Der Titel deutet es schon an: die fantastischen Geschichten des Bandes sind eher dunkel. Es handelt sich um eine Anthologie, die zuerst in englischer Sprache vom griechischen Autor und Herausgeber Hephaistion Christopoulus, von dem auch eine Erzählung im Band zu lesen ist, zusammengestellt wurde. Die wurde von Torsten Scheib ins Deutsche übersetzt. Möglich, dass einige Autoren und Autorinnen des Bandes ihre Geschichte schon (eventuelle mit Hilfe von DeepL) in Englisch verfasst haben. Bei Autorinnen von wenig gesprochenen Sprachen ist das nicht unüblich. Die Geschichten sind in erster Linie fantastisch. Die meisten kreieren eine eigene Welt wie "Leviathans Ruf" in der alle Lebewesen eine Verwandlung erfahren haben, aufgrund eines Agens. Aber dieses ist das einzige SF-Element dieser Geschichte, die einen Ich-Erzähler eine bizarre Welt einer Computerspiel-Figur ähnlich erleben lässt. "43 Minuten" erzählt die Geschichte eines jugendlichen Strichers, der in die Fänge des skrupellosen Zuhälters geraten ist. Eine Droge verhindert, dass er sich daran erinnert, was andere mit ihm anstellen. Das ist die sozusagen die Geschäftsgrundlage. Doch eines Tages geht etwas schief. Sehr düster. "Toxic" ist wirklich eine scharfe Mischung aus Dark Fantasy und Cyberpunk. Ein Hacker will das "namenlose Buch" lesen, ja sein Geheimnnis zu entschlüsseln. Das bisher aber jeden ausgelöscht hat, der das versucht hat. Er sichert sich gegen alle Bedrohungen ab, aber die Schwachstelle ist nun mal das menschliche Gehirn. Okkultismus gegen Hochtechnologie. Spannend und originell. Die Stadt Aligor hat sich vor langer Zeit gegen die Außenwelt mit einem magischen Wall aus negativen Gefühlen und Erfahrungen abgeschirmt, um den Wohlstand zu konservieren. Doch dieser Wall hat auch die Einwohner eingesperrt, der Zerfall war die Folge. Es gibt die sogenannten Jäger, die immer wieder versuchen, diese Absperrung für zahlende Begleitung zu durchbrechen. Aber das negative ist in Gestalt von Streunern materialisiert, die einem nach dem Leben trachten. Ilyriana ist eine dieser Jäger, sie hat ein persönliches Motiv der Stadt zu entkommen. Ihr kranker Sohn stirbt, wenn er keine Hilfe von außerhalb bekommt. Sie erkennt, wie sie sich verhalten muss, um diesen magische Sperre zu durchbrechen. Dark Fantasy mit großer emotionaler Tiefe. "Stellreflex" spielt in einer verseuchten Zukunftswelt, in der nach Mitteln gesucht wird, dem tödlichen gelben Schleier, der alles Leben tötet, zu entkommen. Da wird ein Mädchen entdeckt, dem dieser Dunst nichts ausmacht. Eindringlich geschrieben, aber doch die konventionellste Story der Sammlung. "Der Honig der Welt und die Krähenkönigin" ist wieder Fantasy. Eine Nonne erzählt in einer Zwischenwelt, dem Scheideweg, eimem getöteten Soldaten ihre Geschichte. Um ihren Geliebten, einen Prinzen, zu retten, hat sie die Krähenkönigin angerufen. Die Krähenkönigin wird von den Feinden des Prinzen, der die Arme eines christlichen Reiches anführt, angebetet. Eine interessante Erzählung mit viel Menschlichkeit. "Silberne Glöckchen erklingen überall in der Welt" imaginiert einen Tanzkult um eine tanzende Gottheit im Abgrund, deren wilder Tanz die Welt in Bewegung hält. Kurz, aber ich empfand das Wordbuilding als sehr originell und schlüssig. "Kinderly" spielt zur Zeit des griechischen Unabhängigkeitstkampfes gegen das osmanischen Reiches im 19. Jahrhundert. Ein Diener will den General einer Rebellentruppe unbedingt retten, er würde alles für ihn tun. Er sucht Heilerinnen auf, die ihm letztlich den Weg zu einem magischen Zitronenbaum weisen, in dem "Kinderly" haust, die ihm helfen soll. Die Geschichte, die auch die Geschichte einer unerfüllten und tragischen Liebe ist, nimmt eine besondere Wendung. Für mich eine der besten Erzählungen. Magisch und eindrucksvoll verwebt sie griechische Geschichte und Folklore. Die SF-Geschichte "Das Mädchen und der Schoßgeborene" hat die Ausbreitung des Menschen und die Besiedlung von fremden Planeten als Hintergrund. Auf einer dieser Welt, auf der es nur gentechnisch modifizierte Fauna oder Flora gibt, lebt das Mädchen Lena. Sie führt einen Schoßgeborenen, einen Außenwelter mit viel Wissen, zu den Herrschern dieses Planeten. Auf dem Weg dorthin erschließt er dem Mädchen aus der Unterschicht, das zudem als weibliches Wesen sich unterordnen muss, wie die Herren dieser Welt die Menschen durch Sprachmanipulation beherrschen. Spannend und durchaus origninell. "Das Pendel von Karthago" ist dann wieder einer dieser "kleinen" Fantasy-Welten, die mit anglo-amerikanischen Romanschauplätzen desselben Genres nur die vage mittelalterliche, prätechnische Anmutung gemein haben. In dieser Welt geben die Sterbenden kryptische Worte und Sätze von sich, die nur von den Verkünderinnen für die Hinterbliebenen gedeutet werden können. Etheldred ist eine davon, sie hat zwei "Gefolge", Lebenspartner, die ihr auch bei ihrem Beruf assistieren. Sie und einer der Gefolge schildern einen dieser Fälle, der ihren Assistenten sehr mitnimmt. Auf so eine poetisch abgefahrene Betrachtung der Sterbens und der letzten Worte muss erst mal kommen. Etheldred ist emotional sehr eingeschränkt, eigentlich autistisch, und kann nur die Wahrheit sagen. Als Leser stand ich fasziniert außen vor, dass am Ende eines Lebens die Wahrheit über einen Menschen zum Vorschein kommen möge, das ist aber ein sehr nachvollziehbarer Wunsch. Wegen der außergewöhnlichen Phantasie der Geschichten habe ich 4 Sterne vergeben.
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