Ich gehöre zu den Frauen, deren Eitelkeit sich in Grenzen hält. Meine Frisur muss praktisch sein, Make-up benutze ich selten und ich war noch nie in einem Nagelstudio. Das Alter bringt natürlich Dinge mit sich, die mir nicht so gut gefallen, aber es stört mich äußerst selten. Ich denke immer, dass das Alter unaufhörlich kommt und das ich, wenn ich da irgendwas machen lasse, auch nicht schöner aussehe, sondern nur künstlicher.
Johanna hingegen hadert damit, dass sich ihr Aussehen zum Nachteil verändert. Nachdem ihre Mitarbeiterin, die sich schon sehr jung mit Botox behandeln lässt, davon erzählt, sucht sie einen Schönheitschirurgen auf und lässt sich Zornes- und Gramesfalten wegspritzen. Doch Vorsicht, das ganze macht süchtig.
Die Autorin hat Johanna in ein ganz besonderes Setting gesetzt. Der Vater, der getrennt von ihrer Mutter lebt, ist verstorben und hat ihr einen Garten hinterlassen. Hier verbringt die Floristin sehr viel Zeit. Generell ist das ganze Blumen- und Pflanzengewerbe der Rahmen, der der Geschichte bunte Farben verleiht.
Außerdem ist Johanna mit einem Kapitän verheiratet, der mehrere Monate auf See ist und im wahrsten Sinne des Wortes Ordnung in das Leben seiner Frau und seiner 15-jährigen Tochter Rosa bringt, wenn er wieder zu Hause ist.
Und dann haben wir auch noch die Beziehung zur Mutter, die den Vater verlassen hat.
Was ist Schönheit? Für wen möchten wir schön sein und wie will man altern? Das sind die großen Fragen des Romans und Johanna geht da ganz anders mit um als ich das tue. Generell habe ich lange nicht mehr das Gefühl gehabt einer Protagonistin zu begegnen, die sich sosehr von mir unterscheidet. Ich konnte rational gut verstehen, dass sie Probleme damit hat (für Männer) unsichtbar zu werden, emotional war das sehr weit von allem weg, was ich so fühle. Denn ich fühle mich in der Unsichtbarkeit geborgen und mache mich sichtbar, wenn ich das möchte. Für mich ist das eine Bringschuld. Ich bin nicht bereit unsichtbar zu bleiben wenn ich gesehen werden will. Aber ich genieße es optisch schon aufgrund meines Alters nicht ständig wegen meiner optischen Außenwirkung im Mittelpunkt zu stehen.
An einer Stelle im Buch wird die Mutter von Johanna „Loslasserin“ bezeichnet und da habe ich mich sofort wieder gefunden. Johanna aber hadert mit dem loslassen, dem ihres verstorbenen Vaters, ihres jugendlichen Aussehens und der Selbstständigkeit ihrer Tochter. Ist sie aber damit konfrontiert, dass es unausweichlich ist, reagiert sie meinem Empfinden nach verletzt und das ist ein bisschen zu sehr.
Die Beziehung zwischen ihr und ihrem Mann konnte ich wenig greifen, ich fand die Art, wie sie eine Beziehung führen interessant, aber auch sehr distanziert. Ihre Rolle als Mutter und als selbstständige Frau war mir da plausibler.
Generell ist Johanna eine Person, die auf Kritik sehr sensibel reagiert und in der Folge andere Menschen vor den Kopf stößt. Sympathisch fand ich sie dadurch nicht.
Aber das hat meinem Lese Vergnügen überhaupt keinen Abbruch getan, im Gegenteil: Ich fand das Spannungsfeld zwischen dem Anspruch, einem Kind ein gesundes Selbstbewusstsein zu vermitteln und sich gleichzeitig den Körper aufhübschen zu lassen, sehr interessant und hatte ein paar Gedanken dazu die mich immer noch beschäftigen. Besonders die Frage danach, wo die Grenze ist? Ist es schon der Friseurbesuch, oder erst eine Operation?
Eine literarische Erleichterung fand ich das Lohmann, der Protagonistin ein weibliches ich verschafft, hat das unüblich in Romanen ist. Sie ist ein bisschen träge und unordentlich, hat nicht den Anspruch in der Erziehung immer alles richtig zu machen und hält sich auch im Job eher zurück und über lässt anderen das Feld. Sie ist also sowas wie eine Antiheldin, die im Kontrast zu den ganzen „Superfrauen-Büchern“ steht, die immer alles richtig machen wollen und das dann auch tun. Mit Johanna ist das erfrischend anders und lässt sie dadurch für mich nahbar werden.
Die ruhige Erzählweise von Lohmann hat mich jedes Mal runtergeholt, wenn ich das Buch in die Hand genommen habe. Ich hab mich sehr wohl gefühlt beim Lesen und das, obwohl ich bei einigen Stellen den Kopf schütteln musste. Es braucht also nicht immer eine Liebe zu den Protagonist*innen um ein Buch gut zu finden.
Ein sehr schönes Buch für den Frühling im Jahr und den beginnenden Herbst des Lebens, welches für mir wegen der Auseinandersetzung mit der Hauptfigur Gelegenheit zur eigenen Reflektionen bot. Und irgendwie macht es mich ganz glücklich, dass ich mein Äußeres zwar nicht perfekt finde, aber meinen Frieden schon vor langer, langer Zeit damit gemacht habe. Ich geb das ganze Geld, das ich dafür benötigen, würde lieber für schöne Erlebnisse aus.
Wie sieht es bei euch aus? Habt ihr Sorge (gehabt), dass sich euer Äußeres zum negativen verändert (hat), weil ihr alt werdet/seid? Schreibt es gerne in die Kommentare, wenn ihr das teilen möchtet.