Gesa Olkusz braucht nur wenig, um die Einsamkeit der Menschen zu erzählen — und durch die zauberische Kraft ihrer Sprache zu überwinden.
Eine einfache Geschichte, poetisch und glasklar erzä Parker und Kasimir sind als Jungen mit ihrer Mutter aus Polen in die USA ausgewandert, sie sollten es einmal besser haben. Nach diesem Kraftakt hat die Mutter jede Lebenslust verloren, und so sind aus den Brüdern zwei symbiotisch verbundene Einzelgänger geworden, die sich in der Fremde durchschlagen, ohne jemals heimisch zu werden. Parker fährt als Privatchauffeur durch die Nacht, Kasimir verlässt das Haus nie. Als die Vagabundin Luzia bei ihnen einzieht, bringt sie ihre ganze Lebensfreude mit, sprengt damit jedoch die nahezu wortlose Nähe der Brüder. Doch die junge Frau haut nach Panama ab, und da ist Kasimir muss ihr nach, und sei es ans Ende der Welt.
Eine sehr unaufgeregt erzählte, unspektakuläre Geschichte, die sich um zwei Brüder und eine Frau dreht.
Es geht um die Sehnsucht nach einem anderen Leben, nach einem anderen Selbst, nach der Mutter, nach einer besseren Beziehung zum Bruder, nach einer Frau, nach Liebe. Die Protagonistin scheitern an ihren Beziehungen und auch an ihrer Beziehungslosigkeit. Jeder sucht für sich nach einem Ausweg aus der eigenen Einsamkeit. In Verzweiflung werden Wagnisse eingegangen und die Frage ist, bringen diese irgendwen weiter?
Das Buch ist nah bei seinen Personen und bleibt durchgehend bedrückend im Tonfall.
Es ist nicht wahnsinnig beeindruckend, bleibt aber durchaus eine kleine Weile im Kopf.
Schwierige Lektüre. Thematisch verschiedene Perspektiven der beiden Brüder zu Entwurzelung, Heimatlosigkeit, Sich im Stich gelassen fühlen, Dableiben und Weiterziehen. Eine Geschichte, die erst sehr zögerlich anläuft, trüb und träge, um dann sprunghaft und erratisch anzuziehen und in verwirrender Absurdität endet. Über viele kleine Verletzlichkeiten, ohne mir eine wirkliche Kernaussage näherzubringen. Weil es dann auch noch so kurz war, flog es einfach über mich drüber.
Sprachlich ruhig, melancholisch, knapp und teilweise ruppig. Mit ein paar schönen Sätzen und generell Gefühle von Gleichgültigkeit und Einsamkeit hervorrufend.
Es gibt verschiedene Ansätze, wie dieses Buch zu Lesen sein könnte. Realistisch oder nicht-realistisch, als Darstellung einer lähmenden Depression oder eine verschleiert träumende Nacherzählung eines gescheiterten amerikanischen Traums. Ich konnte mich für keine entscheiden. Manchmal mag das anreizend sein, hier liess es mich aber unbefriedigt zurück. Vielleicht auch deshalb, weil ich dieses Buch als ziemlich akkurate Beschreibung empfinde, wie ich mich heutzutage oft fühle.
Eine berührende Erkundung familiärer Sprachlosigkeit
"Hier schien alles wie zum Spiel gebaut, wie aus Papier, man könnte es einfach umblasen, wenn man wollte. Es gab nicht die geringste Aussicht auf Festigkeit."
Mit diesem Bild der Fragilität führt uns Gesa Olkusz in die Welt ihres Romans ein, der vollkommen zu Recht den Weg auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2025 gefunden hat. In ihrem kurzen, aber ungemein dichten Werk erzählt sie von Kasimir, einem Mann, gefangen in der Sprachlosigkeit seiner Familie und in den eigenen vier Wänden des geerbten Elternhauses.
Die Autorin, bekannt für ihre sensible Beobachtung menschlicher Gefühlswelten, schafft es meisterhaft, die innere Zerrissenheit ihres Protagonisten spürbar zu machen. Kasimirs Sehnsucht nach Eloquenz wird besonders deutlich, wenn er seinen erfolgreichen Bruder, einen Chauffeur, beobachtet: "Er wünschte sich, einen ähnlichen Wortfluss produzieren zu können, leicht und plätschernd, mit Sonnenlicht auf den Wellen. Wünschte sich, verbale Angriffe elegant abwehren zu können, so wie Parker, mit einem spöttischen oder sogar warmen Lächeln..."
Olkuszs Sprache ist dabei von beeindruckender Kraft - wuchtige, knappe Sätze wechseln sich ab mit inneren Monologen, deren Gedankenstrudel einen unweigerlich mitziehen. Die äußere Handlung tritt bewusst in den Hintergrund, als würde die gesamte Energie des Buches für die Erkundung von Kasimirs Gedankenwelt gebraucht. Diese Konzentration auf das Innenleben macht den Roman zu einem intensiven Leseerlebnis.
Im Zentrum steht die schmerzhafte Sprachlosigkeit innerhalb der Familie - das Nicht-Sprechen mit der verstorbenen Mutter, das stille Nebeneinander-Leben der Brüder im gemeinsamen Haus. Kasimirs Unfähigkeit zur Kommunikation verdichtet sich zur völligen Bewegungslosigkeit: Er kann das Haus höchstens nachts und auch dann nur kurz verlassen. Erst als unvorhergesehene Entwicklungen eintreten, wird er gezwungen, sein bisheriges Leben komplett neu zu überdenken.
"Die Sprache meines Bruders" ist ein bewegender Roman über die Suche nach Verständnis und Verbindung innerhalb der Familie. Gesa Olkusz gelingt es, die Nuancen zwischenmenschlicher Beziehungen mit psychologischer Tiefe und sprachlicher Präzision einzufangen. Ein Buch, das lange nachhallt und wichtige Fragen über Familie, Zugehörigkeit und die Möglichkeit von Veränderung aufwirft. Absolute Leseempfehlung für alle, die sich von einfühlsamer, literarisch anspruchsvoller Prosa berühren lassen möchten.
Ich bedanke mich beim Verlag und bei netgalley, die mir das Buch als Leseexemplar zur Verfügung gestellt haben. Diese Tatsache hatte keinen Einfluss auf meine persönliche Bewertung und meine ausdrückliche Empfehlung für dieses große "kleine" Buch.
Deutscher Buchpreis Longlist #17 Mein persönliches Ranking Platz 16 von 20
Die Sprache meines Bruders ist vielleicht eines der kürzesten Bücher auf der Longlist, aber ich habe mich vermutlich am längsten darüber geärgert. Wobei Ärger nicht unbedingt das richtige Wort ist – ich war verwirrt aber interessiert, dann vor allem verwirrt und irritiert, und am Ende habe ich dann gar nicht mehr verstanden, was der Roman eigentlich von mir will.
Das Setting ist relativ einfach: Wir öffnen mit den Brüdern Kasimir (zurückgezogen, schweigsam, arbeitslos) und Parker (extrovertiert, Aussagen zufolge eloquent, (Taxi)Fahrer) am Morgen nachdem Luzia (…weiblich, entrückt, auf der Suche) Parker und das Elternhaus der Brüder verlassen hat. Die Beziehung zwischen den ungleichen Männern ist angespannt, sie reden nicht wirklich miteinander und wollen offenbar sehr unterschiedliche Dinge. Wir erfahren, dass das Haus einst der Mutter gehörte, die mit ihren Söhnen aber ohne den Vater aus Europa in die USA ausgewandert ist, und dort dann umgehend aufgehört hat, ihr Bett zu verlassen. Bald kommt auch Parker nicht mehr nach Hause – wir lesen, dass er einen exzentrischen Gast durch die Gegend fährt – und Kasimir bricht plötzlich aus seiner Apathie aus und tut etwas, das das Leben der beiden Brüder für immer verändern wird. Am Ende wohnt Luzia irgendwo in den Tropen und hofft, dass Parker ihr doch noch hinterherkommt, einer der Brüder stirbt vielleicht, und der andere hat entweder alles gewonnen oder alles verloren. Es bleibt… unklar.
Während der Lektüre habe ich immer wieder versucht, Themen zu finden, die der Roman bearbeiten möchte – Exil und das Leben zwischen Welten, Sprachlosigkeit in der Familie, Depression, Bewegungslosigkeit, Heimatlosigkeit – aber während sich für alles Aspekte finden lassen, bleibt der Text mir an zu vielen Stellen offen und fast schon unverbunden. Das südamerikanische Finale hat mich dann vollends irritiert. Ich glaube, der Roman ist zu verknappt um dann auch noch so allegorisch/metaphorisch zu sein; er hat zu wenig konkrete Charaktere, um auf kohärente Handlung zu verzichten; und er bleibt zu sehr im Unbestimmten hängen. Interessant war der Versuch schon, aber funktioniert hat er für mich nicht.
„Alles andere ist mächtig, alles andere fliegt schnell auf uns zu oder rinnt uns langsam durch die Finger, nur hier und jetzt, das können wir aushalten.“
Weder Sprache noch Handlung haben mich angesprochen.