Tove Ditlevsen habe ich, wie viele andere, 2021 durch die Neuübersetzung der Kopenhagen-Trilogie von Ursel Allenstein für mich entdecken dürfen. Seitdem bin ich eine große Bewunderin ihrer Werke. Auch "Böses Glück", ebenso in der Übersetzung von Ursel Allenstein, eine Sammlung von Kurzgeschichten der Autorin, hat mich sehr überzeugen können. Ich liebe den klaren, dezidierten Stil Ditlevsens und mag die Art, wie sie Alltagsbeobachtungen in fesselnde Erzählungen verwandelt. In ihren Storys geht es fast ausschließlich um Frauen, um deren Leben und Beziehungen im Kopenhagen des 20. Jahrhunderts. Sie alle haben Wünsche und Träume, die sich nicht erfüllen lassen, und wenn, dann nur in abgewandelten, zumeist unerfreulichen, katastrophalen Varianten. Es geht zum Beispiel um eine Frau, die alles versucht, um ihren depressiven Partner glücklich zu machen, oder auch um eine betrogene Mutter, die aus Eifersucht das Kindermädchen entlässt.
Tove Ditlevsens Geschichten von Liebe, Verlangen, Verzweiflung und Ausbruch aus Rollenbildern gehen unter die Haut. Sie erweist sich mit "Böses Glück" einmal mehr als Meisterin der kurzen Erzählungen - auch wenn ich manche Storys gerne noch weiter verfolgt hätte. Man erkennt in diesen Geschichtsfragmenten bereits die Kopenhagen-Trilogie und ihren Roman "Gesichter", was mir sehr gefallen hat. Obwohl die Kurzgeschichten teilweise bereits um 1950 erschienen sind, haben sie nichts an Aktualität eingebüßt - für mich immer wieder aufs Neue beeindruckend! Wer einen Einstieg in Ditlevsens Werke sucht, kann in meinen Augen sehr gut mit "Böses Glück" beginnen.