Diese Idee der Geschichte war so grandios. Bis sie leider in den Sand gesetzt wurde.
Das mag jetzt vielleicht etwas hart klingen. Ich muss aber auch bedenken, dass ich für die knapp 250 Seiten drei Tage gebraucht habe. Ich musste mich immer wieder beim Lesen unterbrechen, da ich so viele Sachen gelesen habe, die mich aufgeregt haben.
Zuerst zu den Charakteren: grundsätzlich fand ich die Idee toll, dass die Wächter der Bibliotheca Elementara über Elemente bestimmen können. Das jeder ein Element steuern kann, das gleichzeitig eine Art Freund ist. Das sich die Elemente gegenseitig unterstützen können, auch wenn es vielleicht noch ein bisschen besser hätte ausgearbeitet sein können. Erdelementarier sind eher ruhig und stehen nicht im Mittelpunkt, vollkommen in Ordnung. Aber man hätte damit spielen können, dass Erde und Feuer sich nicht gut verstehen, zerstört Feuer doch (auch durch menschliche Unachtsamkeit) oft die Erde. Zwischen Feuer und Wasser gab es immer mal wieder Interaktionen, die dieser Grundidee entsprechen. Dennoch... erst nach ganzen 62% konnte ich endlich mal errechnen, wie alt die Charaktere denn jetzt wirklich sind. Und niemand kann mir erzählen, dass sie sich wie 22-jährige verhalten!
Da haben wir Ric, Feuerelementar, der mit 22 Jahren schon einen Lamborghini fährt - wie bitte? Woher hat er denn das Geld? Ich habe nirgendwo bewusst gelesen, dass er in eine reiche Familie hinein geboren wurde. Aber gut, man kann es ruhig aller 5% erwähnen, dass er ja so einen schnittigen und unpraktischen Wagen hat, vergisst man ja so schnell. Dann verhält er sich wie der typische Bad Boy, verbirgt aber (natürlich) einen weichen Kern wegen einer Hintergrundgeschichte, die noch an Bedeutung gewinnt, aber so ganz konnte ich ihm das nicht abnehmen. Es wirkte wie ein Klischee. Vielleicht sollte damit gespielt werden, dass dieser Typ von jungen Männern in vielen Jugendbuchbüchern vorkommt. Leider kam diese Spielerei nicht bei mir an.
Dann haben wir da Lin, Luftelementar, die hoffnungslos in Ric verliebt ist, diese Gefühle aber verdrängt, seit er sie am Ende des ersten Ausbildungsjahres versetzt hat. Hier haben gedankliche Formulierungen das einfach merkwürdig wirken lassen, lange konnte ich die Beziehung der beiden nicht einordnen. Sie trinkt am liebsten den Kaffee ihrer besten Freundin, mit der sie zusammenwohnt und die sie ebenfalls seit dem ersten Ausbildungsjahr kennt. Diese ist hibbelig und sehr verliebt in diverse Fantasyfiguren und hat immer einen passenden Spruch parat. Ebenso klischeehaft, sie hat keine Hintergrundgeschichte, die sie realer wirken lässt (zumindest lange Zeit der Geschichte, später bekommt sie eine interessante Seite). Ebenso bei Lin und den anderen ihrer Gruppe. Niemand hat wirklich eine ausgearbeitete Hintergrundgeschichte, die mich für die Charaktere haben fühlen lassen. selbst Rics wirkte eher konstruiert. Coral und Peter bleiben sowieso sehr blass, sind aber auch nicht wichtig für die eigentlich Handlung.
Und "zum Schluss" haben wir noch Zac. Der großartige Zac aus der Geschichte in der Geschichte namens Otherside. Die Handlung des Buches von Otherside war mir leider ziemlich egal, ohne Herz geschrieben und wirkte eher wie ein levelbasiertes Jump-and-Run: Held hört von Bedrohung, Held stellt sich der Bedrohung, Held besiegt Bedrohung. Hurra! Warum Lin so verschossen in ihn ist, konnte nicht glaubhaft vermittelt werden. Auch hier wirkte die Handlung von Otherside eher blass. Gegen Ende wurde sie dann doch noch vielfältiger und die Idee, dass sich die Geschichte ebenso wie ihre Charaktere verändert war einer der besseren Aspekte der Geschichte.
Die Biliotheca Elementara: Hach, wie großartig klang diese Organisation. Nur schade, dass sich die Autorin nicht entscheiden konnte, wie gewisse Hierarchieebenen dieser Institution benannt werden sollen. Die einzelnen Teams bestehen aus 4 Elementen, damit je eins vertreten ist, gut. Darüber kommt eine Art Ansprechperson, die Aufträge verteilt und Informationen weitergibt die wichtig sind, gut. Es gibt Techniker, die sich überall reinhacken können, um Seelenlose (das sind diejenigen, die durch die Emotionen von Lesern aus ihren Geschichten herausgelesen werden - für dieses Konzept kann ich wirklich nur ein großes Lob aussprechen!) zu finden - genial! Dann gab es noch eine Gruppe, die ich vergessen habe und... die Bibliothekare. Die, die alles mit aufgebaut und organisiert haben. Die, die (anscheinend) Neuerscheinungen katalogisieren und den Mitgliedern der Teams je nach Genreschwerpunkt zum Lesen geben, damit diese ihre Gegner erkennen können. Zwischendurch waren es auf einmal Archivare. Sehr, sehr weit gefasst haut das sogar hin. Aber bitte, zwischen Bibliothekaren und Archivaren im klassischen Sinn gibt es Unterschiede. Das kann ich behaupten, schließlich bin ich Bibliothekarin. Wenn, dann sollte man da noch eine Erklärung liefern (zum Beispiel: sie archivieren alle Vorkommnisse, die auftreten und wie die einzelnen Teams sich da geschlagen haben) - aber Erklärungen waren in der ganzen Geschichte Mangelware. Ich fühlte mich oft wie in jüngeren Doctor Who Folgen: Show, don't tell, der Leser ist schon schlau genug oder denkt gar nicht darüber nach.
Der Kapitelaufbau: Ich war sehr lange verwirrt ob der kurzen vorangestellten Texte bei jedem Kapitel. Geht es da um verschiedene Geschichten? Geht es um eine? Um welche geht es überhaupt? Erst nach der Hälfte wurde durch den Kontext der Kapitel davor und danach klar, dass sich diese Textschnipsel um Otherside-Stellen handeln müssen und das anscheinend die Charaktere sich ihrer Umwelt und der Realität außerhalb ihres Werkes bewusst sind. Gut jedoch fand ich, dass die Kapitel zu einem Großteil erfrischend kurz waren.
Der Schreibstil: Wie bereits angedeutet konnte ich dank des Schreibstils nicht glauben, dass diese Charaktere wirklich 22 Jahre alt sein sollen. Wächter, die die Welt vor aus Büchern herausgelesenen Seelenlosen beschützen müssen? Denen traue ich mehr Verantwortung und Realitätsbezug zu, als die Geschichte rüberkommen lässt. Kindische Zickereien waren hier lange an der Tagesordnung. Auch konnte nicht wirklich ein Lesefluss entstehen, weil man immer das Gefühl hatte, dass die Geschichte husch husch erzählt wurde. Unterstrichen wurde das durch die oft sehr kurzen Sätze, die das ganze auch anstrengend zu lesen machten. Erklärungen zu Handlungen oder Hintergründen? Wen interessiert es. Glaubt einfach, dass man Seelenlose auch friedlich binden könnte (liebe Autorin, wie denn bitte? Das habe ich mich bis zum Schluss gefragt!).
Was mich zu einem meiner größten Probleme bringt: die mangelhafte Logik vieler Dinge. Lamborghini: erwähnt. Altersgemäßes Verhalten: erwähnt.
Weitere Affälligkeiten: da die Bibliothekare feststellen, dass sich die Seelenlosen verändern und irgendetwas passiert sein muss (dass zum Beispiel irgendein besonderes Buch oder so aufgetauch sein muss), werden die Gruppen in losgeschickt, um dieses eine besondere Buch (ein Unikat wie Otherside, welches Lin besitzt) zu finden. Dafür wird das Team um Ric am ersten Tag dieser Suchaktionen in ein Antiquariat geschickt, was noch Sinn ergibt. Am nächsten Tag jedoch werden sie in ein Archiv geschickt. Moment. Wie erwähnt, ich bin Bibliothekarin. Ich habe in meiner Ausbildung auch Einblicke ins Archivwesen bekommen, da ich auch dort hätte Arbeit finden können. Belletristische Werke, wie sie hier gesucht werden, sind in Archiven eher Mangelware. Archive sammeln Zeitdokumente, sie versuchen, einen Schnitt der aktuellen Zeit zu ziehen und so ein Bild für die Nachwelt zu archivieren. Diese Zeitdokumente bestehen zu 90% aus Akten oder schriftlichen Nachlass von wichtigen Personen. Auch Objekte können darunter sein. Bücher findet man wahrscheinlich noch in Literaturarchiven. Auch wenn ich nicht mehr den genauen Einblick in Archive habe, da meine Ausbildung schon etwas zurückliegt - das kommt mir spanisch vor und deckt sich nicht mit meinen Erinnerungen.
Hier kam es auch dazu, dass auf einmal alle Archivare alle Archive durchsucht hatten.
Genial fand ich auch die App, die scheinbar alle Bücher kennt und grün aufleuchtet, wenn ein gesuchtes Buch schon katalogisiert ist. Einmal kommt es (sinngemäß) zum Satz: "... ich bin sicher, dass die Titel weitergeleitet und in diesem Moment katalogisiert wurden". Also bitte, so einfach ist die Arbeit von Bibliothekaren nicht! Selbst wenn nach der ISBN gesucht wurde, was noch das eindeutig identifierbarste Merkmal eines Buches, das nicht außerhalb des Buchhandels erschienen ist eingegeben wurde (und den Eindruck hatte ich nicht) - Katalogisierungen ohne Autopsie finden nur in seltenen Fällen statt.
Ein Logikfehler, der mir auch sehr aufgestoßen ist, ist folgender: bei 56% denkt Lin, dass im Süden einer entstandenen Barriere das Feuer vertreten ist. Plötzlich sieht sie die Wiese, auf der diese Barriere entstanden ist vor ihren Augen und erkennt, welches Element an welcher Stelle stehen muss, um diese Barriere überhaupt zu errichten. Bei 58% sitzen alle aus ihrem Team an ihrem Küchentisch und der Erdelementar Peter sagt: ich wette, dein [Lins] Element ist im Osten und Corals im Westen (das sah bei Lins Überlegungen noch andersherum aus), Erde schützt die Nordseite. Und Lin denkt doch tatsächlich: "Mit jedem Element war auch eine Himmelsrichtung verbunden, daran hatte ich gar nicht gedacht" - wirklich? Dieser Logikfehler ist zu offensichtlich, als das man ihn häte übersehen können.
Das Ende war dann noch ziemlich gut. Auch wenn ich nicht weiß, wann Lin diese eine Sache getan haben soll, die das Ende beeinflusst hat, fand ich die Idee gut. Das Buch konnte ab dem 21. Kapitel noch überzeugen. Vor allem im Epilog konnte mich der Schreibstil dann doch noch erfreuen. Er war nicht mehr so verkrampft und ich hätte mir diesen Stil sehr gerne im gesamten Buch gewünscht; gerne mit detaillierter Ausarbeitung der Charaktere, altersentsprechender Dialoge und Verhaltensweisen, eine Welt (speziell Bibliotheca Elementaria), die gut durchdacht ist und deren Bezeichnungen sich nicht aller paar Seiten ändern. Mit einer intensiven Überarbeitung könnte die Geschichte sogar noch an Charme gewinnen, so hat sie mich leider enttäuscht.
Zum Abschluss kann ich nur sagen: von einem Imprint Carlsens erwarte ich mehr und leider konnten mich nur wenige Impressbücher bisher begeistern.