursprüngen des Stils, schauen sich Deckengemälde von Tizian und Tintoretto an. L und B verlieren A, R und D aus den Augen. Sie schauen sich Säuberungen in der Kirche an. 4.) A erinnert sich an einen Vogel in einem Wirtshaus in Trient, der durch ein Gewicht, durch ein Loch eingelassen, festgehalten wurde. Philosophieren über die Fähigkeitsfesseln. 5.) Osteria an den Fondamenta Nuove, A singt im Restaurant laut, Gerschwins Summertime. A wirkt wie verändert auf L. 6.) B spricht über ihre neueste Handtasche. 7.) D und L sprechen noch an der Bar, D über das Unternehmen für Hebebühnen. L spricht D Mut zu, A zu erobern. 8.) D erinnert sich an die Kindheit, an die Haushaltshilfe Fräulein Krause, seine eigentliche Mutter. 9.) Ein gewisser Dr. Rucktäschel soll eine Werkbiographie über L schreiben. Recherchiert über Ls Hintergrund, gescheiterte Ehe mit Ira, die an Krebs verstorben ist. Noch während der Trennung kurze Affäre mit Mitbewohnerin Iras. L schläft mit ihr, obwohl die Gefahr besteht, dass Ira dadurch noch den letzten Rest Mitleid verliert, der sie dazu bewegen könnte, ihm das heißgeliebte Atelier zu überlassen. Angstlust. 10.) L und D treffen sich, D lädt L zur Jagd ein, in Nordhessen. L fühlt sich fremd unter Jägern, reflektiert über Kälte, Lyrik und sonstige Übel. D erlegt vor seinen Augen einen Keiler und nimmt ihn aus. 11.) Rückfahrt von der Jagd, Gedanken an seinen kriminellen Freund Ed Weiss, selbstsichere Fassadenmännlichkeit gegen schweigende Tatmännlichkeit Ds. L spricht wieder über A. 12.) Treffen bei B und R, D auch dabei. Wird aber nicht aktiv. L bringt A nach Hause. L spricht ihr gut zu, dass sie D zum Mann nimmt, um den Moment der sistemazione nicht zu verpassen. L fragt sich danach, warum er sich eigentlich bemüht. 13.) Elektronisches Notizbuch. L über 50, knapp. 14.) Hochzeit zwischen A und D. 15.) D beginnt Geschäftsbeziehung mit China, viel auf Reisen. L reflektiert über verschwundene Ländergrenzen, Sehnsucht: Archaik. „Drachenschwanz“. 16.) Besuch von A in Ls Atelier. Er will sie malen. 17.) Flora Ortiz sucht sich einen Platz zum Schlafen in einer Laubenkolonie. 18.) Dialektik von Sein und Schein in der bildenden Kunst. L bemüht sich um A, schreibt ihr Nachrichten. 19.) A und F treffen sich im Atelier. 20.) A wieder auf dem Weg ins Atelier. L schenkt A Moselwein ein, mit Firnis. Es geht ihm bei der Malerei ums Inkarnat, um die Haut, um die Maske. Sie willigt ein, ihm Modell zu stehen. 21.) L schreibt A über Azaleenbäumchen und Geduld. 22.) A sitzt ihm Modell. 23.) Eheleben von A und D, trockener Humor. D schüchtern, nicht besitzergreifend. A sagt nicht, als D den Wunsch äußerst, sie könne L Modell stehen, dass sie das bereits tut. 24.) F wird beim Schwarzfahren erwischt, sagt, sie sei auf dem Weg zu L. 25.) Kurzer Moment, in welchem A der Zwangslage entkommen hätte können, aber sie gibt nach und betrügt D mit L. 26.) L in Paris, schreibt über das Hotelfrühstück. 27.) Rucktäschel hackt Ls Tablet, das L in die Galerie schickt, weil es nicht funktioniert. 28.) Modellstehen, Anstarren wie eine Kuh. Streit zwischen A und L wegen Ls Dankesbrief an D für die Unterstützung. L wird bezahlt von D, während A mit ihm schläft. Er schlägt ihr vor, sich auch als Mäzenin zu betrachten. A wütend, beendet das Modellstehen. L flieht aus eigenem Atelier. 29.) L auf dem Weg ins Gefängnis, um Ed zu besuchen, dazwischen vorheriges Gespräch mit Anwalt. L muss Ed ein Alibi gegeben. Er gibt es. 30.) L bringt die Wut in Frauen hervor. L meldet sich bei A nach einiger Zeit. A immer noch verärgert. Sie sagt ihm, dass sie schwanger ist. Er wirkt eifersüchtig. Sie rastet aus, dabei reißt etwas in ihr. Sie muss eine Nacht im Hospital wegen einer internen Fehde auf den Doktor warten, und es kommt zu einer Fehlgeburt. 31.) L ist A aus dem Weg gegangen, betrachtet nun das unvollendet gebliebene Gemälde und verunstaltet es. 32.) F frisst eine Pizza aus dem Mülleimer, legt sich am Ufer auf eine Bank und wird mit Benzin übergossen und angezündet. Sie wird ins Krankenhaus eingeliefert und liegt dort neben A. 33.) Briefe vom Galeristen. Großer Erfolg von L. Begeisterung von dem Bild der gefolterten Frau. Briefe zwischen D und A, A gesteht den Seitensprung nicht ein. Ihre Verwirrung wird auf die Hormone geschoben, nicht auf ihr Schuldgefühl. Der Roman endet mit sechs Briefen. i) Brief von Hillmann an Galerie-Besitzer Grünhaus, in welchem von Ls Erfolg geredet wird, eine Wende, etwas Neues, dieses Gemälde mit „der gekreuzigten Frau“; ii) Brief von Beate an Rudolf, die bei der Vernissage in Paris dabei war, und das neue Gemälde unpassend für den Kopfmenschen L empfindet, freut sich Christian Bernoult kennengelernt zu haben; iii) Rudolf an Beate, der meint, sie sei zu streng zu Astrid, die er gesehen hat, vor ihrer Abfahrt zum Starnberger See, sie sähe völlig mitgenommen aus, Dietrich mache sich Sorgen, und der sich größeren Abstand zu L wünscht, nachdem diese Sache mit Ed Weiss herausgekommen ist und eine Leiche im Spiel sei; iv) Brief von Astrid an Dietrich, in welchem sie gesteht, vor D mit 19 Männern geschlafen zu haben, Rachegefühle gegen Schwester Annemarie und Desinteresse an L und seinem Katalog, und die Andeutung, dass von Anfang zwischen D und A etwas Giftiges beigemischt gewesen sei (L); v) D an A, der gegen ihre Selbstanklagen wettert und den Hormonen die Schuld gibt und ihr seine Liebe gesteht; vi) L in seinem elektronischen Tagebuch über sechs Tauben in einem Taubenhaus über den Dächern von Paris. ●Kurzfassung: Ein Künstler lernt eine Opernangestellte kennen. Sie flirten. Er verhilft ihr zu einer guten Partie und schafft es, sie zu verführen. Als sie erfährt, dass er Geld von ihrem Ehemann bekommt, ist für sie eine Grenze überschritten, und sie trennt sich von ihm. Sie wird schwanger und nach einem Streit mit ihm, erleidet sie eine Fehlgeburt. Der Künstler zerstört das Gemälde mit wilden Pinselstrichen, und das Gemälde wird ein Erfolg. ●Diskurs: Malerei, Aktenmalerei, Tintoretto, Galerie, Kunstmarkt, Ehe, Untreue. … auffällig, alles wird eher implizit besprochen, als Erzählhaltung genau das Gegenteil von Aktmalerei. Kaum etwas wird explizit gesagt, explizit thematisiert, weder in Sachen Sex noch Geld. Bspw. wird nichts über die Nächte mit Ed Weiss genauer berichtet. Auch nicht, was mit Flora geschehen ist. … Flora erinnert an André Bretons „Nadja“ und Terézia Mora und „Das Ungeheuer“. … „Louis Creutz“ eine Luzifergestalt, religiöse Motive … insgesamt ein wenig plakativ, ein wenig zu beliebig, das Aktstehen, die Nacktheit, brutal das Ausnehmen des Wildschweins, die etwas abfälligen Bemerkungen, etwas harte Diktion. Rahmenwirkung mit den Vögel in Ls Atelier und den Tauben oberhalb von Picassos Atelier. … es gibt einen Plot, der Künstler, der sich seine Inspiration holt, der sein Leben mit einer parasitären Existenz finanziert, halb der Unterwelt angehört, halb der Geschäftswelt, dem Establishment, ein Zwitter, ein Januskopf, der Ed Weiss ein Alibi verschafft, eine Affäre mit Astrid hat, erfolgreich in Paris wird, als Figur sehr schillernd und dubios. Das Buch lebt dennoch von den sehr eindrücklichen Stellen: die Jagd, die Handtaschenszene in Venedig von Beate, Floras Streifzüge durch die Stadt, die Affäre mit der Mitbewohnerin seiner Exfrau, die Situation von Astrid, als sie eine Fehlgeburt hat. Die Szenen leben, stark plastisch. Der Zusammenhäng geht etwas verloren, durch die Unnahbarkeit der Figuren, die Distanz lässt eine gewisse Intensität nicht zu. --> 4 Sterne
Form: Schreibweise hier sehr stokelig, unrhythmisch, gewollt verunklarend, gerade obszön undeutlich, verschwommen. ●Wortschatz: breit, interessant, altmodisch, alte Rechtschreibung. ●Satzstrukturen: gestelzt, gewollt, oft mit unvorhersehbaren Wortstellungen, schwierig zu lesen, ornamental, barocken. ●Innovation: nicht wirklich innovativ, aber stilistisch eigenwillig. --> 5 Sterne
Erzählstimme: Erzähler steht über der Figur, distanziert, immersiv, wechselnd. Übergriffig selbst im Brief (Stelle aus Hillmanns Brief an Grünhaus). ●Reflektiert: nein. ●Situiert: nein. ●Perspektiviert: nein. … die Erzählstimme ist auktorial, unkontrolliert, freischwebend, also in diesem Sinne nicht selektiv, nicht verbindlich, sogar alles in allem entfernt und unzugänglich. Die Reflektorfigur Rucktäschel taugt nichts, der olympische Blick überzeugt hier nicht, da das Thema nicht weitgefächert genug. Konsequent ist jede auktoriale Perspektive, sie muss sich selbst fokussieren, das gelingt hier nicht. Die Stadt als Sündenpfuhl ist zu wenig verbindend. Streng personal erzählt wäre besser gewesen. --> 3 Sterne
Komposition: ●Lose Versatzstücke: Dr. Rucktäschel, überflüssig, Handtaschen-Szene mit Beate, überhaupt Beate unwichtig, Floras Rolle unwichtig. … es gibt Rahmenwirkungen, eine Allegorie, einen gewissen Spannungsaufbau bis zur Affäre, die Jagdszene, alles sehr überladen. Was am meisten aber gestört hat, die allzu kurzen Kapitel, fast ein Hiatus, kein Verweilen, nur Versatzstücke, fast eine Skizze. Sehr rumpelig. --> 2 Sterne
Leseerlebnis: ●Gelangweilt: nein ●Geärgert: nein, bis auf manche unklare Stellen ●Amüsiert: nein … beschwerliches, teilweises Rätselraten mit Höhepunkten, und tatsächlich aufgehender Symbolik, der Höllenblick, der Sündenpfuhl, die Perversion. Leider keine wirkliche Dynamik. --> 3 Sterne
Update 2025-04-28 Ich bleibe bei meiner Bewertung und werde das Buch nicht nochmal lesen, wie zunächst geplant. Warum sollte ich Resignation als Verflachungssymptom der Literatur besser bewerten als den Verlust der Form durch den Authentizitätswillen von Autofiktion und Icherzählern in Alltagssprache? Niklas Luhmann sagt, dass Literatur ursprünglich als Antwort auf Inkommunikabilität entstanden ist. Sie ermöglichte eine Reflexion auf fremde Perspektiven, eine Simulation von Alternativen. Sie öffnete den Horizont: man konnte sich aus seiner engen eigenen Welt heraus in andere Lagen versetzen. All das, worüber nicht gesprochen werden konnte, weil es keinen Code dafür gab und auch nicht durfte (symbolische Ordnung). Literatur öffnete den Menschen Möglichkeitsräume, verarbeitete gesellschaftliche Widersprüche. Was macht Mosebach? Und auch andere Vertreter wie z.B. Marquez in 100 Jahre Einsamkeit: Ausstellen eines Zustandes, Nihilismus und Zynismus, Verweigerung von Beziehung, die Erstarrung erhebt sich selbst zur Form. Dh. diese Texte sind kein Vermittlungsangebot mehr, sondern monumentaler Sargdeckel der Weltwunde. Obwohl Mosebach gegen die entgegengesetzte Verflachung schreibt - das Verschleiern der Inkommunikabilität, durch bedeutungslose, inflationäre Kommunikation, die nichts anderes als ein Ausstellen und Präsentieren ist, ein sich Verfügbarbar machen in einer Überfülle an Pseudoverständigung, die den Charakter des Anderen verliert - erzeugt er denselben Effekt. Er nimmt das reale Scheitern ernst und bleibt selbst darin stecken. Für ihn gilt die Welt als verloren. Er friert den Verfall ästhetisch ein.
Immerhin bin ich jetzt in meinem eigenen Prozess weiter gekommen. Was verlange ich von Literatur? Eine Suchbewegung und keine Zustandsdiagnostik! Formwillen, der sich der Entfremdung stellt. Das bloße Ausschütten von Literatur in autofiktionaler Alltagssprache ist eine Unverschämtheit gegenüber dem, wozu Sprache eigentlich in der Lage ist. Ich will Literatur als Auseinandersetzung und nicht als Inventarisierung von Erschöpfung. Die Suchbewegung und die Formkraft sind heute an zwei Fronten verloren gegangen – in der museal erstarrten "hohen" Literatur und in der banalisierenden Alltagserzählung.
Update 2025-04-25
Für eine Zeitverschwendung beschäftigt mich diese Klatsche im Nachgang sehr. Es setzen sich immer mehr Teile zusammen. Nachdem ich Bloch weiter gelesen habe, scheint mir das hier als Art negative Allegorie angelegt zu sein. Normalerweise verdichtet diese sich Richtung noch verhülltes Realsymbol. Mosebach entkoppelt die Allegorie vom Symbol. Dadurch lesen wir eine Welt in der Form keine Notwendigkeit mehr hat. Nur noch funktionale Äquivalente ( Gott wird durch Mode, Konsum, Kunst als letzter Sinnstifter ersetzt) oder unbestimmtes Rumwabern. Die Zeichen oder Symbole kreisen um eine leere Mitte. Ist ein erster Zwischenschritt. Lese jetzt Taube und Wildente da nach 21 Seiten bereits klar ist, dass sich „die Richtige“ darüber viel besser erklärt. Bin aber jetzt schon auf dem Stand dass ich es besser bewerten muss. Finale Version folgt….
erste Reaktion auf das Buch
Gut geschriebene Zeitverschwendung. Mosebachs Roman inszeniert ein kaltes Nebeneinander: Figuren, die einander in symbolischer Geste umkreisen, sich gelegentlich berühren, um sich dann wieder zu zerstreuen. Ein Spiel aus Macht, Rückzug und Entgleisung – doch nie entsteht daraus eine wirkliche Beziehung, nie ein Gegenüber, das antwortet.
Was bleibt, ist ein eiskalter Formwille, der in der Funktionalisierung von Ästhetik eine sezierende Geste vollzieht: Der Roman wird zum Ort des Scheiterns. Es ist, als wolle Mosebach sagen: Wer sich zeigt (ein Verweis u.a auf Autofiktion und Icherzähler), verliert seine Andersheit und damit seinen Kunstcharakter. Und so erstarrt am Ende alles in symbolischer Statik, das Sprechen verstummt.
Ein Buch, das mir – bei allem stilistischen Können – den Glauben an Literatur zu rauben droht, auch wenn es scheinbar dort im Diskurs angreift, wo die Literatur aktuell am verwundbarsten ist - dem Wirklichkeitsabgleich. Deshalb stellt Mosebach die Wirklichkeit einfach mal als Kulisse aus. Die Wirklichkeit wird hübsch und radikal ornamental überformt. Mir stellt er damit eine Grabplatte in den Raum und lässt mich genüsslich darunter krepieren. Kein Werkzeug, keine Hilfsmittel, nur Dunkelheit.....denn Kommunikation als Beziehung ist hier nicht erwünscht. Es gibt keine Beziehung. Nur die Hölle des allein auf-sich-gestellt-seins.
Wie verhalte ich mich zur Welt, wenn sie mir literarisch keine Beziehung mehr anbietet?
Zusatz: Da sich das Buch für mich nicht kohärent zusammensetzt und ich es möglicherweise nicht verstanden habe, könnte sich meine Kurzeinordnung auch nur als falscher Film herausstellen. Ich bewerte es nur so schlecht, weil es mir persönlich in der Endabrechnung nichts zu sagen hat, mich perfide in den Text, hinter die Sprache hineingezogen, eine Suchbewegung in tagtraumhafter Manier vorgetäuscht hat, um mich mit samt den Figuren einzumauern und langsam zu ersticken. Ich habe es als existentielle Bedrohung erlebt. Eine grausame Struktur. Denke, jemandem der sich nicht wie ich hineinziehen lässt, könnte diese nihilistische Bösartigkeit durchaus sehr gefallen.
Im Mittelpunkt des Künstlerromans steht die Konfrontation von Kunst und Leben, die Ambivalenzen von Wirklichkeit und Fiktion. Wahre Kunst entsteht durch das Eindringen der Realität in das Werk, Kunst entsteht durch Zerstörung und Gleichgültigkeit gegenüber den realen Menschen. Und Kunst zerstört Menschenleben und ist gleichgültig, grausam und kalt. Letztendlich ist ein Kunstwerk genauso undurchdringlich, vexatorisch und unverständlich wie das Leben. Für diese Ambivalenzen findet Martin Mosebach starke Bilder, die unter die Haut gehen und sich einbrennen. Ein Satz in dem Roman fasziniert, den so mancher Bestsellerautor und unsere auf Erfolg und Anerkennung fixierte Gesellschaft durchdenken sollte: "Erfolg ist schlechtere Arbeit für mehr Geld." Oder spiegelt der (wiederum ambivalente) Satz nur eine billige Entschuldigung für Erfolglosigkeit?
Ein Buch für Freunde der Malerei. Aber nicht des kaltschnäuzigen Malers, der darin portraitiert wird. Einer, der seine Modelle zu Objekten macht, sie manipuliert, ausnutzt. Und das alles beschrieben in einer äußerst eleganten und bildreichen Sprache. Louis Creutz mag keine Portraits. Schon gar nicht von den Frauen, die ihm Modell sitzen oder liegen. Ihn interessiert die Haut, das „Inkarnat“, deshalb nur Akte. Die Haut sei es, die den Menschen repräsentiere. Da gebe es Beispiele, etwa „das Marzipan-Inkarnat von Ingres und das Schinken-Inkarnat von Franz Hals, das Elfenbein-Inkarnat von van Eyck und das durchblutete Inkarnat von Courbet“. Astrid ist eine der Frauen, die sich willig zum Objekt machen lassen, sie ist die „Richtige“. Sie bildet sich ein, da sei etwas Gegenseitiges, wird zur Figur in seinem Beisein, eine Figur, die sich wortwörtlich mit Haut und Haar in die Hände des Malers gegeben hat. Wie gebannt. Erst als der Maler nicht nur die Frau, sondern auch deren Mann zu seinen Zwecken benutzt, beginnt das „Unbehagen an ihrer Rolle“ zum Zorn der Frau zu werden, zur Verzweiflung, an der sie zerbricht. Nur hier lernt man sie richtig kennen: nicht als Geschöpf anderer, sondern als gebrochene Person. Es geht in dem Buch um die Macht des Malers, die Scheinheiligkeit des Kunstbetriebs, um das Fehlen jeglicher Empathie, um Liebe und existenzielle Einsamkeit. Wer Identifikationsfiguren sucht, sucht vergeblich. Der Roman ist ein großes Kunstwerk, aber keines das den Frauenfiguren mehr zugesteht als eine Opferrolle. Im Mai 2025 auf der Bestenliste des SWR.
Der Teil mit dem Maler, den reichen Mäzenen und der für den einen Unternehmer gesuchten Frau ist noch schlüssig. Warum dann die obdachlose Flora, die dem Maler wohl irgendwann als Modell gesessen hat , noch mit reinkommt , erschließt sich mir nicht.