Tom Hillenbrand ist ein Autor, der weiß, wie man Themen der Zukunft mit den Fragen der Gegenwart verknüpft. Seine Romane sind hochintelligent, formal versiert und oft mit einem fast unverschämten Sinn für realitätsnahe Spekulation ausgestattet. Thanatopia, der dritte Band im Hologrammatica-Kosmos, will genau das wieder leisten: große Gedanken in ein erzählerisches Gewand kleiden, das nach Science-Fiction aussieht, aber im besten Sinne Gesellschaftsroman ist. Und doch bleibt man beim Lesen dieses Bandes eigenartig unbeteiligt, beinahe wie ein Zuschauer im eigenen Bewusstsein – was, zugegeben, gut zum Thema passt.
Hillenbrand entfaltet auch hier wieder ein Panorama, das technologische Fragen mit metaphysischen Mysterien verwebt: Thanatonauten erforschen die Grenze zwischen Leben und Tod, eine abgetauchte Super-KI mischt sich erneut ein, und ein Kult philosophiert über das Jenseits, während in Wien Leichen auftauchen, die aussehen, als seien sie geklont worden. Das liest sich klug, durchaus unterhaltsam – und doch wirkt vieles wie der Wiederhall eines Echos, das man aus den Vorgängerbänden bereits kennt. Wer sich durch Hologrammatica und Qube gelesen hat, wird hier mehr Wiedersehen als Neuentdeckung erleben. Der Roman ist – um im Duktus der Serienwelt zu sprechen – eher Füller als Gamechanger.
Was Hillenbrand zweifellos beherrscht, ist das Schreiben selbst: sprachlich ist Thanatopia elegant, pointiert, rhythmisch präzise. Die Dialoge sind lebendig, das technologische Vokabular nie bloße Kulisse, sondern konsequent durchdacht. Nur: Der Plot zieht sich. Das Erzähltempo schwankt, besonders der Mittelteil wirkt zäh, beinahe schläfrig. Es fehlt an narrativem Druck. Selbst philosophisch interessante Gedankenspiele – etwa zur Kopierbarkeit des Selbst oder zur digitalen Unsterblichkeit – bleiben Andeutungen, keine Zumutungen. Und das ist schade. Denn gerade Hillenbrand könnte es besser.
Am Ende stellt sich eine gewisse Ermüdung ein. Nicht wegen der Qualität der Prosa – die ist makellos –, sondern wegen der dramaturgischen Halbherzigkeit. Ein gutes Buch, keine Frage. Aber keines, das sich in den Schaltkreisen des Gedächtnisses festbrennt. Thanatopia liest sich, als hätte Hillenbrand selbst gespürt, dass er nicht alles sagen will, was er sagen könnte. Es ist ein Roman, der sich zwischen die Stühle setzt: zu vertraut für echten Innovationsreiz, zu unentschlossen für narrative Wucht. Ich habe ihn gelesen, nicht ohne Gewinn – aber auch ohne das Gefühl, dass hier etwas auf dem Spiel stand.
Ob das reicht? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Aber wenn Hillenbrand in einem vierten Band wieder an die Schärfe von Qube anschließt, bin ich gerne erneut dabei. Nur bitte: keine Füllkapitel mehr, auch wenn sie noch so gut formuliert sind.