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Ginsterburg

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Nach der Machtergreifung ist in Ginsterburg ein neuer Alltag eingekehrt. Manche Einwohner der kleinen Stadt leiden, andere profitieren – und die meisten versuchen, sich mit der neuen Ordnung zu arrangieren. Allmählich aber öffnet sich unter dem Alltag der Abgrund. Ein feinfühliger und atmosphärischer Roman über Liebe, Familie, Freundschaft – und persönliche Verstrickungen in den Jahren 1935 bis 1945.

Lothar träumt vom Fliegen. Eben noch ein kleiner Junge, kann seine Mutter Merle nur ohnmächtig zusehen, wie sein Traum von der Freiheit ihren Sohn in die Arme der Hitlerjugend treibt. Eine neue Zeit ist angebrochen. So sehr Merle ihr auch misstraut, kann sie ihr doch nicht entkommen – nicht in ihrer Buchhandlung, nicht in den Gesprächen mit Eugen, dem Feuilletonisten der Lokalzeitung von Ginsterburg. Doch während die einen verstummen und einige sich langsam korrumpieren lassen, verstehen andere es, die neue Machtverteilung zu ihren Gunsten zu nutzen. Blumenhändler Gürckel schwingt sich zum Kreisleiter auf, Fabrikant Jungheinrich macht beste Geschäfte, und auch der Arzt Hansemann wittert völlig neue Möglichkeiten. Im Lichtspielhaus spielt weiter Heinz Rühmann, über den Nürburgring schießen Runde für Runde die Silberpfeile. Doch der Krieg, an fernen Fronten geschlagen, ist bald auch im Mikrokosmos der Stadt zu spüren, in den erschütterten Beziehungen und Seelen der Menschen. Und über allem schwebt ein britischer Bomberpilot, der sich dem einstmals beschaulichen Ginsterburg unaufhaltsam nähert.

432 pages, Hardcover

Published February 15, 2025

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About the author

Arno Frank

8 books8 followers

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5 stars
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36 (25%)
2 stars
7 (5%)
1 star
2 (1%)
Displaying 1 - 30 of 42 reviews
Profile Image for uk.
225 reviews37 followers
May 31, 2025
Mehr wär‘ mehr

Zu wenig.
Zu viel.

Zu unerhört.
Zu erwartbar.
Zu beiläufig.
Zu bedeutsam.
Zu mäandernd.
Zu prosaisch.
Zu engagiert.
Zu unbeteiligt.
Zu bunt.
Zu fahl.
Zu wortreich.
Zu knapp.
Zu unkonkret.
Zu haarklein.
Zu eigen.
Zu durchschnittlich.
Zu cool.
Zu rührselig.
Zu lang.
Zu kurz.

Zu viel.
Zu wenig.
Profile Image for auserlesenes.
364 reviews16 followers
March 14, 2025
Auch in der Kleinstadt Ginsterburg hat der Nationalsozialismus Einzug gehalten. Während Blumenhändler Otto Gürckel zum Kreisleiter aufgestiegen ist, hat es Buchhändlerin Merle Siebert zunehmend schwer. Sie zieht ihren Sohn Lothar alleine groß und hat den Überblick verloren, welche Bücher mittlerweile verboten sind. Auch Redakteur Eugen von Wieland muss auf der Hut sein. Sie ahnen noch nicht, wie viel Leiden und Probleme sie erwarten…

„Ginsterburg“ ist ein Roman von Arno Frank.

Die Geschichte ist komplex, aber nicht zu kompliziert komponiert. Die Handlung umfasst die Jahre 1935, 1940 und 1945. Dementsprechend gliedert sich der Roman in drei Teile, die wiederum in jeweils vier Kapitel unterteilt sind. Dazwischen gibt es Einschübe des Absturzes eines englischen Fliegers, Briefe und andere Dokumente. Erzählt wird aus wechselnden Perspektiven.

In sprachlicher Hinsicht hat mich der Roman überwiegend begeistert. Starke Sprachbilder und gelungene Wortspiele sind einige seiner Pluspunkte. Die Dialoge wirken authentisch, die Beschreibungen sind eindrücklich und anschaulich. Gestört hat mich lediglich die unnötige Verwendung rassistischer Beleidigungen.

Mit seiner Geschichte entwirft Frank ein vielschichtiges Gesellschaftspanarama einer fiktiven deutschen Kleinstadt während der Zeit des Nationalsozialismus. Es gibt überzeugte Rassisten, Profiteure des neuen Regimes, Mitläufer, Kritiker und Opfer. Das Personal des Romans ist daher umfangreich. Dennoch fällt es nicht schwer, den Überblick zu behalten. Die Hauptfiguren sind mit psychologischer Tiefe ausgestattet. Mit nur einer einzigen Ausnahme sind sie zudem klischeefrei gestaltet. Neben rein fiktiven Charakteren tauchen historische Persönlichkeiten wie Lothar Sieber auf, die zum Teil verfälscht dargestellt werden. Ein Nachwort, das über solche Aspekte aufklärt, wäre hilfreich gewesen.

Wie kann es soweit kommen, dass sich eine Gesellschaft normaler, durchschnittlicher Leute zunehmend dem Faschismus verschreibt? Wie kann es sein, dass sich mehr und mehr Menschen schuldig machen und dass sie einen brutalen Krieg unterstützen? Solchen Fragen geht der Roman nach und liefert historische Details, die nicht jeder schon genüge von der NS-Zeit gehört hat. Parallelen zur Gegenwart können gezogen werden. So erscheint das Thema nach wie vor aktuell. Leider haben sich ein paar Fehler und Ungenauigkeiten bei den historischen Daten und Fakten eingeschlichen, beispielsweise wird Hitlers Berghof in Garmisch verortet.

Beeindruckt hat mich, dass die Geschichte trotz der knapp 430 Seiten ohne Längen und Redundanzen auskommt. Die Handlung bleibt außerdem durchweg stimmig. Auch das spektakuläre Ende wirkt schlüssig.

Sowohl der prägnante Titel als auch das Covermotiv, bedauerlicherweise von einer KI generiert, passen hervorragend. Sie runden den Roman ab.

Mein Fazit:
Mit „Ginsterburg“ ist Arno Frank ein empfehlenswerter Roman gelungen. Politisch und gesellschaftlich relevant, unterhaltsam, aufrüttelnd.
Profile Image for Alexa.
236 reviews7 followers
October 11, 2025
Dieses Buch habe ich so gern gelesen!

Anhand alltäglicher Szenen erzählt, multiperspektivisch und kaleidoskopisch - eine fiktive deutsche Kleinstadt versinkt unaufhaltsam im politischen und moralischen Abgrund.

Frank schreibt unglaublich souverän, eindringlich und dennoch unaufgeregt, er erschafft durchweg glaubwürdige Personen und fasziniert mich mit seiner elaborierten literarischen Sprache.

Ein Lesegenuss, ein Roman, der Pflichtlektüre sein sollte für den Deutsch- und Geschichtsunterricht.
Profile Image for Andrea Karminrot.
305 reviews6 followers
April 3, 2025
Ginsterburg, eine Kleinstadt in Deutschland. Eine Kleinstadt zwischen 1935 und 1945. Eigentlich geht hier alles überschaulich zu und doch liegt so einiges im Argen. Wir, die Leser, wissen, was kommen wird, aber die Menschen, die damals in dieser Stadt gelebt haben, konnten nicht ahnen, was auf sie zukam. Im Nachhinein, wissen wir es alle besser und doch kann es immer wieder passieren!

In dem neuen Roman von Arno Frank, Ginsterburg, geht es um eine fiktive Stadt. Irgendwo in Deutschland, als die Nationalsozialisten die Regierung übernahmen, die Kinder waren begeistert, als sie bei der Hitlerjugend mitmachen durften und leise schlichen sich die Ideologien ein. Lothar jedenfalls fand es toll, als seine Mutter Merle ihm es erlaubte bei der Fliegerjugend teilzunehmen. Dabei war Merle fast eine überzeugte Kommunistin, nur erwähnte sie es niemandem gegenüber, das könnte zu schlechten Situationen führen. Lothar war bisher immer ein stiller, naturverbundener Junge gewesen, das Fliegen begeisterte ihn so sehr, dass er zu einem der besten Piloten wurde. Während der Junge eine Laufbahn einschlug, die seiner Mutter nicht besonders gefiel, ging das Leben in der Kleinstadt weiter. Da verschwand eine ganze Familie, und woanders tauchte die verrückte Uta aus Berlin auf, die Schwägerin des Bürgermeisters, die einem Schloss und -Garten wieder zu voller Pracht verhelfen wollte.

Die Zwillinge, so alt wie Lothar, schlugen eine andere Karriere ein und es nahm kein gutes Ende. Der Leser weiß im Grunde schon, was kommen wird. Dann ist da noch die Nachbarin, die einen Sohn hat, der besser in eine Heilanstalt gehört. Welch Jubel, als das Kind endlich übernommen wurde ... Wie gesagt, der Leser weiß was kommen wird. Jeder ahnt, was mit dem Jungen in der Heilanstalt passiert, welche Gräuel die "Jungen" nach der HJ erleben werden, wohin die Menschen verschwanden, wie es ausgehen wird. Der Hass und die Wut wird nur langsam und tröpfchenweise verabreicht. Aber überall und stetig, damit am Ende ein unglaublicher Fluss, die Menschen verdirbt.

" Ich habe das Gefühl, Teil von etwas..." sie suchte nach dem richtigen Wort, "von etwas großem zu sein, von etwas wichtigem. größer und wichtiger als ein Mensch alleine ..." Seite 162

Arno Frank hat einen unglaublichen Schreibstil. Er schreibt viel, sagt viel, aber eben nicht geradeheraus. Der Leser erliest sich die Geschichten in einem puzzelhaften Stil. Ich mag es, wenn Romane nicht immer geradeaus geschrieben sind. Vielleicht sogar einen prosaischen Stil haben. Poetische Texte, die bildgewaltig und sanft daher kommen. Arno Frank verbindet das Grausame mit dem Blick für das Schöne. Und verbindet alle seine Figuren miteinander zu einem dichten Geflecht.
Der Autor zwang mich mit seinen Worten zu vielen Pausen und stellte mein geschichtliches Wissen auf die Probe. Ich mag die meisten Figuren, auch wenn da einige dabei sind, die nicht zu meiner politischen Einstellung passen. Das Buch war zu keinem Augenblick langweilig und hat mich immer in Atem gehalten. Ich glaube aber auch, dass Ginsterburg wieder ein Buch ist, das man mit klarem Verstand und Zeit lesen muss. Nebenbei geht das nicht.
Zwischendrin liest man Briefe, Zeitungsausschnitte und die Geschichte von einem Mann, der sich aus einem Kampfflugzeug retten muss. Ein für mich gelungener Roman, der den Blick auf unsere Zeit schärft.
Profile Image for Ellinor.
762 reviews362 followers
February 20, 2025
Ginsterburg ist eine fiktive Stadt irgendwo mitten in Deutschland. Arno Frank führt uns zu drei verschiedenen Zeitpunkten dorthin: 1935, zwei Jahre nach der Machtergreifung, 1940, noch relativ am Anfang des zweiten Weltkriegs, und schließlich 1945, als das Ende bereits naht. Dabei begleiten wir immer die gleichen Personen und verfolgen ihre Entwicklung. Da ist Merle, eine Buchhändlerin, die nicht besonders viel für das Regime übrig hat. Ihr zu Beginn dreizehnjähriger Sohn Lothar wird durch die Hitlerjugend vereinnahmt und möchte Pilot werden. Merle verbindet eine Leidenschaft mit Eugen, Journalist bei der Lokalzeitung und Mann ihrer besten Freundin, zunächst nur für Bücher, später auch körperlich. Merles Nachbarin ist leidenschaftliche Nationalsozialistin, auch wenn diese ihren geistig behinderten Sohn als „Ballastexistenz“ bezeichnen. Otto Gürckel nutzt die Gunst der Stunde, steigt zum Kreisleiter auf und verwendet seine Beziehungen, um das Familienunternehmen voranzubringen.
Anhand dieser und weiterer Personen zeigt Arno Frank exemplarisch und in einem Mikrokosmos die verschiedenen Persönlichkeiten, die ein solches System hervorbringt: Mitläufer, glühende Anhänger, Profiteure. Dabei drehen sich nicht wenige die Welt so, wie sie es gerade brauchen, um zusätzlichen Gewinn herauszuziehen. Gerade gegen Kriegsende, als vielen die ausweglose Lage bereits bewusst ist, wird dies noch einmal besonders deutlich.
Das tatsächliche Kriegsgeschehen und auch die Politik in Berlin scheinen von Ginsterburg weit weg zu sein. Doch auch dieser Ort wird von ihnen eingeholt. Im Vordergrund stehen dabei aber die zwischenmenschlichen Beziehungen.
Sprachlich ist Ginsterburg äußerst gelungen. Jede Figur hat ihren eigenen Ton. Auch die Beschreibungen der Stadt zwischendurch passen perfekt, sie lassen sie lebendig werden. Lediglich römische Zahlen sollte sich der Autor noch einmal genauer anschauen. MDXCVII ist nämlich nicht 1497, sondern 1597, aber das nur nebenbei.
Ich war zunächst sehr begeistert von Ginsterburg. Besonders die ersten beiden Teil lesen sich sehr gut. Im dritten Teil nimmt nicht nur der Kriegsverlauf eine Wendung, auch die Handlung schlägt häufig eine andere Richtung ein. Nicht alles davon fand ich erzählerisch gleich gut gelungen. Der Schluss ist relativ offen, aber dennoch passend. Was ich mir jedoch sehr gewünscht hätte, wäre ein Bezug zum zu Beginn des Romans erwähnten Wanderzirkuses gewesen. Dieser findet lediglich im 1940 spielenden Teil noch kurz Erwähnung, ist sonst aber komplett von der Bildfläche verschwunden.
Wie bewerte ich nun den Roman? Das fällt mir ehrlich gesagt etwas schwer. Ich mochte, es, dass nicht wie in anderen Romanen Gestapo, SS etc im Fokus stehen, sondern hier fast keine Rolle spielen. Gleichzeitig kamen gerade im letzten Teil einige Elemente hinzu, die alles ein wenig unglaubwürdig wirken ließen (die Marlene Dietrich-artige Rückkehr von Gürckels Frau, ein vierjähriges Mädchen, das Stimmen und Geräusche als Instrumente sieht und insgesamt wie ein deutlich älteres Kind spricht…). Mir ist nicht ganz klar, was der Autor hiermit bezwecken möchte.
134 reviews5 followers
March 2, 2025
Dieses Buch ist Feuer

„Ginsterburg“, der neue Roman von Arno Frank, erschienen 2025 bei Klett-Cotta, ist ein Jahrhundertbuch, ein Buch, wie mensch es ganz selten liest, ein Buch, das Arno Frank nicht zufällig jetzt, genau jetzt geschrieben hat und das alle, ALLE! lesen müssen. Unbedingt. Ohne Ausnahme.

„Jetzt hat es sie erwischt.“ Mit diesem Satz startet das Buch und am Ende des Lesens erst wird sich die absolute Mehrdeutigkeit dieses Satzes offenbaren. Am Anfang noch scheinbar eindeutig zu nehmen, denn der Roman startet mit einem Klimax, bei einem Flugzeugabsturz, der sich in Etappen durch die Geschichte ziehen wird, mit ihm die bange Frage, ob der Pilot den Abschuss überleben wird.
Wir befinden uns in Ginsterburg, einer fiktiven Kleinstadt im Deutschland von 1935 bis 1945. Wer jetzt denkt, och nö, schonwieder Literatur über den 2. Weltkrieg, halte bitte ein. Denn so wurde diese Zeit, unsere Geschichte noch nicht geschrieben. Frank schafft es auf wirklich geniale Weise aufzuzeigen, wie alles begann – eine Frage, die sich gesellschaftlich gerade so dringlich stellt und nach Lektüre des Buches kann nur festgehalten werden: Es beginnt nicht. Es hat schon längst begonnen. Wir sind schon mittendrin.

Klug und immer menschlich zeigt Arno Frank die Entwicklung des kleinen Ortes Ginsterburg und der Menschen darin. Mit schnellen Strichen skizziert er eine Kleinstadt mit ihrem Personal, er gibt dabei wunderbar unklare klare Beschreibungen, die ein typisches Bild im Kopf entstehen lassen, ohne allzu präzise zu werden. Da sind die Kommunistin Merle und ihr Sohn Lothar, der später zu einem berühmten Fliegerhelden werden wird, die regimetreue Ursel und ihr Mann Eugen, der Journalist, der so gern Karriere machen würde, mit ihrer Tochter Gesine, die die neuen Zeiten und Theorien nur so aufsaugt. Da ist der kleine Fritz, dessen Behinderung noch Folgen haben wird, der Kreisleiter Otto, dessen Frau Henriette ihn gen Berlin verlassen hat, da ein Goldfasan ihr ein besseres Leben versprach, so dass er nun allein mit seinen Söhnen Bruno und Knut ist, die sich im Ort gehörig aufspielen. Da ist der Doktor Hansemann, der nicht umsonst Ähnlichkeiten zu einem Mengele aufweist. Um nur einige der Menschen zu nennen, die sich in einer neuen Weltordnung zurechtfinden müssen – und von denen schleichend, aber immer mehr, alle, wirklich alle ihren Widerstand aufgeben, wenn sie ihn denn jemals empfunden haben. Das Grauen des 3. Reiches ist mehr als präsent, ohne dass alles explizit ausgesprochen werden muss, die kleine Stadt ist total lebendig spürbar, die Menschen haben alle einen gut lesbaren Charakter. Ginsterburg ist Klein-Deutschland, beinhaltet alles, was wir kennen.

Geschickt und absolut zerstörerisch zeigt Frank, wie der Nationalsozialismus immer mehr um sich greift, wie ein Fliegenfänger immer mehr Menschen an sich klebt, wie geschickt manipuliert wird und die Menschen bei ihren Interessen und Sehnsüchten abgeholt werden, bis fast jeder ins Netz geht – einige Überzeugte wie Ursel und Otto ganz voran. Eugen, der seiner Familie etwas bieten und erfolgreich sein will, Lothar, der so gern fliegen möchte, Gesine, die ihrem Bild einer glücklichen Familie hinterherrennt, Menschen, die teils doch ganz auf der anderen Seite standen, doch nun schleichend doch gepackt und eingemeindet werden. Ich habe glaube ich noch nie einen Roman gelesen, der so gut zeigt, wie unauffällig und doch allumfassend es passiert, dass der Faschismus salonfähig wird. Super beängstigend angesichts dessen, was gerade in der Welt geschieht. Frank beschreibt perfekt diesen Mikrokosmos der kleinen Stadt, in der irgendwie jeder mit jedem verbandelt ist und jeder von jedem abhängig. Er zeigt die Brutalität genauso wie das Weggucken oder einfach nur Nichtstun, die Infiltration der Jugend, die Manipulation, die um sich greifende Angst, die Abhängigkeitsverhältnisse. Er zeigt ganz durchschnittliche Menschen, die wenigsten sind hier „böse“, und doch am Ende: sind sie alle gefangen. Und verrückterweise gibt es bei all dieser Härte doch auch noch Humor, der bei allem Schrecklichen immer wieder durch das Buch weht.

„Opfer müssen gebracht werden“, immer wieder fällt dieser Satz, ein innerer Glaubenssatz, den die Nazis so vielen Menschen so souverän eingeimpft haben – und mit dem sie Aufstand, Widerstand durch einen dummen Glauben verhindern konnten. Nein, Opfer müssen nicht für das Grundfalsche gebracht werden. Diese Erkenntnis gewinnt jedoch einfach niemand der Beteiligten ganz – und das ist leider nur verdammt ehrlich und genau von Frank geschrieben. Durch das Buch zieht sich auch eine Menge Symbolik, unter anderem tauchen immer wieder Kraniche auf, die mythologisch die Seelen der Gestorbenen gen Himmel tragen. Doch der Krieg vernichtet auch die Kraniche. Und schickt damit alle Seelen in die Hölle. Das Cover des Buches, das eine große Rauchwolke über einer ländlichen Idylle zeigt: Es schaut auf Ginsterburg 1945. Und gleichzeitig auch auf die Welt 2025.

Frank schreibt einfach gigantisch gut, mühelos wechselt er zwischen den vielen einzelnen Geschichten hin und her, webt ein komplexes Netz der Ereignisse und Betrachtungen, bettet immer wieder historische Dokumente und reale Ereignisse in seine Fiktion ein, bewegt sich sprachlich auf einem unfassbar hohen Niveau mit wunderbaren Wortschöpfungen, Sprichwortverdrehungen und gekonnten, minimalen Bedeutungsverschiebungen. In Nebensätzen fallen grausamste Informationen, ganz nebenbei, ganz selbstverständlich, so dass die Tragweite nicht nur den Menschen im Roman, sondern auch uns Lesenden oft erst ein paar Sätze später bewusst wird. Denn uns wird sie immer bewusst, denn wir wissen. Wir wissen! Und anders als die Menschen im Roman müssen wir dieses Wissen verwenden und verhindern. Dieser Appell kriecht durch alle Zeilen, ohne dass Frank ihn jemals aussprechen muss, doch sein Roman ist so durchdrungen vom Zeigen, dass er förmlich schreit. Das braune Grauen ist noch immer gegenwärtig wird auch noch lange nicht beendet sein.

Was für ein Buch, was für ein Epos. Ich bin völlig geplättet, ein ganz großer Wurf. Ich habe viel erwartet, aber das ist noch mehr. Wenn dieses Werk nicht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises landet, was dann? Ein Must-Read für alle. Im Roman hat es, wir denken noch einmal an den ersten Satz, alle erwischt, ausnahmslos, niemand ist der Ideologie entkommen, trotz völlig unterschiedlicher Ausgangspositionen. Dieses Buch ist Feuer. Noch ist Zeit. Lasst uns nicht erneut verbrennen.

Ein großes Dankeschön an whatchareadin.de und Klett-Cotta für das Rezensionsexemplar!
Profile Image for Circlestones Books Blog.
1,146 reviews34 followers
February 26, 2025
„Im Spätsommer 1940 wartete Ginsterburg im hügeligen Herzen des Reiches geduldig auf das Ende eines Krieges, der anderswo wütete, in den fernen Peripherien des Kontinents.“ (Zitat Seite 257, 258)

Inhalt
In Ginsterburg, einer deutschen Provinzstadt, scheint das Leben auch unter der neuen nationalsozialistischen Ordnung weiterzufließen, Familienbande werden gefestigt oder getrennt, und auch die Liebe bewegt die Menschen wie zu allen Zeiten. Während der Blumenhändler Otto Gürckel, nun auch Bürgermeister und Kreisleiter, seine beiden langjährigen Freunde, den Redakteur Eugen von Wieland und den Unternehmer Clemens Jungheinrich weiterhin von „der Sache“ zu überzeugen versucht, und sei es nur durch neue Profitmöglichkeiten und Aufstiegschancen, beginnt für die Buchhändlerin Merle eine Zeit erhöhter Vorsicht. Doch sie kann und will nicht verhindern, dass ihr Sohn Lothar der HJ beitritt, denn nur so kann er seinen Traum vom Fliegen umsetzen. Durch seine außerordentliche Begabung ist er nach erfolgreicher Ausbildung 1940 bereits aktiv im Einsatz. 1935 hatte er es beim Angeln nicht über sich gebracht, den Fisch zu töten, doch diese zehn Jahre zwischen 1935 und 1945 verändern nicht nur ihn.

Thema und Genre
Dieser Roman verfolgt den Weg eines kleinen Personenkreises in der beschaulichen deutschen Stadt Ginsterburg, symbolisch für ganz Deutschland. Es geht um persönliche Schicksale, Familienkonflikte, Freundschaft, Liebe, vor allem jedoch um das Leben und die Einstellung der Menschen im Nationalsozialismus zwischen innerem Widerstand, Anpassung und Überzeugung.

Erzählform und Sprache
Die Geschichte von Ginsterburg und seinen Bewohnern wird chronologisch geschildert, in übergeordneten Kapiteln werden die Jahre 1935, 1940, 1945 beleuchtet, ergänzt durch Rückblicke in Gesprächen und Gedanken. Parallel dazu lesen wir die Geschichte von Alfred „Alfie“ Wellbeck aus Wales, dessen Flugzeug getroffen wurde und der langsam im Fallschirm auf Ginsterburg herabschwebt, während er über sein bisheriges Leben nachdenkt. Weiter kurze Texte beleuchten die Entwicklung der deutschen Luftwaffe. Es ist die besondere Erzählsprache von Arno Frank, die sofort beeindruckt, poetisch in den Schilderungen, mit gekonnt eingesetzten und dosierten Metaphern, und genau bis in die feinsten Nuancen bei der Charakterisierung der einzelnen Figuren.

Fazit
Ein Roman, der einfach sprachlos macht, leise und doch so ungemein intensiv erzählt Frank die Geschichte von Ginsterburg und seiner Einwohner, eine Stadt wie viele andere, mit Menschen wie viele andere in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland. Wir lernen eine Gruppe von Hauptfiguren sehr gut kennen, folgen ihrem Verhalten, ihren Konflikten, Wünschen und Träumen. Sympathisch oder unsympathisch, das macht schließlich keinen Unterschied. Ein Roman mit vielen Facetten und Themen, der bewegt und überzeugt.
Profile Image for Inge H..
445 reviews7 followers
February 15, 2025
fesselnd

Arno Frank führt uns in seinem Roman, Ginsterburg, durch zehn Jahre im Naziregime.
Er hat den Roman in drei Abschnitte geteilt. Erst 1935, dann 1940 und dann 1945. Einige Personen aus der fiktiven Kleinstadt Ginsterburg werden in diesen Jahren abwechselnd zu den Protagonisten.
Die Personen oft ziemlich schnell im Wechsel dargestellt.

Es sind verschiedene Charaktere und ihre verschiedenen Beziehungen.


Die politischen Geschehnisse spielen eine große Rolle, sind aber nicht so drastisch, wie in einigen anderen Romanen. Es sind meist Beziehungsprobleme, die die Geschichte ausmachen. Allerdings gibt es auch ein paar Figuren, die mir nicht so gefielen, aber die gibt es eben immer wieder.
Allerdings empfinde ich da schon aus der heutigen Zeit, die Angst machen, das solche Zeiten wieder anfangen könnten.
Der Autor schreibt fesselnd und ich habe ihn gerne gelesen..
Profile Image for Buchbesprechung.
210 reviews24 followers
March 23, 2025
REZENSION – Schon unzählige Romane haben sich der von der Nachkriegsgeneration wiederholt gestellten Frage gewidmet, wie sich der Nationalsozialismus in Deutschland fast widerstandslos hat ausbreiten und schließlich seine Macht grenzenlos hat ausweiten können. Wie konnte es nur soweit kommen? So gesehen, ist dieses Thema, das Arno Frank für seinen im Februar beim Klett-Cotta Verlag veröffentlichten Roman „Ginsterburg“ gewählt hat, keineswegs neu. Doch anlässlich 80. Jahrestags des Kriegsendes und angesichts des nach drei Generationen gefährlich erstarkenden Rechtspopulismus bekommt diese Frage eine aktuelle Brisanz.
„Wie konnten Menschen so unberührt bleiben vom Gang der Dinge? War es so einfach, sich im Gleichschritt zum schweren Tritt der Zeit zu bewegen? Nicht einmal aus bösem Willen, einfach aus Instinkt?“, fragt Uta, die ihren jüdischen Ehemann in Berlin in den Kellern der Gestapo verlor. Autor Arno Frank gibt seine Antwort in der Schilderung des in die drei Zeitabschnitte 1935, 1940 und 1945 aufgeteilten und sich schleichend verändernden Alltagslebens einfacher Bewohner der in tiefster Provinz gelegenen fiktiven fränkischen Kleinstadt Ginsterburg. Hier beginnen manche zu verstummen, andere passen ihre persönlichen Überzeugungen allmählich dem „Mainstream“ an, wandeln sich zu Mitläufern und Opportunisten oder machen sogar Karriere im totalitären System. So oder so gilt für alle, sich mit der neuen Ordnung irgendwie zu arrangieren. Dabei suchen viele den Weg des geringsten Widerstands.
So wird der vormals politisch unabhängige Blumenhändler Otto Gürckel plötzlich zum Kreisleiter, ohne ein überzeugter Nazi zu sein: „Politische Großwetterlage! Otto nickte meistens nur gewichtig, wenn es um die großen Fragen ging, und stimmte ansonsten stets der letzten geäußerten Meinung zu. Damit war er bisher gut gefahren.“ Der Feuilletonist der Lokalzeitung, Eugen von Wieland, der lange versuchte, seine politische Unabhängigkeit zu bewahren, kann nach dem Selbstmord seines jüdischen Herausgebers Landauer, der in der städtischen Öffentlichkeit kaum Beachtung findet, und der überstürzten Flucht von dessen Familie dem verlockenden Angebot des Kreisleiters nicht widerstehen, Schriftleiter der Zeitung zu werden und das repräsentative Landauer-Haus zu bekommen. Auch Buchhändlerin Merle entkommt der neuen Ordnung nicht, muss sie doch ständig darauf bedacht sein, anhand neuer Listen immer wieder Bücher aus ihrem Sortiment zu nehmen. Ihren Sohn Lothar konnte sie anfangs noch von der Hitlerjugend fernhalten, doch nur dort schafft er es, sich seinen Traum vom Fliegen zu erfüllen. Zum wirtschaftlichen Profiteur des Regimes wird als größter städtischer Arbeitgeber der Papierfabrikant Jungheinrich, da der übersteigerte Bürokratismus des Regimes für sein Formularwesen immer mehr Papier verlangt, und der beliebte Hausarzt Hansemann bekommt im Osten die unerwartete Chance, seinem Drang als Wissenschaftler nachzugehen und medizinischen Studien zu betreiben. Doch am Ende bleibt die Erkenntnis des als Held des Ersten Weltkriegs gefeierten 90-jährigen Leberecht von Wieland, der aus seiner Lethargie erwachend feststellt: „Mir will einfach nicht mehr einfallen, welchen Sinn alles gehabt hat.“
Die Schilderung des Werdegangs ausgewählter Einwohner Ginsterburgs zeigt eindrucksvoll die schleichende Veränderung der Gesellschaft und die Auswirkungen der NS-Ideologie auf den Einzelnen. Dabei verzichtet der Roman ganz bewusst auf herausgehobene Figuren und unterstreicht gerade dadurch die Anpassungsfähigkeit der Menschen in schwierigen Zeiten, zugleich aber auch die Komplexität unterschiedlichen menschlichen Verhaltens unter einem totalitären Regime.
Das Alltagsleben eines normalen Menschen ist nicht voller Höhepunkte. Nicht jeden Tag geschieht Aufregendes. So mag mancher Leser vielleicht Aktion und Spannung im Roman vermissen. Doch gerade die Bescheibung dieses Alltäglichen im Wandel der Zeit ist es, das die „Banalität des Bösen“, wie die amerikanische Publizistin Hannah Arendt es im Jahr 1963 als Beobachterin des Eichmann-Prozesses formulierte, sowie die für den einzelnen Menschen schleichende, anfangs noch unauffällige Veränderung des Alltags besonders deutlich zum Ausdruck bringt. In seinem lesenswerten Roman verzichtet Arno Frank auf einseitige Schuldzuweisungen. Stattdessen zeigt er das sehr differenzierte Bild einer Gesellschaft, die sich schrittweise an den Nationalsozialismus gewöhnt.
142 reviews3 followers
February 15, 2025
Arno Frank führt uns in die fiktive deutsche Kleinstadt Ginsterburg, wo wir zu drei Zeitpunkten, in den Jahren 1935, 1940 und 1945 die Entwicklung der Bevölkerung verfolgen können.
1935, zwei Jahre nach der Machtergreifung hat sich der Alltag bereits deutlich verändert.
Die jung verwitwete, politisch eher links orientierte Buchhändlerin Merle hat noch große Ressentiments gegenüber den nationalsozialistischen Machthabern. Sie zieht allein und sehr liebevoll ihren sensiblen, sehr naturverbundenen Sohn Lothar auf. Anfangs fremdelt Lothar sehr mit der Hitlerjugend in seinem Ort, die mit Ignoranz und Brutalität glänzt. Doch mit seiner Faszination für das Fliegen wird er bald an deren Angel hängen.

Die Gunst der Stunde ergreift der Blumenhändler Gürckel, macht Geschäfte, reichert Machtpositionen an, steigt so zum Kreisleiter auf und bringt Grundstücke und Gebäude in seinen Besitz. Er verhilft auch Eugen, der sich an seinem Kriegsveteranen-Vater abarbeitet, zum Posten des Schriftleiters der ehemals jüdisch geleiteten Ginsterburger Lokalzeitung. Den ganzen Verlauf des Romans wird Eugen ausschweifend und inbrünstig an der Chronik des Ortes schreiben.
Ein weiterer Profiteur ist der Papierfabrikant Jungheinrich. Er weiß auszunutzen, dass man für Granaten auch Papier braucht. Auch der Arzt Hansemann lebt seine „medizinischen Forschungsinteressen“ im Osten aus.

Zu den Verlierern gehören z.B. der jüdische Zeitungsverleger, der schwule Filmvorführer und der geistig behinderte Fritz
1940 haben sich die jüdischen Mitbürger selbst aus dem Ort entfernt, durch Flucht oder Suizid. Der Krieg scheint weit weg zu sein. Dafür laufen die Geschäfte der Profiteure prächtig. Kritische Stimmen sind verstummt oder haben sich korrumpieren lassen. Man hat sich mit den Gegebenheiten arrangiert oder angepasst, wenn man nicht sowieso voller völkischer Begeisterung mitschwingt. Es ist deutlich zu merken, wie das Geschehen die Menschen verändert hat.

Fazit:
Ich halte das Thema an sich, wie das alltägliche Leben der Menschen bis ins Detail von der Machtergreifung verändert wurde, vom kleinen Kind bis zum Greis, vom Gesunden bis zum Kranken für ungemein wichtig.

Die Blicke auf drei verschiedene Jahre: 1935, zwei Jahre nach der Machtergreifung, 1940 nach Kriegsbeginn, 1945 kurz vor dem Zusammenbruch und Kriegsende sind eigentlich eine gute Idee, um Entwicklungen zu verdeutlichen. So werden an verschiedenen Protagonisten die Gewinner und Verlierer des Systems, die Korrumpierung der Menschen, seelische Auswirkungen, ihre persönlichen Verstrickungen aufgezeigt.

Der am besten gezeichnete Charakter ist für mich der Junge Lothar. Der junge Naturliebhaber, fasziniert vom Fliegen, entrinnt seiner Mutter zunehmend. Er ist sehr sensibel und liebevoll dargestellt und kann kein Wesen leiden sehen. Allerdings ist seine Entwicklung nicht so anschaulich dargestellt, dass ich verstehe, wie es dazu kommt, dass er später emotionslos Bomben auf Städte fallen lässt. Dabei ist es doch gerade so wichtig, dass man genau das nachvollziehen kann.
Unter die fiktiven Charaktere mischen sich tatsächliche historische Personen mit ihrem Realnamen wie Lothar Sieber und Erich Barmin. Gerade dieser Lothar Sieber wird zu einem äußerst wichtigen Protagonisten. Ohne Erwähnung z.B. in einem Vor- oder Nachwort ist das so in meinen Augen absolut nicht in Ordnung, zumal sogar das Testament des realen Lothar Sieber wortgetreu übernommen wird.

Lediglich angedeutet in kurzen Erwähnungen oder kleinen Bildern werden die Vernichtung der Juden, politische und rassische Verfolgung und andere Grausamkeiten. Alles scheint wie auch der Krieg nur in der Ferne stattzufinden.
Es gibt nur wenige Momente, die mich wirklich bewegt und erschüttert haben, wie der blutige Wahnsinn und rauschhafte Blutdurst der Soldaten beim Töten der Kraniche, die lapidare Hinrichtung von Zwangsarbeitern und des britischen Kriegsgefangenen, welcher sich wie ein Menetekel vom Beginn des Buches an auf Ginsterburg zubewegt.

Ansonsten haben die Protagonisten anscheinend kaum greifbare Zweifel oder Emotionen. Mir fehlen da persönliche Entwicklungen, Einsichten, Widerstand. Die Beziehungen der Charaktere sind oft wenig nachvollziehbar, teilweise banal und berühren mich so nicht. So möchte man doch unbedingt miterleben, wie es zu Lothars Entwicklungswende kommt, wie Protagonisten plötzlich eine Beziehung beginnen etc.

Die Darstellung der Charaktere ist gelegentlich recht grob skizziert und oberflächlich, manchmal auch klischeehaft z.B. die Nazizwillinge des Kreisleiters. Manche Figuren erscheinen redundant (z.B. die Zirkusleute). Viele Entscheidungen und Entwicklungen der Charaktere an denen man gerne teilhaben würde, werden nur nacherzählt (z.B. Wendepunkte bestimmter wichtiger Personen, Entwicklungen von persönlichen Beziehungen).

Die Erzählperspektive wechselt öfter. Am Anfang hatte ich die Hoffnung, dass die Darstellung von Merle und ihrem Sohn Lothar tiefer dringt, leider entgleiten dem Autor diese Fäden.
Mir ist es deshalb leider nicht gelungen, mich mit einem der Charaktere näher zu verbinden.
Der Schreibstil erinnerte mich etwas an den Stil der 30iger und 40iger Jahre, was ja eigentlich passen würde. Zeitweise ist der Stil recht anschaulich und stimmungsvoll. Aber oft scheint die Geschichte vor sich hin zu mäandrieren und immer wieder Schleifen zu den vielen Nebenfiguren zu ziehen.

Das Ziel des Autors Arno Frank ist Parallelen aufzuzeigen zwischen der heutigen politischen Situation und der, die zur NS-Zeit geführt hat mit den entsprechenden Folgen für die Menschen. Die normale Bevölkerung wird zu Mitläufern, Mittätern, Denunzianten. Am Ende mündet es alles direkt in der Katastrophe. Das ist eine sehr wichtige Absicht, die mich persönlich hier aber nicht wirklich überzeugen konnte.
88 reviews
April 9, 2025
Eine kleine Stadt in den Klauen der Reichspolitik

Arno Franks Buch spielt in den Jahren 1935, 1940 und 1945 ab. Jedes dieser Jahre ist so bezeichnend, so wichtig, so unvergesslich und gleichzeitig nur Momentaufnahmen der agierenden Hauptpersonen, der Kleinstadt Ginsterburg und des Dritten Reichs.

1935, da scheint die Welt noch in Ordnung, obwohl, auch da schon erste Schatten sichtbar werden. Wenn eine Pfarrers Gattin mit Disziplin und Pünktlichkeit einen Krieg gewinnen will, der noch 4 Jahre bis zum Ausbruch braucht, was sagt das über die Mentalität der Bewohner von Ginsterburg aus? Die HJ macht sich breit, manche Jungen nutzen das aus, um andere zu terrorisieren oder Krieg zu spielen. Der BDM mischt sich, genau wie die HJ, in die Erziehung der Kinder. "Selbstverständlich wies die Partei den jungen Menschen eine Richtung und ein Ziel. Selbstverständlich ging es darum, eine deutsche Jugend heranzuziehen. Und selbstverständlich war daran nichts falsch. An Gesine war zu beobachten, wie reich die Ernte völkischer Unterweisung einmal sein würde.” (S. 143)
Der kleine Wanderzirkus, der in Ginsterburg kampieren will, darf nicht lange bleiben. Der biederen, grunddeutschen Bevölkerung sind die Fremden suspekt. Was wird mit Familie Zilversteyn geschehen? Noch führt sie den Laden in der Altstadt, aber wie lange noch? Weil zu wenige Juden in Ginsterburg leben, beschmiert der deutsche Volkszorn eben auch andere Läden, wo die arische Abstammung eigentlich nicht hinterfragt wird, so z.B. Merles Buchladen. Der Zeitungsverleger Landauer begeht Selbstmord, kommt dadurch den qualvollen Tod in Dachau oder Ausschwitz zuvor, seine Familei verlässt heimlich Ginsterburg. Wieviel Blut und Leid wird die nächsten zehn Jahre über dieses Städtchen hereinbrechen? Die schwere graue Wolke, die sich über die sonnige und liebliche Landschaft auf dem Titelbild ausbreitet, ist wie eine Vorankündigung auf nahendes Unheil.Genauso wie auch der Abdruck des Gesetzes “Zum Schutze des Deutschen Blutes und der Deutschen Ehre” unterschrieben vom Stellvertreter des Führers und Reichsminister. Rudolf Heß persölich (S.125-127). Beim Lesen dieses Gesetzes lief es mir kalt den Rücken runter. Die Gesetze, die im BGB stehen, sind dermaßen fachlich verklausuliert, dass man entweder ein Rechtsstudium oder einen Übersetzer braucht. Dieses Gesetz aber ist klar verständlich, konzis und tödlich.

1940, noch ist Ginsterburg verschont, in ganz Deutschland werden die famosen Siege an allen Fronten gefeiert, fast täglich klingen Wagners Fanfaren aus dem Radio, um wieder einen grandiosen Sieg zu vermelden. Die Niederlande und Belgien wurden überrollt, Frankreich ist gefallen. Tschechien und Österreich wurden schon vorher heim ins Reich geholt, Polen ist auch von der Landkarte der unabhängigen Staaten gelöscht. Noch hält der Barbarossa Pakt und die USA warten auf ihr Pearl Harbor. Natürlich glauben die Deutschen, dass der Führer der sakrosankte Erlöser ist. Trotzdem werden in den Großstädten vorsorglich die Museen geleert und die Kulturschätze an sicheren Orten aufbewahrt. Genau wie in Paris übrigens, aber da, um die Exponate vor dem Zugriff der Deutschen zu schützen. Carinhall hat noch nicht genug gehortet.
Ginsterburg hat aber nun auch einige Probleme: Trotz der Siegesmeldungen haben einige das eigenständige Denken nicht aufgegeben. Ginsterburg steht im “Dienst der nationalen Erhebung" (S.324), sprich, ist judenfrei, behinderte Menschen sterben an “Lungenentzündung” oder werden weggesperrt. Im Osten gibt es “ein Modelldorf für deutsche Wehrbauern, mit deutschen Linden und deutschen Eichen und deutschen Brunnen, an denen deutsche Lieder gesungen wurden, aus deutschen Kehlen unter deutschen Himmeln”. (S. 324 - 325). Und zwischen all diesen Großmachtfantasien und -hysterien, geht das Leben weiter. Söhne fallen im Krieg, auch schon 1940, Menschen leben sich auseinander, Menschen lieben sich, es kommen Kinder zur Welt, Geburtstage werden gefeiert, einfach das volle Leben. Na ja, ein paar Jahre später wird es wohl vorbei sein, mit üppigen Geburtstagsfeiern, Meister Schmalhans wird auch in Ginsterburg Einzug halten.

1945. Der Krieg ist ein großer Gleichmacher. Er überrollt alle, Alt und Jung, Unschuldige und solche, die Schuld auf sich geladen haben, Kriegsgewinnler Kriegshelden auf sinnloser verlorener Mission, auf einem wahren Himmelfahrtskommando. Ganz Ginsterburg geht unter in einem Meer von Bomben: “... Ins Elementare, Monströse, Vulkanische, Feuersturm. Ginsterburg wellt sich und knistert. Faltet sich zusammen wie Papier im Ofen.” (S. 419).
Der große Gleichmacher holt sich alle. Und das Buch wirkt wie ein Mene Tekel für uns. Wenn ich so um mich sehe, was in Deutschland und in der Welt passiert, kommt das Gefühl auf, am Krater eines Vulkans zu tanzen.
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March 2, 2025
Anders als erwartet

Ich bin ganz ehrlich, die Leseprobe vorab und folgender Satz im Klappentext „Ein mitreißendes und bewegendes Kleinstadtepos über Menschlichkeit in unmenschlichen Zeiten“ haben mich eine andere Art der Geschichte erwarten lassen. Denn, was ich in erster Linie unter Menschlichkeit verstehe, nämlich Mitgefühl, aufeinander achtgeben, Empathie, Hilfsbereitschaft, fand in dieser Geschichte so gut wie keinen Raum. Stattdessen zeigten die Einwohner von Ginsterburg fast nur die Abgründe ihres menschlichen Handelns. Entweder man versuchte krampfhaft, die Normalität des Alltags beizubehalten, oder tat alles dafür, noch mehr Macht, noch mehr Besitz zu erlangen. Das alles ohne Rücksicht und mit jedem nötigen Mittel. Das Leid anderer wurde problemlos akzeptiert oder schamlos ausgenutzt. Menschlichkeit? Fehlanzeige! Und so waren die zahlreichen Protagonisten in dieser Geschichte eben keine Sympathieträger, sondern erinnerten an herzlose Hüllen.
Und genau an diesem Punkt entstehen für mich zwei Probleme.
1. Für ein mitreißendes und bewegendes Kleinstadtepos über Menschlichkeit in unmenschlichen Zeiten hätte es zumindest einen Gegenpol gebraucht. Ein paar Figuren, die eben doch Menschlichkeit zeigen und gegen den Strom dieser Stadt schwimmen. Oder es zumindest versuchen.
2. Wenn ich „herzlose Hüllen“ schreibe, wirkt das auf mich fast schon wieder zu nett, zu entschuldigend. Denn ein solches Verhalten ist nicht zu entschuldigen. Die Menschen waren nicht nur Mitläufer, die keine andere Wahl hatten, die fremdgesteuert waren. Nein, sie haben bewusste Entscheidungen getroffen. Sie haben gewählt. Was all diese Entscheidungen auf andere Menschen für eine Auswirkung hatten, erfährt man in diesem Buch leider meist nur am Rande.
Dabei ist der Schreibstil eigentlich echt interessant. Sehr nüchtern, unaufgeregt, nicht wertend, sondern einfach nur beobachtend. Schlagartig wechselt Szene mit Szene, Protagonist mit Protagonist. Dass bei dieser sehr hohen Schlagzahl keine wirkliche Tiefe entsteht, ist nicht verwunderlich. Der Leser kann so gar keine Verbindung zu den Protagonisten aufbauen – und soll es wahrscheinlich auch nicht. Denn im Grunde sind sie austauschbar. Ihr Handlungen sind in der Zeit des Nationalsozialismus in dieser oder ähnlicher Weise unzählige Male passiert. Und obwohl man das weiß und einem bewusst ist, welche Folgen diese Handlungen hatten, entstehen beim Lesen keine wirklichen Emotionen. Denn das Buch ist eben nicht bewegend und mitreißend. Und das wäre auch völlig okay. Wenn der Klappentext nicht etwas anderes suggerieren würde.
Ich habe vorhin in einer Rezension gelesen, dass das Buch unbedingt im Schulunterricht gelesen werden sollte. Jein! Ja, Bücher dieser Thematik sind gerade wichtiger denn je. Allerdings ist dieses Buch nicht selbsterklärend. Ob das Buch in den Unterricht passt, kommt hier meiner Meinung nach ganz klar auf die Lehrkraft an, denn hier braucht es eine intensive und kreative Unterrichtsbegleitung. Angefangen damit, dass wichtig ist, dass es im Buch neben den fiktiven Charakteren eine ganze Reihe von Protagonisten gibt, die auf realen Vorbildern beruhen. Bis hin zum Verhalten der Einwohner und den Dingen, auf die die Handlung eben nicht oder kaum eingeht.
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February 15, 2025
Geschichte hautnah

In der fiktiven Stadt Ginsterburg hat Arno Frank seinen Roman angesiedelt. Wir treffen so einige Personen, hervorzuheben sind die Buchhändlerin Merle mit ihrem Sohn Lothar, der Redakteur der Lokalzeitung Eugen von Wieland nebst Frau und Tochter – Ursel und Gesine - sowie den Bürgermeister dieser Kleinstadt Otto Gürckel, seines Zeichens Blumenhändler und NSDAP-Kreisleiter mit seinen Söhnen Bruno und Knut. Auch spielen die Architektin Uta und ihr Ehemann Theodor, ein jüdischer Journalist, eine nicht zu unterschätzende Rolle. Mit ihnen erleben und erleiden wir das Leben in einer Kleinstadt in den Jahren 1935, 1940 und 1945, also während der Zeit des Zweiten Weltkrieges.

Das Nazi-Regime mit all seinen Schrecken ist hinlänglich bekannt, auch lese ich aus diversen Perspektiven immer wieder davon. Arno Frank geht direkt in das Leben seiner Protagonisten, er legt den Finger in die Wunde. Der Judenhass, der zu allen Zeiten immer wieder aufgeflammt ist, ist auch hier deutlich spürbar. „Nie wieder…“ – ich hoffe, dass dies nie vergessen wird, unsere Zeit spricht weltweit eine andere Sprache.

Die jungen Leute werden verführt, auch Lothar meint, in der Hitlerjugend seinen Traum vom Fliegen ausleben zu können. Seine Mutter dagegen spürt hautnah, was mit den nun verbotenen Büchern geschieht. Wer sich fügt, wird belohnt, andere bekommen das unmenschliche System zu spüren. Parteigenossen feiern etwa auf dem Nürburgring, wir begegnen Größen dieser Zeit wie Hans Albers und seiner jüdischen Partnerin Hansi Burg. Wir lesen von unwertem Leben, wie es so zynisch geheißen hat und von Gesetzen zum Schutze des deutschen Blutes, auch lesen wir in Briefen, deren Inhalt aus gutem Grund an der Zensur vorbei den Adressaten erreicht. Und dies ist nur ein kleiner Abriss der Themen, die der Autor verarbeitet. Dies alles vor dem Hintergrund der Kleinstadt und deren Bewohner.

„Ginsterburg“ ist nicht nebenher zu lesen, es fordert seine Leser schon sehr. Ich habe ein wenig gebraucht, um in das Buch und die Geschichte abzutauchen. Spätestens beim Großen Preis von Deutschland war ich dann voll dabei, es gibt aber auch zwischendurch zu langatmige Sequenzen, mit denen ich schon gehadert habe. Und doch ist es ein Buch, das ich nicht missen möchte, das mir die Jahre der Nazi-Herrschaft während des Krieges nochmal verdeutlicht und mir vor Augen führt, was so ein Unrechtsregime aus Menschen machen kann. Ein Roman, der nachdenklich macht. Ein Roman, der dazu beitragen kann, unsere unrühmliche Geschichte nie zu vergessen.
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March 3, 2025
Der Wandel in den Köpfen

Buchmeinung zu Arno Frank – »Ginsterburg«

»Ginsterburg« ist ein Roman von Arno Frank, der 2025 bei Klett-Cotta erschienen ist.

Zum Autor:
Arno Frank, geboren 1971, ist Publizist und arbeitet als freier Journalist vor allem für den SPIEGEL, die taz und den Deutschlandfunk. Er lebt in Wiesbaden.

Zum Inhalt:
Nach der Machtergreifung ist in Ginsterburg ein neuer Alltag eingekehrt. Manche Einwohner der kleinen Stadt leiden, andere profitieren – und die meisten versuchen, sich mit der neuen Ordnung zu arrangieren. Allmählich aber öffnet sich unter dem Alltag der Abgrund.

Meine Meinung:
Die Geschichte der Einwohner des fiktiven Städtchens Ginsterburg kurz nach der nationalsozialistischen Machtübernahme (1935), während seiner Blütezeit (1940) und während des Untergangs (1945) wird in ruhigen bildhaften Tönen erzählt. Es gibt viele kleine Episoden, die für sich eher unscheinbar wirken. Lothar Sieber wird vom jungen Außenseiter zum hochdekorierten Jagdflieger, der seine eigenen Ansichten beibehält. Seine Freundin Gesine kommt über den BDM zum dortigen Gedankengut. Beeindruckend die Szene, als sie als Schaffnerin jüdische Mitfahrer der Straßenbahn verweist und stolz darauf ist. Der Journalist Eugen und die Bibliothekarin Merle finden eine Nische zum Überleben. Komplex ist die Figur des Blumenhändlers, der als Bürgermeister und Gauleiter mehr und mehr an seine Grenzen gerät, aber gleichzeitig versucht, es allen recht zu machen. Es gibt zahlreiche Verbindungen zwischen diesen Figuren und irgendwie schafft man eine weitgehend friedliche Form des Zusammenlebens.
Die Geschichte ist nicht immer linear erzählt, und Alfie, der britische Bomberschütze, fällt von Beginn des Buches bis zum Ende von Himmel und lässt seinen Gedanken freien Raum. Die großen Verbrechen spielen kaum eine Rolle in dieser Geschichte. Der Leser spürt aber, wie sich die Ideologie einen Weg in die Köpfe der Menschen bahnt.
Eingebunden in das Buch sind einige Originaldokumente, die den Wandel sehr gut widerspiegeln.

Fazit:
Mich hat diese Geschichte nur teilweise überzeugt, weil zu viele Figuren nur nebenher laufen. So erhält man zwar viele Facetten und Informationen, aber es entsteht kaum Bindung zum Personal. Deshalb bewerte ich den Titel mit vier von fünf Sternen (80 von 100 Punkten). Trotzdem spreche ich eine Leseempfehlung aus.
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January 16, 2025
Fesselt und regt zum Nachdenken an

Die Leseprobe dieses Romans hat es geschafft, mich davon zu überzeugen, ihn zu lesen. Denn eigentlich hatte mich die Kurzbeschreibung nicht so sehr angesprochen. Aber nachdem ich in der Leseprobe sofort durch den Schreibstil von Arno Frank gefesselt war, konnte ich nicht anders.

Das Buch ist großartig konzipiert. Einerseits sind da die ausgedachte Kleinstadt Ginsterburg und ihre Protagonisten, andererseits die historischen Fakten, Gesetze und Personen. Eine Verbindung zwischen beiden Welten ist dem Autor durch die Figur des Lothar Sieber gelungen, denn den gab es wirklich. In diesem Roman ist er eben im fiktionalen Ginsterburg aufgewachsen. So etwas ist wohl künstlerische Freiheit.

Der Autor hat eine Sprache, durch die man sich die Szenen die dazugehörigen Gefühle sehr gut vorstellen kann. Auch sind mir fast alle Figuren mit der Zeit vertraut geworden. Allerdings fand ich nicht alle wirklich zu 100% authentisch. Schwierigkeiten hatte ich mit der Restauratorin Uta. Ich konnte nicht nachvollziehen, dass sie mit stoischem Fleiß ihren Aufträgen nachgekommen ist, nach dem, was mit ihrem Mann Theo passiert ist. Mag sein, dass es ein Selbstschutz gewesen sein soll, genauso wie ihre eingebildeten Gespräche mit Theo…

Die Aufteilung in drei Teile mit jeweils fünf Jahren dazwischen fand ich sehr passend. So konnte man Entwicklungen der Lage insgesamt sowie auch persönlicher Natur besonders gut verfolgen. Sehr geschickt hat der Autor zwischendurch kleine Cliffhanger zwischen den Perspektivwechseln gestaltet, so dass ich immer gleich weiterlesen wollte.

Im Nachhinein betrachtet bin ich jedoch der Meinung, dass einige Details oder Figuren sogar hätten weggelassen werden können, ohne dass der Roman dadurch etwas vermissen lassen hätte, z. B. die Zirkusleute vom Anfang. Stattdessen hätte es gleich mit den Einwohnern von Ginsterburg starten können und das Ganze wäre genauso interessant und fesselnd geworden.

Dennoch: Ich habe mich auf keiner Seite gelangweilt, sondern mich durchweg sehr gut unterhalten und zum Nachdenken angeregt gefühlt .
46 reviews
March 21, 2025
„Ginsterburg“ von Arno Frank ist ein eindringlicher und atmosphärischer Roman, der die komplexen menschlichen Beziehungen und die gesellschaftlichen Umwälzungen in einer kleinen Stadt zwischen 1935 und 1945 beleuchtet. Der Klappentext verspricht eine tiefgründige Erzählung über die Herausforderungen und moralischen Dilemmata, mit denen die Einwohner von Ginsterburg konfrontiert sind, und der Roman hält dieses Versprechen in jeder Hinsicht.
Die Geschichte wird aus der Perspektive von Lothar erzählt, einem Jungen, dessen Traum vom Fliegen ihn in die Fänge der Hitlerjugend führt. Dies ist nicht nur eine persönliche Tragödie, sondern spiegelt auch die Zerrissenheit der Gesellschaft wider, in der einige profitieren, während andere leiden. Merle, Lothars Mutter, ist ein starkes, emotionales Zentrum des Romans. Ihre Ohnmacht und ihr Misstrauen gegenüber der neuen Ordnung sind greifbar und machen die Leser mit den inneren Konflikten der Charaktere vertraut. Frank gelingt es meisterhaft, die Spannungen zwischen den verschiedenen Figuren darzustellen, sei es in den Gesprächen in Merles Buchhandlung oder den Intrigen der Stadtbewohner, die versuchen, sich in der neuen Machtstruktur zu behaupten.
Der Roman ist nicht nur eine historische Erzählung, sondern auch eine tiefgreifende Reflexion über Liebe, Freundschaft und persönliche Verstrickungen. Die Atmosphäre von Ginsterburg wird lebendig durch Frank's eindringlichen Schreibstil, der sowohl die Schönheit als auch die Dunkelheit dieser Zeit einfängt. Die Ankunft des Krieges wird schleichend spürbar, und die Auswirkungen auf die Beziehungen der Menschen sind herzzerreißend dargestellt.
Insgesamt ist „Ginsterburg“ ein fesselndes Werk, das sowohl die individuelle als auch die kollektive Erfahrung in einer Zeit des Wandels thematisiert, und mir im Großen und Ganzen sehr gut gefallen hat. Arno Frank schafft es, die Leser in die Seelen seiner Charaktere zu ziehen und lässt sie die moralischen Entscheidungen und die Verzweiflung der Menschen in dieser dunklen Ära nachfühlen. Ein absolut empfehlenswerter Roman für alle, die sich für die menschliche Psyche und die Geschichte des 20. Jahrhunderts interessieren.
Profile Image for Susu.
1,788 reviews21 followers
January 6, 2025
Lebensrealitäten in einer fiktiven Kleinstadt in extremen Zeiten

Arno Frank schildert das Panorama der fiktiven Kleinstadt Ginsterburg in drei Zeitabschnitten: 1935, 1940, 1945 - also zu Zeiten, die Beginn, Höhepunkt und Ende der Nazi- und Kriegszeiten markieren.

In dem Reihen der Personen finden sich Nazigegner, die langsam unter Druck und Angst verstummen - sei es aus Selbstkontrolle oder durch externe Bedrohung. Dann gibt es die Kriegsgewinnler, die sich die neuen Gegebenheiten geschmeidig zunutze machen und mit den Wölfen heulen - sei es aus Überzeugung oder nur als Lippenbekenntnisse. Und einige sind so überzeugt, dass sie auch noch an die Propaganda glauben als die englischen Bomben auf die Kleinstadt niedergehen.

Mitten in der großen Geschichte schildert der Autor die sehr persönliche Sicht jeder seiner Hauptfiguren. Er webt eine Schicht an Verstrickungen und beschreibt wie der Krieg die ganze Stadt schrittweise einholt. Allerdings bleiben die ganz großen Konflikte dann doch aus, weil der Autor es an einigen Stellen bei Andeutungen belässt.

Es ergibt sich das geschickt geschilderte Bild einer Kleinstadt, in der jeder jeden kennt und in der eigentlich nichts geheim bleibt. Und in der die Bewohner sich mit der neuen Zeit arrangieren. Und die Mehrheit wird in der Nachkriegszeit behaupten können, dass sie von nichts gewusst haben. Also ein vielleicht sehr realistisches Bild des Lebensgefühls in den betreffenden Jahren.

Vor lauter Fokus auf die wunderbar geschilderten Kleinstadt-Ereignisse bleibt weniger Raum für die Unmenschlichkeit der Zeit offen - man muss als Leser das eigene Wissen über NS-Gräuel und Kriegsereignisse hinzu addieren. Das wiederum macht es sehr persönlich, weil man sozusagen für die Zeit der Lektüre mit in Ginsterburg wohnt und mit den Figuren ein und aus geht.

Ein sehr sehr lesenswertes Buch über Durchschnittsbürger in extremen Zeiten.
Profile Image for Tania Barbosa.
5 reviews
January 13, 2025
„Nie wieder ist jetzt!“ war nur einer der Auslöser weshalb Arno Frank dieses Buch geschrieben hat. Frank hat ein Buch über Menschlichkeit in unmenschlichen Tagen geschrieben und hat mir damit nicht nur einmal das Herz zugeschnürt.

Unsere Geschichte spielt in der fiktiven deutschen Kleinstadt Ginsterburg. Ginsterburg, so Frank, stehe für die 160 Städte und ca. 650 Gemeinden, die im 2. WK für alle Zeiten ihr Gesicht verloren haben. Es geht um die Einwohner in dieser Kleinstadt, die, ob bewusst gewollt oder auch nicht, ihrer Untätigkeit unterliegen.
In drei Zeitabschnitten 1935, 1940 und 1945 führt uns die Geschichte ins Innere eines vielfältigen Figurenensembles. Es geht um Liebe und Hass, es geht um Freundschaft und Familie und noch so viel mehr.

Ich habe das Buch geliebt. Arno Frank hat eine wunderschöne Art zu schreiben. Er schafft es dieses harte Thema, ihre Figuren und diese kleine Stadt so zum Leben zu erwecken als würde man Teil des Ganzen werden. Beim Lesen hatte ich so oft das Gefühl die Figuren schütteln zu wollen. Sie anzuschreien. Es war zugleich komisch und ernst, emotional und abgeklärt. Es hat mich mitgerissen von der ersten Seite an und zum Schluss gab‘s die Backpfeife.

Ich glaube, dass dieses Buch unglaublich wichtig ist. Es war wichtig, dass Arno Frank es geschrieben hat, es ist wichtig, dass wir es alle lesen. Ich habe, trotz eines guten Geschichtsverständnisses, noch immer so viel gelernt. Vor allem habe ich gelernt, wie nah unsere aktuelle Gesellschaft der damaligen doch steht und wie viele Parallelen heute einfach unter den Teppich gekehrt werden.

Also ja „Nie wieder ist jetzt!“. Jetzt und in alle Zeiten!

PS: Am 23.02. sind Bundestagswahlen und wir haben in der Hand, ob wir unsere Geschichte wiederholen. Seid immer aufmerksam und informiert euch unabhängig von Social Media über Aussagen, die gewisse Politiker*innen tätigen. Wir können es besser. Ich glaub dran.
Profile Image for Lisa_V.
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March 3, 2025
Starker Beginn, dann leider schwächer werdend

Die Idee hinter „Ginsterburg“ von Arno Frank gefiel mir zunächst richtig gut. Ein fiktives Städtchen, stellvertretend für so viele in Deutschland und die Biografien jeder Menge einzelner Figuren. So sollte vermittelt werden wie "ganz normale" Menschen zur NS-Zeit gelebt haben. Los geht die Erzählung im Jahr 1935, anschließend springen wir nach 1940 und 1945. Zunächst konnte mich die Handlung durch ihre subtile Spannung und die zahlreichen Perspektiven noch gefangen nehmen. Der weitschweifige und detailreiche Schreibstil las sich allerdings von der ersten Seite an schwerfällig und nur sehr langsam. Im Handlungsverlauf störte mich dann aber zunehmend der gewählte Fokus des Autors. Wirklich alle Figuren schaffen es grandios wegzuschauen, erlebtes schönzureden und wirklich nichts vom Holocaust und weiteren Grauen des Regimes zu wissen. Sich selbst bereichern, etwa wenn es um Aufträge oder den zurückgelassenen Besitz jüdischer Familien geht, können sich hingegen alle Protagonisten wunderbar. Insgesamt bleibt mir die Geschichte in weiten Teilen einfach zu subtil, während die alltäglichen Sorgen der Charaktere einfach zu viel Raum einnehmen. In meinen Augen braucht es nicht noch einen Roman darüber, wie sehr die deutsche Bevölkerung im selbstverschuldeten Krieg gelitten hat. Ein weiteres Problem waren für mich außerdem die dargestellten Charaktere, besonders die Frauen sind bis auf eine Ausnahme überaus kaltherzig und überzeichnet dargestellt. Und auch wenn die Männer facettenreicher daherkamen, fehlte mir oft ein Gefühl der Authentizität. Erzählerisch hat der Autor viel gewollt, genau dieses Bemühen merkt man dem Text leider auch an. Alles in allem konnte mich „Ginsterburg“ nicht überzeugen, weshalb ich nach dem starken Beginn leider nur 3 Sterne vergeben kann.
Profile Image for Karola.
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February 15, 2025
Detaillierte deutsche Geschichte der Jahre 1935 bis 1945 gepaart mit fiktionalem Kleinstadtleben
Wie sich nicht nur der berufliche Alltag der Einwohner mit Machtübernahme der NSDAP ab 1935 allmählich durch Erlasse, Zeitungsartikel, Zulassungsbestimmungen etc. verändert, wird überzeugend beschrieben. Auf mehreren Erzählebenen geht es zunächst um die Hitlerjugend, den Nürburgring mit den Silberpfeilen, um den Nachweis »arischer Abstammung bis zum Jahre 1800, um Listen für schädliches und unerwünschtes Schrifttum, um Gesinnungsnachweise, um den Aufbau der deutschen Luftwaffe etc. zwischen den persönlichen Verstrickungen in Familie, Ehe, politischer Karriere. Durch das Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre sind Juden nicht nur durch Arbeitslosigkeit bedroht. Angst, Verrat, KZ lassen so manche Freundschaft ersticken. Viel Mitmenschlichkeit tritt z.B. zwischen Uta, Architektin, und Otto Gürckel, Kreisleiter und Bürgermeister von Ginsterburg, einem alten Kameraden von Eugen von Wieland, Redakteur, hervor. Mit Ritterkreuzen, Ballastexistenzen, Flattermann, Lebensmittelkarten, Par. 175 - Widernatürliche Unzucht, Himmelbett-Verfahren und Führer-Sofortprogrammen wird das Kriegsgeschehen anschaulich beschrieben. Mehr über den ersten Testflug der Natter am 1. März 1945 mit dem Piloten Lothar Sieber ist historisch auf Wikipedia zu lesen. Auch Alfred »Alfie« Wellbeck, 18 Jahre, Heckschütze aus Wales, bindet sich auf seinem fünfundzwanzigsten Feindflug über Ginsterburg bis zum Romanende mit ein. Insgesamt erschrecken die negativ eingestellten Charaktere und die staatlichen Machenschaften, erinnern grob an Restriktionen während der Corona-Pandemie.
Profile Image for Elke Sonne.
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March 6, 2025
Ein erschütterndes Stück Zeitgeschichte

„Ginsterburg“ ist ein herausfordernder Roman des Journalisten und Autors Arno Frank.

Die Handlung beginnt 1935 in dem fiktiven Ort Ginsterburg und die Vorboten des Zweiten Weltkrieges sind zu spüren.
Anhand zahlreicher Charaktere aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten und verschiedenen Alters lernen wir das Leben in der Kleinstadt kennen. Der Autor stellt den Alltag der Menschen vor. Einige sind politisch engagiert, andere halten sich heraus, einige profitieren und andere verlieren.

Ich habe zuvor schon einige Bücher aus dieser Zeit gelesen. Aber dieses Buch war anders, distanzierter und gleichzeitig viel mehr mittendrin. Heute wissen wir, was in der Zeit passiert ist, aber die Menschen damals konnten vieles nur ahnen.

Die Anzahl der Charaktere ist eine Herausforderung, aber so ein Ort hat nun einmal viele Einwohner, wodurch der Autor einen guten Blick auf alle Bevölkerungsschichten gibt.

Nach den Ereignissen im Jahr 1935 gibt es zwei Zeitsprüngen und es folgen Handlungen im Jahr 1940 und 1945. Die Veränderungen in Ginsterburg und die Entwicklung der Charaktere sind erschreckend und schockierend.

Der Schreibstil ist distanziert, mal sehr detailliert und mal sehr abgehackt. Zwischendurch gibt es Einblendungen von Dokumenten, Gesetzen und Erlassen.

Mich hat das Buch gefordert, sowohl inhaltlich als auch sprachlich. Rückblickend finde ich es aber sehr gelungen, da die Atmosphäre während des Krieges und die Entwicklung der Menschen, das was diese grausame Zeit aus ihnen gemacht hat, richtig gut eingefangen wird.
Profile Image for Melanie.
454 reviews5 followers
January 5, 2025
Ginsterburg hat mich aufgewühlt und gefesselt und wird noch lange nachwirken.

Die Geschichte ist in 3 Teile geteilt, die jeweils in der fiktiven deutschen Stadt Ginsterburg spielen im Jahr 1935, 1940 und 1945.

Ich hatte erwartet, dass ich ein "typisches" Buch über diese dunkle Zeit Deutschlands lesen würde - und im letzten Drittel war es auch oft so, wie ich es aus Filmen und anderen Büchern über diese Zeit kenne. Der letzte Teil ist aber der kürzeste und die beiden anderen viel länger und viel - für mich jedenfalls - erschreckender.
Wir lernen viele Menschen kennen und begleiten ihre Gedanken und vor allem, wie sie weiter machen, wie sie ignorieren, wie sie versuchen zu überleben und wie sie zum Teil daran zerbrechen werden.

Viele der Sätze, die ich in Ginsterburg gelesen habe, haben mich mitten ins Herz getroffen - so gut habe ich noch nie "verstanden", was wirklich passiert ist in dieser Vergangenheit, die bis heute unser kollektives Gedächtnis in Deutschland prägt.
Der Stil des Autoren ist manchmal ironisch-lustig, manchmal ernst, manchmal sehr tiefsinnig und literarisch anspruchsvoll.
Die meisten Stränge bleiben am Schluss offen und das ist sehr gut so! Schon während des Lesens habe ich gehofft, dass es für die Menschen in dem Buch kein klassisches Ende gibt und ich selbst darüber nachdenken kann, was aus dem einen oder der anderen wird.

Ich werde noch lange an das Buch denken und ich empfehle es uneingeschränkt weiter! Lest es! Es lohnt sich wirklich!!!
633 reviews
February 15, 2025
Ein Buch, dass nicht einfach so zwischendurch gelesen werden kann
In diesem Buch begleitet der Leser die Einwohner der fiktiven Stadt Ginsterburg durch die Jahre 1935, 1940 und 1945. Die unterschiedlichen Einwohner versuchen 1935 sich mit der Herrschaft der Nazis zu arrangieren oder Profit daraus zu schlagen. Die Zeitsprünge in die Jahre 1940 und 1945 beschreiben die Entwicklung und Veränderung der Menschen. Die Juden sind 1945 geflohen oder haben sich durch Suizid der Deportation entzogen. Profiteure sind Nutznießer. Kritische Stimmen existieren nicht mehr, entweder sie schweigen oder haben die Seiten gewechselt. Und 1945, der Untergang des Städtchens.
Der Autor hat hier ein Gesellschaftsporträt kurz nach dem Beginn bis zum Ende des dritten Reiches entworfen, das zeitweise sehr anstrengend und anspruchsvoll zu lesen ist. Denn es wird eine sehr hohe Konzentration verlangt, da Szenen und Perspektivenwechsel bei den vielen Protagonisten teilweise zu Verwirrung führten und ich einige Male nachschlagen musste, wer denn nochmals wer ist.
Leider konnte mich dieses Buch nicht ganz überzeugen. Die Protagonisten kamen auf mich flach herüber und so konnte ich zu ihnen keinen Zugang finden. Auch war es schwer, mich mit der Schreibweise des Autoren anfreunden. Für meinen Geschmack war er an einigen Stellen einfach viel zu weitschweifig.
Mein Fazit:
Ein Roman, der im Augenblick hochaktuelle Probleme aufzeigt. Mich konnte jedoch die Umsetzung nicht ganz überzeugen, da meiner Meinung nach mehr Potential in dieser Lektüre gewesen wäre.
3 Sterne.
212 reviews
March 6, 2025
konnte mich nur teilweise überzeugen


"Ginsterburg" ist ein fiktiver Ort, der stellvertretend steht für andere Städte in Deutschland. Der Roman handelt auf drei Zeitebenen. 1935,1940 und 1945.
Der Nationalsozialismus greift immer mehr u sich und die Menschen reagieren sehr unterschiedlich darauf. Man kann sehr gut nachvollziehen, wie die Stimmung kippt, Menschen und auch Kinder und Jugendliche sich begeitern lassen, bis hin zum Krieg, der die Begeisterung zum Ende zusammenfallen ließ.

Was mich am meisten an diesem Buch gestört hat, war die schiere Anzahl an Charakteren , die hier agierten und die teilweise nur Nebenschauplätze einnahmen. Man verliert häufig den Überblick und fragt sich, was dieser Charakter hier eigentlich bedeuten sollte. Auch die sehr detailverliebte Art, in der das Geschehen oder manche Soituationen beschrieben wurde, ließ mich manchmal ermüden und ich erwischte mich dabei quer zu lesen.

Was gut eingefangen wurde, war die Stimmung und ihr Kippen. Wie die Propaganda funktionierte, die Leute und sogar die Kinder und Jugendlichen begeisterte.
Die allgemeine Ahnungslosigkeit zu Anfang fand ich allerdings etwas unrealistisch, denn das Eigentum der jüdischen Bevölkerung wurde ja von Dorfbewohner übernoimmen, dann den Holocaus zu legnen, ist wenig überzeugend.

Ein Buch, das den Leser fordert, nicht unbedingt durch den Inhalt, das sicher auch, aber dieses Thema ist schon oft behandelt worden,sondern durch eine gewisse Zähigkeit, die sich durch das ganze Buch zog .
Profile Image for Anne Dietrich.
189 reviews
March 3, 2025
Ginsterburg während des Krieges

Der Roman beschreibt das Leben der Dorfbewohner von Ginsterburg während der Zeit von 1935 bis 1945. Der Ort ist fiktiv und steht stellvertretend für viele andere Orte in dieser Zeit. Ebenso ist es bei den Charaktere. Sie stammen aus ganz unterschiedlichen Gesellschaftsschichten und sind lediglich durch ihren Wohnort verbunden.

Die Handlung ist in drei Abschnitte eingeteilt, 1935, 1940 und 1945. Wir erleben, wie sich die Charaktere durch den aufkommenden Nationalsozialismus verändern, wie unpolitische Menschen plötzlich linientreu und zu Denunzianten werden.
Dabei hat der Autor die politische Entwicklung der Zeit sehr gut eingefangen, beschreibt, wie die jungen Menschen immer mehr unter den Einfluß der HJ geraten und auch die Älteren sich für entsprechende Vorteile der Partei anschließen.
Der Schreibstil liest sich nicht so leicht wie ich es erhofft hatte, passt aber gerade deshalb gut zum Buch, das thematisch auch nicht leicht ist. Mal gibt es viele Details und mal sind die Sätze kurz und knapp. Aber es ist ein eindringliches Buch, das berührt und dafür sorgt, dass nichts vergessen wird.
2,273 reviews13 followers
February 18, 2025
Zum Inhalt:
Nach der Machtergreifung ist in dem fiktiven Ort Ginsterburg nichts mehr wie es war. Während manche unter der Situation leiden, profitieren andere. Viele einfach versuchen sich mit der neuen Situation zu arrangieren, doch es tun sich immer mehr Abgründe auf.
Meine Meinung:
Das Buch zeigt die menschlichen Abgründe auf wenn sich Umstände ändern mit denen man nicht gerechnet hatte. Völlig unpolitische Personen sind plötzlich sehr politisch. Friedliche Menschen werden zu Denunziananten, Kinder werden durch Spiel und Spaß auf Linie gebracht. Das Buch ist ein Spiegelbild dafür, was mit den Menschen zu Kriegszeiten passiert ist und auch wenn man davor sitzt und es nicht glauben will beschleicht einen aber auch immer wieder ein ungutes Gefühl, dass man die ein oder andere Handlung schon verstehen konnte. Das Buch regt einen schon an auch die ein oder andere Situation heute zu durchdenken, denn auch die Menschen damals hätten im Vorfeld vermutlich nie erwartet, dass sie so agiert hätten.
Fazit:
Macht nachdenklich
Profile Image for Sarah Who .
213 reviews13 followers
April 13, 2025
Eine Stadt im Krieg

Ich habe einige Zeit benötigt, um in der Geschichte anzukommen. Der Schreibstil ist sehr nüchtern und ich musste mich erst daran gewöhnen. Auch die verschiedenen Beziehungen der Charaktere zu verinnerlichen hat etwas gedauert, was vielleicht an den wechselnden Perspektiven lag. Im Rückblick muss ich leider sagen, dass ich zu keinem Charakter eine Bindung aufbauen konnte.
Am meisten hat mich wohl irritiert, dass der Roman als feinfühlige Darstellung der familiären und freundschaftlichen Verstrickungen der Nazizeit vermarktet wurde. Für mich wurde die Entwicklung der Stadt und ihrer Menschen emotionslos vorgetragen, was zwar zum Kriegssetting passt, aber die Entwicklung der Charaktere in den Hintergrund gedrängt hat.

Insgesamt würde ich den Roman eher als anspruchsvoll beschreiben. Die verschiedenen Handlungsstränge zu verfolgen benötigt Aufmerksamt. Das Buch eignet sich daher nicht als Lektüre für zwischendurch. Für Fans von historischen Romanen in der Zeit des zweiten Weltkriegs eine Empfehlung.
60 reviews
January 10, 2025
Mit "Ginsterburg" hat Arno Frank eine Geschichte geschaffen, die nicht nur unterhaltsam ist, sondern auch zum Nachdenken anregt.

Dem Autor gelingt es dabei sehr gut, die Atmosphäre der damaligen Zeit zu rekonstruieren und den Leser in diese Welt eintauchen zu lassen.

Der Roman zeichnet sich durch eine fast poetische Sprache aus, die sicher nicht einfach zu lesen ist, die jedoch die emotionale Tiefe der Geschichte unterstreicht.

Die Charaktere sind vielschichtig und jeder von ihnen hat seinen ganz eigenen Platz in dieser Geschichte. Neben der Problematiken, die dieser Krieg mit sich führt, haben die Figuren auch ihren individuellen Hürden zu bewältigen.

Auch wenn die Geschichte von Beginn an spannend ist, gab es doch hin und wieder ein paar Passagen, die etwas schleppend waren.

Trotz dieser kleinen Schwächen bleibt Ginsterburg ein interessantes und unterhaltsames Buch, das den Leser unterhält und zum Nachdenken anregt.
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