„Wir alle werden nach der Uhr erzogen: Sobald wir Zeit bewusst wahrnehmen können, begegnen wir ihr als Instrument der Begrenzung, nicht als der Raum für unsere Bedürfnisse.“
In ihrem neuen Buch „Alle_Zeit“ geht die Autorin Teresa Bücker der Frage nach der Zeitgerechtigkeit auf den Grund. Immer mehr Menschen erleben und verspüren die Zeitknappheit. Nicht nur durch die Reduzierung der Erwerbsarbeit könnte die Zeitgerechtigkeit gewährleistet werden, sondern „erst wenn Care-Verantwortung gesellschaftlich respektiert und finanziell unterstützt werde, (…), werde sie für alle Geschlechter attraktiv.“
Sieben spannende Kapitel in 400 Seiten (davon 60 Seiten Quellenangaben) versucht Teresa Bücker die Zeitungerechtigkeit zu belegen. „Denn zu wenig Zeit zu haben, ist kein individuelles Problem, es ist gesellschaftlich erzeugt.“ Schon sehr früh in der Schule lernen wir Zeit als Knappheit wahrzunehmen. Als Beispiel nennt Teresa den „(…) Wunsch eines Kindes, einen besonders schönen Aufsatz zu schreiben, wird beschnitten durch die Erwartungen der Lehrkraft, dass alle Schüler_innen den Aufsatz in 45 Minuten fertigstellen. Zeitknappheit kann also nicht nur von innen im Kontext der eigenen Ansprüche entstehen, sondern auch von außen über die Ansprüche anderer Menschen an uns.“
Außerdem lernen wir schon sehr früh, „dass Schnelligkeit belohnt und Langsamkeit bestraft wird“, was wiederum unsere Zeitknappheit und die Ungerechtigkeit darstellt.
Demzufolge müssen neue Strukturen in den Schulen etabliert werden.
Wir sind oft davon besessen jede freie Minute mit Bedeutung zu stopfen, damit wir uns im nach hinein ja nicht schlecht fühlen sollen, weil „die Nutzung unserer Zeit soll etwas produzieren, sie soll ein Ergebnis hervorbringen, auf das man sich später beziehen kann.“ Ständig kontrollieren wir, wie wir die Zeit im Alltag erschöpfend nutzen können - das sich auch als Zeitkonfetti versteht.
Erschreckend ist, wie wir als Gesellschaft die Arbeit als Priorität setzen und dabei die soziologischen Aspekte des Menschen komplett vernachlässigen. Man richtet sich öfter nach der Arbeit, als andersrum, sprich, dass wir mehr Zeit für etwas verbringen, was uns auf Dauer nicht glücklich macht (dazu gibt es viele Studien und Umfragen im Buch). Wenn wir die Zeitkultur neu denken sollen – und das müssen wir – dann würde sich nicht nur unsere Lebensqualität verbessern, sondern als Gesellschaft würden wir mehr erreichen können. Vor allem erschrocken war ich, dass „die jährlich geleisteten Überstunden über 900.000 Vollzeitjobs schaffen könnten.“
Es kann nicht sein, dass man sich für freie Zeit den Rücken krumm machen muss, um sich dann nur 20 Tage im Jahr (in der Schweiz) freie Zeit leisten zu können, die wir dann versuchen mit ‚sinnvollen‘ Dingen zu füllen, um keine Zeitverschwendung zu schaffen.
Was mir sehr gefallen hat, war die Sprache. Bei Sachbüchern stoße ich oft auf Stolpersteine, weil sie gefühlt nur für Akademiker_innen geschrieben sind und so die barrierefreie Sprache verletzt wird. Dieser wissenschaftliche Text schafft es mit einer klugen und doch einfachen Sprache die Thematik für viele zugänglicher zu machen.
Zu jedem Unterkapitel wird die Problematik der Zeitungerechtigkeit gefasst, die wiederum mit Fakten und Quellen belegt und anschließend mit Lösungen und Kritik beschrieben wird. Was abermals die Objektivität als auch die Subjektivität schöne Konturen gibt.
Lest dieses Buch und achtet nicht auf die Zeit. Mir ist aufgefallen, dass das Wort Zeit so vielseitig benutzt werden kann, dass es zu meinem Lieblingswort wurde.
„Der große Unterschied zwischen Zeit und Geld ist, dass Geld sich zusätzlich verteilen lässt und das beispielsweise über die Erhöhung von Mindestlöhnen, die Einführung eines Grundeinkommens oder veränderte Steuersätze finanzielle Ungleichheiten abgebaut werden können. Der Staat kann jedoch aus seinem eigenen Budget Menschen keine zusätzliche Zeit geben und auch keine Schulden aufnehmen, um ihre Zeitarmut zu reduzieren.“