Ich lese eigentlich fast nie Lyrikbände durch. Das liegt in der Regel daran, dass sich zwischen einigen großartigen Texten, die es zur Kanonisierung geschafft haben, häufig eine Menge "Füllmaterial" befindet, über das man so hinweg liest. Das Bemerkenswerte an Mascha Kaléko ist aber, dass hier jedes Gedicht Teil eines Gesamtbildes ist. Ihre Lyrik ist formal alles andere als originell, ihre Sprache derart zugänglich, dass ihre Gedichte zuweilen als Gebrauchs- oder Gelegenheitslyrik abgewertet wurden. Doch diese Kategorie tut ihr Unrecht. Kaléko fängt in ihren Gedichten ein sehr spezielles Lebensgefühl ein: Die Flüchtigkeit der Großstadt, die Banalitäten, die kleinen Freuden und Leiden des Angestelltendaseins, die neuen Freiheiten der Frau, die zuweilen an der Liebe leidet und immer ein bisschen knapp bei Kasse ist. Im "kleinen Lesebuch für Große" finden sich auch ein paar sehr schöne Prosa-Miniaturen, nicht wirklich Geschichten, eher mit einer einzgartigen sprachlichen Frische, z.T. auch Schnoddrigkeit, vorgetragene Alltagsbeobachtungen und Anekdoten. Das Ganze ist zugleich gefühlsecht und unsentimental, rührt daher mehr als aller romantischer Schwulst. Wie gesagt, es ist nicht das Kunstvollste, was die Gattung je hervorgebracht hat, nichtsdestotrotz muss man Kaléko zu den ganz großen deutschsprachigen Lyrikerinnen zählen.