»Katharina Köller erzählt beherzt, feinsinnig und abgründig. Ein soghaftes Alpen-Kammerspiel.« Daniela Dröscher
Marie rennt panisch einen Berg hinauf. Auf der Flucht vor einer Welt, in der vieles aus dem Lot geraten ist, sucht sie Schutz bei ihrer Cousine Johanna. Ausgerechnet bei Johanna, die seit Jahren wie eine Eremitin auf einer entlegenen Tiroler Alm lebt. Marie und Johanna, sie könnten nicht unterschiedlicher die scharfzüngige Wienerin, Luxusgeschöpf aus einer Luxuswelt, zugleich verwöhnt und verachtet von Ehemann Peter – und das »wilde Tier im Körper von einem Menschen« (Marie über Johanna), das beim Erwachsenwerden scheinbar die Sprache verloren und die Gesellschaft hinter sich gelassen hat. Für die beiden Frauen beginnt ein ungewöhnliches Kräftemessen, ein Ringen um ihr Selbstverständnis, aber auch um einen gemeinsamen Weg. In ihrem so poetischen wie politischen Roman, Märchen, Parabel und pulsierende Zivilisationskritik in einem, feiert Katharina Köller zwei Frauen und ihren eigensinnigen Aufbruch ins Leben. »Ich war dort, wo man mich hingepflanzt hat, wie ein Ziergewächs in einem Topf. Jetzt bin ich hier und wuchere.«»Kann man noch weiblicher, noch österreichischer, noch besser schreiben? Ich denke nicht!« Mareike Fallwickl
Ich hab es verschlungen. Das Buch überzeugt mit seiner meist düsteren Berg-Atmosphere, den beiden Charakteren - zwei Cousinen, die unterschiedlicher wohl nicht sein könnten, und durch eine Entscheidung nach Jahren wieder miteinander konfrontiert sind - und der subtilen Gesellschaftskritik.
Wer als Kind keine Liebe erfährt, kann sich selbst nicht lieben und läuft Gefahr, in die Fallstricke toxischer Beziehungen zu geraten. Ein kraftvolles Buch über psychische und physische Gewalt, über verschiedene Arten von Einsamkeit, feministisch, gesellschaftskritisch und mit brutaler Sogwirkung. Die Natur als Kraft- und Trostspender in einer Welt, die sprach- und machtlos gemacht hat.
Das war ein schneller Ritt in zwei Tagen. Wir begleiten Marie, die panisch in die Berge flieht zu einem Ort, an dem niemand sie vermuten wird: zu ihrer Kusine Johanna ,die dort seit Jahren einsam in ihrer Hütte lebt. An der Stirn hat Marie eine Platzwunde, alles ist voller Blut. Ich fand es spannend uund extrem atmosphärisch. Ich konnte den Staub, die Mäuse, die Ziegen riechen, aber auch die klare Bergluft und den Regen. Die Kusinen nähern sich langsam an und es kommen jetzt Themen wie Rollenzuschreibungen, Normen zum Vorschein. Wer war oder ist wirklich frei?
Auch ich wollte wissen, welche Art Geschichte sich hinter diesem wunderschönen Cover verbirgt und bin ganz unvoreingenommen in die Story gestartet, denn ich achte vor meiner Lektüre eines Buches immer penibel darauf, nicht vorher gespoilert oder beeinflusst zu werden, denn ich möchte mir meinen ganz eigenen Eindruck verschaffen (und Euch anschließend hier daran teilhaben lassen).
Das folgende Zitat spiegelt perfekt, worum es in „Wild wuchern“ geht:
„Ich war dort, wo man mich hingepflanzt hat, wie ein Ziergewächs in einem Topf. Jetzt bin ich hier und wuchere. Und niemand mehr da, der mich stutzt. Aber auch niemand, der mir Wasser gibt.“
Unsere Protagonistin ist Marie, eine junge Wienerin mit wie man so schön sagt, einem geregelten Leben - ein Ziergewächs in einer hübschen Wohnung mitten in der Stadt (oder im Topf sinnbildlich). Allerdings läuft nicht alles so rund, wie es nach außen scheint, denn sie ist ein Opfer von häuslicher Gewalt seitens ihres Lebenspartners Peter. Wir steigen in die Story ein, als sie flüchtet - vor dem neuesten Gewaltausbruch, vor ihrem Lebensgefährten, vor ihrem Leben. Doch wohin? Wo ist sie sicher? Sie macht sich auf den Weg zu einem Ort ihrer Kindheit, einer Tiroler Alm, der von ihrer Cousine Johanna bewohnt wird. Johanna war schon in der gemeinsam verbrachten Kindheit psychisch auffällig geworden, indem sie Ihre Kommunikation aufs Nötigste beschränkte und oft nicht mal das - sprich: sie zog sich in sich selbst zurück und stellte die Konversation mit anderen Menschen auch teils komplett ein. Wir werden hineingezogen in Maries Gedankenstrudel aus Angst - Angst, verfolgt zu werden von Peter, Angst, gefunden zu werden von Peter, aber auch Angst, abgelehnt zu werden von Johanna. Denn Marie struggelt nicht nur mit ihrer aktuellen Situation, sondern auch mit gewissen Erfahrungen aus und Erinnerungen an ihre Kindheit. Denn ebendiese Alm wurde einst auch von ihrem Großvater bewohnt, der ihr nicht besonders zugetan war - was für sie nur schwer aushaltbar war und sie auch zu einer folgenschweren Tat getrieben hat (für alle, die es noch nicht gelesen haben, möchte ich die Tat an dieser Stelle nicht spoilern, an alle die es bereits gelesen haben: Stichwort Babygämse).
Marie findet Unterschlupf bei Johanna, was man sich keinesfalls als luxuriöse Berghütten-Erfahrung vorstellen darf, sondern vielmehr als eine Besinnung auf das Leben in rudimentärster Weise. Denn Johanna lebt dort sehr einfach und verrichtet alle anfallenden Arbeiten rund um die Alm selbst, die fürs Überleben dort notwendig sind - da kommt natürlich eine Hilfe ganz gelegen, sollte man meinen. Doch Johanna fühlt sich zunehmend in ihrer Ruhe und ihrem friedlichen Leben dort gestört von dem „Eindringling“ Marie. Wie wird es also weitergehen? Werden sich die beiden Cousinen zusammenraufen? Muss Marie zurück zu ihrem gewalttätigen Mann?! Oder wird sie gar vorher dort gefunden von Peter oder der örtlichen Polizei?!
In jedem Fall besinnt sich Marie auf der Tiroler Alm auf das, worauf es ankommt im Leben. Sie findet Gefallen an der Verrichtung einfachster Tätigkeiten und dem damit verbundenen Tagesablauf. Marie ist endlich in der Lage, sich frei zu entfalten, oder man könnte es auch „Wild wuchern“ nennen - denn sie ist nicht mehr beschränkt auf ihre Wiener Wohnung inklusive Haustyrann, sondern hier gehts nur um das (Über-) Leben und was dafür nötig ist, ohne jegliche Ablenkung. Sie dringt auch immer mehr zu Johanna vor, indem sie sich an Ihre Vorstellungen des Lebens anpasst, wie z.B. tunlichst darauf zu achten keine Spinnennetze zu zerstören und co. Kann so ein „einfaches“ Leben die Erfüllung bringen?! Haben wir nicht schon alle einmal darüber nachgedacht?! Ich für meinen Teil auf jeden Fall und diesen Aspekt des Buches mochte ich ganz besonders. Katharina Köller übt Zivilisationskritik aus mit „Wild Wuchern“, sie thematisiert häusliche Gewalt, aber auch der zwischenmenschliche Aspekt kommt nicht zu kurz, denn die Beziehung der beiden Cousinen ist verworren, auch aufgrund psychischer Auffälligkeiten seitens Johanna, wie ihrem elektiven Mutismus (ihr zeitweiliges Schweigen bzw. die Kommunikation nur mit bestimmten Personen). Ich habe das Buch gerne gelesen, aber in manchen Aspekten hätte ich mir mehr Tiefe gewünscht, wie insbesondere der Cousinen-Beziehung inklusive Charakteren - ein Psychogramm der Figuren wäre großartig gewesen. Nichtsdestotrotz hatte ich wundervolle Lesestunden und kann Euch nur ans Herz legen, Euch einen eigenen Eindruck zu verschaffen - also wenn Ihr Lust habt auf einen kleinen gedanklichen Ausflug in die Berge inklusive atemberaubender Naturbeschreibungen, zwischenmenschlichem Wirrwarr, aber auch tiefgreifenden Aspekten wie Gesellschaftskritik, häuslicher Gewalt und psychischer Erkrankung, dann solltet Ihr Euch „Wild Wuchern“ von Katharina Köller unbedingt mal genauer anschauen!
Das war wild! Ich habe das Buch an einem regnerischen Sommersonntag (Gewitter fehlte leider) innerhalb weniger Stunden inhaliert. Zwischendurch habe ich immer mal wieder am Zirbenkissen (gehörte zur tollen Bloggerbox) geschnuppert. Eigentlich fehlte zum perfekten Leseszenario nur noch Wald und Berge um mich herum. Aber auch ohne war ich sowas von drin. Mehr drin ging nicht. Ich kann mich nicht mal daran erinnern, ob ich irgendwann mal während der Lektüre geatmet habe. 😂 Also ich war wirklich komplett weg. Und Leute, habe ich das vermisst!! So wirklich ganz und gar in einem Buch zu versinken, das ist mir schon länger nicht mehr passiert. Und dafür möchte ich @_katharina_koeller_ von Herzen danken.
Es geht um die gleichaltrigen, sehr unterschiedlichen Cousinen Marie und Johanna. Marie, eigentlich talentierte Schuhdesignerin, aber seit Jahren nur noch Ehefrau, flüchtet aus Wien vor ihrem brutalen Mann auf eine Tiroler Alm, auf der ihre Cousine Johanna schon seit ihrem 18. Lebensjahr als Eremitin lebt. Die beiden Frauen müssen sich miteinander arrangieren, was alles andere als einfach ist. Hinzu kommt noch ganz viel Aufarbeitung der einzelnen und zum Teil gemeinsamen Vergangenheit. Ein wirklich tolles Kammerspiel.
Katharina Köller ist nicht nur Autorin, sondern auch Schauspielerin und Theatermacherin. "Wild wuchern" basiert grob auf dem Theaterstück "Windhöhe", das Köller zusammen mit ihrer Freundin Sandra Pascal geschrieben hat und das wie sie sagt "wie in einem Rausch" entstanden ist. Und auch wenn von dem ursprünglichen Stück nicht mehr viel übrig geblieben sein soll, merkt man dieses Rauschhafte dem Roman definitiv noch an. Die Lektüre fühlte sich ähnlich an.
Danke an @penguinbuecher für das Rezensionsexemplar und an das @team.bloggerportal, das mich mit so einer tollen Box überrascht hat. Ich hatte das Buch ganz klassisch angefragt und habe gar nicht mit so schönen Extras gerechnet.
Marie flieht zu ihrer Cousine Johanna auf eine Tiroler Alm. Die beiden Frauen sind gemeinsam aufgewachsen, sind sich aber völlig fremd und haben sich nicht viel zu sagen.
Ich habe das Buch als Hörbuch gehört, was noch mal ein besonderes Erlebnis war, denn die Autorin hat das Buch selber eingesprochen und richtig viel Mundart hineingelesen. Das machte das Buch richtig authentisch. Beide Frauen sind sperrige Charaktere, zu denen ich als Leser schwierig Zugang gefunden habe. Dadurch habe ich auch nicht wirklich mit gefiebert beim Lesen sondern war eben nur Zuschauer von außen. Das ist aber auch der einzige Kritikpunkt. Die Atmosphäre im Buch ist toll, das harte Leben auf der Alm, die Geheimnisse beider Frauen, die Aversionen, das langsame Annähern, die raue Natur. Es geht um Selbstbestimmung, um Emanzipation, um Familie und deren Fesseln und das Lösen dieser Fesseln. Ein Buch wie ein Sturm. Ein tolles Leseerlebnis
„Ich war dort, wo man mich hingepflanzt hat, wie ein Ziergewächs in einem Topf. Jetzt bin ich hier und wuchere. Und niemand mehr da, der mich stutzt. Aber auch niemand, der mir Wasser gibt.“ ... "Vor der Kraft in mir selbst hab ich ja vielleicht noch viel mehr Angst als vor der Kraft, die von außen auf mich einwirkt. Die kenn ich nämlich noch gar nicht, diese Kraft. Und ständig überrascht sie mich. Ist viel größer als ich dachte."
Was für ein Wahnsinns Roman! Schlicht wirkt er, wenn man den Klappentext liest, einfach in der Geschichte, die erzählt wird. Aber die Komplexität ist bemerkenswert!
Zwei Frauen, die unterschiedlicher nicht sein können, treffen sich unfreiwillig nach Jahren wieder. Marie ist auf der Flucht und sieht nur einen Ausweg: Zuflucht auf dem einsamen Berg bei ihrer Cousine Johanna finden. Johanna die seit Jahren kaum mehr redet. Alte Wunden brechen auf, in der Ödnis und doch bemerken die beiden Cousinen oben auf dem Berg, dass sie mehr gemeinsam haben, als sie dachten.
Die Themen wie häusliche Gewalt, antrainiertes Konkurrenzdenken unserer Gesellschaft, Lieblosigkeit in der Familie und Misogynie werden hier so schnörkellos erzählt, dass sie umso schwerer wiegen. Das alles in einer rauhen und ursprünglichen Sprache, die perfekt zu dem Gebirge in Tirol passt, das sich im Geiste vor einem erhebt.
Und langsam taut man mit den beiden aus der Wintersmüdigkeit auf, rennt Hügel hinauf, arbeitet sich die Hände wund und riecht die klare Bergluft. Und man will es mit ihnen raus lassen, dieses Wilde, egal was die anderen denken, der Angepasstheit der Gesellschaft den Rücken kehren und leben. Leben in der Einfachheit, leben ohne dass es wichtig ist, was andere denken. Leben und lachen.
Ein Roman fürs Wilde, ein Roman der erlaubt anders zu sein und der dabei so laut in die Welt hinausschreit, wie gut und wichtig dieses Anderssein ist! Große Empfehlung, lasst es wild wuchern!
Das Buch hat mich so in seinen Bann gezogen, dass ich es direkt am Stück gelesen habe. Sehr bildreiche, düster erzählte Geschichte. Sprachlich klar und feinsinnig bedient sich die Autorin vieler Bilder und Analogien zur Natur. Inhaltlich geht es um zwei Cousinen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, um Misogynie, Gewalt und um Fragen des Andersseins. Die Handlung bleibt minimal, durch die Erzählweise gelingt es der Autorin beeindruckend, eine fast intime Nähe zwischen Leser:in und Protagonistin herzustellen. Trotz aller Schwere und kreierten Düsternis funkeln auch lichte und ermutigende Momente. Was nachwirkt ist der Aufruf, wild zu wuchern.
Wurde leider meinen Erwartungen an das Buch nicht ganz gerecht. Ich mochte die ruhige aber auch sehr angespannte Alm-Atmosphäre, die Charaktere waren ganz gut gezeichnet und ein spannender Kontrast zueinander und ich fand die Erkenntnisse, die sie über ihre Kindheit hatten, interessant. Allerdings funktionierte der Schreibstil leider nicht so für mich und hielt damit die emotionale Wirkung und die Tiefe der Diskussionen zurück. Die kleinen Dialektfetzen waren süß, aber ansonsten war mir der Stil zu schlicht, zu wenig ausformuliert, aber zu präzise um authentische Gedanken der Protagonisten darzustellen. Inhaltlich aber eine Empfehlung.
Sprachlich herausragend mit ganz viel Bergwiesenflair und Ungesagtem zwischen den Zeilen! Ich mochte die sanfte Annäherung der beiden Cousinen und ihre Aufarbeitung der gemeinsamen Kindheit gern. Gerade die wortkarge Eremitin Johanna hat mein Herz erobert.
Beide Figuren blicken sehr unterschiedlich auf gemeinsam Erlebtes und wirken sehr plastisch auf mich. Ihr Zueinanderfinden ist holprig und schmerzhaft. Dabei bleibt Vieles offen und ungesagt, was mich noch eine ganze Weile zum Nachdenken gebracht hat.
Gründe, warum ich das Buch geliebt hab: 1. eine Person darin trägt meinen Namen 2. diese Person ist irgendwie wahnsinnig cool 3. dieses Cover! 4. es spielt in den Bergen 5. es geht um Frauen, Erwartungen an sie und um die Gesellschaft
Stilistisch leider so wenig meins, dass auch vom Inhalt nicht allzu viel hängen geblieben ist. Aber sicher ist für viele Menschen hier viel wertvolles zu holen.
Marie hetzt einen Berg in den Tiroler Alpen hinauf. Sie ist aus ihrer Heimatstadt Wien geflohen - wovor genau ist anfangs unklar. Dort oben am Berg wohnt ihre Cousine Johanna, eine wortkarge Einsiedlerin. Langsam nähern sich die Frauen an und offenbaren nach und nach ihre Geschichten.
„Wild wuchern“ war eines der besten Bücher, die ich in diesem Jahr gelesen habe. Katharina Köller schreibt total atmosphärisch und fängt die Natur sehr schön ein. Ich war von der ersten Seiten an mit Marie da oben auf dem Berg und gleichzeitig in ihrem Kopf. Die Annäherung der beiden Frauen hat mir richtig gut gefallen. Dazu kommen Geheimnisse und Themen wie Erwartungen an Mädchen und Frauen, People Pleasing und häusliche Gewalt. Einfach ein rundum gelungenes Buch.
4,5 ⭐️ richtig richtig gut! die Beschreibungen der beiden Charaktere, ihre eigene Geschichte, die Kindheit in den Bergen waren wirklich sehr gut erzählt. Fand die Cousinen Beziehung voll spannend und mochte auch beide total. Das Ende war auch so passend, würde nichts dran ändern. Ganz ganz wichtige Themen wurden hier drin aufgegriffen und wie mit ihnen umgegangen wurde fand ich auch sehr gut!
Ich war dort, wo man mich hingepflanzt hat, wie ein Ziergewächs in einem Topf. Jetzt bin ich hier und wuchere. - Buchzitat, Seite 108
In ihrem zweiten Roman "Wild wuchern" erzählt Katharina Köller die Geschichte zweier ungleicher Cousininnen, die auf einer Tiroler Alm einen ungewöhnlichen, intensiven Kampf um Selbstbestimmung und Überleben führen. Die österreichische Autorin wurde 1984 in Eisenstadt geboren, studierte Philosophie und Schauspiel und arbeitet seit 2011 freiberuflich als Autorin, Schauspielerin und Theatermacherin. Ihr literarisches Debüt Was ich im Wasser sah wurde 2020 mit dem Phantastikpreis der Stadt Wetzlar ausgezeichnet. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Wien und Innsbruck.
Worum geht’s genau?
Marie flieht aus ihrem kaputten Leben und sucht Unterschlupf bei ihrer Cousine Johanna, die seit Jahren wie eine Eremitin auf einer abgelegenen Alm lebt. Marie, geprägt von einer oberflächlichen Welt und einer toxischen Ehe, trifft auf Johanna, die die Sprache der Gesellschaft längst abgelegt hat. Zwischen den beiden Frauen entwickelt sich ein intensives Ringen um Nähe, Freiheit und das Recht, den eigenen Weg zu wählen. In poetischen, teils rauen Bildern erzählt der Roman von Verletzungen, dem Überwinden von Traumata und einer neuen, wilden Selbstermächtigung.
Meine Meinung
Nachdem in meiner Buchbubble einige von "Wild wuchern" geschwärmt haben, habe ich es mir schließlich auch geholt – obwohl mich der Klappentext zunächst ehrlich gesagt nicht besonders angesprochen hat. Das Cover hingegen ist eine Wucht!
Zugegebenermaßen habe ich den ersten Teil des Romans als ziemlich zäh empfunden. Ich bin nur schwer in einen Lesefluss gekommen und hatte zwischendurch mit der dichten, manchmal sprunghaften Erzählweise zu kämpfen. Doch zum Glück habe ich durchgehalten: Etwa ab der Hälfte des Buches hat es bei mir „klick“ gemacht, und ich konnte plötzlich ganz tief in die Geschichte eintauchen. Ich bin wirklich froh, drangeblieben zu sein.
Der Schreibstil von Katharina Köller ist besonders: sachlich, oft sehr direkt, aber gleichzeitig mit einer feinen, manchmal humorvollen Unterströmung und großer Ernsthaftigkeit. Diese Mischung habe ich sehr gemocht. Es ist kein übermäßig verschnörkelter Stil, sondern eher klar und präzise – und doch sind die Sätze so gestaltet, dass sie nachwirken.
Besonders berührt haben mich die Themen, die Köller aufgreift und derer gibt es einige: die tief verwurzelte Schuld, die Generationen prägt („Ich fühl mich immer irgendwie schuldig, oder fast immer. Ist ja fast eine Nationalkrankheit, das mit der Schuld, zumindest in meiner Gegend.“ S. 186), das Ringen um eine eigene Identität gegen gesellschaftliche Erwartungen und familiäre Prägungen sowie der Kampf mit inneren Dämonen, die aus Kindheitstraumata stammen. Die Schilderung der Kindheit, geprägt von Gewalt, Einsamkeit und Verlust, geht tief unter die Haut: etwa, wenn sie schildert, wie sie mitansehen musste, dass ihre Hunde – ihre „Geschwister“ – getötet wurden (S. 184-185).
Auch die Darstellung von Gewalt in Beziehungen und die unterschwellige Kritik an gesellschaftlichen Strukturen, die Frauen zu Opfern machen, fand ich eindringlich und wichtig. Der Roman zeigt, wie schwierig es ist, sich aus diesen Strukturen zu lösen, aber auch, wie kraftvoll der Versuch sein kann, wild zu wuchern – trotz allem.
Sehr gelungen fand ich zudem, wie Köller die Beziehungen zwischen den Figuren zeichnet. Besonders die ungeschönte, rohe Ehrlichkeit zwischen Marie und Johanna hebt sich angenehm ab von den oft klischeebeladenen Darstellungen weiblicher Freundschaften. Zitate wie: „Ich hab ja auch, trotz unterdrücktem Brechreiz, ihre Ratten gestreichelt...“ (S. 100) zeigen auf schmerzhafte Weise die Loyalität, aber auch die Distanz und das Unverständnis, die zwischen ihnen bestehen.
Insgesamt ist "Wild wuchern" der erste Roman von Katharina Köller, den ich gelesen habe – und ich werde sicher noch mehr von ihr lesen. Es war eine intensive, manchmal unbequeme, aber sehr lohnenswerte Lektüre.
Fazit
"Wild wuchern" ist ein literarisch kluges, emotional herausforderndes Buch, das sich nicht leichtfertig konsumieren lässt. Für den etwas zähen Einstieg und die zum Teil sperrige Struktur ziehe ich einen Stern ab – dennoch: 4 von 5 Sternen für ein kraftvolles, kluges und beeindruckend eigenwilliges Werk - ganz wie es der Titel verspricht!
Wild wuchern hat mich zuerst durch das Cover angezogen, ich mag die Gestaltung und den weißen Rand total. Aber das Buch darin hat mich noch mehr begeistert. Katharina Köller schafft es, auf gerade mal 200 Seiten so viel emotionale Gewalt aufzubauen, ich habe da als Leserin richtig mitgefühlt. Die Erzählung ist gefühlsgewaltig, echt und ungeschönt - dieses Buch wird noch lange nachhallen wie ein Echo in den Alpen. Ich musste einfach wissen wie es weitergeht und habe es in zwei Tagen durchgelesen.
Das hängt denke ich auch sehr mit dem Schreibstil zusammen, der Alltagssprech mit österreichischen Eigenarten mischt und dabei aber nie zu lapidar daher kommt. Er baut einfach eine Nähe zu den Charakteren auf, wir fühlen mit ihnen weil wir sie sind. Es fühlt sich an, als erzählt Marie die Protagonistin uns eine Geschichte am Küchentisch, als könnten wir sie anfassen, ihr die Emotionen ansehen und das ist unglaublich schön. Zusätzlich ist der Text gespikt mit so vielen unglaublich schönen Metaphern, die nie gestelzt wirken sondern einfach immer in schönen Worten den Nagel auf den Kopf treffen. Eins meiner liebsten Beispiele: "Ihr schwarz-weißer Blick ist dabei eher schwarz als weiß.". Gänsehaut.
Es ist extrem interessant wie in diesem Buch mit weiblicher Scham, Rollen und gefühlten Gefängnissen gespielt wird. Man fühlt mit den beiden Frauen, fühlt das Rollengefängnis, in dem sie sich gefangen glauben, die Rollen die sie weiterspielen, weil sie denken sie müssen. Es geht auch viel darum, wie Menschen davon geprägt werden wie sie übereinander reden. Ich denke in den heutigen Zeiten sollten wir uns das alle vor Augen führen und das Buch ist der perfekte Einsteig. Dieses Buch wird noch eine Weile in mir arbeiten und so schnell werde ich es nicht vergessen. Definitiv ein Jahreshighlight!
Marie stolpert angstgetrieben einen Tiroler Berg hoch, auf der Suche nach einer einsamen Hütte, die einst ihrem Großvater gehört hatte. Mittlerweile lebt dort seit vielen Jahren ihre eremitische Cousine Johanna. Zu ihr und zur Hütte will sie… Doch was sucht sie dort? Und was verfolgt sie?
Katharina Köllers „Wild wuchern“ ist ein kurzes, aber starkes Kammerspiel über zwei sehr unterschiedliche Frauen. Marie, immer die „Goldmarie“ der Familie gewesen, hat es scheinbar zu Geld und Erfolg (dabei ist sie seit Jahren nur noch Ehefrau eines widerlichen Manns) gebracht. Johanna war immer schon „anders“. Sie fühlte sich bereits als Kind von der Natur angezogen, sprach mit Tieren und mit ihren Mitmenschen eher gar nicht. Und nun treffen diese beiden Frauen aufeinander. Inmitten der rauen Natur des Tiroler Gebirges finden sie langsam zusammen und teilen ihre schwere Vergangenheit, die von physischer und psychischer Gewalt geprägt ist.
„Wild wuchern“ ist alles andere als ein Wohlfühlroman im Sinne von „Hütte in den Bergen ist doch romantisch“. Es geht an die Substanz. Die Szenerie in der Natur ist rau und schonungslos. Es wird gehungert und gefroren. Die beiden Charaktere sind schwer zugänglich und finden nur langsam einen konstruktiven Umgang. Das hat meinen Lesefluss im Mittelteil etwas verlangsamt. Das Ende ist dann aber so großartig und kraftvoll, dass alles rund und schlüssig wird.
Köller schreibt modern, aber wahnsinnig atmosphärisch. Die Naturbeschreibungen sind weltklasse. Aber auch wie sie das Zwischenmenschliche beschreibt und einen feministischen Nadelstich setzt, hat mir letztendlich sehr gut gefallen. Der österreichische Einschlag macht es authentisch, ohne zu stören.
Alles an diesem Buch ist genau meins! Dass es im Tirol spielt, weil Heimat. Weil die pure Natur mit ihrer ganzen Gewalt so eine krasse Sehnsucht in mir weckt. Die beiden Frauen haben mich begeistert und berührt. Ganz viel Liebe und Sterne für dieses Buch. Es ist genau richtig so wie es ist!
„Da denkt man sich als Mensch, man wäre die Krone von der Schöpfung, und in Wirklichkeit braucht es nur ein richtiges Gewitter auf dem Berg, und merkt schlagartig, was man ist, nämlich ein Käfer. Ein Wurm. Eine Ameise."
Ein sehr schön geschriebenes Buch über die ungezähmte Kraft der Natur💛
Ich wollte eigentlich nur mal reinlesen & mit den Rest für die Busfahrt aufheben. Dieser besondere Schreibstil und diese "Alpenidylle" haben mich aber einfach nicht losgelassen. Tolle Stilmittel & Sprache, ehrliche Protagonistinnen und relevanten Themen. Wie sehr können wir Menschen uns in eine Form pressen? Wenn wir nie ehrliche elterliche Liebe erfahren haben, sind wir schneller in toxischen Beziehungen? Ab wann sind wir wirklich frei?
manche bücher liest du einfach und sie sind gut und das ist dann halt schön und manche bücher liest du und sie sind gut aber es ist irgendwie nicht schön, weil sie dir sachen aufzeigen, die du gar nicht so genau wissen willst aber irgendwie ist das ja fast noch schöner und besser