Wie meist bei Sachbüchern geht es mir hier weniger um eine Bewertung, sondern vielmehr um eine kurze Zusammenfassung. Ich werde für jedes der elf Kapitel die Hauptaussagen und spannende Beobachtungen herausarbeiten und mich nur hier kurz dazu äußern, dass dieses Buch insgesamt einen interessanten und sehr lesenswerten Abriss gibt und spannende Fragen und Thesen eröffnet. Selbstverständlich versucht es dabei, wie es eben ist bei einem Buch, dass 300 Seiten dick ist, aber im Endeffekt über 75 Jahre abbildet, auf komplizierte Sachverhalte möglichst einfache Antworten zu geben. Teilweise ist es sehr Personenzentriert, insbesondere bei Hitler merkt man, dass es kaum um Partei oder andere Nazigrößen geht, sondern nur um den Diktator, aber schließlich heißt das Buch auch von Bismarck zu Hitler, es ist also klares Erwartungsmanagment. Dennoch sind es gut argumentierte und meiner Ansicht nach valide Antworten.
Entstehung des Deutschen Reiches
Die gescheiterte Revolution 1848 wurde von mir lange als ein Nebenschauplatz der Geschichte angesehen. Haffner teilt ihr jedoch einen zentralen Platz in der Entstehung des Deutschen Reiches zu. Durch sie gibt es plötzlich eine deutsche Frage. Großdeutsch oder Kleindeutsch, mit Preußen oder mit Österreich, Kaiser oder König. Viele Fragen, doch sieht man die Wurzeln daraus in der Revolution 1848 und auch im Rheinbund. Der deutsch-französische Krieg knüpft dabei an die Nationalbewegung von 1848 und den Rheinbund an. Alte Muster, die wieder aufgegriffen werden, um ein deutsches Reich entstehen zu lassen, dass nicht von langer Hand geplant war. Zumindest nicht von Preußen. Doch die Spuren und Ideen gab es schon davor.
Bismarckzeit
Die Bismarckzeit leitet Haffner mit einer interessanten Antithese ein. Er zeigt auf, dass das Deutsche Reich unter Bismarck innenpolitisch zerrissen, außenpolitisch aber besonnen und friedlich war. Im Gegensatz dazu war es in der Kaiserzeit umgekehrt, doch dazu gleich mehr.
Die Zerrissenheit der Innenpolitik zeigt er an den beiden großen Parteien, der revolutionären SPD und der Volkspartei Zentrum. Trotz großer Verfolgung seitens Bismarck, wuchs ihre Macht und innenpolitisch war es auch wegen einer anhaltenden Wirtschaftsflaute schwierig, nach der Reichsgründung innenpolitisch geeint zu erscheinen. Außenpolitisch hingegen verfolgte Bismarck einen strikt friedlichen Kurs. Verzicht auf territoriale Vergrößerung, keine expansionistischen Bestrebungen, keine Anschlüsse, keine Kolonialpolitik - was kurzzeitig ausgesetzt wurde, da Bismarck in der Bevölkerung eine gewisse Rivalität zu Großbritannien wecken wollte, damit das Deutsche Reich und Großbritannien nicht zu eng aneinander wuchsen zumal der Kronprinz Friedrich III mit einer Britin verheiratet war. Ein Umstand der durch das lange Leben Wilhelms I weniger ins Gewicht fiel - Verhinderung innereuropäischer Kriege. Bismarck versuchte sich mit allen gut zu stellen. Im Übrigen besonders mit Russland, für die man Österreich hätte fallen lassen, so Haffner. Dennoch ist sichtbar, dass sich bereits erste Allianzen schlossen, die sich mit der Zeit noch verfestigen sollten.
Kaiserzeit
Hier gibt es nun das Gegenteil: Innenpolitische Einheit und eine insgesamt sehr aggressive Außenpolitik. Innenpolitisch zeigt sich dies einerseits an der Schwächung der sozialen Spannungen durch einen Wirtschaftsaufschwung, aber auch beispielhaft an der Veränderung der SPD, die von einer revolutionären zu einer revisionistischen Partei wurde. Gleichzeitig bildete sich durch diese innenpolitische Einheit und den Wirtschaftsaufschwung ein Großmachtgefühl, das in die Außenpolitik hineinstrahlte. Die Fronten verfestigten sich und jeder der Großmächte machte sich bereit für den Krieg.
Erster Weltkrieg
Es ist eine allgemeine Einordnung des Krieges, damals ein probates Mittel der Außenpolitik. Insbesondere stellt Haffner die (überraschende) Entscheidung Deutschlands dar, nicht offensiv gegen Russland (damals fast noch ein Entwicklungsland) vorzugehen, sondern durch den Schlieffen-Plan Frankreich anzugreifen. Ruft man sich die Abfolge der Kriegserklärungen ins Gedächtnis wird deutlich, wie wenig es eigentlich um Sarajevo geht. In Frankreich jedenfalls zeigt sich auch, dass die Militärtaktiken der Defensive eine viel bessere Möglichkeit gaben als der Offensive und gar kein totaler Sieg drin war, insbesondere nicht für Deutschland, so Haffner. Innenpolitisch beschreibt er im Reich zwei Lager. Diejenigen die einen totalen Sieg fordern (z.B. 3. OHL) und diejenigen, die einen Verständigungsfrieden suchen (z.B. 2. OHL, die bereits 1916 sagen, dass ein Krieg nicht zu gewinnen ist). Für beides gab es allerdings keine realistischen Szenarien.
1918
Ein Abriss des Jahres 1918 ist eine Mammutaufgabe. Deswegen will ich hier lediglich drei Punkte stichwortartig nennen.
Deutschlands Truppen waren unterernährt, bei den Verbündeten war es sogar noch schlimmer. Angesichts dieser Situation entwickelten sich zwei Gruppen innerhalb der deutschen Armee, diejenigen die am Rand der Niederlage noch fanatischer kämpften und bereit für den Untergang waren und diejenigen, die keine Lust mehr hatten und nicht für eine verlorene Sache sterben wollten. Erstere füllten in der Weimarer Republik vor allem die Freikorps.
Ludendorff, der clever taktiert, indem er die 14 Punkte Wilsons nutzte, um auf Anraten von Außenminister Hintze die Deomraten an die Macht zu bringen, die dann auch in die Bresche sprangen. Er fürchtete Zusammenbruch der Westfront, die nicht kam - wir erinnern uns, dass die Defensive der Offensive viel voraus hatte im 1. Weltkrieg - und er daraufhin den Krieg fortführen wollte.
Die vielen raschen Veränderungen für die deutsche Bevölkerung. Man hatte erst einen schnellen und erfolgreichen Vorstoß auf Russland, bis August hieß es noch man könne siegen, im Oktober sagt die Reichsregierung (nicht die OHL), dass man kapitulieren würde und im November gibt es plötzlich eine rein sozialdemokratische Regierung ohne Kaiser.
Etwas, dass mir vor allem in diesem Kapitel aber im Buch allgemein aufgefallen ist, ist, dass Haffner kaum ein gutes Haar an der SPD und Ebert lässt. Er stellt Erbert dar als jemanden, der die Revolution hasst, sie aufhalten will und dafür Arbeiter niederschießen lässt und auch versucht hätte den Kaiser zu behalten, hätte Scheidemann nicht die Republik ausgerufen. In meiner Erinnerung war insbesondere im anderen Buch, dass ich erst kürzlich über die Weimarer Republik gelesen habe, Ebert eine Art Lichtgestalt gewesen. Ich würde gerne ein differenzierteres Bild über ihn gewinnen und spiele jetzt mit dem Gedanken, mir eine Biographie über ihn zu besorgen.
Weimar und Versailles
Dieses recht kurze Kapitel zeigt Weimar wie ich es kenne: Auf den ersten blick katastrophal mit Reparationszahlungen, Gebietsverlusten und Inflation, aber auf den zweiten Blick durchaus mit Möglichkeiten. Auch Haffner meint wie Eberhard Kolb, dass Deutschland weiter ein mächtiger Staat war und auch wenn es große Reparationen tätigten musste, es durch den wirtschaftlichen Kreisverkehr (DIe USA geben Deutschland Kredite, Deutschland zahlt Reparationen an Frankreich und Großbritannien und diese beiden zahlen ihre Kriegsschulden bei den USA ab) nicht so schlimm bestellt war, wie man hätte fürchten können.
Hindenburgzeit
Die Hindenburgzeit stellt in der Weimarer Republik eine recht sichere und ruhige Zeit dar. Doch er zeigt auch, wie die Träger der Demokratie (DDP, SPD, Zentrum) nach und nach verlieren und kleiner werden. Auch außerparlamentarisch wird eine deutlich ablehnende Haltung gegenüber der Republik herausgehoben, so bei der Industrie, in den Universitäten und auch in den Kirchen. Mit Hindenburg, so Haffner, wurde diese ablehnende Haltung etwas geringer, weil es weniger den Anschein einer sozialdemokratischen Republik war, sondern man sich wieder mehr an die Kaiserzeit erinnerte, umso mehr durch die Präsidialkabinette, die letzten Endes Hitler zur Macht verhalfen.
Hitlerzeit
Wahrscheinlich das thematisch größte Kapitel. Ich möchte es einerseits an den zwei Schüben seiner „Machtergreifung“ darstellen und andererseits an etwas, dass ich selbst als schönes und wohliges Gefühl beschreiben will.
Haffner stellt die sogenannte Machtergreifung in zwei Schüben dar. Der erste ist die Abräumung des politischen Feldes nach Januar 1933. Wirklich aktiv vorgegangen wurde nur gegen die KPD. Interessanterweise schienen sich die bürgerlichen Parteien von selbst zurückzuziehen, fast dankbar. Eine spannende Quelle ist eine Aufzeichnung eines Ministers der DDP, der darüber spricht, dass er nach dem Durchbringen des Ermächtigungsgesetzes, gegen das nur die SPD stimmte, die größte und überwältigendste Zustimmung bekommen habe. Folgt man Haffner ist es nicht Hitler, der allen Widerstand bricht, sondern die Deutschen ergeben ihm sich viel mehr ohne Widerstand. Der zweite Schub ist die Entsorgung der SA und die Einbindung der Reichswehr in das System.
Das schöne und wohlige Gefühl ist ein Sammelbecken an Beobachtungen zur Nazizeit, dass immer dem gleichen Prinzip folgt: Eventuelle unangenehme Nebeneffekte, wie die Nürnberger Rassegesetze werden durch wesentlich positivere Effekte vollkommen irrelevant. Unter diese positiven Effekte kann man den wirtschaftlichen Aufschwung ebenso fassen wie die gelungene Aufrüstung und eine erfolgreiche Außenpolitik Hitlers. Hilfreich dabei ist auch die große Propagandamaschine die diese Ruhe und den Frieden feiert und gleichzeitig es nicht gezwungenermaßen so darstellst, als ob man unbedingt ein Vollblutnazi werden müsse. Nach Haffner spielen daher auch sogenannte Antis oder innere Immigranten mehr oder weniger genau das Instrument, dass sich die Nazis von ihnen wünschen.
Durch dieses angenehme Gefühl, wieder wer zu sein können auch politische Morde vergessen werden und im Endeffekt auch ein Antisemitismus, der den Deutschen vielleicht auch nicht so schlimm vorkam, weil der Antisemitismus dem Hitler anhing, der eine vollständige Auslöschung als Endziel hatte, für die Menschen nicht begreifbar war, die maximal einen latenten Antisemitismus kannten.
Zweiter Weltkrieg
In diesem Kapitel sind die Fehler Hitlers am spannendsten. Wieder der Wunsch, Großbritannien nicht im Krieg zu hoffen, wie es schon vor dem Ersten Weltkrieg der Fall war. Oder der Angriff auf die Sowjetunion, von dem sich Hitler einen schnellen Sieg versprach oder der nach Haffner größte Fehler: Die Kriegserklärung gegen die USA. Haffner verbindet damit in der Person Hitler ein Hang zu etwas Übergroßem. Und wenn er Deutschland schon nicht zu der Weltmacht aufbauen konnte, dann wollte er wenigstens die größte Katastrophe in der deutschen Geschichte angerichtet haben.
Nachgeschichte des Deutschen Reiches
Wenn man davon ausgeht, dass dieses Buch zwei Jahre vor Mauerfall und drei Jahre vor Wiedervereinigung veröffentlicht wurde, kann man dieses Kapitel als recht amüsant empfinden und vielleicht auch an Haffner zweifeln, wenn er beispielsweise davon schreibt, dass eine Wiedervereinigung für die beiden deutschen Staaten nicht infrage kommt. Dabei sollte man jedoch zwei Sachen bedenken. Erstens: Es scheint mir als gehe Haffner davon aus, dass eine Wiedervereinigung ein gleichwertiger Zusammenschluss von BRD und DDR sein müsse. Er geht - durchaus mit Recht - nicht von einem totalen Kollaps des Ostblocks aus. Und zweitens: Haffners Nachwort von 1990 reflektiert diese Fehleinschätzung durchaus treffend und er zieht wichtige Schlüsse daraus. Dieses Ereignis ist eine drastische Mahnung, dass sich Geschichte nicht vorhersagen lässt und dass Geschichte auch danach, auch heute noch unvorhersehbar bleibt.