»Frau Ministerin, ich gratuliere Ihnen zu Ihrem Sohn.«
Ein radikal gegenwärtiger Roman über die abgründigen Beziehungen zwischen Söhnen und ihren Müttern. Mit einer Sprachkraft, die Staunen macht, erzählt die preisgekrönte Schriftstellerin Ursula Krechel von symbiotischer Mutterschaft, von existenziell gefährdeten Frauen und von politischer Gewalt.
Mit seiner Mutter sprechen zu müssen, ist für den Sohn von Eva Patarak ein Staatsverbrechen. Für Eva hingegen ist es ein Verbrechen, dass ihr Sohn und sie offenbar ausspioniert werden. Welches Ziel verfolgt die Lateinlehrerin Silke Aschauer mit ihrer Observation? Will sie etwa einen Roman schreiben? Bieten die grausamen Familienverhältnisse der Antike, die sie für den Unterricht aufbereitet, nicht ausreichend Stoff für Faszination? Fest steht Silke hält längst nicht alle Fäden in der Hand, denn ihr eigener Körper hat einen blutigen Aufstand gegen sie angezettelt, der sie in die Rolle der Patientin zwingt. In ihrer Ohnmacht wenden sich beide Frauen an die Justizministerin – ohne zu ahnen, in welche Gefahr sie die Staatsvertreterin damit bringen. Ursula Krechel schreibt in ihrem hoch politischen und stilistisch herausragenden Roman eine Kulturgeschichte aller Frauen – von einer römischen Kaisermutter zu einer Studienrätin, von einer Verkäuferin in einem kleinen Kräuterimperium zu einer Ministerin. Es ist die Geschichte ihres Widerstands gegen die Gewalt, die ihnen physisch und psychisch zugemutet wird.
Krechel was born in Trier. From 1966 to 1972 she studied German studies, theatre, and art history at the University of Cologne. From 1969 to 1972, she worked as a drama advisor in Dortmund. After 1972, she lived in Frankfurt am Main for many years and now works in Berlin as a writer, focusing on Lyric poetry, but also writing prose, drama, and radio drama.
Georg-Büchner-Preisträgerin 2025, Ursula Krechel, legt mit Sehr geehrte Frau Ministerin ein zeitkritisches, allegorisches Buch vor, das bei Juli Zehs Zwischen Welten und Eugen Ruge Pompeji oder Die fünf Reden des Jowna anschließt, jedoch offenkundige, digressive Tendenzen einer Elfriede Jelinek aus Elfriede Jelinek Gier aufnimmt und weitertreibt. Im Zentrum steht einmal nicht das viel bespielte Mutter-Tochter-Verhältnis. Vielmehr geraten die Söhne in den Blickpunkt:
Agrippina: Seien wir doch offen. Ihnen und mir bleiben nur historische Rollen aus dem Kostümfilm mit beschränkter Haftung. Boudica: Ihr Sohn hat Sie inhaftiert. Agrippina ironisch: Das wäre Ihnen nicht passiert, weil Sie keinen Sohn haben. Ein Sohn ist immer ein Risikofaktor. Boudica: In der Tat.
Hier sprechen die Mutter von Nero, Agrippina, und Boudica, eine britannische, keltische Kriegerkönigin, miteinander. Letztere revoltierte im Jahre 60 gegen die römische Besatzung. Beide haben unter Nero zu leiden, unter dessen Regentschaft zwischen 54 und 68 das römische Imperium u.a. durch viele dubiose Todesfälle in seiner eigenen Familie im Chaos versunken ist, bspw. auch der Mord an Agrippina durch (wahrscheinlich) Nero selbst. Parallelisiert wird Neros Geschichte mit dem Mutter-Sohn-Verhältnis zwischen Eva und Philipp Patarak in der bundesrepublikanischen Gegenwart. Philipp, der kaum in Erscheinung tritt, hat sein Studium geschmissen und sitzt nun den ganzen Tag vor dem Computer und politisiert sich. Arbeitslos hängt er vom Gehalt seiner Mutter ab, die in einer Essener Filiale einer Kräuterladenkette arbeitet, bis diese plötzlich abgewickelt wird:
Das hat gerade noch gefehlt, sagte [Philipp]. Er öffnete den Kühlschrank wieder, schob die laminierten Packungen und die Gläser mit Gemüsekonserven vor und zurück. Gibt's keine Gürkchen mehr? Nein, Gürkchen gab es nicht mehr. Aber du wirst doch wieder in einem Laden arbeiten können? Und: Du bekommst bestimmt eine anständige Abfindung, oder? Hoffentlich. Ja, hoffentlich.
Von einem hintergründigen Konflikt kann in Sehr geehrte Frau Ministerin keine Rede sein. Digressiv arbeitet sich der Roman durch verschiedene Lebenswelten, ohne jedoch einen wirklich roten Faden zu haben. Die Frau mit der roten Mütze und ihren starken Monatsblutungen fungiert zwar als Erzählinstanz, die immer wieder eher oberflächliche Details über dieses und jenes feilbietet, kommt aber nie zum Punkt, zum Ereignis oder zum Plot. Den gibt es nämlich nicht. Sprachlich bietet der Roman jedoch eine ganze Menge:
Ich dämmerte für eine Viertelstunde vor mich hin, stand auf, wieder ins Badezimmer, wieder der Griff zwischen die Beine, wieder Nässe, wieder ein neuer Tampon. Ich war das Blut, ich war das Auffangbecken, ich war die Bestürzung, die Verstörung, der Blutsturz, ich war das beschmierte Klo, ich war der Abfalleimer, ich war die Schwäche. Ich hätte weinen wollen, aber die Augen blieben trocken, Nässe, die aus der Gebärmutter rann.
Im Grunde bietet der Roman sehr viele Anschlussmöglichkeiten, nur realisiert er keine davon selbst. Er fliegt auseinander und endet in einem narrativen Nirwana ohne Hand und Fuß, da Sehr geehrte Frau Ministerin eben nicht von seinen Figuren handelt oder seine Figuren vorstellt, sondern diese Figuren eher zum Anlass nimmt, irgendwelche Details anzuhäufen wie übers Grapefruit-Ausquetschen, über das Justizministeriumgebäude oder über Gemälde, Kraniche, Kräuterextrakte oder die Essener goldene Madonna etc … die mühsame Lektüre lohnt sich möglichweise topisch, aber sicherlich nicht narrativ. Die Figuren bleiben völlig entfremdet und gesichtslos, insbesondere die Ministerin.
--------------------------------- --------------------------------- Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich): --------------------------------- ---------------------------------
Inhalt: ●Hauptfigur(en): Silke Aschauer, klassische Philologin; Eva Patarak, Verkäuferin und Mutter von Philipp; Justizministerin. ●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: Drei Kapitel, fast gleich lang (112,126,117 Seiten). Kapitel 1: Hier geht es um Eva Patarak (EP). Sie lebt mit ihrem Sohn zusammen, Philipp (PP), der sein Studium geschmissen hat und, obwohl erwachsen, noch immer bei ihr wohnt, den ganzen Tag im Internet surft und Politsendungen u.a. mit der Justizministerin schaut. PP erscheint kaum, wirkt nebulös, unfähig, latent aggressiv und nutzt seine Mutter aus. Als er sich über das Bellen des Hundes eines Nachbarn aufregt, bricht er sich den Finger. EP muss das Geld für beide in einem Kräuterladen verdienen. Das Geschäft läuft mittelmäßig bis schlecht. Sie nimmt an einem Wochenendseminar teil, um Verkaufsstrategien zu erwerben. Als der Unternehmensbesitzer stirbt, hat der Sohn die Nachfolge nicht im Griff und verkauft das Unternehmen. Im Zuge der Übernahme wird der Kette der Kräuterläden abgewickelt und EP verliert ihren Job. In diese Situation hinein montiert, eine Kundin, die Frau mit der roten Mütze (die sich als Silke Aschauer entpuppt, später). Sie kauft nicht viel, schaut mehr, kauft Kräuterbonbons und fragt irgendwann nach einem Haarwuchsmittel. Sie zeigt, dass sie unter der Mütze kahl ist, wahrscheinlich wegen einer Chemotherapiebehandlung. Als die Frau mit der Mütze auch noch in EPs Straße auftaucht, hat EP das Gefühl, von ihr verfolgt zu werden und bittet ihren, einen Beschwerdebrief an die Justizministerin zu schreiben. Sie schreibt einen Entwurf. Zwischen diesem Handlungsverlauf nun wird die Mutter-Sohn-Geschichte von Nero (N) und Agrippina (A) erzählt. A intrigiert so, dass N Kaiser werden kann, vielleicht sogar durch Mord an ihren sehr reichen zweiten Ehemann Crispus. Claudius (As Onkel) und sie heiraten aus dynastischen Gründen. 51 wird eine Kolonie gegründet, die nach A benannt wird, da sie aus dieser Gegend stammt: das spätere Köln. Als Claudius mehr und mehr seinen Sohn aus erster Ehe, Britannicus, favorisiert, obwohl Nero bereits seine Tochter Octavia geheiratet hat, intrigiert A gegen ihn, wahrscheinlich. Er stirbt bald (vielleicht aus natürlichen Gründen, er war 63) und zwar im Jahr 54. Als nun A auch unzufrieden mit N wird, vor allem durch seine Affäre mit Claudia Acte, durch welche A Einfluss über ihren Sohn verliert, versucht sie mit Britannicus und dann mit Octavia gegen ihn zu intrigieren. N vergiftet Britannicus daraufhin (55) und wird 59 unter dubiosen Umständen getötet (ein Anschlag zuvor auf einer Barke geht schief). 62 wird auch Octavia getötet. Agrippina stellt Nero Seneca zur Seite, versucht ihn zu stützen, ihm den Weg zu bereiten, ist aktiv und unterstützend. Nero aber wird hedonistisch, will Künstler sein, tanzt und ergeht sich in Affären Nero – Versager; Philipp – Versager; und auch Unternehmensnachfolger-Sohn – Versager. Kapitel 2: In diesem Kapitel wird die klassische Philologin Silke Aschauer (S) eingeführt, die Frau mit der roten Mütze, die an enormen Blutungen während ihrer Periode leidet. Sie hat schlimme Menstruationsbeschwerden, geht so mehreren Ärzten, bis endlich ein Krebs entdeckt und sie operiert wird. In diese Situation wird der Unterricht beschrieben, Übersetzungen des Tacitus, ihre Lieblingsschülerin Alberta, deren religiöse Mutter sich über den Unterrichtsstoff bei S Direktorin beschwert (Verhütung, Hinrichtungen, Gewalt). S sucht ein Gespräch mit der Mutter, die aber nur einen Monolog über die schlimme Vergangenheit von Albertas Vater erzählt und dann geht. Nebst ihren Problemen geht auch die Beziehung zu ihrem Freund in die Brüche, der als Aktivist in den Anden weilt, kurz zurückkommt, dann wieder zurückfliegt, sie versucht zu überreden mitzukommen, auch sprechen sie über Heirat und Kind. Blutungen und körperliche Schmerzen führen zum zweiten Strang: Kriege unter Nero, Niederschlagung einer Rebellion in Britannien. Boudica, eine störrische Kriegerkönigin, will sich nicht geschlagen geben, hetzt gegen die verweichlichten Römer, insbesondere gegen den verweichlichten König. Quellen: Cassius Dio „Römische Geschichte“ und Tacitus „Annalen“. Die Erzählerin imaginiert einen Dialog zwischen Boudica und Agrippina, beide kriegerisch, machthungrig, rebellisch. Im dritten Strang wird die Geschichte von EP weitergesponnen, die mit einer Kollegin Kraniche beobachtet, über Kraniche und das Kranichzählen. Kapitel 3: Hier mischen sich alle Handlungsfäden. Die Geschichte um Alberta wird aufgelöst. Sie geht in ein Internat für Hochbegabte, entzieht sich so der Mutter. Das Leben einer anonym bleibenden Justizministerin wird erzählt, Politikeralltag. EP findet neuen Job als Hörgerät-Verkäuferin, führt die Kundschaft an der Nase herum. Briefe an die Justizministerin, die mit ihrer Tochter in Essen im Laden von EP eine Tinktur gegen Blasenschwäche gekauft hat. Auch PP geht es besser, scheinbar, Lachen aus seinem Zimmer. Dann Attentat auf die Justizministerin, wird u.a. gerettet von ihrem Sohn. PP der Attentäter, wird gestellt und verweigert vor Gericht die Aussage. EP bezieht sich nun auf S, die über sie und ihren Sohn schreibt, um Klarheit in die Situation zu bringen. EP hatte nichts damit zu tun. ●Kurzfassung: Eine klassische Philologin schreibt über eine Mutter mit einem unfähigen Sohn, der schließlich einen Attentat auf die Justizministerin ausübt. ●Charaktere: (rund/flach) – schwierig zu sagen, im Grunde keine handelnden Figuren überhaupt in dem Roman. ●Besondere Ereignisse/Szenen: Gespräch zwischen Boudica und Agrippina. Stille Szene mit Silke im Essener Dom vor der Maria Statur mit offenen Beinen. ●Diskurs: zu viel, eigentlich alles, Klimawandel, Messerverbot, Landwirtschaftsmisere, Einwanderung, Krieg, Kolonisierung, Intrigen, Emanzipation, tabuisierte Körper, Krebs. … der Text zirkelt um Söhne und Mütter. Die Mütter umsorgen die Söhne, aber diese erweisen sich als Problemkinder: Agrippinas Nero, verzärtelt unfähig, mord- und rachsüchtig, und Evas Philipp, zurückgezogen, scheu, faul und gewalttätig. Mütter gelten aber, außer Maria, nicht als Märtyrinnen (Zitat) außer Maria, deren goldene Statue die kinderlose Silke, die auch keine Kinder mehr gebären kann, im Essener Dom anschaut, mit gespreizten Beinen. Also: Dilemma Kinderbekommen oder nicht. „Konfliktfähigkeit als Mutter der Kinderlosigkeit.“ Auch: Nero wächst ohne Vater, Philipp ohne Vater auf. Silke will kein Kind ohne Vater aufziehen; Alberta wächst auch ohne Vater auf, setzt sich gegen die Mutter durch. Auch: Silke wird zuerst von ihrer Frauenärztin vertröstet (trotz starker Blutungen), dann geht sie zu einem Arzt, der als Kapazität gilt, der ihr nahelegt, die Gebärmutter zu entfernen; dann geht sie wieder zu einer Ärztin, die sie vertröstet, bis es zu schlimm wird und eine Notoperation stattfinden muss. … vom Spannungsaspekt jedoch sehr langweilig, zerfahren, inkohärent, nicht packend. Zu diskursiv, journalistisch, zu sehr pädagogisch. --> 2 Sterne
Form: ●Wortschatz: außerordentlich vielseitig. ●keine statische Analyse möglich (nur analoge Version zur Hand). ●Stimmige Wortfelder: sehr stimmig, keine Ausreißer, keine Abstraktionsverfehlungen. ●Satzstrukturen: komplex, interessant, rhythmisch. ●Wiederkehrende Motive/Tropen: keine, die mir aufgefallen wären, sehr vielseitig jedoch. ●Innovation: hohe Ausdrucksfreude, sprachliche Vieldimensionalität --> 5 Sterne
Erzählstimme: ●Eindruck: es gibt keine – das Ich wechselt, changiert. Haupterzählinstanz wäre Silke Aschauer, aber es gibt kein Innen und Außen; der Text schwebt, durchpflügt alles. Sehr inkonsistent, keine Glaubwürdigkeit generierend, sehr beliebig, leider. ●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): nein, weder noch, da diffus. ●Erzählverhalten, -stil, -weise: kommentierend, mit Schenkelklopfern, Witz, und auch mit herablassenden Einschätzungen, hart urteilend. … viel zu kursorisch, unorganisiert, überhaupt kein erzählender Text, eher eine Illustration, narrativ ein Komplettausfall --> 1 Stern
Komposition: ●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): fürchterliche Mischung aus Traum, Nacherzählung, Einfühlung, historischen Passagen, die abgeschrieben scheinen, Detailauswüchse, die völlig windschief zum Geschehen stehen (wie die Geschichte vom Justizministeriumgebäude, die Kraniche, das Grapefruitausquetschen etc….). ●Extradiegetische Abschnitte: Sehr viele, da historische Passagen, die aus Übersetzungen aus dem Latein stammen. ●Lose Versatzstücke: Gemäldebeschreibung von Gabrielle d’Estrées, Kranichbeobachtung, Anekdote über den Münzfund, das russische Uhren-Sammeln von Philipps Vater. ●Reliefbildung: nein, da es keine Linie gibt, ebnet sich alles als Montage ein. --> 1 Stern
Leseerlebnis: ●Gelangweilt: sehr ●Geärgert: teilweise ●Amüsiert: nie ●Gefesselt: nein … die Sprache war das einzige, das mich begeistert hat. --> 2 Sterne
Geschichte dreier Frauen unterschiedlicher Zeiten mit jeweils Sohn. Teilweise gut verwoben, aber durchaus auch überkonstruiert. Spiel mit Erzählebenen und Perspektiven, schöne Wortspiele und Bedeutungsabtasten. Vor allem im letzten Drittel wirkt vieles aber arg dranggeklebt und nicht stimmig. Da hätte ein sorgfältiges Lektorat manche Straffung geschafft.
"Die Frau ist lästig in der Geschichte, in jeder Geschichte, sie muss verschwinden. Am besten: Sie räumt sich selbst aus dem Weg, sodass kein Schatten von ihr auf die Geschichte fällt und die Männergeschichte unaufhaltsam ihren Lauf nimmt." (Seite 43)
Silke liest täglich davon, wenn sie lateinische Texte übersetzt. Texte, die von Männern geschrieben wurden, die ihre sehr subjektive Sicht auf die (ihrer Meinung nach) wenigen erwähnenswerten Frauen der römischen Geschichte teilen. Agrippina ist eine von ihnen. Neros Mutter, maßgeblich beteiligt an seinem Aufstieg, dann von ihm ermordet, weil sie selbst zu mächtig wurde - und angeblich ein Komplott gegen ihn schmiedete.
Während Silke von der blutigen Geschichte Roms liest, blutet sie selbst unaufhörlich. Doch die Ärzte wollen ihr nicht helfen, manche Frauen hätten eben eine starke Periode. Erst nach einer halben Odysee: eine Diagnose, Operation, Chemotherapie. Und immer diese Frage nach der Mutterschaft.
"Mütter und Söhne - die Söhne sind offenbar selbstverständlich da, wie Bäume im Wald. Im Nu sind sie den Müttern über den Kopf gewachsen. Warum eine Frau kinderlos ist, darüber muss gemunkelt, gemutmaßt werden. (Seite 297)
Eva hat einen Sohn. Einen, der schon erwachsen ist, sich aber von ihr durchfüttern lässt und äußerst ungehalten reagiert, als sie ihre Stelle im Kräuterladen verliert. Einen, der sein Zimmer kaum verlässt und undurchsichtige Dinge im Internet tut. "Mutter wollte, dass ich mit ihr spreche", ist ein Satz, der wie ein Mantra an ihm klebt. Denn Eva wünscht sich eine Beziehung zu ihrem Sohn und leidet darunter, dass er ihr so fremd geworden ist. Und ist das nicht vielleicht Silkes Schuld? Schließlich schreibt sie über Eva und ihren Sohn, macht sie zu Figuren in einem Buch, die gar nicht wirklich existieren. Oder doch?
"Ich fürchte, jetzt bin ich eine von oben bis unten erfundene Person. [...] Letztendlich war ich die Zeugin meines eigenen Lebens. Dass es einem enteignet werden könnte, hätte ich mir bis jetzt nicht vorstellen können." (Seiten 111 + 113)
Um die Kontrolle über ihre eigene Geschichte zurückzugewinnen, schreibt Eva der Justizministerin, die gerade versucht, ein Gesetz über die Stärkung von Persönlichkeitsrechten im Internet durchzusetzen.
Die Ministerin ist eine starke Frau, die ihr ganzes Leben der Karriere widmet und dafür viel opfert.
"Nun war sie Volljuristin. Was für ein Popanzbegriff. Gab es Vollphilologinnen? Nein, aber Vollidioten und Volltrunkene." (Seite 260)
Diese Vollidioten bombardieren sie mit sinnlosen bis beleidigenden Mails, einer schreibt ihr immer wieder. Aufdringlich und grenzüberschreitend. Doch ihre Mitarbeitenden nehmen das nicht ernst genug - bis er ihr ein Messer an den Hals hält.
Ursula Krechel hat mit "Sehr geehrte Frau Ministerin" ein literarisches Meisterwerk über die Leidensgeschichte der Frauen im Patriarchat, die Beziehung von Müttern und Söhnen und vor allem über das Erzählen an sich, ja im Prinzip über Geschichtsschreibung geschrieben. Wer erzählt was wie über wen? Wer hat wirklich Kontrolle über seine eigene Geschichte? Und warum sind es immer die Frauen, die zur Seite geschubst werden, denen nicht geglaubt wird und die im schlimmsten Fall mit ihrem Körper oder sogar ihrem Leben dafür bezahlen müssen?
Gekonnt verwebt Krechel dabei die römische Geschichtschreibung mit der Gegenwart. Hier und dort ist es am Ende der Sohn, der in der Öffentlichkeit als Held dargestellt wird.
"Frau Ministerin, ich gratuliere Ihnen zu Ihrem Sohn. Das war der Satz, der im Netz die meiste Zustimmung fand." (Seite 348)
Hier und dort sind es die Frauen, denen ihre Position genommen wird, deren Gesundheit weniger zählt und die in der Politik immer noch so viel mehr zu kämpfen haben als Männer.
Nur langsam entschlüsseln sich diese Zusammenhänge, immer wieder streut Krechel erste Brotkrumen in den Text, die man leicht verpasst, wenn man nur kurz unaufmerksam ist. Liest man diesen Text allerdings mit der Konzentration, die ihm gebührt, rast man von einem Literatur-Orgasmus zum nächsten. So klug, so gekonnt ist dieser Roman konstruiert. So sprachlich brillant!
Ich liebe alles an diesem Buch, es hat mein Gehirn an Stellen gekitzelt, an die Bücher nicht so oft rankommen. Keine Lektüre für nebenbei, aber eine, die bleibt! Ein Buch für immer! Und eines der besten, die ich je gelesen habe!
Sie sind drei Frauen und wohnen in Essen: Eva Patarak, Verkäuferin in einem Kräuterladen, die ihren Sohn Philipp alleine großgezogen hat, Silke Aschauer, die kinderlose Studienrätin, die Latein unterrichtet und der es vor allem die römische Geschichte angetan hat, und die namenlose Bundesministerin der Justiz, die ihre Familie höchstens an den Wochenenden sieht und sich mit den Details der Gesetzgebung, Hassbriefen und Wahlkampfterminen herumschlagen muss. Was verbindet sie?
„Sehr geehrte Frau Ministerin“ ist ein Roman von Ursula Krechel.
Der Roman besteht aus drei Teilen, deren Fokus jeweils auf einer der Protagonistinnen liegt. Erzählt wird non-linear, wobei die Perspektive wechselt, sogar bisweilen innerhalb eines Absatzes. Die Handlung spielt vorwiegend, aber nicht ausschließlich in Essen und umfasst einen nicht näher definierten Zeitraum.
Besonders in sprachlicher Hinsicht hat mich der Roman beeindruckt. Sprachspielereien und Neologismen sind nur ein paar Beispiele dafür, wie wortgewaltig der Text ist. Die lateinischen Einschübe werden nicht immer übersetzt, sind im Kontext aber dennoch verständlich. Nur an wenigen Stellen wirkt der Text übertrieben kunstvoll.
Die interessanten Figuren werden lebensnah und mit psychologischer Tiefe gezeichnet. Sie sind allerdings recht speziell und bieten wenig Identifikationspotenzial. Die titelgebende Ministerin erhält nicht so viel Raum wie die beiden anderen Protagonistinnen.
Auf der inhaltlichen Ebene enthält die Geschichte etliche feministische Aspekte, die zum Nachdenken anregen und gesellschaftskritische Impulse setzen. Dargestellt wird beispielsweise, dass körperliche Leiden von Frauen in der Medizin schnell abgetan werden. Zudem geht es um Misogynie, die Schwierigkeiten alleinerziehender Mütter, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, toxische Männlichkeit, Femizide, sonstige Gewalt gegen Frauen, Cybermobbing und derartiges mehr. Wie brandaktuell diese Themen sind, zeigen die jüngsten Ereignisse in Deutschland.
Ein weiterer Schwerpunkt ist das Verhältnis zwischen Müttern und Söhnen. Dabei wird immer wieder eine Brücke ins alte Rom gebaut, insbesondere zu Nero und dessen Mutter Agrippina. Diese wiederkehrenden Exkurse sind zwar durchaus erhellend, in Gänze allerdings ein wenig zu ausführlich und damit langatmig geraten.
Auf den 360 Seiten ist der Roman also nicht nur facettenreich und tiefgründig, sondern auch sehr komplex. Das ist einerseits eine Stärke, überfrachtet ihn andererseits jedoch etwas.
Immer wieder konnte mich die Geschichte überraschen, auch dank ihrer raffinierten Erzählstruktur. Das Ende ist absolut stimmig. Einige lose Fäden bleiben jedoch übrig.
Mein Fazit: „Sehr geehrte Frau Ministerin“ von Ursula Krechel ist ein vielschichtiger Roman, der gesellschaftlich relevante und besonders feministische Themen mit überzeugender Sprachgewalt zu verbinden weiß. Eine empfehlenswerte, jedoch nicht sehr eingängige Geschichte, die ein aufmerksames und geduldiges Lesepublikum voraussetzt.
Agrippina (die Jüngere, 15-59 n Chr.) wurde in Köln geboren und war Tochter des Germanicus Iulius Caesar und der Vipsania Agrippina (Agrippina der Älteren), sowie Urenkelin des Augustus und Mutter Caligulas. Sie soll die Vergiftung ihres Mannes Claudius beauftragt haben, um Sohn Nero an die Macht zu bringen und war Gründerin des heutigen Köln (Colonia Claudia Ara Agrippinensium). Als Frau von einer Rolle in der Politik ausgeschlossen, gilt sie als machthungrige Gattin Claudius und Kaiser-Macherin für ihren Sohn Nero, eine Darstellung, über die sich trefflich streiten lässt.
Nach der Verbindung des Handlungsfadens um mächtige Frauen der Antike einerseits und andererseits Ursula Krechels Figur Eva Patarak, Angestellte in einem Tee- und Kräuterladen, habe ich zu Beginn des Romans eine Weile gesucht. Der traditionsreiche Laden in Essen gehört zu einer Kette und wird vom Besitzer aus Altersgründen verkauft. Zuletzt waren die Geschäfte schlecht gegangen, trotz Evas unbestrittener Erfahrung mit Heilkräutern. Privat füttert sie ihren Sohn Philipp durch, der nach Abbruch seines Studiums die meiste Zeit in seinem Zimmer verbringt und seiner Mutter möglichst aus dem Weg geht. Eva hat keine Ahnung, womit ihr Sohn sich beschäftigt. Zuletzt hatte sie nervös auf eine Kundin mit roter Mütze reagiert, die regelmäßig in den Laden kam und von der sie sich sogar privat beobachtet fühlte. Die Frau mit der Mütze ist Silke Aschauer, Studienrätin für Latein, die in ihrem Unterricht für die Darstellung römischer Geschichte einen moderneren Ansatz verfolgt und wegen abnorm starker Menstruationsblutungen praktisch berufsunfähig ist. Eine Odyssee zu mehreren Gynäkolog:innen zeigt Silke als Benachteiligte einer Medizin, in der Frauen offenbar länger und stärker leiden müssen als Männer, ehe ihre Krankheiten ernstgenommen werden. Als Silke nach langer Abwesenheit wieder in ihren Leistungskurs zurückkommt, sieht sie sich einer Beschwerde aufgrund ihrer Unterrichts-Themen gegenüber, die ausgerechnet von der Mutter ihrer begabtesten Schülerin Alberta formuliert wurde. Parallel dazu hat die deutsche Justizministerin online einen Bürgerdialog eingerichtet, der aktuelle Konflikte der Gegenwart abbildet und offenbar völlig aus dem Ruder läuft. Die zahlreichen Handlungsfäden laufen zusammen, als Silke beginnt, einen Roman zu schreiben.
Zwischen Eva und ihrer Kollegin, Müttern und Kindern, Schüler:innen und Lehrerin, Patientin und Ärzt:Innen bestehen zahlreiche Verbindungen – hauptsächlich treffen Frauen aufeinander. Silkes Unterricht führt uns u. a. zur umstrittenen Darstellung historischer Frauenfiguren; die Justizministerin kann stellvertretend für die Vereinbarkeit von Karriere und Familie stehen, ebenso auch für eine Betroffenheits- und Beschwerdekultur der Gegenwart.
Fazit Auch wenn Altphilologie ein mir völlig fremdes Thema ist, ein fesselnder, feministischer Roman, der erfreulicherweise Menstruation und Frauengesundheit auf literarischem Niveau bearbeitet.
Wer gerne Bücher liest, bei denen man bis zum letzten Kapitel nicht versteht, worum es geht und wie die verschiedenen Geschichten zusammenhängen, ist hier richtig.
Der Roman "Sehr geehrte Frau Ministerin" besteht aus drei Teilen, deren Fokus jeweils auf einer Protagonistin liegt. Erzählt wird jedoch trotz dieser Unterteilungen non-linear, was das Lesen erschwert, da häufig innerhalb eines Satzes die Perspektive gewechselt wird.
Grundsätzlich war das Lesen dieses Buches sehr anstrengend. Nicht nur einmal habe ich mit dem Gedanken gespielt, es abzubrechen. Ursula Krechel hat da, wo ich einen Roman erwartet hatte, eine feministische Schrift mit Ausflügen in die Altphilologie verfasst, die durchaus wichtige Themen behandelt, welche jedoch so verkapselt und wirr beschrieben sind, dass es einem schwerfällt, sich wirklich auf eines dieser Themen einzulassen.
Eigenartig verpackt spricht Krechel von Menstruation, Frauengesundheit und systematischer Benachteiligung. Was mir zwischen diesen doch wichtigen Themen gefehlt hat, ist ein roter Faden, den ich auch bei Büchern, die auf literarischen Niveau geschrieben worden sind, erwarte.
Wer sich bei diesem Buch einen spannenden Roman erhofft, bei dem eine namenlose Ministerin im Mittelpunkt steht (wie es der Klappentext verspricht), den muss ich leider enttäuschen. Die im Titel angekündigte Ministerin erhält in diesem Buch kaum Raum. Wirklich begeistert haben mich lediglich die letzten 10 Seiten.
Ein sprachlich herausragendes Buch. So etwas habe ich wirklich noch nie vorher gelesen. Ursula Krechel scheint die Anzahl der Vokale für die Wahl des nächsten Satzes manches Mal wichtiger zu sein als sein Inhalt. Das Buch changiert daher zwischen sehr dichten und spannenden Etappen und manchen mit der ein oder anderen Länge. Das heißt allerdings nicht, dass der Inhalt hier egal wäre. Durch die wechselnden, sich überlappenden und mit einander verwobenen Perspektiven beschreibt die Autorin eine universelle weibliche gewaltvolle Welterfahrung.
Das ist ein eigenartiges Buch, das einem nicht groß entgegenkommt, sondern gelesen werden will. Wegen der Konstruktion, die dem Buch eigen ist, hatte ich erst einen Wolf Haas Verdacht, aber dann erinnerte mich es eher an Brigitte Kronauer. Eine Bioladenverkäuferin und ihr Sohn, eine sehr gebildete Lateinlehrerin mit starken Periodenproblemen, und eine Ministerin, die gerade mit Urheberrechten befasst ist, und dazwischen bringt Nero seine Mutter um. Alle sind irgendwie pikiert, dass über sie geschrieben wird. Auch wenn es die Lateinlehrerin ist, die erzählt, ist daran aber ja letztlich Ursula Krechel schuld, oder? Der coole und feministische Grundton sorgt dafür, dass weder Klamaukverdacht aufkommt noch allzusehr auf Kunstroman gemacht wird. Ich glaube, ich lese noch mehr von dieser Autorin.
"Sehr geehrte Frau Ministerin" ist kein einfaches Buch und nichts zum zwischendrin-lesen. Ich habe es beim ersten Versuch nach 10 Seiten beiseite gelegt, weil ich überhaupt nicht reingekommen bin. Ein paar Tage später war ich dann in der richtigen Stimmung und bereit mich voll auf das Buch zu konzentrieren und einzulassen. Es gibt keine Einführung in das Setting oder die Charaktere, man ist direkt drin und springt von Story-Strang zu Strang, erst später fügt sich alles irgendwie zusammen. Mir hat das sehr gut gefallen, ohne, dass ich hervorheben könnte, was genau das Buch für mich so gut macht - es ist das Gesamtkonstrukt. Absolut kein Buch, das ich jedem/r empfehlen würde, aber für Fans von verschachtelten und subtilen Erzählungen ist es ein Highlight.
1.5, aber reicht so gerade für zwei Sterne. Mir ist das alles zu wirr. Das Buch hat ein paar wirklich schöne Momente, aber es fühlt sich an wie eine lose Ansammlung an Gedanken, die sich zu keinem richtigen Ganzen entwickeln, was schade ist, denn ich kann erahnen, wozu es in der Lage sein könnte, aber ich habe nach ziemlich genau der Hälfte die Flinte ins Korn geworfen, als die Protagonistinnen mal wieder eine verworrene neue Abzweigung nahmen.
Lange grübelt das geneigte Publikum, womit man es in Ursula Krechels Roman SEHR GEEHRTE FRAU MINISTERIN (2025) eigentlich zu tun hat: Ist das wirklich ein Roman, eine kohärente Erzählung? Oder doch eher ein Langessay, unentschieden, in welche Richtung es gehen, was das Kernthema sein soll? Ist das eine Abhandlung über die optima mater, wie einst Nero seine Frau Mama, Agrippina, zu bezeichnen pflegte, also die gute, die beste, die vielleicht perfekte Mutter? So zumindest mutet die Themensetzung des Buchs an. Aber spielt nicht recht eigentlich die Sprache selbst hier die Hauptrolle? Oder ist das ein politischer Text, der sich hochaktuell mit der um sich greifenden Gewalt – nicht nur der physischen – unter besonderer Berücksichtigung jener gegen Frauen beschäftigt?
Nun, so viel ist sicher und kann erklärt werden: Es ist ein Roman. Wie das Cover uns ja bereits verrät. Es ist ein hintergründig und vielschichtig konzipierter Roman, der um alle oben aufgeführten und alle miteinander wesentliche Themen unserer Zeit herumschleicht, sie einkreist, sich ihnen manchmal gleichsam auf Samtpfoten nähert, scheinbar harmlos, und dann doch zupackend und verstörend, wenn die Leser*innen zu begreifen beginnen, wo das alles hinführt und wie die Erzählstränge, auch die eher abstrakten, ineinander verhakt sind, miteinander zusammenhängen.
So ist das eine große Thema des Romans tatsächlich die Mutterschaft. Und zwar in vielerlei Facetten, von der tatsächlichen Mutter zur Nicht-Mutter, also der kinderlosen Frau (ob gewollt oder ungewollt…) als Negation, aber auch der Mutterschaft als metaphorischem Begriff: Der Mutter aller Krisen, aller Schlachten, der Autorin als Mutter ihrer Figuren und – womit die Metaebene des Romans direkt in seine Geschichte eingeschrieben wird – die Sprache als Mutter allen Seins. Denn ohne die Sprache…ja, ohne die Sprache womöglich keine Welt, nur reines Signifikat, ohne Begrifflichkeit. Pures Sein, womöglich.
Eva Patarak, Verkäuferin in einem Geschäft für alle möglichen Kräuter und andere Naturheilmittel, leidet darunter, dass ihr mittlerweile erwachsener Sohn, der immer noch die Wohnung mit ihr teilt, die Kommunikation verweigert. Er sitzt in seinem Zimmer vor seinem Rechner und entschwindet von dort in ferne, für Eva unbegreifliche Welten. Je prekärer Evas Situation wird – eine Kündigung droht und die mittelalte Frau fühlt sich durch ein gnadenloses System kapitalistischer Ausbeutung und ökonomischer Verdrängung bedroht – desto stärker befällt sie eine (mögliche) Paranoia. Denn wiederholt betritt die „Frau mit der roten Mütze“ den Laden, selbst offenbar Opfer einer schweren (Krebs)Erkrankung, und kauft mal, mal auch wieder nicht. Mehr und mehr beschleicht Eva Patarak das Gefühl, dass diese Frau, die auch noch im selben Viertel in Essen lebt wie die Pataraks, dass die sie beobachtet, ja sogar mit dem Gedanken spielt, sie zu objektivieren, indem sie über sie und ihren Sohn schreibt. Eva richtet einen Brief an die Ministerin der Justiz, in dem sie sich darüber beschwert, das Recht am eigenen Leben verloren zu haben, wenn irgendjemand einfach über sie schreiben dürfe.
Allerdings richtet sie ihre Beschwerde auch an die Autorin, die ihrerseits zwar als Ich-Erzählerin als eindeutig diesem Text zugehörige Figur auftritt und dann doch wieder nicht so leicht von der Autorin zu trennen ist. Ganz gelegentlich und auch nur an einigen wenigen Stellen des Buchs nämlich wird das „Ich“, welches die subjektive Stimme der Erzählerin markiert, komplett uneindeutig, könnte eben doch auch mit diesem „Ich“ Ursula Krechel selbst sich in den Text einschreiben (was sie als Autorin ja so oder so ununterbrochen tut). Denn Frau Patarak beschwert sich darüber, eine Figur in einem Roman zu sein. Und damit ist die Grenze zwischen dem geschlossenen (?) Raum der Buchseite, der Fiktion (?), und der Realität einer Schreibenden eingerissen und die Ebenen durchkreuzen einander, durchmischen sich und unterlaufen die jeweils anderen. Nichts in der Erzählung hat mehr festen Boden in diesen Abschnitten und das Lesen wird zum Abenteuer, müssen die Leser*innen doch auf ihren literarischen Instinkt vertrauen, da ihnen keine Sicherheit mehr geboten ist.
Das also ist die Ausgangssituation dieses Textes, der allerdings immer wieder von langen Passagen über Agrippina und ihr Verhältnis zu Nero, ihrem Sohn, sowie ihrer historischen Stellung in der Geschichte (und Mythologie) des antiken Roms unter- oder durchbrochen wird. Kaum stehen die unterschiedlichen Erzählstränge zueinander in Beziehung. Noch nicht. Diese Passagen scheinen aber zum Lesenden hin gerichtet bereits eine ganz eigene Sprache zu sprechen, sie sind keine nackten Tatsachenberichte, keine Referate über historische Figuren, die aber neben ihrer Historizität bereits den Status des Mythischen erreicht haben. Es sind durchaus interpretierende, wenn auch nüchtern-sachlich dargelegte Auseinandersetzungen mit einer Frau in ihrer Zeit, die Frauen wenig zu bieten hatte, erst recht keine Freiheit oder Gerechtigkeit. Es sind also durchaus wertende, sogar emotionalisierte und emotionalisierende Berichte aus einer lang vergangenen Zeit, uns Heutigen aber dennoch seltsam vertraut und nah.
Wenn schließlich im zweiten von drei Teilen des Buchs mit Silke Aschauer als plötzlicher Ich-Erzählerin die „Frau mit der roten Mütze“ auftritt und ihren Status als Geheimnis aufgibt, vielmehr eröffnet, dass sie die eigentlich Erzählende hier ist, die auktoriale (?) Stimme in einem doch subjektiven Text, eine Lateinlehrerin, die, kinderlos und mittlerweile nach einem operativen Eingriff und einer Chemotherapie (rote Mütze) auch fürderhin keine Mutter, wird das thematische Spektrum des Romans noch einmal erweitert. Sie ist es, die das Lateinische in seiner abstrakten Ordnung liebt, geradezu verehrt und ihren Schülern unter anderem mit der Lektüre des Historikers Tacitus nahezubringen versucht. Mit ganz unterschiedlichen, gelegentlich verheerenden Resultaten. Denn nicht nur das Lateinische, die lateinische Sprache ist es, die die Lehrerin vermittelt, sondern mit deren inhärenten Abstraktionsgrad ein Gefühl für die Ordnung der Dinge in einer chaotischen Welt. Und damit tritt die eigentlich „beste“, die optimale Mutter auf den Plan, jene Mutter, ohne welche nichts wird möglich sein können, nicht in der Vergangenheit, nicht im Präsens und erst recht nicht in einer wie auch immer gearteten Zukunft: Die Sprache.
Denn gleich ob Mythos, Legende oder Sage, ob Roman, Novelle oder Kurzgeschichte, ob Ballade oder Gedicht, ob Gesetzestext oder Gebrauchsanweisung oder aber – seit es die monotheistischen Religionen gibt – das Wort Gottes: Es ist immer, gleich ob gesprochen oder niedergeschrieben (wobei uns die moderne Philosophie lehrt, dass das eine im anderen aufgeht), die Sprache, die allem vorangestellt ist. Ohne Sprache – der Mutter von allem sozusagen – gibt es keine Welt, gibt es nur eine Ding-Wahrnehmung, sind wir frei flottierende Objekte in einem mit Objekten gefüllten Raum. Ein Raum, der dann nicht einmal als Welt zu bezeichnen oder gar zu erfahren ist, weil schon der Begriff „Welt“ nicht existent wäre.
Eine bedenkenswerte aber auch kritisch zu hinterfragende These.
Doch Silke Aschauer, die eine Meisterin der Sprache ist, die vielleicht ein Pseudonym ist, hinter dem sich eine Autorin namens Ursula Krechel versteckt, Silke Aschauer, die die Grammatik des Lateinischen so leicht beherrscht und daraus die Schönheit abstrakter Systeme – die alle phonetischen Sprachsysteme letztlich sind – ableitet und mehr noch: erklären kann, Silke Aschauer versteht es perfekt – optima – diese These glaubhaft zu vertreten ohne dies in diesem Roman je explizit zu tun. Denn sie schreibt. Doch was Wunder: Mag die Autorin sich auch als Mutter des Textes fühlen, im Begriff, die Figuren zu verschieben, sie zu verstehen, zu durchdringen und zu erklären, in ihren Köpfen wie in ihren Herzen zuhause zu sein, ist sie also eine Göttin, ein mythisches Wesen, dass souverän über das Material herrschen mag – was, wenn die Figuren aufbegehren? Nicht nur per Brief an die Ministerin, sondern ganz eindeutig und in regelrechter Selbstermächtigung, gleichsam in einem Akt der Subjektwerdung sich an die Autorin wendend? Wie es eben Eva Patarak bitter und bittend tut, wenn sie und Silke Aschauer spät im Roman ein letztes Mal aufeinandertreffen. Und erneut die Erzähl(er)ebene selbst prekär wird – für Silke Aschauer, für die Autorin, vor allem aber für die Leser*innen.
Spätestens an dieser Stelle überführt sich die Erzählung des Romans selbst auf eine Metaebene und sehr bewusst scheint es so, dass die Leser*innen nicht mehr eindeutig zwischen den Ebenen des Erzählten, der Erzählenden und der reellen Autorin Krechel werden unterscheiden können. An dieser Stelle tritt allerdings auch die dritte thematische Ebene des Romans deutlich hervor: Die der Gewalt. Gewalt, die an Frauen verübt wird, Gewalt, die Frauen empfinden. Gewalt durch die Position, die Frauen gesellschaftlich, kulturell und vor allem ökonomisch einnehmen. Einnehmen? Nein, es geht um Positionen, die ihnen zugewiesen werden. Und es geht um Gewalt, die in der Sprache angelegt ist, dort virulent wird und als Reelles ans Tageslicht tritt, manchmal mit ebenfalls verheerenden Folgen. Denn was, wenn wir mit Gewalt Geschichten eingeschrieben werden, die nicht unsere sind und in die wir vielleicht auch nicht eingeschrieben, deren Teil wir nicht sein werden wollen?
Krechel braucht kein Drama, um ihre Anliegen zu vermitteln. Die Gewalt hier ist Gewalt, wie sie all-täglich geschieht und wie sie oftmals gar nicht als solche wahrgenommen wird, außer von denen, die sie erfahren, denen sie widerfährt: Die ökonomische Gewalt, die von einer drohenden Kündigung ausgeht; die Gewalt durch kommunikative Verweigerung; die unfassbare und dadurch umso bedrohlichere Gewalt, die vom eigenen Körper ausgehen kann, der sich gegen sich selbst und damit das Subjekt richtet, das er beherbergt; die Gewalt, der wir ausgeliefert sind, wenn uns die Sicherheit entzogen wird, derer wir uns eigentlich sicher waren, bspw. wenn unser Beruf in Frage gestellt wird, mehr aber, wenn wir, als Person, eben als Subjekt, in Frage gestellt werden.
Das geschieht Silke Aschauer, als eine zürnende Mutter ihre Lehrmethoden in Frage stellt. Denn Silke Aschauer kapriziert sich im Lateinunterricht eben nicht auf das Abfragen von Deklinationen und das Konjungieren von Verben, sondern sie müht sich, den Unterricht lebendig zu gestalten, ihren Schülern den Gegenstand dessen, womit sie arbeiten – Tacitus und dessen Geschichte Roms – lebensnah vor Augen zu führen. Und die Wirklichkeit des alten Roms war oftmals eine grausame. In diesen Momenten ist die Gewalt nah, sehr nah. Und zugleich wird sie auch mythisiert. Wenn aber, wie im Falle der zürnenden Mutter, reale Gewalt Teil der Familiengeschichte ist, dann gerät nicht nur die Lehrerin in einen Konflikt, dann gerät die Wirklichkeit in einen Konflikt mit sich selbst, dann geraten verschiedene Lebenswirklichkeiten, miteinander in Konflikt. Dann ist die scheinbar so weit entfernte, so unfassbare Gewalt eines fremden Kontinents plötzlich ganz an und mitten unter uns. Mitten in einem Klassenraum in einer deutschen Schule. Und dann wird es schwierig, dann stecken alle Beteiligten in einem Dilemma.
Die reale Gewalt, die offensichtlichste Gewalt, die es gibt, die physische Gewalt, die in den alten Texten der Lateiner schon anklingt, wenn sie nicht geradezu genüsslich ausgebreitet wird, diese Gewalt, die in der Geschichte der zürnenden Mutter in die gegenwärtige Wirklichkeit eindringt, wenn auch auf Umwegen, die wird im letzten Abschnitt des Romans virulent, wenn die Ministerin, die schon allerlei bedrohliche Briefe und Mails erhalten hat, Opfer eines direkten Angriffs wird – ironischerweise (?) in jenem Moment, als sie als Privatperson, als Mutter nämlich, versucht, ihren Sohn vor Ungemach zu schützen. In diesem Moment tritt der Sohn von Eva Patarak – ebenfalls erstmals als Subjekt – aus der Kulisse (des Romans), zückt ein Messer und…den Rest kennen die Lesenden aus den täglichen Nachrichten. Aus der nüchternen Sprache der Berichterstattung.
Der Kreis schließt sich, die Erzählung kehrt zu sich selbst zurück, die unterschiedlichen Ebenen und Regionen dieses Texts werden deckungsgleich, die Sprache – eine wunderschöne übrigens – und mit ihr, durch sie die Erzählung kommen zu sich selbst, geben ihre innere Konstruktionen preis, legen sie offen. Die Leser*innen ihrerseits müssen den Schock verkraften, den die sich – auf Samtpfoten? – schleichend nähernde Erkenntnis bedeutet, die sich plötzlich mit einem dissonanten Akkord in die Lektüre einzufräsen beginnt. Ursula Krechel findet dafür eine seltsam nüchterne, manchmal schmerzlich sachliche Sprache, die zugleich eine eigene Poesie entfaltet. Es ist eine Sprache, die sich ihrer stilistischen Mittel vollkommen sicher ist, die aber immer wieder den Rahmen der Erzählung sprengt, immer wieder bereit ist, über Grenzen und damit Risiken einzugehen. Unter anderem das Risiko, unverstanden zu bleiben. Denn nicht alles hier glückt. Manches ist zu viel Wagnis, greift zu weit hinaus aus dem Kontext der Erzählung und verweigert dann entweder den Anschluss oder aber findet ihn nicht mehr; manches verheddert sich auch mit sich selbst (gerade wenn es um den Werdegang der Ministerin geht und sie gleich zweimal in die Partei einzutreten scheint), man sucht und sucht nach dem richtigen Zusammenschluss und zweifelt mal am eigenen Lesevermögen, mal am Lektorat, mal am Willen der Autorin, im Nachvollziehbaren zu bleiben.
Gleichwohl – SEHR GEEHRTE FRAU MINSTERIN ist ein großer Wurf, ein aufwühlendes Buch, gerade weil es nicht auf die große Geste, das Drama, gar Pathos oder überbordende Leidenschaften setzt, sondern als so leise, so alltäglich, fast trivial daherkommt, dass es den Leser*innen lange nicht gelingen mag, mit sich selbst übereinzukommen, womit sie es hier eigentlich zu tun haben. Was ja letztlich auch gar keine Rolle spielt, ist man doch längst im Sog dieser Sprache und der durch sie vermittelten Erzählung.
„Letztendlich war ich die Zeugin meines eigenen Lebens. Dass es einem enteignet werden könnte, hätte ich mir bis jetzt nicht vorstellen können.“ (Zitat Pos. 1311)
Inhalt Eva Patarak arbeitet in dem Kräuterladen, als die Frau mit der roten Mütze zum ersten Mal in diesen Laden kommt. Noch weiß sie nicht, dass sie eine Figur in dem Roman ist, den Silke Aschauer, die Frau mit der roten Mütze, Studienrätin für Latein, schreibt. Silke Aschauer, über deren Unterricht sich ausgerechnet die Eltern ihrer Lieblingsschülerin bei der Direktorin beschweren, weil sie im Unterricht Texte von Tacitus übersetzen lässt, Texte über Kriege, Gewalt und mächtige Herrscherfamilien, sowie das Frauanbild im antiken Rom. Dabei geht es Silke um die besonderen Beziehungen zwischen Müttern und Söhnen, etwas, das ihr selbst von ihrem Körper verwehrt wird. Auch Eva beschwert sich, zuerst bei Silke selbst, dann bei der Justizministerin, denn Eva will auf keinen Fall als Figur in Silkes Roman beschrieben werden. Auch die Justizministerin soll in Silke Aschauers Roman vorkommen, doch in diesem Fall fragt Silke zuvor höflich an.
Thema und Genre Themen dieses Romans sind die Definitionen von Frau und Mutter, Beziehungen zwischen Müttern und Söhnen, Gesellschaftspolitik und das Frauenbild in der Gesellschaft von der Antike bis heute, wobei die Grenzen immer fließend verlaufen. Gleichzeitig geht es um die Vielfalt der Erzählformen in der Literatur.
Erzählform und Sprache Im ersten Abschnitt schildert Eva Patarak ihr Leben, ihr Verhältnis zu ihrem Sohn Philipp und ihre Arbeit in einem Kräuterladen in Essen. Im zweiten Abschnitt spielt der Kräuterladen nochmals eine Rolle, doch aus einer anderen Sicht, denn nun erzählt Silke Aschauer aus ihrem Leben als klassische Philologin, von ihrer Liebe zur lateinischen Sprache, aber auch von ihren aktuellen Problemen, die konstant in ihren Gedanken kreisen und die ihr Frausein betreffen. „Ich könnte auch sagen: Von der dritten Person bin ich in die erste Person gerutscht, getaumelt.“ (Zitat Pos. 1347). Parallel dazu wird anhand von Tacitus-Texten Rom unter der Herrschaft von Nero und seiner Mutter Agrippina geschildert und Roms Eroberungszüge gegen die Germanen. Im personalen Mittelpunkt des dritten Abschnitts steht die Justizministerin, ihr politischer Werdegang, ihre Ideen zum Urheberrecht, ihr Familienleben, auch sie hat Kinder, eine Tochter und einen kleinen Sohn. Plötzlich treffen sie zusammen, Eva, ihr Sohn Philipp, die Ministerin und ihr kleiner Sohn. Es ist unglaublich spannend, wie Ursula Krechel mit den unterschiedlichen Erzählformen spielt, ihre Figuren verschiebt, das Kernthema Mütter und Söhne in vielen Facetten darstellt. Auch die berühmte Marienstatue, die Goldene Madonna im Dom zu Essen, führt zu umfassende Betrachtungen, zu weiteren Gedankenströmen, wie sie sich durch den gesamten Roman ziehen, um die vielen unterschiedlichen Aspekte einzubinden. Die Entstehung dieses Romans selbst ist ein Thema, geschrieben zwischen 1. April 2022 und 29. Februar 2024.
Fazit Dieser Roman in seiner Themenvielfalt ist definitiv keine einfache Lektüre, aber beeindruckend und interessant, einerseits durch die Auswahl besonderer Mutter-Sohn-Konstellationen von der Antike bis heute, andererseits durch die vielen sprachlichen Facetten und Wendungen des Erzählens, die überraschen und begeistern. „Sie hatte uns stehen gelassen in der Landschaft, stehen gelassen im Erzählen, im Erzähltwerden. Erzählt, nicht auserzählt und nicht abgeholt.“ (Zitat Pos. 2116) Dieser Roman verlangt Zeit, es ist eine intensive, spannende Lesezeit, die sich lohnt.
Ein radikal gegenwärtiger Roman über die abgründigen Beziehungen zwischen Söhnen und ihren Müttern. Mit einer Sprachkraft, die Staunen macht, erzählt die preisgekrönte Schriftstellerin Ursula Krechel von symbiotischer Mutterschaft, von existenziell gefährdeten Frauen und von politischer Gewalt.
Mit seiner Mutter sprechen zu müssen, ist für den Sohn von Eva Patarak ein Staatsverbrechen. Für Eva hingegen ist es ein Verbrechen, dass ihr Sohn und sie offenbar ausspioniert werden. Welches Ziel verfolgt die Lateinlehrerin Silke Aschauer mit ihrer Observation? Will sie etwa einen Roman schreiben? Bieten die grausamen Familienverhältnisse der Antike, die sie für den Unterricht aufbereitet, nicht ausreichend Stoff für Faszination? Fest steht nur: Silke hält längst nicht alle Fäden in der Hand, denn ihr eigener Körper hat einen blutigen Aufstand gegen sie angezettelt, der sie in die Rolle der Patientin zwingt. In ihrer Ohnmacht wenden sich beide Frauen an die Justizministerin. Ursula Krechel schreibt in ihrem hochpolitischen und stilistisch herausragenden Roman eine Kulturgeschichte aller Frauen – von einer römischen Kaisermutter zu einer Studienrätin, von einer Verkäuferin in einem kleinen Kräuterimperium zu einer Ministerin. Es ist die Geschichte ihres Widerstands gegen die Gewalt, die ihnen physisch und psychisch zugemutet wird.
Dieser Roman hat keinen klassischen Plot – am Ende erkennt man zwar einen roten Faden, aber er verläuft nicht linear von A nach B. Die Erzählung springt, schweift ab, Gedanken werden ohne Vorwarnung eingebracht und minutiös weitergedacht, bevor wieder ein neues Thema auftaucht.
Das Buch ist in drei Kapitel aufgeteilt: Im ersten begegnen wir Eva Patarak, die in einem Kräuterladen arbeitet. Im zweiten steht Silke, eine Lateinlehrerin, im Mittelpunkt. Im dritten rückt die Ministerin ins Zentrum. Doch so klar, wie es hier klingt, ist es beim Lesen nicht – vieles vermischt sich, die Grenzen verschwimmen. Silke ist die Ich-Erzählerin und kündigt im Verlauf an, ein Buch über Eva Patarak und die Ministerin schreiben zu wollen. Doch beim Lesen bleibt unklar: Beschreibt sie wirkliche Ereignisse, die sie beobachtet? Oder erleben wir bereits die Geschichten, die sie sich für ihren eigenen Roman ausdenkt? Dieses Changieren zwischen vermeintlicher Realität und möglicher Fiktion ist ein reizvoller Schwebezustand, den Krechel bewusst offen lässt.
Ein großer Teil des Romans kreist um die römische Geschichte in der Zeit von Nero und seiner Mutter Agrippina. Daneben tauchen viele andere Motive auf: der ältere Sohn, der zuhause am Computer isoliert lebt, der Flug der Kraniche, Menstruationsprobleme und eine Hysterektomie. Das klingt vielleicht nüchtern, doch Krechel gelingt es, all das mit Spannung, Präzision und in rasantem Tempo zu erzählen. Ihre Sprache ist hochliterarisch, sie ist eine Wortkünstlerin.
Dies ist kein Buch, das man nebenbei lesen kann. Man muss dabei sein, konzentriert, bereit, mitzudenken. Krechel fordert ihre Leserinnen und Leser heraus. Wer lineare, leicht zugängliche Unterhaltung sucht, wird hier vermutlich scheitern. Wer sich aber gerne fordern lässt – wenigstens in der Literatur – findet hier ein anspruchsvolles, vielschichtiges Werk, das lange nachhallt. Für mich war es hervorragend.
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Toxische Beziehungen von der Antike bis in die Gegenwart
„Ein radikal gegenwärtiger Roman über die abgründigen Beziehungen zwischen Söhnen und ihren Müttern.“ So lese ich es vorab, meine Neugier ist geweckt.
„Beste Mutter, optima mater, nannte Kaiser Nero seine Mutter Agrippina in seiner Thronrede.“ Später spielt er seine Macht aus, er sieht in ihr zunehmend eine Bedrohung und lässt sie schließlich umbringen. Dieser geschichtliche Hintergrund zieht sich durch das Buch, was mich anfangs irritiert hat. Eben war noch die Rede von dem brutalen römischen Kaiser…
…im nächsten Satz bin ich im Jugendzimmer von Eva Pataraks Sohn Philipp, der sich hinter seinen digitalen Spielen verschanzt. Er redet nicht, zumindest beschränkt er sich auf das Allernotwendigste, verbarrikadiert sich hinter der Tür seines Zimmers. Seine Mutter schafft das Geld ran, sie arbeitet in einem Kräuterladen, dessen Produkte sie sich nicht leisten kann. Irgendwann dann wird sie wegrationalisiert. Eine Frau mit einer roten Mütze scheint eine Stammkundin zu sein…
…sie ist Lateinlehrerin, Silke Aschauer ihr Name. Allerdings bleibt sie bei der Beschreibung „Frau mit roter Mütze“, denn so hat sie sich nun mal eingeführt in diese Erzählung. Sie wird in Teil II ab ovo noch mehr sichtbar.
Bleibt noch die Frau Ministerin, an die sie sich wenden, sie ist hier namenlos. Begegnet sind wir ihr schon durch die an sie geschriebenen Briefe, die zwischendurch zu lesen sind.
Es sind drei Frauen, die – jede auf ihre Weise – mit dem Patriarchat zu tun haben. Es geht um Gewalt in der Antike, um Unterdrückung, um spezifische weibliche Leiden, um Gewalt im politischen und gesellschaftlichen Sinne, um das Böse, das der grausame Kaiser Nero verkörpert, das sich durch die Zeiten bewegt bis hin zur Gegenwart.
Es sind drei Teile – I Eva, II ab ovo und III als ob - und viele Themen, die Ursula Krechel aufmacht, dabei ist sie trotz des nüchternen Erzähltons ganz nah bei ihren Figuren wie etwa beim Kranichzählen im Moor oder einem Hörtest und noch so einigem mehr.
Das Buch ist anspruchsvoll, es fordert ein konzentriertes Lesen. Den Zeitsprüngen, die mich anfangs irritiert, ja sehr gestört und den Lesefluss stark beeinträchtigt haben, kann ich jetzt, nachdem ich den Roman beendet und ihn nochmal habe Revue passieren lassen, doch so einiges abgewinnen.
Nach Landgericht hatte ich gehofft, dass dieser Roman von Ursula Krechel – diesmal mit stärkerem Fokus auf die Rolle der Frau – mich mehr überzeugen würde. Aber dieses Buch hält meiner Meinung nach nicht, was es verspricht.
Ja, es geht um Frauen – allerdings so fragmentarisch und distanziert erzählt, dass ich mich frage, ob ich mit ihnen überhaupt etwas gemeinsam habe. Die Erzählweise wirkt wie aus einem Elfenbeinturm, nichts für die „sterblichen“ Leser:innen. Es fühlt sich an, als wäre das Buch für einen engen Kreis von Literaturkritiker:innen geschrieben, die Freude an sprachlichen Finessen haben und Krechels Text als eine Art Detektivarbeit begreifen.
Ja, es geht auch um die Mutter-Sohn-Beziehung – aber was folgt daraus? Schon die erste Geschichte, die von Agrippina und Nero, wirft Fragen auf. Wer sich mit römischer Geschichte beschäftigt hat, weiß, dass familiäre Verhältnisse damals völlig anders funktionierten: streng, emotional karg, kulturell weit entfernt von heutigen Maßstäben. Krechel taucht aber nicht in die Tiefe dieser Welt ein. Wenn sie diesen historischen Stoff nur als Folie nutzt, bleibt das oberflächlich. Eine antike Mutter-Sohn-Dynamik lässt sich nicht einfach neben die einer modernen Alleinerziehenden stellen – aber genau das passiert hier. Söhne sind also das Problem, das ist die logische Konsequenz? Was soll das?
Die einzige glaubwürdige und weniger distanziert erzählte Figur war für mich die Lateinlehrerin, also die Haupterzählerin, die alles zusammenhält. Eine Altphilologin, in der sich vielleicht auch die Autorin selbst wiedererkennt. Leider blieb sie zwischen all den Kräuterdetails und Passagen über das Justizministerium zu sehr im Hintergrund.