Der Titel kündigt das Buch durchaus großspurig an. Tatsächlich präsentiert Keupp mit diesem Werk aber eine wertvolle und qualitativ hochwertige Einordnung des Ukrainekriegs und des russischen Imperialismus.
Beginnend mit einer kulturgeschichtlichen Analyse Russlands und seiner imperialen Gelüste, folgt ein Überblick zur derzeitigen geopolitischen und sicherheitspolitischen Lage in Eurasien. Abschließend werden die Gegenwart, aktuelle Ereignisse und Implikationen für die Zukunft beleuchtet. Mit dieser Gliederung führt Keupp die Leserschaft sehr gut in das Geschehen ein und macht sie eindrücklich mit der derzeitigen Bedrohungslage vertraut. Vor allem die kulturgeschichtliche Aufarbeitung Russlands macht deutlich, dass es sich beim Ukrainekrieg nicht bloß um "Sicherheitsinteressen" oder einen "Stellvertreterkrieg" handelt, sondern um Identitäten und Werte, deren Erhalt für ein freies und friedliches Zusammenleben in Europa unabdingbar sind.
Bei der Bewertung seines Werks ist außerdem zu bemerken, dass es sich weniger um ein klassisches Fachbuch, als um ein populärwissenschaftliches Buch handelt. Leser, die sich bereits mit geopolitischen Zusammenhängen und globalpolitischem Überblickswissen auskennen, werden dabei auf Altbekanntes stoßen. Dieser Umstand schadet dem Buch jedoch nicht, denn Keupp arbeitet stets sauber, wissenschaftlich und mit vielen Quellen als Grundlage, aber er richtet sich mit dieser Ausrichtung an ein recht weit gefasstes Zielpublikum.
Nachteilig fällt jedoch auf, dass Keupp vor allem in der zweiten Hälfte etwas polemisch wird und entsprechend Tiefgang vermissen lässt. Manche Passagen ähneln einer Streitschrift, was an sich nicht negativ ist, sie hätten jedoch etwas gründlicher ausfallen können. So kritisiert er – meiner Ansicht nach vollends berechtigt – den naiven Blick gen Russland. Keupp erklärt diesen Blick nachvollziehbar mit einer reaktionären Romantisierung und zitiert dafür Thomas Mann. Diese Erläuterung fällt jedoch zu kurz aus und ideengeschichtlich hätten hier weit fundiertere Erklärungen gutgetan. Ein weiteres Beispiel ist das Insistieren auf der nationalen Unversehrtheit von Ländern wie Georgien oder Moldawien. Gleichzeitig geht der Autor aber nicht näher darauf ein, wie Minderheiten in diesen Ländern, die ihr Selbstbestimmungsrecht wahrnehmen wollen, in die jeweilige Nation integriert werden sollen.
Dennoch bleibt das Buch empfehlenswert, denn es ist ein äußerst wichtiger Beitrag zum Verständnis der Dringlichkeit der Dinge in Europa.