Die 16jährige Alissa will wie jedes Jahr zu Weihnachten das Grab ihres Vaters besuchen. Berlin, der Schauplatz dieses Jugendromans, ist im Griff eines harten schneereichen Winters. Ihre Freundin Evelin begleitet sie durch die Nacht. Auf der Suche nach dem verschneiten Grab bricht sie ein und landet in einer Gruft. Während ihre Freundin Hilfe holt, bemerkt sie ein seltsame Pflanze, die filigran aus einem Kindersarg herausgewachsen ist. Ganz im Bann dieser Erscheinung bricht sie sie kurzerhand ab und steckt sie ein. Alissa selbst weiß nicht wie ihr geschieht, als die Pflanze verschwindet. Noch in dieser Nacht bekommt sie Besuch von zwei seltsamen Männern, die sie eigentlich gar nicht sehen sollte. Hier hat der Roman wieder die Perspektive gewechselt. So erfährt man auch, dass die beiden Gestalten auf der Suche nach der Pflanze, die besonders starke „Gabe“ des ertrunkenen Kindes im Sarg, sind.
Alissa muss sie geschluckt haben, denn ohne die Einverleibung der „Gabe“ hätte sie die „Männer“ gar nicht wahrnehmen können.
Alissa kann sich darauf keinen Reim machen. Zudem hat sie jede Menge andere Probleme, die durch die seltsamen Ereignisse nur noch verstärkt hervortreten. So bedrängt sie ihr Freund Simon, obwohl er wochenlang nichts mehr von sich hören ließ und sie auch noch betrogen hat, die Freundschaft wieder aufzunehmen. Simon ist aber ein ziemlicher Macho, der es schwer hinter den Ohren hat. Als er sie, angestachelt von seinen Kumpanen und ziemlich alkoholisiert, auflauert und einen Kuss erzwingt, ist er wie verwandelt, als er aus einem tranceartigen Zustand erwacht. Er ist geradezu besessen von Alissa und folgt ihr Schritt auf Schritt. Der Leser erfährt, dass dies auch eine Wirkung der Gabe ist.
Als Folge der Gabe bekommt Alissa heftige Fieberanfalle, die jedes natürliche Maß überschreiten. Die Gestalten wissen, dass Alissa daran sterben wird. Alissa will der Sache auf den Grund gehen und fasst den Plan, diese Gestalten von sich aus zu treffen. Sie verfolgt den Flug der Raben, als die die Gestalten erscheinen, wenn sie jedem Kind und Jugendlichen beistehen, das sie „ruft“, und gelangt so zu einer verlassenen Villa, die Heimstatt der Gestalten. Doch auch Simon bringt in Erfahrung wo sie sich befinden und folgt ihnen, und so kommt es zur letzten dramatischen Konfrontation.
Auf faszinierende Weise hat Drvenkar die mysteriöse phantastische Realität mit der Alltagswelt verschränkt, so dass man nicht den Eindruck hat, es handele sich um zwei total getrennte Wirklichkeiten/Welten, sondern dass das Phantastische sehr wohl etwas mit der konkreten Realität zu tun hat.
Geschickt knüpft Drvenkar den Erzählfaden, die Perspektivwechsel erweitert das Geschehen, während das Geschehen sich verengt und auf den dramatischen Höhepunkt zusteuert. Aber auch inhaltlich hat der Roman einen sehr gelungenen Abschluss.
Die Gestalten sind Helfer der Kinder und Jugendlichen, Schutzgeister wenn man so will, die ihnen helfen, sich und ihre Fähigkeiten zu entwickeln, die helfen, wenn sie gebraucht werden. Uralte mythische Vorstellungen von Seelenvögeln mögen ebenfalls als Vorbilder gedient haben, was aber nicht wichtig ist, denn Drvenkar entwickelt hier sehr geschickt eine eigenständige Vorstellung von Schutzgeistern.
Wie in vielen Jugendromanen geht es um Probleme des Erwachsenwerdens, um das richtige Einstellung zu den eigenen Fähigkeiten. Drvenkar erzählt aber auch wie Freundschaft, Liebe und Verlangen zu einem Albtraum werden können.
Alissa ist auch die Heldin eines weiteren Romans, dessen Handlung zeitlich vor „Sag mir, was du siehst“ angesiedelt ist. Für diesen Roman hat Drvenkar im Jahr 2003 den Phantastik-Preis der Stadt Wetzlar bekommen. Verdientermaßen, denn der Roman ist sehr spannend erzählt und voller plastischer Charaktere und erreicht durch seine Phantastik eine seltene mystische Tiefe.