»Kannst du nicht mal … Musst du immer … Ich habe dir doch schon zehnmal gesagt …« Was bringt uns eigentlich dazu, mit Kindern umzugehen, wie wir es mit Erwachsenen nie tun würden? Ist Elternsein ein ewiges Ziehen und Zerren, Maßregeln und Belohnen, Schimpfen und Fordern? Läuft nicht grundlegend etwas falsch in der Beziehung zwischen großen und kleinen Menschen? Viele Debatten, die wir rund um Kinder führen, hören dort auf, wo Ruth Abraham mir ihrem Buch anfängt. Mit radikaler Ehrlichkeit hält sie uns einen Spiegel vor und deckt mit klugen Beobachtungen auf, wie inkonsequent wir darin sind, unsere eigene Rolle zu hinterfragen. Zugleich zeigt sie, wie leicht es sich Gesellschaften machen, die Elternschaft zur Privatsache erklären. Abrahams Plädoyer bricht eine Lanze für unsere Kinder, denkt das Zusammenleben mit ihnen neu und leistet damit einen wesentlichen pädagogischen Beitrag. Sie zeigt, dass wir für ein besseres Familienleben, für eine fairere Gesellschaft gar nicht anders können, als Erziehung hinter uns zu lassen.
Wer Ruth Abraham aka “Der Kompass” schonmal bei Social Media gesehen hat, weiß, dass sie gerne aufs große Ganze geht. So auch in “Erziehung war Gestern”, dass im Untertitel nicht weniger verspricht als eine “radikale Kehrtwende für Eltern, bei der alle gewinnen.” Nunja, die versprochene kopernikanische Wende ist ihr mit dem Buch sicher nicht gelungen. Aber wie auch? Schliesslich ist sie sich bewusst darüber, welche mächtigen Gewohnheiten dem angestrebten Ideal friedlicher Elternschaft entgegenstehen. Friedliche Elternschaft ist daher ein stetiger Kampf gegen hartnäckige Gewohnheiten und kaltherzige soziale Erwartungen. Und das unter den sowieso schon harten Bedingungen des Spätkapitalismus. Damit einher geht dann aber in den Texten selber doch eine angenehme Bescheidenheit, die die eigene Erfahrung nicht absolut setzt und sich gerade gegen Perfektionsansprüche richtet. Es gibt kein etabliertes Regelwerk friedvoller Elternschaft, sondern Prinzipien und Erfahrungen. Fragend gehen wir voran.
Abraham gelingt es dabei die kleinen Kämpfe und Praktiken des Alltags in Verbindung zum großen Ganzen zu stellen. Durchweg ist klar, dass friedvolle Elternschaft nicht nur ein nettes Ideal ist, sondern notwendig, wenn man an der Hoffnung auf eine emanzipatorische Gesellschaft festhält. Nicht das Erzeugen funktionaler Staatsbürger*innen ist das Maß an dem Abraham gelungene Elternschaft ausrichtet, sondern wie (kleine) Menschen menschlich begleitet werden.
Das geschieht im vorliegenden Buch in einer Reihe kürzerer Essays, die auch längere Blogposts sein könnten. Anekdotisch aber mit wissenschaftlicher Rückendeckung stellt sie ihren Ansatz für friedvolle Elternschaft in Bezug auf Themen wie Macht, Scham oder auch gesellschaftliche Rahmenbedingungen dar. Der Ansatz versucht sich dann tatsächlich an einer Art kopernikanische Wende, in dem das Kind als Subjekt in den Mittelpunkt gestellt wird. So etwa, wenn Liebe nicht als Gefühl des Liebenden, sondern als ein Bedürfnis des geliebten Kindes gefasst wird. Konzeptionell bewegt sich Abrahams im Bereich Bindungs- und Bedürfnisorientierter Ansätze, wobei ihr Fokus deutlicher auf gesellschaftliche Rahmenbedingungen und eine Begleitung zur Mündigkeit gerichtet ist, als bei anderen Vertreter*innen dieser Pädagogiken. Wer es ernst damit meint Kinder im Angesicht von Rechtsruck und Autoritarismus human zu erziehen, wird um Ruth Abraham kaum herumkommen und in diesem Buch wichtige Impulse mitnehmen.
Indes darf man sich eben auch nicht zu viel vom dünnen Büchlein erwarten. So fällt die Begriffsarbeit teilweise etwas hastig aus und lässt sicher Raum für Kritik. Trifft ihr Begriff von Erziehung (ich meine ja)? Ist es zulässig von gezielter Beeinflussung auf Macht und Gewalt zu schließen? Hält das emphatische Konzept kindlicher Subjektivität anthropologisch stand? Wie genau ist die Machttheorie konzipiert und wie vertragen sich Luhmann, Honneth und Adorno (wobei letztere beiden sich eh nur zwischen den Zeilen verstecken)? Solche Fragen mögen in der täglichen Praxis nachrangig sein und lassen sich sicher auch auflösen, ich hatte mir aber etwas mehr Blick hinter den theoretischen Vorhang gewünscht.
Am Ende leistet das Buch weniger als es verspricht, aber dennoch eine ganze Menge. Denn es gelingt der Autorin durchweg einen Wechsel des Blickwinkels anzuregen und Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen. So ist das Buch zwar keine Revolution, aber eine starke Stimme für eine emanzipatorische Elternschaft, dass sich als guter Impuslgeber und Einblick in die Prinzipien friedvoller Elternschaft eignet.
Als ich Ruth Abrahams „Erziehung war gestern“ anfing zu lesen, hatte ich keine Ahnung, wie viel inspirierender und provokanter Inhalt mich in diesem dünnen Büchlein erwartet. Die Autorin stellt interessante Ideen vor, wie wir mit unseren Kindern umgehen können. Dabei verzichtet sie auf einen oberlehrerhaften Tonfall und den erhobenen Zeigefinger, fordert den Leser aber mit provokanten Denkanstößen und Reflexionsfragen heraus.
Gefreut habe ich mich über ihr tiefes Verständnis und darüber, gesehen zu werden. Denn Elternschaft und Care-Arbeit sind in unserer Gesellschaft noch immer oft ungesehen und mit wenig Anerkennung und Unterstützung verbunden. Ich verspürte auch Erleichterung bei ihren Ratschlägen, da ich mich in meinem Umgang mit meinen eigenen Kindern bestätigt gefühlt habe. Doch nicht nur das, ich kann auch Inspiration und praxisnahe Vorschläge aus dem Buch mitnehmen.
Dennoch haben mir nicht alle Inhalte gefallen. Zuweilen ist Abrahams Ton sehr dominant, fast schon aggressiv und nicht jeden ihrer Gedankengänge fand ich nachvollziehbar. Das tut aber der Sinnhaftigkeit ihrer innovativen Perspektive keinen Abbruch. Ich konnte die Inhalte für mich gut selektieren und picke mir raus, was ich für mich und meine Familie gebrauchen kann. Ohne Stress und Druck, ganz im Sinne der Autorin:
„Und nicht vergessen: Du bist und bleibst souverän auf deinem Weg. Dies ist auch ein Anti-Ratgeber: Ich weiß nicht, was für dein Leben gut ist. Geh einfach los und setze das um, was zu deiner Familie und deinem Weg passt und vor allem, was deinen Werten entspricht.“
Geschenk einer guten Freundin von mir auf Basis eines Gesprächs darüber, wie wir Kinder, ihre Bedürfnisse und Wünsche ernst nehmen und mit ihnen auf Augenhöhe umgehen.
Bisweilen fehlt mir in Ruth Abrahams Argumentation die Tiefe und Stringenz. Dann fällt es mir schwer, einen ihrer Ansätze zu übernehmen, wenn er auf einem schwachen Argument beruht.
Viele Aspekte aber finde ich sehr wertvoll, haben viel in mir angeregt und mir das Gefühl gegeben, dass ein gleichberechtigter Umgang mit Kindern gelingen kann. Besonders mitgenommen habe ich die Erkenntnis, dass man als Elter Kindern gegenüber nicht keine Macht anwenden kann. Laut Abraham ist das okay, sofern ich weiß wann und warum ich Macht anwende und wenn dies mit den Prinzipien meines Lebens vereinbar ist.
Vielen Dank für diesen Ansatz und einen Zuwachs zu meiner kleinen Sammlung von Literatur fürs Leben mit Kindern.
Sehr lesenswert! Ein etwas anderes „Erziehungsbuch“ aber sehr interessant und aufschlussreich. Ist auch sehr schnell gelesen aber regt definitiv zum nachdenken an.