Hausnummer 36 und 37, hier in Berlin haben sie jahrelang in direkter Nachbarschaft gelebt. Als Kind spielte die Enkeltochter Tischtennis auf dem Glastisch im Wohnzimmer der Großeltern. Als Erwachsene löst sie deren Wohnung schließlich auf, bringt Besteck, Töpfe und Musikkassetten nach nebenan zu sich. Und sie will noch etwas bewahren: Levitanus, den Familiennamen. Der Wunsch, den Namen wieder anzunehmen, begleitet sie nicht nur im Alltag, sondern führt sie auch nach Riga. Sie folgt den Worten ihres Urgroßvaters Salomon und findet ein Fenster im ehemaligen Rigaer Ghetto, das eng mit ihrer Familiengeschichte verknüpft ist – und sie zeichnet die Bewegungen von vier Generationen nach, vom sowjetischen Lettland der siebziger Jahre bis nach Deutschland. Ricarda Messner erzählt in ihrem Debütroman vom Ort ihrer Erinnerungen, kehrt immer wieder zurück zum Leben in zwei Wohnungen, nähert sich Verlusten und Lücken, verbindet Heute und Gestern. Wo der Name wohnt lässt so zärtlich wie klar eine Familie aufleben und bewahrt ihre Geschichten.
„Und irgendwo zwischen den beiden Häusern, ich zählte während der Wohnungsauflösung zum ersten Mal die Schritte, überkam mich die Sehnsucht. Ich wollte den Nachnamen wieder tragen, sehnte mich nach ihm, wie nach Großmutters Gesicht, das ich nicht mehr sehen würde. Es waren ungefähr vierzig Schritte von Tür zu Tür.“
Ricarda Messner hat ein autobiografisches Werk über die Beziehung von Vergangenheit und Gegenwart geschrieben, das vom sowjetischen Lettland bis in unser Deutschland der Gegenwart reicht. Dabei zeichnet sie ein berührendes Familienportrait, das zurück zu ihren Wurzeln führt, sie geht dabei auf Spurensuche und versucht so, ihren Erinnerungen Raum zu geben.
Von Riga nach Berlin führte der Weg der Großeltern und damit auch der von Ricardas Wurzeln. 1971 gelingt ihnen die Ausreise aus der Lettischen Sozialistischen Sowjetrepublik. Mit „Wo der Name wohnt“ nimmt uns Ricarda mit in die Welt ihrer ganz eigenen Erinnerungen, in denen neben Gegenständen, Geschehnissen, gemeinsamen Erlebnissen, auch der Name „Levitanus“ eine wichtige Rolle spielt - denn den möchte sie bewahren, indem sie ihn wieder tragen möchte und ihn so vor dem Aussterben retten. Doch ist das so einfach in Deutschland möglich?! Ihr könnt die Antwort wahrscheinlich erahnen.
Zu ihrer Großmutter hat sie eine besondere Bindung, die nochmal stärker wurde, als sie ins Haus direkt neben ihr zog in Berlin - Hausnummer 36 und 37, fortan trennten sie nur 40 Schritte voneinander. Sie entwickelten gemeinsame Rituale, wie zusammen einzukaufen oder ihre Mahlzeiten miteinander einzunehmen. Wir erleben eine absolut rührende Großmutter-Enkelin-Beziehung, die in Ricarda nur den Wunsch verstärkt, den Familiennamen mit Stolz tragen zu wollen.
Was mich besonders berührt hat, ist die schonungslose Ehrlichkeit mit der die Autorin von ihren eigenen Unsicherheiten bezüglich ihres eigenen Verhaltens an Gräbern berichtet.
„Ich habe versucht, dort zu sitzen, habe den Stein flüstern hören. Auch er hat mich aufgefordert, erzähl mir was, aber ich wusste wieder nicht, was ich sagen sollte. Ich fürchte, ich weiß nicht, wie ich mich vor den Gräbern geliebter Menschen verhalten, in welcher Haltung ich den Steinen begegnen soll.“
Das war für mich persönlich der emotionalste Part des Buches, da es mir ganz genauso geht (daher vermeide ich Friedhöfe konsequent, was sicherlich nicht die richtige Lösung ist).
Nicht nur mich hat Ricarda Messner überzeugt mit ihrem Debütroman „Wo der Name wohnt“ - sondern ihr wird auch der Literaturpreis Fulda 2025 verliehen, absolut verdient, herzlichen Glückwunsch! Ich kann Euch nur wärmstens empfehlen dieses Buch auf Eure Leseliste zu setzen, sofern Ihr es nicht bereits getan habt - lasst Euch dieses besondere Familienporträt nicht entgehen!
Autofiktion, die zunächst von der Beziehung zur verstorbenen Großmutter erzählt, dann aber ausholt, um Jahrzehnte zurück liegende Familiengeschichte, die ihre Wurzeln in Riga hat, zu erzählen. Außerdem versucht die Hauptfigur ihren Geburtsnamen, den Namen der Mutter zurück zu bekommen.
Ich mochte die Teile, die von der Großmutter handelten sehr. Es ist interessant und anrührend, wie die Erzählerin sich an die Zeit mit ihr und an sie als Person erinnert. Auch sehr schön fand ich die Kapitelanfänge, die immer Auszüge enthalten, aus der Ablehnung des Antrages auf öffentlich-rechtliche Namensänderung.
Nicht so ganz mitnehmen konnte mich das Buch bei der Familiengeschichte, die über Großeltern hinaus ging. Diese führt uns nach Riga zurück in die Zeit des Holocaust. Naturgemäß sind diese Passagen bedrückend und intensiv, trotzdem fand ich sie nicht so überzeugend, vielleicht weil mir die dargestellten Personen in der Kürze der Erzählung zu fern blieben.
Hach, war das ein schönes Buch. "Wo der Name wohnt" ist eine persönliche Erzählung über Namen, Wohnungen, Familie, Alltag. Und, wie es meine "post-ost" Generation glaube ich ganz gut nachfühlen kann, erzählt es von dem Versuch, Leerstellen in der eigenen Familiengeschichte zu füllen. Anhand von alltäglichen Dingen, Einrichtungsgegenständen, Reisen... Man hat sich der Erzählerin total nahe gefühlt - und irgendwie war es auch das richtige Buch für den Moment und mein aktuelles Interesse!
ich tue mir ein wenig schwer damit, diese form von autofiktion als „roman“ zu lesen, aber es ist ein wunderbares buch - eine berührende meditation über familie, leben und tod, das leben mit den toten. in schönen bildern wird zärtlich ein abschied, der auch ein festhalten ist, beschrieben. das ist inspirierend zu lesen und hallt lange nach.
Am Anfang hat es mich richtig berührt: Kurze Einblicke und Flashbacks zur Nähe zur Oma im Nachbarhaus, die Schreibweise, sehr angenehm und flüssig, die Zeitenwechsel organisch. Als Bulgarin habe ich ein Stück meiner eigenen Kindheit in der Ostblock-Realität wiedererkannt und emotional damit interagiert. Ich konnte mir die Wohnung der Oma vorstellen, ihre Art, Ärger zu zeigen oder mit Erinnerung umzugehen, hat mich an meine eigene Oma erinnert.
Klar sind das keine idealen Voraussetzungen für eine objektive Bewertung, aber ich finde, Bücher sollen subjektiv bewertet werden, weil sie ja Menschen individuell berühren wollen.
Bei 51% musste ich allerdings feststellen, dass ich die letzten 30% davor wohl nicht mehr richtig aufgenommen habe, sondern irgendwie durch desinteressiert durchgeblättert. Irgendwie habe ich keinen Anschluss dazu mehr gefunden. Es tauchten viele detaillierte Geschichten auf und auch heftige Themen, aber die Sprache war nicht mehr so berührend, und die Bilder wirkten eckig. Ich konnte nicht mehr richtig eintauchen.
Deshalb DNF, so leid es mir tut. Bei Papierbüchern blättere ich oft noch weiter oder speedreade ein bisschen, aber auf dem E-Reader keine Chance.
Fand die Überlegungen zur Bedeutung von Namen wirklich sehr schön und die Absurdität der Bürokratie, politischen Zuständen oder Familienmigration dagegen als sehr starker und wichtiger Kontrast.