-> Gefühle sind nicht privat und nicht unfehlbar, sie sind aber auch nicht bloßes Nebenprodukt von neuronalem Rauschen.
Warum Thomas Fuchs (allgemein oder als Psychologiestudi) lesen? Ich war hooked, nachdem ich ein Seminar zu 4E-Cognition an der TU Berlin besucht habe. Ein Ansatz, der wichtig in der Ingenieurpsychologie ist und die Kognition(-sforschung) anders denken möchte, nämlich als einen sozial _eingebetteten_ (1E), einen verkörperten / embodied (2E), ... enactive (3E), ... Prozess. Bei diesem Buch von Thomas Fuchs ist vor allem der Aspekt der Verkörperung und der phänomenologische Begriff des Leibs relevant.
Im Psychologiestudium (vor allem dem Bachelor) erlernt man zum Großteil das kognitive Paradigma, das mit dem Bild einer representationalen Wahrnehmung arbeitet. Fuchs liefert hier als einer von wenigen deutschen Autoren auf überzeugende Art eine Gegenposition. Emotionen sind nicht an kognitive appraisal-Prozesse gekoppelt, sondern spricht von einem basalen leiblichen Befinden, das die Trennung von Geist und Körper infragestellt. Die Dimensionen Wohlbefinden-Missbefinden, Entspannung-Anspannung, Frische-Müdigkeit werden postuliert.
Thomas Fuchs ist mein Weg in die Phänomenologie, oder vorsichtig gesprochen die humanistische Psychotherapie, die in Deutschland nicht als 4. Richtlinienverfahren angeboten wird, obwohl es wissenschaftlich anerkannt wird, der GBA meint aber es lohnt nicht :/ Daher finde ich, dass es alleine für die nachgewiesene Wirkung wichtig ist, sich mit Prinzipien auseinanderzusetzen. Außerdem halte ich es für wichtig das kognitive Paradigma etwas aufzubrechen und sich in wirkliche Diskussionen über die Realität, die Wahrnehmung usw. zu begeben, wie man es im Studium kaum macht.
Warum pausiere ich das Buch? - Die grundlegenden theoretischen Überlegungen (Verkörperungsmodell, Resonanz statt Repräsentation, 4E-Cognition) kenne ich schon & habe sie entsprechend geskippt - Manche Kapitel zu spezifischen Emotionen interessieren mich gerade nicht so sehr...
Was stört mich? - Setzt sich nicht mit Lisa Feldmann Barretts Theory of Constructed Emotion auseinander - kulturell naiver Leib-Begriff (spezifisch-historische, kulturelle-, ... leibliche Erfahrung bleiben unberührt) - Verbindung zu Hartmut Rosa's Resonanzbegriff (der ja auch Anwendung auf Gesundheitsthemen bzw Psyche findet) bleibt unberührt - finde nicht alles sehr leserfreundlich geschrieben, da gibt es bessere Einstiegstexte von ihm
Von der einführenden Analyse der verkörperten Emotionen, über die verschiedenen Stadien der Empathie bis zur aufschlussreichen Investigation der einzelnen Emotionen ist dies ein sehr gelungenes Werk. Mit der Verteidigung des Menschen sind dies die wohl wichtigsten phänomenologischen Werke der letzten 10 Jahre.
Was mir jedoch fehlt ist der Bezug zu KI-Systemen. Obwohl Fuchs dies in mehreren Reden schon thematisiert hat, würde mich die HCI und Empathieverlust und ontologische Adaption interessieren. Da ist ein kleines Loch für mich.