Autoren, mit denen man sich in der Schule zu lange am Stück beschäftigen musste, brauchen meist einen gewissen zeitlichen Abstand, ehe man ihnen wieder gerecht werden kann. Conrad Ferdinand Meyer war einer der literarischen Hausgötter an der Freien Georgenschule, ein Dutzend Balladen haben wir auswendig gelernt und die bessere Hälfte des Deutschunterrichts in der 11. Klasse mit dem Heiligen verbracht. Bei aller Artistik und kaum zu unterschätzenden Reflexionsleistung, ist der Konflikt zwischen einem Vater, der sich mittels der Religion am König für die enteehrte Tochter rächt, nicht unbedingt, eine altersgemäße Lektüre.
Gustav Adolfs Page lädt da schon eher zur Identifikation ein, war allerdings 12 und 13 und auf dem Gipfel meines Karl-May-Fiebers, als ich die Novelle als ganz gut bewertete. Mein Zweitdurchgang war eine Bearbeitung in einem Dachbodenfund. Ein Nazi-Lesebuch, das den Opfergedanken in den Vordergrund stellte und meine Wahrnehmung der Novelle als Meisterwerk lange getrübt hat.
Bin beim 3. Durchgang absolut hingerissen von der meisterhaften Komposition und etlichen seinerzeit überlesenen Zwischentönen, gerade im Umgang mit der vermeintlichen Lichtgestalt und deren problematische Seiten. Die eigentliche Tragödie ist nicht der Opfertod der Gustel Leubelfinger,
der vom ersten Absatz an als wahrscheinlich dargestellt wird, sondern das Scheitern Gustav Adolfs. So ignoriert der Schwedenkönig aufgrund seiner religiösen Vorurteile die Warnungen Wallensteins und verweigert in einer kruden Mischung aus Heldentum und Gottergebenheit bis zuletzt den Panzer, nachdem er sich durch seinen Rigorismus Feinde in den eigene Reihen gemacht hat.
Besonders pikant die Fußnote, wie der Pfarrer alles tut, damit das Andenken seines Abgotts durch unpassende weibliche Gesellschaft keinen Schaden nimmt, zugleich aber Gustels Vetter, der gerne wieder seinen Namen zurück haben will, auf das Pseudonym verweist, mit dem er in Deckung gegangen ist.