«Hier nahe ich, geschwärzten Angesichts, Ganz ohne tiefdurchdachte Widmungszeilen. Man mag dran drehen und dran feilen. Auf ‹Rowohlt› reimt sich eben nichts!» Mit diesen Versen widmete Mascha Kaléko 1934 ihren zweiten je erschienenen Gedicht- und Prosaband «Kleines Lesebuch für Große» ihrem Verleger Ernst Rowohlt. Zusammen mit Kalékos berühmtestem und bis heute meistgelesenem Werk «Das lyrische Stenogrammheft» erscheinen die Texte hier in neuer Ausstattung. Von ihrem Zauber, ihrer emotionalen Kraft und Klugheit sowie ihrer Vielseitigkeit haben sie nichts verloren.
Thomas Mann schwärmte von der «aufgeräumten Melancholie» der Dichtungen Kalékos. Ihre pointierten Beobachtungen von Achtstundenalltag, Großstadtleben und dem Zeitgeist der Weimarer Republik – und immer wieder der Liebe – sind so zeitbezogen wie aktuell und finden auch heute noch ein anhaltendes Echo.
Mascha Kaléko war eine deutschsprachige, der Neuen Sachlichkeit zugerechnete Dichterin.
Charakteristisch für Mascha Kalékos Arbeit ist die Großstadtlyrik mit ironisch-zärtlichem, melancholischem Ton. Als einzige bekannte weibliche Dichterin der Neuen Sachlichkeit wurde sie häufig mit ihren männlichen Kollegen verglichen, so bezeichnete man sie als „weiblichen Ringelnatz“ oder nannte sie einen „weiblichen Kästner“. Die auch Montagsgedichte genannten Strophen rühren durch ihre schnörkellose und direkte Sprache an. Ihre Gedichte wurden – als Chansons vertont – von Diseusen wie Hanne Wieder gesungen oder werden von Sängern wie Rainer Bielfeldt noch heute vorgetragen.
Ich lese eigentlich fast nie Lyrikbände durch. Das liegt in der Regel daran, dass sich zwischen einigen großartigen Texten, die es zur Kanonisierung geschafft haben, häufig eine Menge "Füllmaterial" befindet, über das man so hinweg liest. Das Bemerkenswerte an Mascha Kaléko ist aber, dass hier jedes Gedicht Teil eines Gesamtbildes ist. Ihre Lyrik ist formal alles andere als originell, ihre Sprache derart zugänglich, dass ihre Gedichte zuweilen als Gebrauchs- oder Gelegenheitslyrik abgewertet wurden. Doch diese Kategorie tut ihr Unrecht. Kaléko fängt in ihren Gedichten ein sehr spezielles Lebensgefühl ein: Die Flüchtigkeit der Großstadt, die Banalitäten, die kleinen Freuden und Leiden des Angestelltendaseins, die neuen Freiheiten der Frau, die zuweilen an der Liebe leidet und immer ein bisschen knapp bei Kasse ist. Im "kleinen Lesebuch für Große" finden sich auch ein paar sehr schöne Prosa-Miniaturen, nicht wirklich Geschichten, eher mit einer einzgartigen sprachlichen Frische, z.T. auch Schnoddrigkeit, vorgetragene Alltagsbeobachtungen und Anekdoten. Das Ganze ist zugleich gefühlsecht und unsentimental, rührt daher mehr als aller romantischer Schwulst. Wie gesagt, es ist nicht das Kunstvollste, was die Gattung je hervorgebracht hat, nichtsdestotrotz muss man Kaléko zu den ganz großen deutschsprachigen Lyrikerinnen zählen.
Wie schön es war mal wieder Poesie zu lesen! Mascha Kaléko hatte ein bewegtes Leben, im wahrsten Sinne, und trotzdem oder vielleicht genau deswegen spielen ihre Texte und Verse mit vielen kleinen (Alltags-)Situationen. Ein paar der Texte haben sich sehr intim angefühlt, fast schon so als würden sie einfach ihrem Taschenkalender (den sie auch erwähnt) entspringen und als wären sie somit nicht für fremde Augen gedacht.
Einen Stern Abzug gibt’s, weil die Mehrzahl der Texte in der ein oder anderen Form dann doch immer wieder dasselbe Thema behandeln und ein klein wenig monoton werden (was aber irgendwie eine schwierige Kritik ist finde ich). Für meinen Geschmack wäre aber ein bisschen mehr Vielfalt schön gewesen wäre, vor allem wenn man es so wie ich, von Cover- bis Schlussseite liest. Hätte mich jetzt bei vereinzeltem Stöbern und Schmökern nicht so gestört.
Für alle die gerne Musik hören beim Lesen – und für meine eigene Erinnerung: Cherry Blossoms und Kuura von Claudio Constantini passen einfach so so gut in die Stimmung des Buchs.
Kalékos Lyrik ist pointiert und dennoch leicht bekömmlich. Ihre Themen und die vermittelten Emotionen räsonierten mit mir im besonderen aufgrund ihrer Aktualität und der verspielten Sprache. Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir „Krankgeschrieben“ mit dem letzten Vers:
„Man liegt im Bett. Und draußen pulst das Leben - wie es so herrlich in Romanen heißt. Man hat sich diesem Zwange gern ergeben Und wird gesund mit leisem Widerstreben, Als wär man in die Kindheit heimgereist … „
Und der letzte letzte Vers von „Für Einen“:
„Du bist der Leuchtturm. Letztes Ziel. Kannst Liebster, ruhig schlafen. Die Andern … das ist Wellenspiel,
Du aber bist der Hafen.“
(Die Prosa Teile im hinteren Abschnitt des Buches haben mich nicht so abgeholt, deshalb nur 4 Sterne)