„Es tut weh, wenn die Sonne aufgeht. Es tut weh, wenn sie untergeht. Um am Leben zu bleiben, muss sie irgendjemandem oder irgendetwas die Schuld für ihren Schmerz geben. Doch wenn man den Schmerz, den Menschen anderen Menschen zufügen, immer weiter zurückverfolgt, stellt man irgendwann fest, dass so vieles nicht verhindert werden kann. Nicht alle Gewalt kommt von den Menschen. So wie die Sonne vom Himmel auf die Erde scheint und zur Lebensenergie unzähliger Geschöpfe wird, regnet auch Gewalt vom Himmel, geht in die Blutbahn über und wird weitergegeben.“ (S.151)
„Kankos Reise“ Ist ein komplexes und erschreckendes Familienporttait. Einer Familie, bei der Jeder seine eigenen Traumata mit sich trägt und die durch Generationen weitergetragen werden.
Kankos Kindheit ist geprägt durch die Gewalt des Vaters, der sich gegen sie, ihre zwei Brüder und ihre Mutter richtet. Als die Mutter sich von einem Schlaganfall nie ganz erholt, verschärft sich die Situation weiter. Kankos Brüder sind beide schon ausgezogen, aber Kanko ist geblieben. Sie will erst ihren Abschluss machen und möchte ihre Eltern, trotz Allem, nicht alleine lassen. Depressive Phasen gehören bei ihr zum Alltag dazu. Als die Großmutter stirbt, begibt sich die Familie auf einen Roadtrip zur Trauerfeier und wir erleben nun hautnah mit, welche Dynamiken in der Familie herrschen und wie diese eskalieren.
„Alles verläuft sich. Verläuft und wiederholt sich. Eine durchschnittliche Hölle, butterweich und lauwarm. Für die vielen kleinen Übel, die man bei jedem Streit anrichtet, wird man auf ihren Grund gestoßen. Doch nicht die Schmerzen, die man erleidet, wenn man in den kochenden See aus Blut fällt, oder die Strapazen, die man durchsteht, wenn man am Ufer des Flusses zum Totenreich schwere Steine aufeinanderstapelt, machen diese Hölle so unerträglich, sondern die Tatsache, dass sie weitergeht. Dass sie nicht aufhört. Sich endlos wiederholt. Darin liegt das eigentliche Wesen der Hölle.“
(S.141 f.)
Auf 169 Seiten begleiten wir Kanko - jede einzelne Seite ist intensiv und vollgepackt mit Schmerz, Schuld, Trauer und dem Wunsch nach Vergebung. Häusliche Gewalt, die Opfer-Täter-Rollen und deren Abhängigkeiten, und dem Wunsch danach „dass es aufhört“ - das sind die zentralen Themen dieses Buchs, die die Autorin schonungslos schildert und die innere Zerrissenheit der „Täter“ bzw. „Opfer“, der ewige Kreislauf, aus dem es so so schwer ist zu entkommen.
Das Buch tut weh und wir erleben hier auch nicht die große Katharsis, sondern stecken fest in diesem „Dilemma“. Ich merkte, wie ich mich beim Lesen abgeschottet habe, aber nach dem Lesen der letzten Seite brachen die Schutzwälle dann doch ein und war ich tief ergriffen vom diesem „Ende“, das kein Ende ist.
Ein wichtiges und sehr lesenswertes Buch, aber mit Vorsicht zu genießen wenn man sensibel auf Themen mit häuslicher Gewalt reagiert.
Bei mir hat die Geschichte großen Eindruck hinterlassen und wirkt sie auch noch nach - das andere Buch der Autorin möchte ich nun auch unbedingt lesen!