In "Parallelwelt" von Cecil Dewi hat es Leif Arnsberg nicht leicht. Seit Jahren quält ihn ein immer wiederkehrender Alptraum: Nacht für Nacht bricht er im Eis ein und ertrinkt. Erst als ihn eine Studienreise im Rahmen seiner Abschlussarbeit unvermittelt wieder seiner Jugendliebe Samuel begegnen lässt, beginnt er zu erkennen, dass Träume weit mehr als Schäume sind. Leif kann endlich Licht in die Dunkelheit mancher Ereignisse ihrer gemeinsamen Vergangenheit bringen. Und das Schicksal spielt ihm erneut eine Chance zu mit der er um die Dinge kämpfen kann, die ihm wirklich etwas bedeuten, allem voran seine Liebe zu Sam.
Im Roman begleitet die Perspektive Leif und sein waches wie träumendes Erleben. Die Grenze zwischen Traum und Realität verschwimmt schnell und dem Leser wird eine Traumsequenz auch erst dann offenbart, wenn der Protagonist erwacht. So bleibt auch immer ein leichter Zweifel ob eine Szene gerade Wirklichkeit ist oder wir uns längst in der Parallelwelt bewegen. Für mich eine angenehme Erfahrung, insbesondere weil Dewi sowohl deutlich erkennbare Sequenzen eingebaut hat, wie auch solche, die einen über Seiten hinweg zum Narren halten. Vergeblich ist indes keiner dieser Träume, sie alle tragen Mosaiksteine zum Erkennen des großen Ganzen bei oder bebildern die Reflektion des jüngst Erlebten.
Ebenfalls sehr gelungen sind die episodenhaften Ausflüge in die Kindheit und Jugend von Leif und Sam. Sprunghaft, wie echte Erinnerungen nun einmal so sind, enthüllen sie uns Stück für Stück die Hintergründe. Verhalten und Gedanken der Figuren passen zum dargestellten Lebensalter und die Sicht von heute auf die Szenen von damals kann sehr erhellend sein. Außerdem fand ich viele kleine Anekdoten, die mich an meine eigene Kindheit und Jugend erinnert haben. Wenn ich aber einmal kleinlich sein darf: Persönlich hätte ich es leichter empfunden wenn beim Zeitstempel dieser Abschnitte mit relativen Zeiten ("Sommer vor zehn Jahren") statt harten Daten ("Sommer 2004") gearbeitet worden wäre - es macht es leichter die verschiedenen Lebensalter richtig einzuordnen, die eben nicht chronologisch herunter erzählt werden. Insbesondere dann praktisch, wenn man das Buch in einigen Jahren ein weiteres Mal liest (oder andere Leser es vielleicht erst in späteren Folgejahren für sich entdecken).
Fühlt man sich zu Beginn des Romans noch weitgehend in dem Glauben gefestigt, eine zeitgenössische Geschichte unserer Lebenswirklichkeit zu lesen, so nehmen die Elemente der Phantastik im weiteren Verlauf zu. Sie bleiben allerdings bis zum Ende subtil genug um uns glaubhaft zu machen, dass sich ein solches Geschehen theoretisch hinter dem Schleier der menschlichen Ignoranz abspielen könnte.
Dank Dewis Schreibstil liest sich das Buch angenehm flüssig und das Tempo der Geschehnisse hält immer die Balance zwischen Spannung und den ruhigeren und nachdenklichen Momenten. Ihre Figuren sprechen authentisch, Fluchen auch schon mal wie die Rohrspatzen oder verfallen erkennbar in ihre individuellen Eigenarten. Der Beziehung von Leif und Samuel wird verständlicherweise viel Raum gegeben. Dies umfasst auch all ihre romantischen Gedanken und die ganze Bandbreite des sexuellen Verlangens. Cecil Dewi versteht sich darauf, das intime Spiel zwischen den Protagonisten anregend und lebendig zu bebildern - dabei mit genügend Varianz zwischen hart und zart. Wie viele Romane im Bereich der schwulen Literatur hat auch dieses Buch mehr Sexszenen als für die Handlung unbedingt nötig gewesen wäre. Diese sind aber von einer hohen Qualität und abwechslungsreich genug, dass sie für mich und sicher viele andere Leser zu einem willkommenen Laster werden.
Das Ende gefällt mir ungemein, weil es sehr konsequent aus der Entscheidung seiner Protagonisten lebt und dabei auch nicht darüber hinwegtäuscht, dass ein eingeschlagener Pfad uns andere Wege verbaut. Wir bekommen nicht alle Antworten. Es ist nicht alles eitel Sonnenschein. Aber es ist ehrlich und irgendwo lebensnah. Und vielleicht erlaubt es Dewi irgendwann weitere Ausflüge in die Parallelwelt - ganz gleich wer die Protagonisten sein mögen.