Bei diesem, 2004 letztendlich überarbeitetem, Buch handelt es sich um einen Roman aus Cixin Liu's Früh-Phase, das nun auf deutsch veröffentlicht wurde. In seinem Nachwort kann man erfahren, dass Liu im Sommer 1981 mit eigenen Augen einen Kugelblitz beobachtet hat, ein meterologischen Phänomen, über das man auch in der heutigen Zeit immer noch nicht viel weiß und um das sich auch noch viele Mythen ranken.
Einer der drei Hauptpersonen des Romans ist der junge Chen, der dabei war, als seine Eltern durch einen Kugelblitz getötet werden, dieser drang durch die Mauern des Hauses und hinterlies nur noch die Asche seiner Eltern, ohne dass andere Gegenstände davon betroffen waren. Daraufhin beschließt er, sein Leben diesem Phänoment zu widmen. Er durchläuft die Schulen, die Universität und wird in der Folge ein anerkannter Wissenschaftler, der sich danach einer Blitzforschungs-Institution anschließt und sich im speziellen um die Kugelblitze kümmert. Auf einem mythischen Berg, auf dem sich eine Meterologische Station befindet, begegnet er der Waffensystem-Ingenieurin Lin Yun, die sich auch sehr für Kugelblitze interessiert und sie als Waffen weiterentwickeln will. Sie lockt ihn in ein Labor des Verteidigungsministeriums damit sie sich voll der Erforschung der Kugelblitze widmen können, da dort Geld und Resourcen keine Rolle spielen. Das alles spielt vor dem Hintergrund einer, nie näher bezeichneten, politischen Krise, die zu einem Krieg führen könnte. Die Forschung an den Kugelblitzen führt die beiden in physikalische Regionen der Quantenphysik, die sie alleine nicht mehr gehen können, deshalb nehmen sie den genialen Physiker Ding Yi hinzu, der den Durchbruch schaffte, es erwies sich, dass die Kugelblitze nichts anderes sind als angeregte Makro-Elektronen (Durchmesser von mehreren Metern), die auf irgendeine (verschwurbelte) Weise Materie in unseren Universum beeinflussen können. Als der Krieg einsetzte, kommen die Kugelblitze zum Einsatz, allerdings hatte der Feind einen magnetischen Abwehrmechanismus, so dass die Kugelblitze wirkungslos wurden. Doch Lin Yu, die auf krankhafte Weise in Waffen vernarrt ist, möchte weitermachen und die Idee von Makro-Strings, die Ding Yi postuliert hat, als zerstörerisches Waffensystem weiterentwickeln. Als dies gelingt, setzt Lin Yu einen Test gegen den Willen des Verteidigungsministeriums, durch, der sämtliche Silizium-Chips im Umkreis von mehreren 100km zu Staub zerbröselt...
Der Roman beginnt als (nahezu) glaubhafter Wissenschafts-Thriller, gleitet aber ab dem ersten Drittel immer mehr in eine unlogische Richtung ab, was den Wissenschaftsgehalt betrifft, man denke nur an die Makro-Welt von riesigen Nuklearteilchen und Superstrings, die auch noch den Quantenzuständen unterliegen. Das kommt also heraus, wenn ein Kraftwerks-Ingenieur über Quantenphysik schreibt, das wurde mir schon in seiner Trisolaris-Trilogie vor Augen geführt, als er Protonen beschreibt, die die Länge von Lichtjahren haben sollen.
Allerdings stören mich auch die etwas hölzernen Charakteren (der Protagonist entbehrt sogar eines Vornamens, heißt immer nur Doktor Chen und wird sogar von nahestehenden Kollegen immer nur so angesprochen, was gegen eine glaubhafte Charakterisierung spricht)
Vor allem aber ist die immer mehr zerfasernde Handlung gegen Ende und die immer nur angedeuteten moralischen Reflexionen verantwortlich, dass der Roman mich immer wieder verstört hat und im gleichen Moment doch wieder gut unterhalten hat, wenn man das verstörende Element wieder in den Hintergrund gedrängt hat.
So wird China von einem Feind angegriffen, keiner weiß aber so recht, wer warum angreift. Nur am Namen der feindlichen Flugzeugträger (einer heißt Ronald Reagan!) wird dann dem Leser klar, wer der Aggressor zu sein scheint. Noch viel skurriler wirkt der terroristische Überfall einer hochintelligenten, superwissenschaftlich fortschrittlichen Terrorgruppe von Wissenschaftshassern (auch dies spricht leider für sich). Diese Aluhut-Träger sind die absolut unglaubwürdige Krönung einer Handlung, die immer mehr jeder Logik entbehrt gegen Ende des Romans.
Dazwischen gibt es aber immer wieder wunderbare Schilderungen von chinesischen und russischen Lebenswirklichkeiten (z.B. der Besuch einer heruntergekommenen Wissenschaftlerstadt in Sibirien mit ihren Mega-Plattenbauten und Wodka-Säufern), dramatischen Kugelblitz-Tests und waghalsigen Helikopterflügen, die manchmal in ihrer Intensität tatsächlich an den vom Autor in seinem Nachwort erwähnten Hollywood-Blockbuster Twister erinnern, sind eindeutig die starken Seiten des Romans.
Nachdem sich Chen an die Spitze der Forschung gearbeitet hat, wird er dann jedoch Zeuge, wie seine Erfindung als Waffe verwendet wird, und bekommt nachvollziehbare Skrupel. Er steigt aus der Forschung aus, bekommt weiteres dann nur noch (rückblickend) vom genialen Wissenschaftlerkollegen Ding Yi erzählt (ab hier flaut dann auch die Spannung merklich ab). Es spricht für Liu, dass er seinen Protagonisten diesen Weg gehen lässt, denn dem Willen des chinesischen Militärs zuwider zu handeln, ist sicherlich schon in der Schilderung als Autor sehr mutig (ob man einen wichtigen Forscher überhaupt abwandern lassen würde, erscheint mir fraglich).
Man darf an diesen Roman keine zu hohe Maßstäbe als Hard-SF Roman anlegen, dazu ist der wissenschaftliche Background des Autors nicht geeignet, außerdem ist der Roman auch schon 20 Jahre alt und nichts ist älter als der wissenschaftliche Horizont von Gestern. Immerhin ist das Buch gut lesbar, einigermaßen spannend und voller Ideen, wenn auch nicht unbedingt (aus heutiger Sicht) logisch.
Sein Nachwort in diesem Roman ist auch eine Hommage an Arthur C. Clarke, den er offenbar sehr verehrte, dies ehrt auch den Verfasser des Nachwortes...