Thea Mantwill entführt uns in eine so glaubhafte wie bedrohliche Zukunft. In diesem dystopischen Near-Future-Roman lebt die Protagonistin mit ihrem Partner Buster in einer alten Fabrikhalle, da sie aufgrund fehlender Dokumente keine Wohnung im Wohnpark bekommen. Als Buster schließlich eine Anstellung als Tänzer findet und endlich etwas Geld verdient, sich aber immer weiter von ihr entfernt, flüchtet unsere Heldin aus Langeweile und Frustration ins Metaverse. Als virtuelles Idol gewinnt sie schnell immer mehr genießt Anerkennung und Privilegien, von denen sie zuvor nie zu träumen gewagt hätte. Doch das so sicher geglaubte Leben mit Buster bekommt immer mehr Risse ... Thea Mantwills kraftvolles Debüt verhandelt Themen wie Armut, Einsamkeit und unseren Wunsch nach Selbstdarstellung in Zeiten von Social Media. ›Glühfarbe‹ ist ein beklemmender Blick in die Zukunft , eine Warnung vor der Privatisierung öffentlicher Räume und Strukturen.
Dystopie-Fans aufgepasst, hier wartet eine Neuentdeckung auf Euch, die mal eine ganz andere Richtung einschlägt, nämlich in die, in der wir uns (teilweise) schon befinden. Keine Angst, ich werde nicht durchgehend in Rätseln sprechen, sondern Euch jetzt ehrlich und offen von meiner Leseerfahrung mit Thea Mantwills Debütroman berichten.
Die namenlose Protagonistin und ihr Partner Buster leben in prekären, ärmlichen Verhältnissen in einer leerstehenden Fabrikhalle, da sie nicht berechtigt sind, eine Wohnung in einem Wohnpark zugeteilt zu bekommen, weil ihnen die nötigen Dokumente fehlen. Buster hält die beiden mit einer Tätigkeit als Tänzer über Wasser, bei der er schon bald eine Kollegin kennenlernt, die ihm nicht nur zu einem größeren Verdienst verhilft, sondern ihn auch immer weiter entfernt von seiner Partnerin, unserer Protagonistin. Die meiste Zeit des Tages verbringt sie allein und nur ihr täglicher Besuch im Einkaufsladen, um sich und Buster zu versorgen, treibt sie aus der Unterkunft. Frustration ist hier an der Tagesordnung und so verliert sie sich bald im Metaverse, wo sie mit ihrem Avatar Rebecca eine exorbitant wachsende Anzahl an Follower*innen verzeichnen kann. Schnell verknüpft sie ihre Identität mit der ihres Avatars und genießt die ihr zuteil werdende Aufmerksamkeit, zu der auch nie erahnte Privilegien gehören. Sprich sie kann umsonst Essen gehen, wenn sie das Restaurant auf ihrem Account verlinkt - ein großer Sprung, wo sie doch vorher nicht genügend Geld hatte für eine ganze Tüte Walnüsse und der nette Verkäufer ihr drei einzelne verkauft hat, weil mehr nicht in ihrem Budget waren. Sie genießt auch die Anomymität, die ihr das Leben im Metaverse als Avatar ermöglicht.
„Ich stand mitten im Rampenlicht, aber niemand sah mich. Nicht Fisch, nicht Fleisch, ein scharf gezeichnetes Phantombild, ich zeigte alles, sie sahen nichts. Es war perfekt. Ein perfektes Versteck, ein perfektes Zuhause - eine Nische in dieser kalten, an mir vorbei gebauten Welt, die ich zufällig gefunden und still besetzt habe.“
Unsere Protagonistin ist auf der Suche nach dem echten Leben - doch ist sie da nicht auf der falschen Fährte?! Die Einsamkeit bedrückt sie zunehmend und sie sieht ihren Partner Buster immer weniger und versucht ihre Gedanken auf Papier zu bringen:
„Ich lag im Bett und schrieb über die Verlorenheit im Raum beim Aufwachen, saß auf dem Boden und schrieb über ein Zitat von Jonathan Franzen, darüber, was wohl wäre, wenn unsere Augen in den Füßen wären, ich saß in der Badewanne und schrieb über Zustände und Empfindungen, die uns unsere Haut als Grenze zur Welt spüren lassen, ich saß auf der Treppe und schrieb über Kafkas Stufen, die unter steigenden Füßen wachsen, ich lag auf der Schwelle zum Lampenzimmer, da ich mich immer noch nicht traute aufzustehen, und schrieb über Schwellen.“
Als Dystopieliebhaberin bin ich tief beeindruckt von der düsteren Zukunft, die Thea Mantwill in „Glühfarbe“ kreiert hat. Sie lässt ihre Protagonistin zum virtuellen Idol werden, und verdeutlicht die Gefahren von der Nutzung von Avataren, einem Metaverse und der damit verbundenen Selbstdarstellung sehr eindrücklich. Es ist ein Buch über Klassismus, Armut und Stigmatisierung ebensolcher in der Gesellschaft, aber auch über Care-Arbeit in Partnerschaften und den Konsequenzen von Selbstaufgabe in einer Paarbeziehung. Ich bin ein großer Fan dieses Romans und Thea Mantwills darin verwendeter Sprache, die mich durch eine konsequente Klarheit und Präzision, die ich vor allem geschätzt habe, weil sie auf überflüssige Ausschmückung verzichtet und so an Dichte und gedanklicher Schärfe gewinnt.
2 - 3 Punkte, weil ich nach einem fulminanten Anfang, an dem die Autorin mit einer regelrecht sprudelnden Fantasie, eine so faszinierende Kulisse aufbaut - eine nach Zukunft anmutende und doch so bekannte Welt - von dem flachen, plumpen Ende bitter enttäuscht war. Schade! Man merkt, dass die Autorin auch multimedial künstlerisch unterwegs ist, ich bin ihr sehr gerne durch das Metaverse Universum gefolgt. Pluspunkt: Ich habe durch dieses Buch eine neues literarisches Genre kennengelernt: Den Near-Future-Roman / Novelle
Glühfarbe spielt in einer nicht zu fernen Zukunft (neues Genre entdeckt: Near-Future!). Eine dystopischen Welt, die im Endzeit-Kapitalismus mündet. Eine schaudernd realistische Welt, die uns einen Einblick ins Metaverse gibt - gar nicht so fern von den heutigen Influencer*innen auf jeglichen Social Media Plattformen, nur noch mal mehr exponiert. Verspielt, präzise, poetisch beschreibt Thea Mantwill dabei die düstere Welt. Besonders die Eindrücke & Einsichten der Hauptperson haben mir sehr viel Freude gebracht, wie versponnene Gedanken, die einem plötzlich in den Kopf springen. 5 von 5 🌟