„Die Nacht, die uns verschlingt“ von Emily Bähr ist der Auftakt der „A Curse So Divine“-Trilogie. Romantasy in einer verfluchten Welt, die von den Göttern verlassen wurde.
Ligeias Traum ist es, an der Akademie der alten Künste zu studieren und den Fluch zu brechen, der ihr Land in ewige Finsternis hüllt. Allerdings sind Frauen ohne Vormund oder Ehemann nicht nur an der Akademie nicht erwünscht, sie müssen sogar die Stadt verlassen. Auf sich allein gestellt findet sie Zuflucht in einem Bordell, indem sie überwintert. Im Sommer hingegen streift sie durch die Wildnis und geht auf Expeditionen. Bei einer solchen Exkursion stößt sie auf Apsinthion – einen Gott ohne Erinnerung und ohne Kräfte. Sie schließen einen Pakt: er hilft Ligeia, zurück an die Akademie zu kommen und den Fluch zu brechen, während sie ihm dabei hilft, sein Gedächtnis und damit auch seine göttlichen Kräfte zurückzuerlangen.
„Fake Dating“ mit einem Gott? Na, das ist doch mal ein lustiges Konzept. Wobei „lustig“ definitiv nicht das richtige Adjektiv für diese Buchreihe ist. Zwar liefern sich Apsinthion und Ligeia einige unterhaltsame Wortgefechte, doch der Grundtenor der Geschichte mutet eher düster und tragisch an. Beide Figuren haben mit Verlust zu kämpfen, aber Ligeia hat ein besonders schweres Los.
In einer Welt, in der Frauen keinerlei Wert haben, ist jeder Tag ein Kampf, um den Kopf nur über Wasser zu halten. Doch der Sog der depressiven Untiefen ist stark und dies schildert Bähr unheimlich gut. Schon mit dem Auftakt ihrer „Chosen“-Dilogie, die tatsächlich eher in die lustig-spannende Kategorie fällt, hat sie mich damit überrascht, wie authentisch sie die Gefühle und die erlebte Realität einer Protagonistin, die nicht dem idealen Körperbild entspricht, darstellt und mich damit tief berührt. In „A Curse So Divine“ trifft sie wieder den Nagel auf den Kopf – nur handelt es sich hier um das Gefühl einer negativen Abwärtsspirale, die vermutlich jeder schon einmal durchlebt hat, ob man nun „klinisch depressiv“ ist oder nicht.
Ebenso überragend behandelt sie hier das Thema Sexualität. Gleich zu Beginn erfahren wir und auch Apsinthion, dass Ligeia eine Zeit in dem Bordell, das sie ihr Zuhause nennt, nicht nur als Kellnerin gearbeitet hat. Sie schämt sich nicht dafür und auch Apsinthion verurteilt sie auf keiner Seite. In der Akademie schreiben die beiden sich als Verlobte ein und teilen sich somit auch ein Zimmer. In diesem Kontext wird Nacktheit völlig desexualisiert. Sie sehen sich unweigerlich in jedem Zustand, ziehen sich voreinander schamlos um – und es endet nicht mit inneren Monologen darüber, wie scharf der jeweils andere ist. Stattdessen fällt dem Gott in einer dieser Szenen auf, dass Ligeia körperlich abbaut und entscheidet fortan, ihr Essen aus der Mensa mitzubringen, wenn sie diese mal wieder meidet, um der Aversion ihrer Kommilitonen zu entgehen. Nichtsdestotrotz ist es eine Liebesgeschichte. Die beiden finden sich natürlich attraktiv und es gibt auch eine zärtliche Szene zwischen ihnen, aber der Fokus liegt eben nicht auf oberflächliche Körperlichkeit. Ich glaube nicht, dass mir das so in dem Genre Romantasy schon einmal untergekommen ist. Also, danke dafür, Emily!
Die Geschichte selbst verliert sich im Mittelteil etwas in der Akademie, ist aber dennoch an keiner Stelle langweilig. Bähr schreibt hier eine Romantasy, bei der der Fokus ganz klar auf der Fantasy liegt. Das spiegelt sich auch in dem Worldbuilding wider, das für das Genre schon sehr gut ausgearbeitet ist. Das Magiesystem könnte noch etwas besser erklärt werden, aber die Mischung aus Technologie und Magie ist immer spannend. Die größten Fragen werden schon fast vollständig in diesem Band beantwortet, werfen aber so viele Neue auf, dass ich es kaum erwarten kann, den nächsten Band in die Finger zu kriegen. Zum Glück erscheint „Der Wunsch, der uns zerreißt“ bereits im August.
Fazit:
Emily Bährs „Die Nacht, die uns verschlingt“ ist ein gelungener Auftakt. Bähr schafft hier eine Welt, die fasziniert und dazu lockt, sie weiter zu erkunden. Ligeia und Apsinthion sind liebevoll gestaltete Charaktere mit Ecken und Kanten und einer sehr authentischen Gefühlswelt. Der Handlungsbogen flacht zwar an der Akademie etwas ab, bleibt aber dennoch durchgehend interessant. Bährs Stil lässt sich einfach super lesen – 4/5 Sterne.