Center of Attraction bringt eine klassische Sports-Romance-Prämisse mit, die auf den ersten Blick vertraut wirkt, aber emotional durchaus Gewicht mitbringt: heimlicher Crush, eine Nacht mit Folgen, Funkstille über Jahre und ein Wiedersehen, das alles wieder aufreißt. Der Klappentext macht keinen Hehl daraus, worauf man sich einlässt – und genau das bekommt man auch.
Im Mittelpunkt steht Holly, die nach der gemeinsamen Nacht mit Callen eine Entscheidung trifft, die ihr gesamtes Leben prägt. Sie behält das Kind, zieht es mit Unterstützung ihrer Familie groß und verschweigt die Identität des Vaters. Ihre Gründe dafür sind nachvollziehbar: Sie will weder die Freundschaft zwischen Callen und ihrem Bruder Ethan gefährden noch Callens Karriere aufs Spiel setzen. Gleichzeitig zeigt sich hier bereits ein Muster, das sich durch das ganze Buch zieht – Holly entscheidet viel allein und geht oft vom schlimmsten Szenario aus.
Zehn Jahre später ist sie eine angehende Ärztin und zieht mit ihrer Tochter Gabriella und ihrem Bruder nach Victoria, wo Ethan künftig wieder mit Callen zusammenspielt. Durch einen unglücklichen Zufall landet Holly ausgerechnet in Callens Gästehaus, was alte Gefühle, ungeklärte Fragen und jede Menge unausgesprochene Spannungen wieder an die Oberfläche bringt. Callen ist dabei weit entfernt vom typischen Hockey-Playboy. Er wirkt nervös, reflektiert und deutlich gezeichnet von seiner Vergangenheit. Sein damaliges Verschwinden war keine Gleichgültigkeit, sondern ein überforderter Versuch, alle Beteiligten zu schützen – auch wenn das rückblickend die falsche Entscheidung war.
Besonders stark ist Callens Entwicklung im Umgang mit Gabriella. Obwohl ihm sofort klar wird, dass sie seine Tochter ist, drängt er sich nicht auf. Er versucht vorsichtig, respektvoll und ohne Erwartungen eine Beziehung aufzubauen. Seine Rolle als Vater gehört zu den überzeugendsten Aspekten des Buches. Umso schwieriger ist dagegen Hollys Verhalten: Ihre Ängste sind verständlich, ihre Reaktionen jedoch stellenweise überzogen. Gespräche zwischen ihr und Callen fühlen sich dadurch oft wie ein emotionales Minenfeld an. Sie geht schnell vom Schlimmsten aus, blockt ab und erschwert damit genau die Offenheit, die sie sich eigentlich wünscht. Das ist menschlich, aber auf Dauer auch etwas frustrierend.
Ethan ergänzt die Dynamik gut. Als Hollys Zwillingsbruder steht er ihr seit jeher zur Seite und übernimmt für Gabriella über Jahre hinweg eine Vaterrolle. Seine Reaktion auf die Wahrheit ist verständlicherweise angespannt, bleibt aber erwachsen und reflektiert. Auch hier wirkt das Konfliktpotenzial glaubwürdig, ohne unnötig dramatisiert zu werden.
Das Setting in Victoria trägt viel zur Atmosphäre bei. Eishockey ist allgegenwärtig, wirkt aber nie aufgesetzt oder erdrückend. Die winterliche Kulisse, das Mannschaftsgefüge und das eher persönliche Umfeld sorgen für einen ruhigen, fast kleinstädtischen Vibe, der gut zur Geschichte passt. Nähe ist hier unausweichlich – und genau das zwingt die Figuren dazu, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen.
Der Plot lebt weniger von großen äußeren Wendungen als von emotionalem Stillstand, der sich langsam auflöst. Die Spannung entsteht durch das Hinauszögern der Wahrheit und die Angst vor den Konsequenzen. Das funktioniert insgesamt gut, auch wenn man sich an manchen Stellen wünscht, dass bestimmte Gespräche früher oder klarer geführt würden.
Der Schreibstil ist solide und flüssig, ohne besonders hervorzustechen. Man kommt gut durch die Geschichte, Dialoge sind verständlich, und der Lesefluss wird kaum unterbrochen. Die größte Schwäche liegt nicht im Stil, sondern in der Figurenzeichnung von Holly, deren Verhalten stellenweise unnötig konflikttreibend wirkt.
Unterm Strich ist Center of Attraction eine emotionale Sports Romance mit starken Momenten, einem überzeugenden männlichen Protagonisten und einer guten Grundidee. Die Geschichte funktioniert, auch wenn nicht jede Entscheidung glücklich gewählt ist. Für mich ein 4-Sterne-Read – gut, berührend, aber mit Luft nach oben.