Seutendorf, Ostholstein, Anfang November 1975.
Die Mutter der 14-jährigen Beeke ist plötzlich gestorben. Ihr Vater ist mit der Situation überfordert, Oma Großkordt ist ebenfalls keine Hilfe und Beeke sieht für sich und ihre jüngeren Schwestern nur eine Chance: sie muss ihren Bruder, der in München kurz vor dem großen Durchbruch als Disco-Produzent stehen soll, nach Hause holen.
In einer Nacht- und Nebelaktion reißt sie aus dem tristen Elternhaus aus und begibt sich per Anhalter und Bahn auf die Reise von der norddeutschen Provinz in die bayrische Landeshauptstadt.
Ihr Bruder nennt sich jetzt Jerry Peters, da es jedoch seit einem halben Jahr keinen Kontakt gab, hat Beeke weder Adresse noch Telefonnummer von ihm und begibt sich nach der Ankunft in München auf eine abenteuerliche Suche.
Wird Beeke ihren Bruder finden?
„Habe ich berühmte Leute gesehen, Eric Clapton, Mick Jagger, Keith Richards, oder habe ich immer nur gehört, sie wären gerade hier gewesen, oder vorige Woche, oder sie kämen nächsten Monat nach München?“ (S.132)
Till Raether lässt die 65-jährige Beeke ihre Geschichte erzählen; sie berichtet von der Suche nach dem Bruder und den Menschen, die ihr dabei begegnet sind, von der Musikszene der 70er Jahre in München, von zu hohen Absätzen, zu kurzen Röcken und Rum Cola. Aber sie blickt auch auf die familiäre Situation zurück, auf Lebenslügen, Fehlentscheidungen und Selbstbetrug.
Der Roman ist 70er-Jahre-Feeling pur, man spürt den Auf- und Umbruch, eine neue Generation, die alte Zeiten hinter sich lassen möchte. Und mittendrin Beeke, die, wie alle Figuren, so lebhaft beschrieben wird, dass ich von der ersten bis zur letzten Seite das Gefühl hatte, bei ihrer Reise nach München und zu sich selbst, dabei zu sein.
Ich habe Beeke auf ihrer Reise sehr gerne begleitet. Till Raether beschreibt die häusliche Situation sehr eindringlich, so dass gut nachvollziehbar ist, warum Beeke sich Unterstützung und eine Verbesserung der Gegebenheiten verspricht, wenn ihr Bruder, der vor der Enge des Elternhauses und der Provinz nach München geflohen ist, zurückkehrt. Es ist berührend zu lesen, wie viel Hoffnung die 14-jährige hat, was sie auf sich nimmt, um ihn zu finden, wie viel Mut, aber auch Traurigkeit und Verzweiflung mit auf der Reise sind.
Beekes Bericht von der Reise und der Rückblick auf ihr Leben hat mich berührt und begeistert.
Eine wunderbare Geschichte – große Leseempfehlung!