Michael Thumann legt nach seinem SPIEGEL-Bestseller «Revanche» einen sehr persönlichen Reisebericht vor, in dem er die erneute Teilung Europas mit eigenen Augen erkundet. Er beschreibt in eindringlichen Reportagen und Augenzeugenberichten seinen Weg aus Moskau heraus über die schwer bewachten Außengrenzen Russlands, erst nach Osten Richtung Zentralasien, dann nach Westen über die baltischen Staaten und Polen nach von Moskau nach Berlin, mitten durch den neuen Eisernen Vorhang hindurch.
Thumann nimmt uns mit zu endlosen Befragungen an Grenzübergängen, er besucht russische Flüchtlinge in den Nachbarstaaten, er kommt auf seinem Weg von Ost nach West mit Menschen aus ganz Osteuropa zusammen und schildert ihre Ängste vor Russlands Revanchismus und Kriegslust. Oder ihre vorauseilende Unterwerfung angesichts von Putins unaufhörlichem Expansionsdrang. Thumann blickt dabei auch auf die eigene Familiengeschichte, den Mauerfall und seine zerplatzten Träume in der Putin-Ära zurück. Er spürt den Gründen für das prekäre deutsch-russische Verhältnis in der Geschichte und Gegenwart nach. Thumanns Buch ist ein mitreißendes zeitgeschichtliches Zeugnis von der Suche nach einer Sicherheit, die wir alle verloren haben.
Thumann schreibt zweifellos flüssig und interessant. Wem der Alltag in Russland unbekannt ist und wer mehr darüber erfahren möchte, kann zu dem Buch greifen. Die gängigen Vorstellungen von den Repressionen im Land werden anschaulich bestätigt und sind zweifellos nicht übertrieben. Zu kurz kommt lediglich, dass viele der beschriebenen Vorgänge mitnichten "typisch russisch" und auch nicht alle von Putin initiiert sind, sondern als "post-sowjetisch" zu charakterisieren wären. Einreise-und Aufenthaltsformalitäten, Grenzkontrollen und Versuche einzelner Beamter, den Ausländer zu "melken", gab es lange Zeit in der Ukraine und gibt es in der Moldau. Jedenfalls kann ich das für diese beiden Länder bestätigen. (Sehr bekannt aus eigener leidvoller Erfahrung - es hat am Ende 500 Dollar Schmiergeld und viele Nerven gekostet - kam mir z.B. die Episode mit der fehlenden Migrationskarte vor. /24/ Das hat man später noch mehrfach mit mir versucht.) In den osteuropäischen Ländern, die EU- Mitglied geworden sind, ist es besser. Dort finden Korruption und Geheimdienstaktivitäten eher unter der Hand und vom Besucher unbemerkt statt. (So meine Erfahrung etwa in Rumänien.) In Russland ist das alles sichtbar und wird als Teil des System der Einschüchterung funktionalisiert. Das erfasst Thumann zutreffend.
Auf den ersten Seiten des Buches gibt es einen informativen Teil zu den deutsch- russischen Beziehungen, in dem leider vollkommen das Chaos ausgespart wird, das der neoliberal inspirierte und wesentlich von den USA dominierte Wirtschaftsumbau unter dem Säufer Jelzin mit sich brachte. Ohne dieses Trauma kann man aber den Aufstieg Putins als "(Wieder-) Bringer der Ordnung" nicht verstehen. Stattdessen wird stereotyp auf die "jahrzehntelange sozialistische Misswirtschaft" (69) verwiesen und Putin erscheint von Anfang an als "der Böse" und wenn man über diese Passagen nachdenkt, fällt schon auf, dass sein Aufstieg zum Herrscher nicht nur über 150 Millionen Leute, sondern auch über Oligarchen, die Armee und den Geheimdienst etc. bei alledem eigentlich unverständlich bleibt. Es scheint, als sei er als das personifizierte "Böse" (nicht umsonst gibt es ein- wie ausleitend Anspielungen auf Bulgakows "Meister und Margarita") vom Himmel gefallen. Hier ist Thumann nicht intelligenter als unsere Medien, die in aller Regel ebenfalls die Geschichte der Phänomene, über die sie dann evtl. sogar zutreffend berichten, ausblenden.
Persönlich störend fand ich, dass im Zusammenhang mit dem Deutsch-Unterricht behauptet wird, dass über 200 deutsche Lehrer lediglich "unter dem Dach" (80) des Goethe- Instituts im Land tätig gewesen wären. Nichts gegen das Engagement des GI, aber den Deutsch-Unterricht an Schulen im Land hat die Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA) organisiert. Sei's drum, Thumann ist nicht der einzige, der sich für poplige Lehrer/innen nicht interessiert. Meine Tätigkeit ist gute 35 Jahre lang dem GI als der bekannteren Organisation zugeschlagen worden. Ok, das ist nicht wirklich relevant oder wichtig. Aber in Sachen "Organisationen" wäre wenigstens anzumerken, dass die vielen NGO, die Thumann anspricht, sicher verdienstvolle Arbeit geleistet, aber dennoch immer auch "unsere Interessen" vertreten haben. Sie waren und sind mitnichten neutral (die EU verdreifacht gerade das Budget für einschlägige NGOs), weswegen die Bewertung ihres Verbots eine Frage nach der Legitimität russischer (wahlweise georgischer oder ukrainischer - unter Janukowitsch) Souveränität ist. Hier macht es sich der Autor mit dem gängigen Verdikt zu einfach. Freilich hätte er mit differenzierteren Betrachtungen das Minenfeld des Völkerrechts betreten. Dass er es nicht tat, kommt der Lektüre entgegen, bedeutet aber auch, dass die Prämisse "Was stört mich das Völkerrecht, wenn es meinen Interessen nicht nützt?" implizit geteilt wird. Das trifft auch auf die überaus vorsichtige Bewertung des ansonsten anschaulich beschriebenen Bruchs der europäischen Minderheitenrechte durch Estland und Lettland zu, dass Staatsbürgerschaft an die Beherrschung der jeweiligen Staatssprachen bindet (was übrigens die Ukraine und die Moldau in ähnlicher Weise immer wieder versucht haben und versuchen). Selbst Leute, die in Estland/Lettland geboren und aufgewachsen sind und keine sonstigen Beziehungen nach Russland haben, sind deswegen von Ausweisung bedroht. (209 ff.)
Wovon Thumann offensichtlich keine Ahnung hat, das ist polnische Geschichte. Merkwürdig ist seine Auffassung, die "wache polnische Erinnerung" entlarve die "Geschichtsideologie Putins ebenso wie die Reinwaschungen deutscher Rechtsextremisten" (237), deshalb, weil man auch in Deutschland nachlesen kann, wie nationalistisch und den eigenen Legitimationsinteressen folgend, polnische Geschichtsideologie ist, wenn sie sich z.B. gegen Deutschland wendet, dem immer wieder 1000-jährige Feindschaft vorgeworfen wird etc. Thumann kritisiert, dass Russland die Schlacht auf dem Eise des Peipussees zum Anlass nimmt, den Deutschen einen "Drang nach Osten" zu unterstellen (was mit Blick auf den Deutschen Orden, Preußen, das Kaiserreich oder Hitler zweifelsfrei zutrifft), dasselbe Narrativ der Polen aber als "wache polnische Erinnerung" bezeichnet. Die ist schon wach, was Katyn oder den Stalin- Hitler- Pakt betrifft, negiert aber völlig den polnischen "Drang nach Osten" und die quasi imperialen Bestrebungen der Rzeczpospolita, die polnische Truppen bis ans Schwarze Meer und mehrfach nach Moskau geführt haben. Die Behauptung eines sozusagen naturgegebenen "russischen Imperialismus" führt sich für diese Zeit selbst ad absurdum, wie der Konflikt zwischen dem polnischen und ukrainischen Narrativ deutlich zeigt: Für die Ukrainer sind Russland und Polen (seltsamerweise nicht Habsburg) "Kolonialmächte". Indem Thumann auch dieses Minenfeld ausspart, dient er der Lesbarkeit seines Textes, muss sich aber den Vorwurf einseitiger ideologischer Parteinahmen gefallen lassen.
Vollkommen deutlich wird das im letzten Kapitel des Buches, in dem so gut wie alles wiederholt wird, das täglich an Einseitigkeiten über Putins Politik in den Medien kommt. Sie verfolgen die bereits früher aufgestellte zweifelhafte Behauptung, Putin habe "drei Jahre lang alle internationalen Friedensvermittler auflaufen lassen" (98). Welche sollten das gewesen sein? Ebenso wundert man sich, wenn man liest, dass nicht etwa die europäischen Erdgassanktionen zum Stopp der Abnahme russischen Gases geführt haben, sondern Putin "Erdgassanktionen gegen Deutschland und andere europäische Staaten" verhängt habe (79/80). Das ist eine Meinung und sollte sie entgegen des zeitlichen Sanktionsverlaufs irgendeine Begründung haben, dann wäre es gut gewesen, nachprüfbare Argumente anzuführen und womöglich Quellen anzugeben. Auf Quellen greift Thumann ohnehin nur sparsam zu. Das ist auch deswegen traurig, weil die ständige und gebetsmühlenartige Wiederholung von Phrasen à la "Putin ist schuld" - wie bereits erwähnt - nichts zum Verständnis russischer Politik beiträgt. Suggeriert wird, dass mit Putins Ende alles wieder anders würde, was nur ein feuchter Traum ist. Vielleicht würde es dann noch schlimmer! Jedenfalls fehlen Hinweise auf strukturelle Probleme der russischen Wirtschaft, ohne deren Verständnis man Russlands Agieren nicht verstehen kann.
Auch fehlen geopolitische Überlegungen und solche zur europäischen Sicherheitsarchitektur vollkommen. Stattdessen wird implizit davon ausgegangen, dass "wir" (und die Nato) die Guten sind und sich niemand fürchten muss, wenn die Amerikaner Raketenabschussrampen im Baltikum stationieren und die Ukraine wie Georgien unbedingt in der Nato haben wollten. Stattdessen wird vor dem möglichen Angriff "Putins" auf Deutschland und davor gewarnt, dass ohne massive Aufrüstung keine Möglichkeit bestünde, "russische oder iranische Raketen auf Dauer vor deutschen Städten abzufangen". (268) Iranische Raketen? Bezieht sich das auf die sonst nicht aufgeführte amerikanische Behauptung, die Raketenabwehr im Baltikum ziele nicht auf Russland, sondern auf den Iran? Das glaubt nur Lieschen Müller, aber Doktor Müller schreibt es auf und zeigt sich hier als das, was er natürlich ist: Korrespondent und Mitarbeiter der "Zeit", die nicht gerade für Kritik am transatlantischen Bündnis bekannt ist. Wo Thumann trotzdem Recht hat, das ist sein Hinweis, dass viele, die über Russland oder die Ukraine reden, sich nicht wirklich für diese Länder interessieren und von deren internen Verhältnissen auch keine Ahnung haben. Stimmt. Aber er selbst hat (fast) alle Bezüge zur Ukraine, zum Maidan usw. vermieden und stattdessen über die Gefühle der Leute an der 2014-er Frontlinie vor Donezk geschrieben. Auch keine intime Kenntnis der Ukraine. Solche Kenntnis wäre aber notwendig, wenn es um Fragen einer haltbaren Nachkriegsordnung und der Gestaltung des Wiederaufbaus der Ukraine gehen wird.
Sei's drum. Wer in dem hier beschriebenen Sinne mit politischen Einseitigkeiten umgehen kann, sich aber ansonsten für das Alltagsleben in Russland und wichtige Aspekte des Lebens von russischsprachigen Menschen im Baltikum interessiert, der soll durchaus zu dem Buch greifen. Die Lektüre ist unterhaltsam und - abgesehen von der hier formulierten Kritik - in weiten Teilen informativ. Auch ich wusste z.B. nicht, dass die Russen zum 300. Jubiläum den Königsberger Kant zum russischen Untertanen gestempelt haben. Das fand ich witzig und die hier mitschwingende Idiotie von Geschichtsideologien (Geschichtswissenschaft geht anders) kann man weiterdenken, um zu sehen, wie Geschichtsbilder konstruiert werden. In der Tat war Kant ein paar Jahre russischer Untertan, als die Russen im Siebenjährigen Krieg (preußischer Imperialismus! ;-) ) Königsberg besetzt hielten. (157) Daraus sein "Russentum" abzuleiten ist freilich unsinnig. Aber Leute, die von polnischen Geschichtsnarrativen Ahnung haben, würden sofort an den "großen Polen" Mikolai Kopernik denken, dem von polnischer Seite Ähnliches widerfährt. In beiden Fällen kommen die Ideologen nicht auf die Idee, dass weder nationale noch staatsbürgerliche Kriterien im 15. oder 18. Jahrhundert greifen, sondern bestenfalls sprachlich-kulturelle und im Fall des Copernicus sicher noch eine stadtstaatliche Identität (Nicolaus Copernicus thorunensis - so sein Eintrag im Matrikel von Bologna). Also, Russlandinteressierte können das lesen. Leute, die Russland kennen, auch. Sie werden vieles wiederfinden, was sie selbst so oder ähnlich erlebt haben, was also ein Leseerlebnis garantiert.
Ich habe mich oft gefragt, wie der Alltag der wenigen verbliebenen Korrespondenten in Russland aussieht – ein paar interessante Einblicke zu Grenzschikanen und Begegnungen mit dem FSB gibt es hier. Das sind für mich die spannendsten Stellen des Buches, über die ich gerne mehr gelesen hätte. Der Erkenntnisgewinn der Berichte aus Baltikum, Polen + Deutschland blieb in Jahr Vier des Kriegs dagegen für mich überschaubar.
Michael Thumann, Moskau-Korrespondent der "Zeit" hat mit seinem Buch "Eisiges Schweigen flussabwärts" einen politischen Reisebericht geschrieben, der auch eine Geschichte der Ernüchterung und Desillusionierung ist. Als Osteuropa-Historiker und Slawist hat er sich schon während seines Studiums in den 80-er Jahren mit der damaligen Sowjetunion befasst und nach Kindheitserfahrungen im Kalten Krieg die Gorbatschow-Jahre mit Glasnost und Perestrojka erlebt. Freunde, die zu jener Zeit in Moskau oder Leningrad studierten, erkennen das Land nicht wieder - zu sehr hat es sich unter Putin und seinen imperialen Träumen verändert.
Thumann hat diese Veränderungen im Laufe dreier Korrespondenten-Stationierungen miterlebt, selten so drastisch wie seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, der auch die Arbeit und das Leben ausländischer Journalisten umfassend beeinflusste, angefangen von der nur noch für drei Monate ausgestellten Akkreditierung über immer weniger Zugang zu Quellen und einer Gesellschaft, in der sich längst nicht mehr alle trauen, offen zu reden.
Ein Flug von Berlin nach Moskau ist nicht mehr machbar, statt dessen führen andere Routen nach Russland und heraus. Thumann stellt einige vor, nicht so sehr den üblichen Flug über die Türkei, sondern Zugreisen nach Kasachstan und Georgien, die für Russen mittlerweile verschlossenen Wege ins Baltikum. Thumann sucht das Gespräch mit Mitreisenden und Zufallsbekanntschaften, kleine Porträts, die auch die Brüche innerhalb der russischen Gesellschaft zeigen - hier diejenigen, die in die äußere oder innere Emigration gehen, dort jene, die sich irgendwie arrangieren. Die Kontrollen an den Grenzen, die Allgegenwart des FSB auch bei den Grenztruppen, Schikanen gegen bestimmte Reisende - es erinnert sehr an die schlechte alte Zeit des Kalten Krieges.
Besonders spannend die Kapitel aus dem Baltikum, wo ethnische Russen ganz unterschiedlich auf Russland blicken und die Ängste der dortigen Regierung, als nächste ins Visier Russlands zu rücken, am ausgeprägtesten sind. Thumann zeigt die Risse, die durch Familien und Stadtgesellschaften gehen, Risse, die er auch bei Vortragsreisen in Deutschland erlebt, wenn einige Unterstützung für die Ukraine als unnötig ansehen und Putins Aggression sogar zu rechtfertigen versuchen.
Michael Thumann ist einer der erfahrensten deutschen Journalisten zum Thema Russland und postsowjetischer Raum, der regelmäßig in seinen Artikeln bei der ZEIT als auch im "Ostcast" zusammen mit Alice Bota mit seinem feinen Gefühl für die Russische Gesellschaft überzeugt. Denn meiner Meinung nach sind gar nicht mal Putin und seine Silowiki-Bande das Interessante, sondern eben jene komplexbeladene russische Gesellschaft. Auch in seinem neuesten Buch "Eisiges Schweigen flussabwärts" dürfen wir wieder Zeuge werden, wie Thumann mit Russen im In- und Auslands ins Gespräch kommt - mal freiwillig und oft auch unfreiwillig, wenn etwa die Grenzbeamten ihn schikanieren. Während die meisten Reiseberichte über Russland von Kitsch und Russkaya Dusha-Gelaber getränkt sind, zeigt Thumann ein Land, das sich nicht wie ein mysteriöses, faszinierendes Winter-Wonderland anfühlt, sondern wie ein Land, dass sich immer mehr in Richtung Nordkorea orientiert, wenn es so weiter geht, wie in den letzten Jahren. Dementsprechend groß ist der Unterschied bei seinen Reisen durchs Baltikum oder Polen, die nach dem Ende des Kalten Krieges einen komplett anderen Weg als Russland gegangen sind, wo ihn niemand schikaniert oder bei Fragen aus Angst ausweicht, wo aber die Angst vor dem östlichen Nachbarn und dessen imperialen Minderwertigkeitskomplex entsprechend groß sind. Zwischendrin trifft er natürlich auch auf nicht mehr zu rettende Leute, die das russische Propaganda 1x1 vom Ersten Kanal auswendiggelernt haben und in Gesprächen mit ihm fehlerfrei abspulen, in Russland sowieso, aber auch bei der russischsprachigen Minderheit im Baltikum oder bei Vorträgen in Deutschland. Im großen und ganzen ist dieses Buch ein gutes Zeitdokument für die Stimmung und das Gesellschaftsbild in und um Russland seit den Jahren der Vollinvasion.
Kalter Wind im Gesicht, ein Rucksack voller Geschichten und dann dieses Buch in der Hand – so fühlt sich „Eisiges Schweigen flussabwärts“ an. Michael Thumann schreibt nicht einfach über Grenzen, er macht sie spürbar. Man hört die Stiefel der Grenzer knirschen, spürt den Druck im Magen bei den endlosen Befragungen, und fragt sich nebenbei: Wie verdammt oft muss der Mann seinen Pass vorgezeigt haben?
Die Mischung aus Reportage, Memoir und politischem Seismograph ist genial. Thumann reist von Moskau bis Berlin – nicht als gemütlicher Tourist mit Latte Macchiato, sondern mitten durch Stacheldraht, Misstrauen und kalten Atemzügen der Geschichte. Dabei schafft er es, mir gleichzeitig die große Politik zu erklären und kleine, persönliche Begegnungen so lebendig zu erzählen, dass ich das Gefühl hatte, neben ihm im stickigen Abteil zu sitzen oder mit russischen Flüchtlingen Tee zu schlürfen.
Ganz ehrlich: selten so ein Buch gelesen, das den Nerv der Zeit so treffsicher trifft. Während hierzulande gern hitzig über Sicherheit, Krieg und Abschreckung diskutiert wird, nimmt Thumann einfach seinen Koffer, geht los und liefert Beobachtungen, die hängen bleiben wie Frost im Bart. Klar, das ist kein Wohlfühlbuch zum Wegträumen – aber es ist eine Reise, die einen wachrüttelt. Und gleichzeitig streut er persönliche Rückblicke ein: Mauerfall, Euphorie, Ernüchterung in der Putin-Ära. Plötzlich wird klar, wie nah uns das alles geht.
Ob nun Geschichtsfreak, Politiknerd oder einfach jemand, der wissen will, was in Osteuropa wirklich los ist – dieses Buch macht wach, weht einem eisigen, aber auch erfrischenden Wind um die Ohren und zeigt, dass Stillstand keine Option ist. Für mich: Pflichtlektüre, wenn man verstehen will, warum unser Kontinent wieder kälter geworden ist.
Der Zufall will es, dass ich dieses Buch genau an dem Tag beende, an dem Trump sich wieder mit Zelensky und den Europäern trifft, um zu verhandeln, was er mit Putin ausgemacht hat…. Dieses Buch ist für alle, die sich für das heutige Russland interessieren, ein Muss. Und sollte es auch für all die sein, die sich noch Illusionen über das heutige Russland machen. Thumann beschreibt eindringlich, wie sich die russische Gesellschaft seit dem Beginn des Ukrainekrieges verändert hat, in welche quasi „sowjetische Starre“ die meisten Menschen verfallen sind. Wer von uns älter als 45 ist und entweder die sozialistischen Staaten kannte oder selbst in diesen aufwuchs, weiß, welche Starre ich meine. Interessant sind seine Berichte aus den Nachbarländern wie Kasachstan oder Georgien und wie die Bevölkerung dort zum heutigen Russland steht. Solche Reportagen würde ich mir viel öfter in den Medien wünschen. Man muss nicht mit allem, was Thumann schreibt einverstanden sein, sein Buch ist ein wichtiges Buch, gut geschrieben und ziemlich aufrüttelnd.
Michael Thumann ist außenpolitischer Korrespondent der Wochenzeitung DIE ZEIT. Er kennt Russland sehr gut und berichtet in diesem Buch von seinen Eindrücken in dem Land. Deutschland ist in Russland als unfreundliches Land eingestuft und deutsche Journalisten werden auch gelegentlich schikaniert. Das beginnt schon bei den Grenzübergängen. 1999 hatte Michael Thumann Putin noch persönlich interviewen können. Heutzutage ist das nicht mehr möglich. Deutsche Journalisten bekommen keine Interviews. Thumann versucht manchen Hindernissen in Moskau entgehen, indem er oft unerkannt mit dem Fahrrad unterwegs ist. Dann gibt es auch mal einen Rückblick in Thumann erste Reise nach Moskau. Zurück in der Gegenwart ist das Bild alles andere als optimistisch.
Es ist ein packendes, erzählerisches Sachbuch, wie ich es schätze.
Michael Thumann hat abermals ein starkes, beeindruckendes Buch geschrieben. Wer wissen möchte, wie vergiftet Russland unter Vladimir Putin ist, wie ernsthaft die Bedrohung ist und was in den Nachbarländern gefühlt und gedacht wird, dem sei das Buch herzlich empfohlen. Thumann und ich sind beide Fans der russischen Band DDT und haben in den 80er und 90er Jahren sehr viel Positives in Russland erlebt und Freunde gefunden. Aber wir sind auch beide desillusioniert durch den fürchterlichen Angriffskrieg gegen die Ukraine einerseits und die eisenharte Diktatur gegen alles Andersdenkende andererseits.
Ich bin in Moskau geboren und habe fast mein ganzes Leben dort verbracht. Vielleicht irritiert mich deshalb besonders das kulturelle Missverständnis, das sich durch dieses Buch zieht.
Michael Thumann beschreibt weniger Russland als vielmehr sich selbst – seine Gedanken, sein Fahrrad, seine Perspektive. Moskau wirkt dabei wie eine Projektionsfläche. Aus einer sehr privilegierten Position heraus werden einzelne Szenen – etwa ein Stau am Kreml – zu Sinnbildern für das ganze Land überhöht.
Was mir fehlt, ist echte Neugier auf die Menschen jenseits der eigenen Blase. Die Alltagsrealität „gewöhnlicher“ Moskauer bleibt unsichtbar. Stattdessen entsteht ein Ton, der distanziert und moralisch überlegen wirkt.
Ich habe das Buch nicht zu Ende gelesen. Für mich bleibt es ein Beispiel dafür, wie man ein Land beschreiben kann, ohne ihm wirklich nahe zu kommen.
Nur Michael Thumann schafft es, kapitellang über Radfahren zu schreiben und dies auf eine so fesselnde Art. Wow. Toller Mann, tolles Buch! Große Empfehlung für alle, die politisch interessiert sind.