Eine herausragende literarische Auseinandersetzung mit unverstandener Erkrankung und die Geschichte eines Paares, das anders zusammenlebt als die meisten.
Ihre Arbeit an der Universität stagniert, ihr Mann wird seit Jahren nicht gesund, und niemand weiß Rat. Aus dem Forschungstagebuch der Erzählerin zur Kulturgeschichte des Moores wird ein Journal der Arztbesuche und Alltagsmerkwürdigkeiten, ein Porträt der Trauer, des Glücks, der Wie soll man leben, wenn man nicht planen kann?
Mit Wärme und Komik erzählt Mercedes Lauenstein in ihrem Roman von den Herausforderungen, vor denen zwei junge Menschen stehen, die anders zusammenleben als die meisten. Sie schreibt über die Abwehr des Menschen von unklaren Zuständen und mysteriösen Landschaften, über die ewige Sehnsucht nach einfachen Erklärungen und davon, was möglich wird, wenn man bloß hinsieht – und wirklich anfängt, miteinander zu leben!
»Auch wenn es zuerst nicht so aussieht, die unendlich empfindsame Erzählerin Mercedes Lauenstein hat ein Buch über das Zusammensein geschrieben. Einen heimlichen Liebesroman.« David Wagner.
»Keine andere Autorin hat einen so scharfen Blick auf das ganz Kleine und das ganz Große, aus dem unser Leben besteht.« Dana von Suffrin.
»Mercedes Lauenstein trotzt der Ohnmacht mit Schönheit. Ein weises, inspirierendes und tröstliches Buch.« Michelle Steinbeck.
Das ist der Grund, warum ich angefangen habe, Literatur zu lieben. So ein Talent zu lesen, solche Sätze, diese Sprache - ich habe ununterbrochen Gänsehaut im Kopf.
Wenn ich nicht mehr schreiben möchte, nie wieder, für immer dieses Mal (!!!) werde ich dieses Buch zur Hand nehmen. Es erinnert mich daran, wie wunderschön und verrückt gut Literatur sein kann. Wie sehr es sich lohnt zu schreiben. Für dieses kleine Glück im Kopf zwischen all dem Fahrigen.
"Ich schraube den Deckel meiner Wasserflasche auf, trinke einen Schluck und belausche die Kohlensäure. "
"Man hat Menschen in die Wildnis geschickt, um ihr Verhalten zu untersuchen. Die eine Gruppe schickte man mit falscher Karte in die Wildnis, die andere ohne. Die erste Gruppe war glücklicher."
"Man kann kaputte Gedanken besser verabschieden, wenn auch die Landschaft an einem vorbeizieht."
"Im Supermarkt kaufe ich ein paar Kleinigkeiten für meine Mittagspause. Da sehe ich, wie im Gang mit den Konserven eine alte Dame ein geöffnetes Glas Cornichons in der Hand hält, konzentriert einige herausfischt, sich die Gürkchen eilig in den Mund schiebt, das Glas wieder mit dem Deckel verschließt und es ins Regal zurückstellt."
„Was den Menschen angeht, hat man herausgefunden, dass Schlafwandeln in einer fremden Umgebung wahrscheinlicher ist als zuhause. Während der ersten Nacht in einer neuen Umgebung schaltet eine der beiden Gehirnhälfte in eine Art Wächtermodus und schläft weniger tief als die andere. Der Organismus möchte eine neue, unsichere Situation beobachten."
"Irgendwo habe ich gelesen, dass man immer drei Möglichkeiten hat, um mit Lebenskrisen umzugehen: Etwas dagegen zu unternehmen, nichts dagegen zu unternehmen oder sich umzubringen.“
„Am besten gefallen mir in der Staatsbibliothek die Geräusche. Die konzentrierte Stille bietet allem eine Bühne, was man sonst nicht hört. Schreibende Stifte, aufgeblätterte Blöcke, jemand radiert. Faltet ein Eselsohr, klappt ein Buch zu, schlägt es wieder auf. Streicht über die Seiten. Stühle knarzen, Tische knacksen, Schalter klacken. Kleidung raschelt, Haare rauschen, jemand gähnt. Ich habe eine fünfstündige Audioaufnahme dieser Geräuschkulisse, Miro hat sie mir im Jahr unseres Kennenlernens geschenkt. Sie half gegen die Panikattacken, die mich damals quälten, ich hörte sie tags und nachts. Die gesammelte Konzentration hat etwas Hypnotisierendes und das Wissen, dass Miro während jeder Sekunde dieser fünf Stunden anwesend war, half, mich zu beruhigen. Manchmal konnte ich seinen Atem oder seine Schritte in der Aufnahme hören."
„Selbst wenn sie nicht schlafen, sind Menschen nur halb anwesend. Immer sind sie auch woanders, dort, wo niemand anders hinkann, und dort sind sie ganz allein."
"Alle sagen, nichts sei schöner als ein reiches Sozialleben. Aber ich möchte immer nur dort sein, wo die anderen nicht sind."
"Sie sieht aus wie eine Fünfjährige, die ihre Eltern verloren hat und ich denke, so geht es uns allen, vielleicht nicht immer, aber immer wieder, wir sind Fünfjährige, die ihre Eltern verloren haben."
"Neben mir steht eine Frau mit ihrem Mann. Sie sind beide groß und schmal, wie Geschwister, wie Deutschlandfunk und Alpenverein."
"Jede Familie besteht aus echten Menschen und aus Phantomen und das erklärt, warum in Familien so rätselhafte Dinge geschehen."
„Nichts davon wird bleiben, nichts davon ist festzuhalten, alles, was wir erleben, ist gleich wieder vorbei und dann gar nicht mehr, und das Einzige, was es gibt, ist das Nichts, ein Gefühl wie ein winziger Punkt, dessen Ton man hört, wenn man Ohropax in die Ohren steckt und die Augen schließt. Wie mein Vater im Unterhemd den Rasen mäht, wie meine Mutter die gläsernen Milchflaschen aufschraubt und die Sahne herauslöffelt, wie meine Schwester mit dem nackten Po in die Brennnesseln fällt, wie wir die Kaninchen unter den Forsythien begraben, Hot Dogs an meinem 11. Geburtstag, die gefluteten Zelte im Ferienlager, die müde Stille, die verlangsamte Zeit im Auto meines Opas, der neunjährige Junge am Bodensee, der meinen Brief nie beantwortete, all das ist vorbei, auch Aaron Carter ist jetzt tot. Es gibt keinen Grund, sich zu fürchten.“
"Vielleicht ist die fremde Person im Haus zu viel für seine gewohnten Verdauungs- und Ausscheidungsrhythmen, man kennt das von sich selbst.“
"Der Himmel ist blau, und die Wolken sind wie Gefühle, die kommen und gehen, und es ist immer gut, wenn nicht zu viele auf einmal da sind, wenn sie sich nicht stauen und auftürmen, wenn sie nur zarte Schlieren sind, zarte Schlieren vor dem blauen Himmel."
„Zuhause lasse ich mir das Duschwasser ins Ohr laufen und stelle mir vor, ich sei ein Bachkiesel mit Ohren, kalkweiß und silbergrau."
"Wo bleibt eigentlich der ganze Sohlenabrieb? Müsste er nicht für einen großen Teil aller die Welt verschmutzenden Mikroplastikpartikel verantwortlich sein, wenn man bedenkt, wie viele Sohlen sekündlich auf der Welt abgelaufen werden? Es gibt acht Milliarden Menschen auf der Welt, die meisten davon haben zwei Füße, an denen sie Schuhe tragen. Schritt für Schritt in die Apokalypse.“
"In der Staatsbibliothek sperre ich meine Sachen in das Schließfach. Jetzt sind meine Sachen in Sicherheit, für eine Zeit lang gehört der 50 x 50 x 50 Zentimeter große Raum nur ihnen. Ich beneide meine Tasche für ihr geschütztes Versteck. Ein Versteck auf Zeit, das es auch in Menschengröße geben sollte, ein fensterloser Schrank zum temporären Rückzug gegen zwei Euro Pfand für den Fall, dass man für zwanzig Minuten von niemandem mehr gesehen oder gefunden werden möchte."
"Wenn der Winter kommt, muss jeder seine eigene Schachtel der Überwinterungsstrategien vom mentalen Dachboden holen.“
"Ein weiser Mensch, sagt die Psychologin von der Universität Klagenfurt im Radio, hat die freundliche Gelassenheit, sich die Dinge anzuschauen, ohne über sie zu urteilen. Er kann innerlich einen Schritt zurücktreten und auch andere Perspektiven berücksichtigen. Er widersteht dem schwer zu widerstehenden Drang, sich selbst in einem möglichst gutem Licht zu sehen. Noch ergänzt wird diese Haltung durch ein tiefes und breites Wissen über das Leben und die Fähigkeit, schwierige Probleme in ihrer ganzen Komplexität zu erfassen."
Eine Frau forscht beharrlich über das Moor, auch wenn ihre Professorin seit Wochen verschwunden ist und sie sich fragt, ob ihr Arbeitsplatz überhaupt noch existiert. Ihr Partner leidet an einer mysteriösen Krankheit, sie begleitet ihn bei Arztbesuchen und auf Ausflügen und er tröstet sie und lässt sie bei sich duschen, wenn sie sich mal wieder vor den Wasserrohren ihrer eigenen Wohnung fürchtet. Mercedes Lauensteins dritter Roman Zuschauen und Winken ist eine liebevolle und wunderbare, aber auch ganz alltägliche Geschichte, deren Plot sich nur so zusammenfassen lässt, wie er erzählt wird: in Vignetten, kleinen Anekdoten, als Geflecht aus anderen Texten.
Wie kurios, dachte ich mir, als ich zufällig über den Roman stolperte und die Kurzbeschreibung las. Aber auch: Irgendwie klingt das total spannend. Das beschreibt eigentlich auch ganz gut meine Leseerfahrung: Ich wunderte, staunte und fühlte mit, runzelte die Stirn und las die eine oder andere Passage mehrmals. Beendete das Buch und las noch einmal die ersten Abschnitte und dachte mir: Was für schöne Dinge man hier zwischen den Zeilen finden kann.
Zuschauen und Winken ist keine klassische Krankenerzählung, und das nicht nur, weil Miros Krankheit sich jeglicher ärztlichen Diagnose entzieht. Mercedes Lauenstein wirft eine Reihe von gesellschaftlichen Fragen auf, die damit einhergehen: die Bewertungen, die bei ›Krankheit‹ und ›Gesundheit‹ mitschwingen; die Fehlerhaftigkeit des Gesundheitssystems, seine Anfälligkeit für blinde Flecken und insbesondere die Unwilligkeit von Ärzt*innen, das zu konfrontieren, was sie nicht wissen.
Manche Passagen legen den Finger in die Wunde, wieder andere sind heilsam, humorvoll oder im Bann des Wechselbads der Gefühle: Wut und Angst, Hoffnung und Zweifel. Genauso wie es gute und schlechte, okaye und überraschende Tage geben kann. Und trotzdem gelingt es der Autorin, aufzuzeigen, dass man auch in der Unsicherheit Momente der Beständigkeit gibt, Momente des Miteinanders, und verwehrt sich dabei Narrativen, die auf eine Bewältigung von Krankheit zielen.
Immer deutlicher werden die Parallelen zwischen dem Moor und Miros Krankheit, aber auch zwischen dem Moor und dem Geisteszustand der Ich-Erzählerin. Das muss man auch nicht groß interpretieren, das gibt sie selbst zu, und das ist vielleicht auch eine kleine Kritik am Roman: Manches wurde mir zu deutlich gesagt, anderes blieb mir zu unausgesprochen, zu episodenhaft. Andererseits ist diese Zusammenlosigkeit auch passend, erhebt die Ich-Erzählerin doch die ethnologische Devise der Beobachtung aus nicht-invasiver Distanz zum obersten Gebot.
Als nicht-invasiv könnte man wohl auch ganz allgemein die Lebenshaltung der namenlosen Ich-Erzählerin bezeichnen, die sich in den meisten Bereichen im Hintergrund hält, wenig spricht und ausreichend Zeit für sich selbst braucht. Zeit, sich in Gedankenpaläste aufzuschwingen: Von den Beobachtungen hin zu Fantasien, von Ängsten hin zu Träumen und Eventualitäten.
Gerade deshalb scheint ihre Beziehung mit Miro so gut zu funktionieren, weil die beiden sich über Körper- und Kopf-Krisen hinweg verständigen können, füreinander da sind und sich Raum geben. In dieser Hinsicht ist Zuschauen und Winken auch ganz tröstlich: Egal, was ist, die beiden finden einander. Und das gilt umso mehr für die Beobachtungen der Ich-Erzählerin, denn ganz gleich, wo sie hinsieht, geht auch irgendwo das Leben weiter. Und das bedeutet, auch dass schon der nächste Blick auf etwas Wunderbares fallen kann.
Auch wenn es sich bei Zuschauen und Winken um eine kurze Lektüre handelt, bringt sie ganz große Themen mit, ohne den Text zu erschweren. Im Gegenteil: Manchmal hätte ich mir sogar noch mehr Seiten gewünscht, waren die Lücken zwischen den einzelnen Vignetten für mich schwer zu schließen. Aber gleichzeitig ist es gerade dieses Episodenhafte, was den Text so reizvoll macht, verwehrt er sich dadurch linearen Erzählungen und rückt eine Lebendigkeit, eine Lebensfreude in den Vordergrund, die durch die Beobachtungen der Ich-Erzählerin durchschimmert. Die Aufmerksamkeit der Zuschauerin ist eine Liebeserklärung in sich.
3,5 Sterne. Danke an den Aufbau Verlag für das Rezensionsexemplar!
Ich liebe, wie die Autorin schreibt, aber diesmal hat es mich nicht so mitgerissen wie die Vorgänger-Romane. Vielleicht weil es sehr fragmentarisch war...vielleicht auch der falsche Zeitpunkt für das Buch, weil es mich ein klein bisschen runtergezogen hat. Dennoch, es enthält viele großartige Sätze und ich bereue nicht, es gelesen zu haben.
Spannend erzählt in kurzen Episoden gelingt es Mercedes Lauenstein mit wenig Text ein dichtes Bild des Inennlebens der Protagonistin zu zeichnen und wie nebenbei alles mögliche im Themenkomplex Krankheit und Gesundheitssystem sowie Universität zu hinterfragen. Zwischen den Zeilen porträtiert sie auch eine sanfte Beziehungsgeschichte. Tolle Sprache, tolle Sätze, humorvoll und klug! Bitte mehr!
Die Sprache ist wundervoll, die Geschichte ist traurig, oft lustig und spendet mir Trost. Jeder zweite Satz dürfte hier als Zitat stehen, und gleichzeitig für sich allein. Mercedes Lauenstein findet im Schreiben eine Antwort auf die Frage: Wie man damit lebt. Ich bin so froh, dieses Buch gefunden zu haben.
tiefgründige beobachtungen über das kleine im leben. alltagssituationen die mit beschreibungen und gefühlen ins herz treffen. sehr nachvollziehbare gedankengänge. poetisch, tiefgründig, beobachtend
"Und wenn man die fliegenden, ständig unterbrechenden Gedanken wenigstens festhält, als Stichworte ohne Kontext, als kleine Gedichte ohne Reim und Versmaß, dann fällt es mir leichter, das zu tun, was in diesen Momenten das einzige ist, das hilft: Zuschauen und Winken."
In kurzen Abschnitten oder Notizen erzählt die Protagonistin von ihrem Leben. Von ihrem Freund Miro, der an einer unklaren Krankheit leidet. Von ihrer Forschungsarbeit am Institut, einer verschwundenen Professorin, von Mooren, von München... Was für ein wunderbares Buch. Die Autorin hat eine wunderbare Beobachtungs- und Erzählgabe. Der Text ist poetisch, reflektiert, in gewissem Sinne auch eine Liebesgeschichte, in der die Partner sich bedingungslos annehmen. Zusätzlich geht es um medical gaslighting und wie es sich anfühlt, trotz zahlreicher sehr einschränkender Symptome keine Diagnose zu bekommen. Ein starker Titel, den ich sehr empfehlen kann!