Die Tiefe des Eingriffs. Wie wir Menschen unsere Umwelt unumkehrbar verändern: [Was bedeutet das alles?] – Erläuterungen; Denkanstöße; Analyse – 14498 (Reclams Universal-Bibliothek)
Die Natur – dieses komplexe Netzwerk aus Dingen, Prozessen, Zuständen und Beziehungen – erlebt ständigen Wandel. Doch menschliche Einflüsse haben viele ihrer Verbindungen unumkehrbar und unwiederbringlich verändert. Der Wunsch, Umweltschäden rückgängig zu machen, ist zwar aller Ehren wert, aber die menschengemachte Unumkehrbarkeit ist bereits tief in Leben und Gesellschaft verwurzelt – und wir müssen diese Irreversibilität endlich verstehen und anerkennen.
Ein leicht zugänglicher Essay über eine der großen Fehlannahmen der westlichen Geschichte: dass unsere Eingriffe in die Natur sich wieder rückgängig machen lassen. Leider fehlt es „Die Tiefe des Eingriffs“ an entscheidenden Stellen an argumentativer Tiefe.
Der Essay ist insbesondere im ersten Drittel interessant, in dem die Autorin ausgehend von Mechanik und Thermodynamik wissenschaftshistorisch herleitet, wie sich allgemeine Annahmen über Reversibilität und Irreversibilität bei Eingriffen in die Natur entwickelt und als ein mechanistisches Naturverständnis verankert haben, und darauf ihre weitere Argumentation aufbaut. Die Autorin dekliniert verschiedene Eingriffe in die Natur zu ihrem angeblichen Schutze durch, die aktuell Konjunktur haben: Climate Engineering, Ökosystemmanagement, Restaurationstechniken. Leider bleibt sie hierbei vornehmlich deskriptiv: Seitenlang beschreibt sie Intention, gewünschte Wirkweise und Fallbeispiele der Techniken. Die Kritik an diesen Techniken, worauf sie ja eigentlich abzielt, kommt dabei leider zu kurz; manchmal erschöpft sie sich in einem lapidaren „Aber Studien widerlegen den Nutzen“, das ist leider etwas dünn.
Dabei wird dennoch im Kern immer wieder deutlich: Die Natur ist viel komplexer und chaotischer, als dass sie sich einfach manipulieren oder gar nach schädlichen Eingriffen wieder auf Werkseinstellungen zurücksetzen ließe - und der Mensch ignoriert dies. Gerade die letzten Seiten gehen dann doch noch einmal in die Tiefe des Themas. Gleichzeitig berührt der Essay flüchtig immer wieder kultursoziologische und sozialpsychologische Aspekte, wenn es beispielsweise um unser offensichtliches Bedürfnis geht, auch angesichts des Wissens, dass wir zunehmend unsere Lebensgrundlagen zerstören, darauf zu hoffen, dass es doch wieder so werden wird wie „früher“ - obwohl das, was wir tun, häufig unumkehrbar ist.