Bei diesem Buch bin ich hin- und hergerissen. Die "Message" ist sicherlich richtig und wichtig - zu viel Sitzen hat eine ganze Reihe von gesundheitlichen Folgen, auch solche, die man vielleicht nicht gleich auf dem Schirm hat.
Bei einigen der Lösungsansätze, die hier präsentiert werden, bin ich aber mehr als einmal im Zweifel. So halte ich den Ratschlag, man möge doch einfach möglichst oft wieder in eine aufrechte Haltung zurückkehren, für vollkommen unpraktikabel. Diese Sorte "Ratschläge" höre ich mir an, seit ich zehn bin, und sie haben überhaupt nichts genützt. Es läuft darauf hinaus, entweder seine Haltung zu beobachten oder etwas zu arbeiten - beides zugleich funktioniert aber nicht.
Auch sonst ist mir beim Versuch, mit dem Buch zu arbeiten, oft aufgefallen, dass es so einfach eben nicht ist. So habe ich mir fürs Wohnzimmer ein Stehpult zugelegt, um beim Lesen stehen zu können. Leider stellt sich heraus, dass das überhaupt nichts bringt - um nämlich ein Buch zu lesen, das auf einem Stehpult liegt, muss man den Kopf schräg nach unten neigen, dabei runden sich der Rücken und die Schultern - also alles genau wie beim Sitzen. Und wenn man erst einmal darauf achtet, merkt man, dass die gleichen Probleme auch an tausend anderen Stellen auftreten, die gar nichts mit Büroarbeit zu tun haben, beispielsweise beim Abwaschen oder beim Essen kochen. Immer geht der Blick nach unten, die Schultern sind vorgezogen, der Rücken rund. Ein Stehschreibtisch und ein höhenverstellbarer Monitor lösen das Problem also noch lange nicht!
Was mich auch gestört hat (und was ja schon von anderern Rezensenten kritisiert wurde), ist der geschwurbelte, pseudo-akademische Schreibstil der Autoren. Ich kann nicht beurteilen, ob es an der Übersetzung oder am Original liegt, aber in manchen Sätzen sind ein Drittel aller Wörter Fremdwörter (und zwar oft unnötige, sowas wie "agieren" statt "handeln"), die dem Text keine zusätzliche Tiefe geben, ihn dafür aber bemüht klingen lassen. Dass man zudem viele Erklärungen deutlich kürzer fassen könnte, ist ein weiterer Kritikpunkt.
Die Trainingsprogramme im hinteren Drittel konzentrieren sich vor allem auf "Smash"-Techniken (nennen wir das mal einen neuen, coolen Ausdruck für "Selbstmassage"). Ich bin mir aber nicht sicher, ob das wirklich so funktioniert - sind Ungeübte ohne Anleitung durch einen Trainer wirklich in der Lage, ihre eigenen Verspannungen mit einem Tennisball wegzumassieren?
Alles in allem hat mir das Buch eine Reihe von Impulsen gegeben. Ich werde aber das Gefühl nicht los, dass es sich am besten umsetzen lässt, wenn man ohnehin von Beruf Fitnesstrainer ist (wie die Autoren) und dass es für überwiegend sitzend tätige Menschen, die zudem auch noch ein Leben neben der Arbeit haben, schwer umzusetzen ist.
P.S.: Eines muss ich ja noch loswerden: Als ich mich mit der Anschaffung eines höhenverstellbaren Schreibtischs beschäftigt habe, hat sich herausgestellt, dass mein Arbeitgeber dies nur genehmigt, wenn man bereits einen Rückenschaden hat (!). Und dass unser Personalrat dieser Regelung zugestimmt hat...