The one that got away - Ich habe das Buch bereits Ende April gelesen, kann mich aber tatsächlich erst jetzt dazu aufraffen, eine Bewertung zu schreiben, und das obwohl - oder vielleicht gerade WEIL - dieses Buch das Beste ist, was ich dieses Jahr gelesen habe.
Nicht umsonst wurde mir dieser Roman auf der Buchmesse in Leipzig so oft empfohlen, dass ich gar nicht umhinkonnte, es zu kaufen.
Und nicht umsonst habe ich das Buch seitdem bereits 4 anderen Leuten weiter geliehen, die wohl ebenfalls alle ziemlich begeistert waren.
Also, um was geht's?
Erst einmal um die Gesellschaft im Allgemeinen.
Oder eher, um den Teil davon, den wir sehen und für die Gesellschaft halten (inklusive der lauten, pöbelnden Masse im Internet).
Und dann nochmal um die Gesellschaft im Speziellen; um die Vielen, die im Verborgenen bleiben, weil ihnen nicht dieselbe mediale Öffentlichkeit zu Teil wird.
Praktisch dieselbe Diskrepanz, wie in der Berichterstattung um die fünf verunglückten Multimillionäre an Bord des Tauchschiffs Titan (Inklusive Liveticker und einer Suchaktion, bei der zig Millionen aufgewendet wurden) VS. die hunderten (tausenden?) ertrunkenen Flüchtlinge pro Jahr, die kaum noch Erwähnung in den Medien finden.
Die, die man nicht spürt in "Die Spürst Du Nicht" sind eben jene Flüchtlinge, deren schreckliche Schicksale schon so oft durchexerziert wurden, dass man in der eigenen Machtlosigkeit gegenüber so viel Leid irgendwann einfach nicht mehr zuhören will und kann.
Und damit stellt man sich eben genau auf dies Position, die auch von den Charakteren in diesem Buch eingenommen wird - bis ein Flüchtlingskind eben nicht im Mittelmeer ertrinkt, (Achtung, Spoiler!) sondern im Pool ihrer Luxusvilla in der Toskana.
In dem Drama, dass sich daraufhin entfaltet fallen von der progressiven Politikerin dann schon mal Sätze wie "Dieses Leid kann ich mir nicht antun!", wenn sie sich bei den Eltern des Kindes entschuldigen soll, dessen Tod sie zu verantworten hat.
Und dadurch, dass auch in diesem Buch das Leid der Eltern eben sehr lange Zeit gar nicht behandelt wird, fällt diese gähnende Leere umso mehr auf.
Über diese Story gäbe es noch so einiges zu sagen, aber belassen wir es dabei - und sprechen stattdessen über das handwerkliche Können, was der Autor hier ebenfalls zur Schau stellt;
Die Story verläuft so rasant und ist so dicht gewebt, dass es ziemlich unmöglich ist, dieses Buch aus der Hand zu legen. Ernsthaft - dieses Buch zu lesen ist ein Sprint, kein Langstreckenlauf.
Dazu kommen noch ein paar wunderbare Spielereien mit der deutschen Sprache, die eben nur möglich sind, wenn man ein Buch in der Sprache liest, in der es auch verfasst wurde.
Habe ich gar keine Kritikpunkte?
Doch, natürlich. Aber das ist mal wieder Jammern auf höchstem Niveau, und bei den Kleinigkeiten, die ich kritisieren könnte, verstehe ich doch jedes Mal, WIESO es nötig war, dieses Buch auf genau diese Weise zu schreiben, damit es eben genau diese Durchschlagskraft hat.
110 von 100 Punkten, meine Leseempfehlung des Jahres!
(Okay, des ersten Halbjahres)