"Über meinem Schreibtisch hängt ein Post-it, auf das ich immer schaue, wenn ich einen schlechten Tag habe und denke, dass ich eigentlich gar nichts kann und sich niemand für mich und meinen Kram interessiert. Auf dem Post-it steht: »Hör auf mit der Selbstvermausung!« Es ist ein lebenslanger Kampf und ich weiß, dass ich damit nicht allein bin. Ich kenne so unendlich viele kluge, erfolgreiche, interessante Frauen, die sich selbst vermausen, indem sie ihren Erfolg insgeheim für pures Glück und ihr Können für nicht der Rede wert halten. Die sich klein und ungefährlich machen. Wir sind darauf konditioniert, möglichst keine Umstände zu bereiten und es als größtes Kompliment zu empfinden, wenn andere Menschen uns für unkompliziert halten. Man will ja keine Diva sein, also anstrengend, fordernd, Raum einnehmend. Aber warum eigentlich nicht? Die Welt liebt Diven. Das Leben ist schöner und leichter, wenn man eine Diva ist, die immer und überall Respekt und Bewunderung einfordert."
"Und da wir immer noch im kapitalistischen Patriarchat mit seinen bekannten Schönheitsnormen leben, darf eine leicht überdurchschnittlich große Frau wie ich eigentlich nicht erwarten, ihren Oberkörper modisch ansprechend verhüllen zu dürfen."
"Die meisten konventionellen Klamotten werden nach einem festgelegten Schema gradiert, derselbe Schnitt also in unterschiedliche Konfektionsgrößen übertragen. Das bedeutet, dass ein unisex Standard-T-Shirt zwischen den Größen S und XXL zwar rund sieben Zentimeter breiter wird, aber nur drei Zentimeter länger. Das mag praktisch sein, wenn man einen genau diesem Schema entsprechenden Körperbau hat. Für Menschen, die sehr groß oder sehr klein sind oder einen Bauch haben oder einen langen Oberkörper oder große Brüste, ist das ziemlicher Mist."
"Natürlich frage ich mich manchmal, welches Bild diese Leute von mir haben, wenn sie mich mehr oder weniger bekleidet durch meine Wohnung laufen sehen oder mir beim Wäschefalten zuschauen. Ob ihnen aufgefallen ist, dass ich eine neue Küche habe? Dass das Bücherregal umsortiert ist? Ob ihnen mein neuer Morgenmantel gefällt, den ich für mich, aber eben auch ein bisschen für sie gekauft habe? Ob es sie tröstet, dass ich manchmal auch nur stumpf dasitze und die Wand anstarre, weil mir alles zu viel wird?"
"So habe ich mir damals das Erwachsensein vorgestellt: Es gibt ein Problem, und weil ich erwachsen bin, kenne ich die Lösung, also löse ich das Problem. Ganz einfach. Im Grunde besteht Erwachsenwerden ja vor allem darin, genau das als Illusion zu erkennen. Es gibt im Leben keine einfachen Lösungen, genauso wenig wie Spülmittel, das eingebranntes Fett mit einem Wisch entfernt. Aber je unübersichtlicher das Leben wird, desto größer wird auch mein Wunsch, zu diesem Kinderglauben zurückkehren zu können. Den ganzen Schmutz, der sich auf meinen Alltag legt, einfach sauber abkärchern zu können, das wäre zu schön."
"Es liegt etwas Einladendes und gleichzeitig Tröstliches in der Geste, jemandem ein Taschentuch zu reichen. Es ist eine Geste, die anerkennt, dass man traurig ist, und die dazu einlädt, diese Traurigkeit rauszulassen."