Der blinde Fleck in der eigenen Familiengeschichte
Die Schoah und das Ende des Zweiten Weltkriegs liegen weit zurück, es leben nur noch wenige Zeitzeugen und Zeitzeuginnen. Ihre Vergangenheit jedoch hinterlässt bis heute Spuren in den Familien. Geprägt durch eine Katastrophe, die sie nicht selbst erlebt haben, haben viele Nachkommen der Täter, Komplizen, Handlanger, Mitläufer und Opportunisten seelische Wunden, deren Ursachen sie oft nur vage zwischenmenschliche Kälte, Schuldgefühle, Ängste, Einsamkeit, ein Gefühl der Entwurzelung. In vielen Familien sind bleiernes Schweigen, verdrängte Erinnerungen, wohlgehütete Geheimnisse, hartnäckige Lügen allgegenwärtig – ein erdrückendes Erbe, dessen Gift bis heute wirkt. Doch nun bricht dieser Panzer des Schweigens Da sie keine Konfrontation mit den Großeltern oder Eltern mehr fürchten müssen, recherchieren immer mehr Menschen ihre Familiengeschichte und spüren nach, wie sich diese auf die eigenen Lebensmuster ausgewirkt hat. Der Trauma- und Stressexperte Louis Lewitan und der preisgekrönte Journalist Stephan Lebert schreiben anhand von ergreifenden Gesprächen mit Betroffenen über die ebenso schwierige wie befreiende Auseinandersetzung mit der Last der eigenen Familiengeschichte. Ein Beitrag zur deutschen Erinnerungskultur, der aktueller denn je ist.
Mich hat dieses Buch nochmal tiefer in die Frage der „vererbten“ Traumata mitgenommen. Gerade heute ist die Frage der Wirkung von Krieg, millionenfachem Mord durch Deutsche auf emotionaler Ebene bedeutsam. Wie genau weiß ich eigentlich, was die Menschen in meiner Familie in der Zeit getan haben? Was bedeutet es mir, das zu wissen? Welche Wirkung spüre ich in meiner Familie? - so tauche ich nochmal ein - 14 Jahre nach „Kriegskinder“ von Sabine Bode … und lese weiter „Unsere Nachkriegseltern“ von Miriam Gebhard
Das Buch lässt sich trotz des ernsten Themas durch die verschiedenen Interviews wunderbar leicht lesen und regt an,sich intensiver mit der eigenen Familiengeschichte auseinanderzusetzen.(:
Schon in diesem Buch vor einem halben Jahr: der Hinweis auf die mutige Neugestaltung einer Erinnerungskultur jenseits von "Gedächtnistheater". @keine.erinnerunsgskultur mit Susanne Siegert, Gedenken neu denken (sehr lesenswerte Neuerscheinung im November 2025).