Für das Wort vermissen, scheint es auf japanisch keinen gleichwertigen Begriff zu geben. Das Gefühl gibt es, aber wie in Worte fassen? Für Kyoko wird das eine jahrelange Suche.
Ihr Mann stirbt plötzlich, als der kleine Sohn Alex noch nicht einmal zwei Jahre alt ist. Sie lebt als Japanerin in San Francisco, ist dort ziemlich allein und muss nun, mit einem Haufen Schulden im Nacken, sich und ihr Kind durchbringen. Für die Trauer scheint da nicht wirklich Raum zu sein. Auch nicht für die Wut, die sie empfindet, weil ihr Mann nicht für die Familie gesorgt hat und sie jetzt auf Hilfe anderer angewiesen ist. Und doch ist die allgegenwärtig, äußert sich aber auf vielfache Art und Weise. Kyoko kann sich nicht entscheiden, wie und wo sie leben möchte. Zwischen den Welten scheint sie nirgendwo hin zu gehören. Sie probiert es mit Japan, ihrer Heimat und merkt aber schnell, dass sie sich den Eltern und dem Land entfremdet hat. Auch an der Ostküste, wo die Familie von Levi zu Hause ist, fällt es ihr schwer zu bleiben. Also ist es am Ende doch wieder San Francisco, welches ihr ein zu Hause gibt und in dem sie versucht, finanziell unabhängig zu werden und ihr Kind großzuziehen.
Ein abwechslungsreiches Personal hilft, unserer Protagonistin auf dem Boden zu bleiben und sich in der Orientierungslosigkeit nicht zu verlieren. Da ist zum einen Bubbe, die Mutter ihres verstorbenen Mannes. Sie nimmt sich ihrer an, resolut und mit verrückten Ideen, spontan und mit einer Vorliebe für gutes Essen und die Zukunft ihrer Schwiegertochter kümmert sie sich, und wendet dabei manchmal sehr unorthodoxe Methoden an. Sie wirbelt immer mal wieder durch den anekdotisch erzählten Roman, und ich hatte beim Lesen den Eindruck, dass sie eine tiefe Liebe zu Kyoko empfindet.
Alex, ihren Sohn lernen wir in verschiedenen Altersstadien kennen. Er ist ein wirklich außergewöhnliches Kind, dass seiner Mutter eine gute Stütze ist. Er kann sich abgrenzen und Zuwendung zeigen, und ich mochte ihn als Protagonisten wirklich sehr. Er zeigt die Emotionen, zu denen seine Mutter nicht in der Lage scheint. Kyoko blieb mir manchmal zu ätherisch, wie eine Papierpuppe, die bei jedem Windstoß wegzuwehen droht.
Deshalb waren die beiden Nebenfiguren wichtig, denn sie machen den Roman erst so richtig lebendig.
Mi Cha, Kyokos Mitbewohnerin hingegen blieb für mich blass und trat kaum in Erscheinung.
Das Vermissen ist allgegenwärtig. Das vermissen eines Partners, der auch wirklich einer ist, das vermissen von Sicherheit und von Heimat. Kyoko versucht alles um dieses Gefühl in den Griff zu kriegen. Sie lässt sich hinein fallen und versinkt beinahe in einer Depression, sie klammert sich an ihr Kind und experimentiert im Umgang mit diesem. Dann wiederum ignoriert sie das traurige Gefühl, ist mit Arbeit und Alltag beschäftigt und versucht die dunkle Wolke, die über ihr schwebt zu ignorieren. Immer dann, wenn sie die Trauer zu vergessen scheint, kommt das schlechte Gewissen und holt sie ein.
Tominaga verwendet eine interessante Art des Erzählens, die mir so selten untergekommen ist. Die Episoden sind in keinster Weise chronologisch. Die Erzählung ist sprunghaft, wechselt die Zeiten manchmal an jedem Absatz und ich musste mich ein ums andere Mal neu orientieren, in welcher Phase ich mich denn gerade befinde. Das macht es manchmal etwas schwer einzuordnen, wie sich die Protagonistin entwickelt hat. Trotzdem ging mir das Lesen sehr leicht von der Hand, was sicherlich an der scharfen Beobachtungsgabe der Autorin liegt. Das lässt die Umgebung auch dann plastisch erscheinen, wenn man einen plötzlichen Szene Wechsel hat und noch auf der Suche danach ist, worum es denn gerade im Moment geht.
Ein außergewöhnlich erzählter Roman, der in längeren Episoden ein Gesamtbild zeichnet, dass einige Risse hat. Ich empfehle Ihn allen, die sich zwischen Kulturen bewegen, nach Worten für Emotionen suchen und sie vielleicht nicht finden.