Stefan von Kempis’ „Weißer Rauch und falsche Mönche“ ist eine überaus erhellende Lichtung im weihrauchgeschwängerten Dickicht der vatikanischen Geschichte. Während man in Berlin heute jede politische Pattsituation mit dem Wort „Komplexität“ umstellt, zeigt Kempis, dass man 1271 in Viterbo deutlich pragmatischer vorging: Wer sich nicht entscheiden kann, wird eingesperrt – bei Wasser und Brot. Eine Methode der kirchenhistorischen Potentialentfaltung, die manchem modernen Koalitionsausschuss gut zu Gesicht stünde.
Besonders amüsant – und lehrreich – ist die Schilderung jenes legendären Konklaves von Viterbo, das 1005 Tage dauerte, bei dem die genervten Bürger die Kardinäle kurzerhand im Palast einschlossen und schließlich sogar das Dach abdeckten, um dem Heiligen Geist (oder notfalls dem Regen) freien Zugang zu verschaffen. Kempis macht hier deutlich, dass der sakrale Ernst der Papstwahl seit jeher von sehr weltlichen Machtkämpfen, taktischem Kalkül und handfesten Kuriositäten begleitet wird. Hinter dem feierlichen Einzug in die Sixtinische Kapelle lauert oft ein erstaunlich profaner Crunch der Vernunft.
Der titelgebende Begriff der „falschen Mönche“ führt mitten hinein in die lange Geschichte externer Einflussnahmen. Kaiser, Könige und weltliche Mächte versuchten über Jahrhunderte hinweg, die Papstwahl zu steuern oder zu delegitimieren – bis hin zur berühmten Schmähung Gregors VII. durch Heinrich IV. als „falschen Mönch“ im Investiturstreit. Kempis dekonstruiert diese Aufteilung des Sinnlichen, in der weltliche Herrschaft sich geistlicher Legitimation bediente, bevor sich mühsam das Prinzip durchsetzte, dass allein das Kardinalskollegium über den weißen Rauch entscheidet.
Abgerundet wird das Buch durch zahlreiche technische und institutionelle Details, die heute fast surreal wirken: Die geheime schriftliche Wahl etwa wurde erst 1621 eingeführt; zuvor dominierten Akklamation, öffentlicher Druck und diskrete Einflüsterungen. Auch die theoretische Möglichkeit, dass ein einfacher Dorfpfarrer zum Papst gewählt werden könnte, gehört zu diesen faszinierenden Fußnoten – selbst wenn das zölibatäre Gremium in der Praxis lieber unter sich bleibt.
So erweist sich Kempis’ Werk als ebenso kenntnisreiche wie unterhaltsame Einführung in ein jahrhundertelang gewachsenes Gestell aus Ritual, Macht und Improvisation. Wer verstehen will, warum Rauchzeichen selbst im Zeitalter von Livestreams noch immer die höchste Form vatikanischer Kommunikation darstellen, findet hier ein ebenso kluges wie vergnügliches Handbuch.