Ich glaube, der Fehler liegt bei mir: Ich habe in meinem Leben wahrscheinlich weit über hundert Stunden „Neue Zwanziger“ gehört und kannte deshalb so gut wie alle Argumente, aber auch Schulz‘ Formulierungen in und auswendig. Er hatte das Buch ja über viele Monate als „sein kommendes Familienbuch“ angeteasert und 140 Seiten sind dann einfach ein bisschen wenig für so ein umfassendes Thema, oder? Don‘t get me wrong, ich finde eigentlich alles ziemlich interessant, was in dem Buch steht, einige Argumentationen sind wirklich originell (zB die zum Familienwahlrecht) und es gibt Passagen, die sind eine pure Freude zu lesen (S. 39 u. 40). Aber um mal im Jargon zu bleiben: Man kann das Buch sehr gut inspirativ lesen, es gibt spannende Gedanken und Einflugschneisen, die über Bande in unsere Köpfe gespielt werden, aber werden hier Grundbegriffe kristallisiert? Ich denke nicht. Das finden wir nur bedingt SEHR GUT
Eine Abhandlung des politischen Versagens gegenüber Kindern, gegenüber Familien, gegenüber Müttern, denn "Familienpolitik ist Mütterpolitik"[S.111]. Dem gegenübergestellt werden Entscheidungen der Politik zur Förderung von Unternehmen und reich vererben den Familien. Ein Plädoyer für die Einpreisung all jener Externalitäten, welche man Familien frei mach dem Motto "die Liebe der Mutter wird es richten"[S.88], für Gesellschaftliche Angebote der Betreuung und Verpflegung von Kindern sowie für mehr Geld sowohl für die "Infrastruktur" als auch direkt pro Kind, denn so trivial es scheint: "gegen Armut hilft Geld"[S.93]. Schulz beschreibt die Problematiken vor die die politische Untätigkeit nun die Gesellschaft, die Wirtschaft und die Einzelnen stellt und beleuchtet die Absurdität des Ausmaßes dessen was auf Familien - wie immer zu erwarten hauptsächlich Mütter - abgewälzt wird. Das Kapitel Lösungen ist zwar Recht lang, doch bietet es nicht all zu viel Substanz - aber nicht keine. So werden die Verantwortungsgemeinschaften als notwendige Erweiterung des Familienbegriffes, gesellschaftlich organisierte Betreuung und Verpflegung sowie Vereinsangebote der Kinder, deutliche Erhöhung der Direktauszahlungen pro Kind, Umkehrung der Bring-Holschuld bei Sozialleistungen sowie ein Familien/Kinderwahlrecht in den Raum gestellt. Dadurch sollen nicht nur Eltern entlastet sondern Kinder besser Ausgebildet, somit eine höhere Wirtschaftsleistung erzielt, aber auch die Geburtenrate erhöht werden, sowie die Pflege organisiert werden.
Stefan Schulz zeigt uns die Misere der langjährigen Familienpolitik auf. Während der Ampel hätte es Chancen auf Veränderungen gegeben, diese wurden allerdings (vor allem, aber nicht nur) von der FDP flankiert.
Der Autor gibt Input, darüber den Begriff der Familie neu zu denken. Ebenso weist er auf die durch die Corona-Pandemie verursachten Auswirkungen auf Familien hin.
Die unbezahlte Care-Arbeit (insbesondere der Frauen) ist unbezahlte Entlastung für den Staat. Deutschland hat das Geld, hierbei anders zu agieren und hier zeigt der Autor die Probleme des Staates auf.
Schulz plädiert für mehr staatliche Unterstützung (z. B. Ganztagsschulen, Babysitterservice und Geldzahlungen), aber auch für ein Familienwahlrecht.
Insgesamt ein empfehlenswertes Buch.
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um ehrlich zu sein, hatte ich mehr erwartet. wenn man kein hörer der neuen zwanziger ist und die argumente noch nicht gehört hat, ist es vermutlich besser. die gedanken sind richtig und nachvollziehbar, es bleibt aber ein dünnes buch, das über das bereits gehörte nicht hinausgeht. es ist sehr zeitverhaftet. es zeigt die aktuelle politische diskussion. ob das nicht schon bald an aktualität verliert? (es wäre wünschenswert). von einem buch erwarte ich aber etwas beständigeres. ich möchte es in ein paar jahren ebenso in die hand nehmen können. und um noch ehrlicher zu sein: mir fehlt sogar auch die struktur. es wirkt hier und da sprunghaft, zusammengestückelt.
Das Buch rückt ein wirklich wichtiges Thema in den Vordergrund und benennt lang und ausführlich, woran es alles scheitert. Darin verliert es sich aber auch teilweise in einigen Ausführungen. Am Ende gibt es zwei wesentliche Vorschläge zur Verbesserung der Lage, die jetzt auch nicht gerade die ein Geheimnis sind (Wahlrecht und Geld).
Das Buch ist das natürliche Sequel zu Schulz' vorherigem Buch, "Die Altenrepublik". Die Diagnose, die mit dem titelgebenden "Kinderwüste" treffend zusammengefasst wird, ist überzeugend. Sie hat dabei zwei Teile: Wie mit Familien umgegangen wird, ist für Kinder und Eltern ungerecht und es ist (volkswirtschaftlich) hochgradig irrational (um nicht zu sagen selbstmörderisch). Das Buch leidet aber darunter, dass es in Teilen in soziologische Theorie abdriftet und zu wenig politisch arbeitet. An Lösungsvorschlägen kommt dann auch nicht viel mehr als ein Kinderwahlrecht (das bis zu einem bestimmten Alten von anderen, in der Regel einem Elternteil, stellvertretend ausgeübt wird). Ich bin schon lange ein Verfechter des Wahlrechts für alle, die hier leben, einschließlich Kindern und Staatsangehörigen anderer Länder und mein Eindruck ist auch, dass es nur von einer lauten Minderheit abgelehnt wird. Ich sehe nur nicht, wie ein Kinderwahlrecht, selbst wenn es denn endlich eingeführt werden würde, in absehbarer Zeit politisch für Kinder, Jugendliche und Eltern wirksam werden kann.
Deutschland hat nicht nur ein Demographieproblem, es geht auch Familienpolitik falsch an, zu größeren Teilen, weil Politik und Gesellschaft A sagen, aber B umsetzen.
Wie auch schon in der "Altenrepublik" schafft es Schulz vorhandene, teilweise als zusammenhanglos erscheinende Daten miteinander zu verbinden. Leider erscheint die Datenlage jedoch dünner und gefühliger zu sein, was darin mündet, dass der Autor häufiger auf Wiederholung von schon zuvor genannten Fakten sowie Provokation und Ermutigungen zu Gedankenexperimenten bei den Lesenden setzt. Insofern wehrte ich mich beim Lesen einiger Passagen gegen Schulzes ansonsten wieder leicht nachzuvollziehende und interessante Argumentation.
Insgesamt dennoch kein Werk, was außerhalb des Blickfelds einer politisch bzw. an Demokratie interessierten Person sein sollte.