4,5 Sterne.
Frieda ist über 80 und nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes Louis , zieht sie in ein Pflegeheim.
Tobias ihr Sohn, ist mit der Auflösung des Hausstandes im Elternhaus beschäftigt , hat ein liebevolles aber auch teilweise angespanntes Verhältnis zu seiner Mutter.
Frieda hatte schon immer ihre Launen und Ausbrüche. Weder Louis noch Tobias wussten, was sie nie los lies.
Wir gehen in Erinnerungen mit Frieda in eine Zeit zurück, die für sie schön begann und extrem traumatisch endete.
Jaap Robben breitet nach und nach Friedas Geschichte vor dem/der Leser:in aus und entführt uns in die dunkelste Phase ihres Lebens. Die ganze Zeit kündigt sich ein Unheil an, man gönnt Frieda ihr anfängliches Glück, möchte ihr aber permanent zurufen, dass sie sich fern halten und schützen muss.
Was sie durchmachen musste ist schrecklich, prägend und unvergesslich.
Der Schreibstil ist literarisch gesehen nichts besonderes. Die Sprache ist einfach, aber unheimlich gefühlvoll aber zeitgleich auch ehrlich und voller Leid.
Immer wieder wechseln wir zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit. Wir begegnen einer Frau, die einiges verkraften musste aber trotzdem weiter funktioniert hat.
Mich hat außerdem beschäftigt, wie schnell ein Leben vorüberzieht. Man wird älter, verliert den/die Lebenspartner:in , gibt ein selbstständiges Leben auf, ist immer mehr auf Hilfe angewiesen, wird abhängiger, auch von einem ganz unbekannten Menschen. In Friedas Fall muss sie sich z.B. von einem jungen Pfleger waschen lassen. Für mich war es sehr gut beschrieben wurden, welches Schamgefühl eine Person dabei überfällt und wie man dies aufgeben oder einfach nur gut überspielen muss, da einem einfach keine andere Wahl bleibt.
Mich hat so einiges in diesem Buch zum Nachdenken angeregt.
Es geht um die Rolle der Frau Anfang der 60iger, ihre nichtexistente Selbstbestimmung. Die Aufgabe von eigenem Willen und der absoluten Unterordnung in eine patriarchale Gesellschaft.
Generell werden Themen wie Verlust, Liebe, Familie, das Älter werden , das Zurückblicken hier eindrücklich beschrieben. Es gibt ein Bild in Friedas Kopf, welches sie nie verlassen hat . Erinnert man sich dann an den ersten Satz des Buches zurück, trifft es einen noch etwas härter.
Eine beeindruckende Geschichte mit einer unglaublich starken Protagonistin. ❤️