Kooperation gestaltet die Welt. In ihr liegt unsere Zukunft. Davon ist der renommierte Naturwissenschaftler Dirk Brockmann überzeugt. Er entwirft ein beeindruckendes Panorama über die Wirkmacht der was sie in Jahrmilliarden alles erfunden hat und was sie über die Kunst der Zusammenarbeit weiß.
Wir Wie Bakterien unser Nervensystem beeinflussen. Wie Moleküle verhandeln, die Photosynthese erfunden haben und das größte Massenaussterben aller Zeiten auslösten. Wie Tiere, Pflanzen, Pilze und auch Bakterien miteinander kommunizieren. Hören von netten Viren und von tierischen Solaranlagen. Und staunen, dass jeder Einzelne von uns »viele« ist.
Symbiosen und kooperative Verbindungen zwischen Lebewesen bilden das Fundament des Lebens. Kein Tier, keine Pflanze kommt ohne sie aus. Dabei sind Konkurrenz, »Survival of the Fittest«, und Kooperation keine gegensätzlichen Kräfte, sondern sie ergänzen sich. Doch während Konkurrenz und Wettbewerb für schrittweise Optimierung sorgen, bringt Kooperation ganz Neues hervor.
Dirk Brockmann beschreibt revolutionäre Innovationen der Erdgeschichte, die alle auf Kooperationen zurückgehen. Und er zieht den Vergleich zu gesellschaftlichen Prozessen. Sein Plä »Wenn wir die Natur als Lehrmeisterin akzeptieren, müssen wir auf Kooperation und Diversität setzen.«
Wer denkt, dass die Natur nur aus Fressen und Gefressenwerden besteht, sollte mal Dirk Brockmann eine Chance geben. Der Typ serviert uns in „Survival of the Nettest“ eine ziemlich wilde Tour durch Bakterien, Viren, Pilze und sonstige schräge Mitbewohner, die seit Jahrmilliarden nichts anderes machen, als Deals auszuhandeln. Klingt nach einer Wirtschaftssimulation mit Schleim, ist aber faszinierender als jede Netflix-Doku. Ständig dieses Gegeneinander, Survival of the Fittest und so – aber Brockmann dreht den Spieß um: Ohne Kooperation läuft gar nichts. Kein Baum, keine Mücke, nicht mal wir selbst wären hier ohne Symbiosen und clevere Team-Ups. Er macht aus trockener Biologie ein Feuerwerk aus Anekdoten, kuriosen Beispielen und manchmal so abgedrehten Bildern, dass ich mich gefragt habe, ob Bakterien nicht längst den besseren PR-Berater haben als wir Menschen.
Natürlich ist das Ganze kein Party-Roman. Manche Kapitel sind richtig wissenschaftlich, und da merkt man, dass Brockmann eben Forscher ist und nicht Stand-up-Comedian. Aber hey, man muss auch mal die Stirn runzeln dürfen, während man gleichzeitig über „nette Viren“ lacht. Ich schwöre, ich habe nach der Lektüre ernsthaft mein Frühstücksjoghurt mit völlig neuen Augen angesehen.
Was hängen bleibt? Kooperation ist das Ding. Wettbewerb bringt Evolution weiter, ja. Aber die richtig großen Knaller – Photosynthese, Nervensysteme, Kommunikation über Arten hinweg – sind das Ergebnis von Miteinander. Und Brockmann schafft es, diesen Gedanken nicht nur auf Biologie zu beschränken, sondern ganz sanft Richtung Gesellschaft zu schubsen.
Fazit: Ein Buch, das klug ist, Spaß macht und immer wieder kleine Mindblows liefert. Vier Sterne von mir, weil es trotz aller Leichtigkeit manchmal ein bisschen zu sehr ins Fachliche abtaucht. Aber definitiv eine dieser Lektüren, nach der man die Welt mit frisch polierten Augen sieht.
Bei allen interessanten Details über Evolution und Symbiose merkt man, dass dem Autor nicht an einem echten wissenschaftlichen Disput gelegen ist. Der Versuch einer wissenschaftlichen Synthese zeigt nämlich, dass die vom Autor beschriebene Hologenom-Theorie (Rosenberg) als Erweiterung oder Herausforderung der klassischen Sichtweise des "Egoistischen Gens" (Dawkins) gesehen werden kann. Der von ihm konstruierte Widerspruch ist ein Strohmann, was spätestens an der völlig uninformierten Diskussion über wirtschaftliches Wachstum erkennbar ist. Hier wird Wachstumstheorie auf Grundschulniveau präsentiert, wobei der ausgewiesene Naturwissenschaftler den Beweis erbringt, dass ihn das nicht automatisch zu einem qualifizierten Ökonomen macht (auch nicht zu einem Klimawissenschaftler). Weder kennt er den Unterschied zwischen quantitativem und qualitativen Wachstum, noch hat er die Knappheit und den Preismechanismus als Anreizmechanismus begriffen. Das Wirtschaft sich vor allem durch Kooperation auszeichnet ist ihm ebenso entgangen. Dazu kommen Falschbehauptungen, wie etwa die angebliche empirische Bestätigung des sogenannten Easterlin Paradox. Ganz im Gegenteil konnte ein negativer Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Glück nicht erhärtet werden. So endet dieses Buch wie viele andere als pessimistisches Katastrophenbuch, dass illiberalen Degrowth - Phantasien das Wort redet. Der Autor widmet ein ganzes Kapitel einem interessanten Gespräch mit ChatGPT. Hätte er die KI auch für die Recherche und den Faktencheck seiner Behauptungen benutzt, wäre das Buch ein ausgewogener Beitrag zum Thema Evolution und Kooperation geworden.
Ich liebe es, wenn ein Buch mir neue Perspektiven eröffnet. Und genau das machen "Survival of the Nettest" bzw. der Physiker Dirk Brockmann. Als Biologe kann ich bestätigen, dass das Thema Kooperation bei der Betrachtung der Evolution oft zu wenig Beachtung fand. Ohne Darwins Bedeutung zu schmälern: Wissenschaftler sind halt immer auch gefärbt durch den Geist ihrer Zeit. Brockmann gelingt es, der großen Erzählung des Lebens noch einige wichtige Seiten hinzuzufügen. Und: Der Mann kann wirklich schreiben, ich hatte viel viel Spaß, seinen Gedanken zu folgen. Hat man ja auch nicht immer…