Eine vom Kapsel-Team – Lukas Dubro, Felix Meyer zu Venne, Frederike Schneider-Vielsäcker – herausgegebene Anthologie. Übersetzung aus dem Chinesischen und Englischen: Felix Meyer zu Venne, Lukas Dubro, Chong Shen, Mengge Chen
Mutierte Pflanzen, die Wolkenkratzer wie Schokolade schmelzen lassen, eine pubertierende KI, die lieber das Weltall erkunden möchte, als für die Polizei zu arbeiten. Ein atemloser Streifzug durch die Tech-Metropole Shenzhen, ein mechanisches Pferd in einer Welt ohne Menschen. Nicht zuletzt bietet dieser Sammelband auch Antworten auf die Fragen, warum glücklich zu sein nicht alles ist und wie andere Spezies Bücher machen.
»Sechs Geschichten von heute über morgen« versammelt Erzählungen aus dem zeitgenössischen chinesischen Science-Fiction-Kosmos von Chi Hui, Chen Qiufan, Regina Kanyu Wang, Xia Jia, Jiang Bo und Ken Liu. Auf die Geschichten aus China antworten die Berliner Schriftsteller:innen I.V. Nuss, Anja Kümmel, Julia Dorsch, Anja Engst und Philipp Böhm. Sie spinnen die Geschichten weiter, reflektieren und kommentieren sie. Die Bildwelten fangen mit Stift und Pinsel ein: der Illustrator Christoph Köster sowie Studierende der Kunsthochschule Weißensee und Schüler:innen des Lette-Vereins.
Gestaltet wurde der Umschlag von Marius Wenker, die Coverillustration ist von Claudia Schramke.
Dieses kleine Buch ist eine feine Überraschung. Sechs Sci-Fi-Geschichten aus China, jede mit einer eigenen Stimmung: mal schräg, mal nachdenklich, manchmal einfach schön weird. Keine schwere Kost, sondern eher: Zukunft zum Mitnehmen.
Bzw keine superkomplexe Hardcore-Science-Fiction, sondern eher: Was wäre, wenn… aber mit einem Augenzwinkern und einem Hauch Melancholie.
Perfekt für den Weg zur Arbeit oder zum Einschlafen – man kann locker eine Geschichte zwischendurch weglesen und dann ein bisschen drüber grübeln. Mein Favorit war eine Story mit richtig schönem „Black Mirror“-Feeling, nur eben auf Chinesisch gedacht.
Auch das Buch selbst ist ein kleiner Schatz: mit rotem Faden gebunden (!), hübsches Cover (eine Kröte?? In der Zukunft mit einem nano-körper? Mega ), und irgendwie macht es Spaß, es einfach in der Hand zu halten.
Fazit: Ein liebevoll gemachtes Mini-Abenteuerbuch für alle, die Sci-Fi auch mal anders erleben wollen – snackable, klug und ziemlich charmant…
Gut. Ich mochte die Beiträge der chinesischen Autor:Innen, allesamt recht einfache High-Concept-Geschichten, die aber eben in ihrer Einfachheit und mitunter schnörkellosen Sprache für mich genau so gesellschaftspolitische und -kulturelle Themen setzen, wie es gute Science Fiction machen sollten. "Das verlorene Paradies" und die "Blume von Shazui" stechen heraus.
Die deutschen "Antworten" wiederum sind teils... sehr deutsch. Verkopft, bemüht intellektuell, bisschen fad auch. Außer 'Pissender Hund' von Philipp Böhm. 'Pissender Hund' ist super.
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Werter Gast, willkommen im verlorenen Paradies!
Freizeitparks bringen den Menschen Freude. Das verlorene Paradies hingegen verursacht Schmerz. Um Ihre Privatsphäre zu schützen und um sicherzustellen, dass Sie während Ihres Aufenthalts vollständig entspannen können, bitten wir Sie, den Anweisungen des vollautomatischen Services zu folgen.
Das Erlebnis, das das verlorene Paradies bietet, stimuliert die reflexiven Feedback-Mechanismen Ihres Gehirns. Ein Teil Ihres Gedächtnisses kann im Verlauf mit den Preset-Stimuli des verlorenen Paradieses synchronisiert werden, um Ihnen eine einzigartige Erfahrung zu ermöglichen. Wir werden Ihre Erinnerungen nicht direkt mitlesen und zu keinem Zeitpunkt aufzeichnen.
Wir werden aber Ihre physiologischen Signale während des Prozesses überwachen. Beim kleinsten Anzeichen von Unwohlsein können Sie den Vorgang auf der Stelle abbrechen. Weisen die überwachten Vitalzeichen irgendeine Anomalie auf, werden wir den Vorgang eigenständig beenden.
Vor Ihnen steht eine Tasse Tee, der Sie in die richtige Stimmung bringen wird. Bitte trinken Sie ihn vollständig aus. Wir wünschen Ihnen ein unvergessliches Erlebnis voller Schmerz im verlorenen Paradies.
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"Es gibt keine Dichter mehr?", fragt Drachenpferd vorsichtig. „Meinst du damit, dass es nie wieder jemanden geben wird, der Gedichte schreibt?"
„Ja ist dir das denn noch gar nicht aufgefallen? Alle Menschen sind verschwunden."
Ohne, dass er den Kopf heben muss, weiß Drachenpferd, dass Fledermaus recht hat.
„Und was machen wir jetzt?", fragt er nach kurzem Schweigen.
„Alles, was wir wollen!", ruft Fledermaus. „Auch wenn die Menschheit untergegangen ist, dreht die Erde sich weiter."
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Vor dem japanischen Spielzeugautomaten am ausgetrockneten Kanal des Armurs steht ein umherstreunender Sexroboter, ein Überbleibsel.
Seit Dekaden weiß er nicht, was er mit sich anfangen soll, wurde er doch dafür gemacht, Menschen zu befriedigen, ohne dass ihm eine Masturbationsfunktion implementiert wurde. Die ersten Jahre nach dem Schwund der Menschen hatte er versucht, diverse Dinge in der Welt zu befriedigen: Steine, Laternen, Wolkenkratzer, den Himmel über ihm, der sich in seinem großen CRT-Kopf spiegelt, den ihm seine Macher auf seinen Hals montiert hatten, um eine Form retro-niedlicher Resonanzreaktion bei den Kunden auszulösen
Denn darauf standen die Robot-fuckers: hilflose, traurige Roboter mit veralteter Technik, die Parodie eines Roboters als Fern-sehapparat mit Beinen und Armen.
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Lasst mich erzählen von einem Jungen, der da lebte in einer Kleinstadt nahe eines Bachs, der ganz und gar verseucht worden war durch winzige Schwermetallpartikel und namenlose Chemikalien.
Wie er zu seinem verhängnisvollen Namen kam, der so verhängnisvoll ist, wie ein Name unter der glühenden, sich ausdehnenden Sonne nur sein kann. Weil er davon träumte, ein großer Basketball-Star zu werden und sich eines trockenen Nachmittags in einer Sporthalle wiederfand, auf deren Boden sich Linien in allen Farben kreuzten, die er sich vorstellen konnte.
Und es gibt junge Menschen, die leider die Lügen geglaubt haben, denen erzählt wurde, es wäre besser aufzufallen, als im Schatten lauterer Jungen ihr Dasein zu fristen. Also versuchte PISSENDER HUND wie ein echter Pro, den Ball durch seine Beine zu dribbeln. Doch dieser traurige Held war nicht geschickt genug, hob sein Bein dazu an und verdiente sich so seinen unrühmlichen Namen: PISSENDER HUND.
Ich bin so froh, dass ich dieses schöne Buch entdeckt habe. Die chinesischen Geschichten sind alle sehr unterschiedlich und spannend. Bei jeder Einzelnen hätte ich auch ein ganzes Buch dazu gelesen. Auch die Übersetzung der Geschichten ist top! Die deutschen Antworten sind sind stilistisch sehr anders und folgen keiner stringenten Erzählstruktur wie die chinesischen Geschichten. Etwas unerwartet, aber alles in allem finde ich das Buch super.
A fun little collection of short stories from or playing in China. Broadly spread in themes and styles and the design and manufacturing shows that it is a product of love from a small Indy publisher. I will read more from them