Ein Oneironaut als Architekt
Der Argentinier Pablo de Santis zählt für mich zu den interessantesten Gegenwartsliteraten. Schon vor 18 Jahren begeisterte mich sein Buch „Die Übersetzung“. Meine allererste Rezension verfasste ich darüber. Er hat die einzigartige Gabe, wie ein Phantastiker zu schreiben, obwohl seine Novellen in der sichtbaren Realität verankert sind. Aber da ist immer etwas, eine Art Restungewissheit, die einen zweifeln lässt, ob es nicht doch mehr gibt als das Auge wahrnimmt.
So auch in „Die sechste Laterne“. Hauptprotagonist ist Silvio Balestri, ein junger Römer, der um die Zeit des I. Weltkriegs in die USA emigriert. Dort angekommen heuert er in einem Architektenbüro an. Er ist beseelt davon, einen neuen Turm zu Babel in New York City zu errichten. Es soll ein Bauwerk ohne gleichen werden, nur in der Außenseite bewohnt, innen ausgehöhlt und mit gewaltigen Hängebrücken und himmelsstürmenden Liften ausgestattet.
Dieser Vision ordnet Balestri alles in seinem Leben unter. Wie die imaginierten Etagen seiner Zikkurat arbeitet auch er sich hoch in der Firma. Zwar heiratet Balestri, doch seine Frau wird bald zur Nebensächlichkeit, und er hofft, dass der Zufall, der sie zusammenbrachte, auch wieder trennen wird. Seine Hoffnung geht auf. In Caylus, dem Inhaber eines kleinen, unbedeutenden Museums, indem nur Miniaturmodelle von Bauprojekten ausgestellt werden, die nie Umsetzung fanden, findet Balestri den wohl einzigen Freund. Und obwohl der Architekt Tiere im Grunde nicht mag, teilt er seine Wohnung mit einer Katze ohne Namen, anhand derer sich am Ende der Seiten ein Succus der Geschichte herausfiltern lässt.
Am Funktionalismus moderner Bauwerke übt Balestri scharfe Kritik, nichts ist ihm mehr zuwider: „Wer für Architektur ohne Vision focht, wer nicht mehr den Wunsch hatte, das Unmögliche zu wollen, beging eine Todsünde.“ Seine Zikkurat bedeutet für ihn das Bemühen, etwas zu schaffen, von dem man zwar weiß, dass es wahrscheinlich unmöglich ist, das man aber trotzdem tut, um auf der Erde eine Spur dieses utopischen Wunsches zu hinterlassen. Es gilt, „die Aspekte des Möglichen vor dem gleißenden Licht des Unmöglichen herauszufiltern“.
Schön und gut, gäbe es da nicht die „Sechs Laternen“, einen Club, dem die bedeutungsschwangeren Pläne des Architekten gar nicht gefallen. Für sie besteht die Bedeutung von Architektur darin, dass es keine Bedeutung gibt. Balestri erhält Besuch von einem Sendboten, der wie ein Rauchfangkehrer wirkt, eine Art bürokratischer Mephistopheles aus Fleisch und Blut. Der Kampf der Antagonisten um die Deutungshoheit der Architektur nimmt seinen Lauf.
Pablo de Santis veröffentlichte diese Novelle 2005, sein Schreibstil erinnert aber an hundert Jahre zuvor – passend zur Zeitlinie des Erzählten. Kafkaeskes scheint durch, noch mehr aber ähnelt er Antal Szerb. Wie sein Protagonist Balestri, ein Oneironaut erster Klasse, scheint de Santis vor allem zu fliehen, das kein Geheimnis birgt. Seite für Seite setzt er Kontrapunkte gegen das Alltägliche, gegen das Banale. Und das ist gut so.
Lassen wir Balestri das letzte Wort haben: „An anderen Orten träumen Männer den gleichen Traum von anderen utopischen Türmen…Sie wussten, dass, wenn sie sterben würden, jemand anders ihren Traum weiterträumen würde, jemand nebenan oder am anderen Ende der Welt.“ Gesagtes behält natürlich auch für Frauen seine oneirologische Gültigkeit.