Lieber Pierre,
da ich dich aus dem Radio und dem Fernsehen kenne und deinen Moderationsstil meist recht amüsant fand, war ich neugierig auf dein Buch. Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass ich aus einem sehr kleinen Schwarzwalddorf komme, das allerdings nicht in der Nähe eines namhaften Kulturzentrums liegt, sondern wirklich in der tiefsten Provinz. Vieles von dem, was du schreibst, kommt mir sehr bekannt vor. (Öffnungszeiten der Post, der Bank??? Die forcierte Fröhlichkeit an Fasnacht? Ich stimme dir zu, das ist zum Gruseln.) Aus Karlsruhe stammend, kommt dir Baden Baden womöglich sehr provinziell vor, und du denkst wahrscheinlich, dein neues Domizil drei Dörfer außerhalb von Baden Baden wäre der Rand der Welt. Aber, vertraue mir, es geht noch viel provinzieller. Damit wären wir auch schon bei meinem Hauptkritikpunkt gelandet. Dieses Jahr habe ich ein anderes humorvolles Buch eines deiner Kollegen gelesen, der ebenfalls aufs Dorf gezogen ist. Auch er rätselt über die ungeschriebenen Regeln der Alteingesessenen und spürt den kritischen Blick, mit dem er, der Fremdling, beobachtet wird. Anders als du macht sich Dieter Moor jedoch nie über die Leute lustig, die dort leben, sondern freut sich über deren freundliche und freundschaftliche Gesten, während er versucht, zum Bestandteil der Gemeinde zu werden. Er spricht stets mit Respekt über seine neue Heimat und deren Bewohner. Du jedoch pflegst den Habitus des Städters, Spötters und schnöseligen Bildungsbürgers, der aus intellektuellen Gründen weit über der Dorfbevölkerung steht. Auch der spaßige Grundton vermag daran nichts zu ändern.
Grundsätzlich fand ich deinen Humor immer sehr unterhaltsam, und ich habe über deine Beobachtungen mehrmals geschmunzelt; das Problem ist jedoch, dass in einer solchen Publikation die Formelhaftigkeit deiner Sprüche durch deine kurzweilige Prosa hindurchschimmert und schnell vorhersehbar wird. Insgesamt fand ich dein Buch stellenweise lustig, aber insgesamt völlig vergessenswert.