Deutscher Buchpreis Longlist #15
Mein persönliches Ranking Platz 2 von 20 - und damit auf der exklusiven Anna Shortlist!
In Jonas Lüschers neuem Roman „Verzauberte Vorbestimmung“ gehen Realität und Traum ineinander über und es vermischen sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Das Ergebnis ist ein ambitionierter Text, der zwar nicht allen Leser:innen zugänglich sein wird, der aber eine ungemeine literarische Wucht entfaltet, wenn man sich auf ihn einlässt.
Das Grundmotiv des Werkes ist das Verhältnis von Mensch und Maschine, von Moderne und Modernekritik, von lebenswerter Gegenwart und dystopischen Utopien. Den existentiellen Impuls für das Narrativ gibt die Coronaerkrankung des Autors. Wie auch der reale Jonas Lüscher starb der fiktionale Erzähler beinahe in der Pandemie. Er wurde für mehrere Monate in ein künstliches Koma versetzt, während Maschinen für ihn die Funktion der versagenden Organe übernahmen.
Aus dieser Erfahrung heraus, dieser Technisierung des eigenen (Über)Lebens entwickelt Verzauberte Vorbestimmung gleich eine ganze Reihe an Narrativen, die die Spannung zwischen Überleben und Entmenschlichen, zwischen Faszination am neuen und Verlust des Alten auskosten. Nach seiner Genesung durch die Verschmelzung mit einer und die symbolische Transformation zur Maschine macht Lüscher sich auf zwei Reisen, während derer in zahlreichen erzählten Episoden Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ineinanderfließen. Dieses Vermischen fordert uns zur Reflexion über die Ambivalenz von Lebenserrettung und Unmenschlichkeit technischer Innovationen auf. Chronologisch ist dabei nichts: Wir steigen ein mit einer Geschichte über den ersten Weltkrieg, und es dauert einige Zeit, bis die Rahmenhandlung überhaupt sichtbar wird.
Die erste Reise führt Jonas Lüscher auf den Spuren von Peter Weiss ins südfranzösische Hauterives. Seine Schritte überlagern sich dort mit denen dieses anderen Autors vor 60 Jahren. Auch eine noch fernere Vergangenheit tritt hinzu, nämlich die Zeitschicht der englischen Weberaufstände – Lüscher riecht die brennenden Fabriken des 19. Jahrhunderts, während er in seinem modernen Hotelzimmer steht. Er schreibt nicht nur über englische Weber, die die neuen Maschinen zerstören, um ihre eigene Welt zu bewahren, sondern er beobachtet durch die Zeit hindurch, hinter einem Automaten kniend, wie die Weber ihren Aufstand planen und von der Realität eingeholt werden.
Seine zweite Reise führt nach Kairo und Ägypten, wo er nicht nur über die Stadt nach Revolution und Pandemie spricht, sondern auch in die Vergangenheit der Pharaonen schaut und in eine nahe Zukunft, in der vernetzt sein für Menschen eine ganz neue Dimension angenommen hat. Hier geht es auch um Größenwahnsinn, Diktatur und die Räume für Menschlichkeit, die dabei ungesehen entstehen.
In diesen und anderen Episoden folgt der Lüscher den philosophischen und existenziellen Gedanken, die er aus dem Fiebertraum zwischen Sterben und Leben mitgenommen hat. Dabei schlägt die Erzählung von einem Absatz zum anderen in der Zeit um, und der Text blüht voller präziser narrativer Volten, die das Erzählen selbst in den Blick nehmen: Lüscher schreibt über den algerischen Soldaten im Ersten Weltkrieg, der die Geburt des Gaskrieges miterlebt und danach mit geschädigter Lunge in Frankreich bleibt; er schreibt über den Autoren Peter Weiß, und dessen Flucht vor dem Nationalsozialismus; er zeigt uns den Todesmarsch von Schwarzheide, einem Außenlager des KZ Sachsenhausen, nach Theresienstadt und lässt uns die Namen derer lesen, die getötet wurden und die die schreckliche Maschinerie des Nationalsozialismus zu Opfern gemacht hat. Er schaut in eine Zukunft, in der vieles so groß, so technisch vollkommen geworden ist, dass der Mensch daneben klein wirken muss. Lüscher entwirft einen Blick auf die Zukunft ganzer Städte und die trügerischen Versprechungen eines modernen, technischen Neuanfangs, der doch immer zurück in die Vergangenheit führen muss. Verzauberte Vorbestimmung fragt nicht nur nach Technik, Innovation und Menschenwürde, sondern auch nach sozialer Stratifizierung, nach Armut und Menschlichkeit. Einfache Antworten gibt es hier nicht.
Literarisch ist das Buch ein Ereignis. Viel besser kann deutsche Literatur nicht klingen. Für mich besteht kein Zweifel daran, dass Verzauberte Vorbestimmung zu dem besten gehört, was die deutschsprachige Literatur 2025 hervorgebracht hat. Dass der Roman nicht auf der Shortlist des deutschen Buchpreises gelandet ist, lässt sich vielleicht damit erklären, dass er herausfällt aus dem Feld der Nominierten – er ist so sehr etwas Eigenes, dass der Vergleich scheitern muss. Es fällt mir auch schwer, ihn im Feld der Longlist zu verorten - vielleicht, weil er überzeitlicher ist als die anderen, teilweise auch sehr guten Bücher. Die Lektüre wert ist er allemal.