Unsere liberale Demokratie ist in Gefahr. Rechtsradikale Abgeordnete und Sympathisanten haben keine Hemmungen mehr, völlig unverhohlen ihre Gesinnung zu zeigen, und sie treiben die demokratischen Kräfte vor sich her. Wie können wir unsere Demokratie und die offene Gesellschaft verteidigen gegen die immer radikaler und dreister werdenden Verächter – auch jenseits der Wahlkabine und der Großdemonstrationen? Wie andere ermutigen, mitzumachen? Der Journalist Jürgen Wiebicke gibt uns griffige Regeln an die Hand, mit deren Hilfe jeder von uns jederzeit anfangen kann. Vor der eigenen Haustür. Im Alltag. Denn, und daran müssen wir uns immer wieder erinnern: Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit, wir müssen sie immer wieder aufs Neue verteidigen.
Mir gefällt die zugängliche Art, aus philosophischer Perspektive über gesellschaftspolitische Fragen nachzudenken.
Dennoch: von „Demokratierettung“ zu sprechen und über ökonomische Verhältnisse und Klimakrise zu schweigen, führt nicht weit.
Mehr noch als bei „Emotionale Gleichgewichtsstörung“ hat mich gestört, wie der Autor seine durch Mehrheitsangehörigkeit und Privilegien geprägten Erfahrungen und Möglichkeiten als allgemeingültig setzt.
Was bedeutet es, Teil einer Demokratie zu sein und wo fängt Demokratie an? Sie erfordert Austausch von Gegensätzlichkeit, das Erkennen und Würdigen von Gemeinsamkeiten und ein faires Annähern an Kompromisse. Und vor allem Engagement! Wie das gehen kann und warum es eine aktive Streitkultur Plus Toleranz braucht, erfährt man in diesem Büchlein.
Hat m. E. nicht besonders gut angefangen: ich spürte sofort eine leicht abschauende Tendenz zur Vereinfachung und Schuldzuweisung. Es wäre gut gewesen, wenn Wiebicke ein wenig zur Entstehung der Demokratie geschrieben hätte - die meisten Menschen wissen z. B. nicht, dass mitmachen anfangs Pflicht war, keine Frage von gewählten Machthabern. Allerdings fand ich die letzten 3-4 kurzen Kapiteln sehr lesenswert, insb. bezüglich falscher Meinungen und der Notwendigkeit, die AfD zu spalten in zwei Gruppen, um die verzweifelten/ängstlichen Rechtskonservativen von den echten Bösen zu differenzieren und diese anschließend zurückzugewinnen.
Ich finde, dass der Autor einige interessante Punkte gemacht hat und die Wichtigkeit von Gemeinschaft und lokalen Projekten gut unterstrichen hat. Einige Argumente zum Umgang mit Leuten anderer politischer Meinung fand ich auch sehr wichtig und richtig. Allerdings hatte ich im Laufe des gesamten Buches das Gefühl, dass der Autor aus einer sehr privilegierten Perspektive schreibt. Dementsprechend fällt es einem dann natürlich leichter gewisse Aussagen oder Ansichten als Teil einer Demokratie zu legitimieren, da man selber davon nicht unbedingt betroffen ist. Nichtsdestotrotz ein interessantes Buch!