Friedrich Ani, 1959 in Kochel am See geboren, lebt heute als freier Schriftsteller und Drehbuchautor in München. Neben Kriminalromanen schreibt er Lyrik, Erzählungen, Jugendromane und Drehbücher. Für sein Werk erhielt er zahlreiche Auszeichnungen u. a. den Tukan-Preis und dreimal den Deutschen Krimipreis.
Ich hatte eine lange Ani-Pause, der Wiedereinstieg hat sich aber gelohnt: Auch in "Süden und der Straßenbahntrinker" beschreibt der Autor genau den Ermittlertyp, der mich interessiert: keinen souveränen Aufklärer, sondern einen zweifelnden, oft wurzellosen Menschen. Der Kriminalbeamte sitzt in diesem Roman spürbar zwischen den Stühlen. Eigentlich ist er im Urlaub, arbeitet aber trotzdem. Sein bester Freund Martin ist zwar nicht ganz verschwunden, in dieser Episode aber weitgehend abwesend. Begegnungen – etwa mit einem trauernden Kollegen – führen zu Nähe, die aber nicht vertieft wird. Man kann zwar zusammen trinken, aber wirklich öffnen kann sich kaum einer der Protagonisten.
Das setzt sich auch in Südens Verhältnis zu Frauen fort. Seine bestehende Beziehung steht auf wackligen Beinen, daneben gibt es eine flüchtige sexuelle Begegnung, und eine mögliche neue Verbindung mit Kollegin Sonja Feierabend scheitert vor allem daran, dass er sich selten meldet. Trotzdem wirkt es insgesamt so, als könne er sich prinzipiell mit fast jeder Frau eine intime Beziehung vorstellen – weniger aus konkretem Interesse, sondern als Suche nach Nähe, die sich aber nur selten herstellen lässt.
Die titelgebende Figur des Straßenbahntrinkers – ein nicht vermisster Vermisster – ist ein Gegenbild zu Süden. Er hat sich komplett in verschiedenen Rollen verloren und damit auch den Bezug zur Realität. Während Süden noch zwischen verschiedenen Rollen pendelt, ist dieser Mann gewissermaßen schon einen Schritt weiter: Identität löst sich auf, Verlorenheit setzt ein. Das macht die Titelfigur weniger zu einem klassischen Fall als zu einer beunruhigenden, möglichen Spiegelung des Kriminalbeamten.
Wie immer typisch für Ani ist auch hier der reduzierte Stil. Viel wird nicht ausgesprochen, sondern bleibt angedeutet. Das wirkt oft distanziert, passt aber gut zu den Figuren, die alle auf ihre Weise mit sich selbst beschäftigt sind und selten wirklich zueinander finden. Insgesamt kein spektakulärer Krimi, sondern eher eine stille Momentaufnahme eines Zustands: Menschen, die sich begegnen (wollen), ohne sich dabei wirklich zu erreichen. Hat mir gut gefallen – ich denke, meine nächste Süden-Pause wird nicht wieder so lang.