Für einen jungen Mann aus dem Hinterland wird das Basel der bewegten 80er-Jahre zum Ort eines apokalyptischen Aufruhrs. Der Student wird zum atemlos protokollierenden und dokumentierenden Chronisten einer wie aus dem Nichts zusammenbrechenden Welt. Der kalte Krieg wird plötzlich heiß und die vertraute alte Schweiz gerät in den geopolitischen Flächenbrand.
Urs Zürcher spielt in seinem erstaunlichen Debüt mit der Frage nach einem möglichen anderen Verlauf unserer Geschichte. Eine literarisch gewiefte, kolossal schräge Mischung aus historischer Wahrheit und Fiktion. Ein Roman wie ein Föhnsturm, der über die Schweiz und Europa hinwegfegt und keinen Stein auf dem anderen belässt.
Von diesem Buch habe ich eigentlich nicht viel erwartet. Ich nahm es nur aus der Bibliothek mit nach Hause, weil es für mehrere Challenges passte. Auf jeden Fall war es ein sehr interessante Lektüre, die mich wohl noch eine Weile begleiten wird.
Vor allem wegen des Bildes der vom Krieg zerrissenen Schweiz. Wir Schweizer haben ja das Glück, verschont zu sein. Vom Krieg. Wir halten uns raus. Wir sind daran gewöhnt. Krieg passiert überall sonst, nur nicht hier.
Urs Zürcher reisst uns aus diesem Traum und zeigt uns, dass es eigentlich nicht viel braucht, damit es ganz anders sein könnte. Und gnadenlos zeigt er uns, wie eine Schweiz aussehen könnte, in der ein Weltkrieg tobt.
Zuerst dachte ich, hätte ich es mit einem Buch zu tun, das die 80er in der Schweiz beschreibt. Bis ich mich irgendwann fragte, ob all die geschilderten Tumulte an mir vorbei gegangen sind (wäre möglich). Bis ich irgendwann aufwachte und realisierte, dass ich hier Alternative Geschichte in den Händen hielt.
So machte auch der eher langsame Einstieg Sinn. Lange fragte ich mich nämlich, wieso Zürcher 700+ Seiten braucht, um ein Studentenleben zu schildern. Aber es ist natürlich mehr in diesem Buch versteckt. Das durfte ich dann auch feststellen.
Auch fing ich mit der Zeit an, an Ursus, dem Tagebuchschreiber, zu zweifeln. Inwiefern können wir ihm trauen? Mehr und mehr wurde er für mich zu einem unzuverlässigen Erzähler. Das machte das Ganze aber umso interessanter und spannender. Was ist alles Einbildung? Inwieweit ist er mehr in die Ereignisse verwickelt, als dass er uns direkt wissen lässt? Sind die Dinge wirklich so passiert, wie er sie uns schildert?
Wir werden es nicht erfahren. Das ist die Sache mit dem Tagebuch. Wir sind an den Schreiber gebunden. Zwar gibt es ein paar Kommentare von aussen, aber auch die werfen kaum ein anderes Licht auf Us Schreiben.
Nach der Lektüre dieses Werkes bin ich froh, dass wir in einem verschonten Land leben. Ich weiss, wie glücklich ich mich fühlen darf, wie priviligiert. Es ist nicht selbstverständlich, dass Frieden herrscht.