Ehrlich gesagt, musste ich meine Augen reiben, als ich gesehen hab, dass dieses Buch auf der Longlist des diesjährigen Buchpreises steht. Ich hatte es ein paarmal auf Insta gesehen, die Rezensionen überflogen und hab es schnell in den Bereich „Literatur für junge Frauen“, oder feministische Literatur verortet. Ich war mir sehr unsicher, ob ich es lesen wollte. Die Nominierung hat mir die Entscheidung jetzt abgenommen.
2x4 Frauen treffen sich in sogenannten Supper Clubs- die einen sind Single Moms, kommen aus unterschiedlichen Ethnien, haben unterschiedliche Themen, leben in prekären Verhältnissen und versuchen, ihre Kinder in der unfreundlichen Atmosphäre Deutschlands großzuziehen. dabei versuchen Sie sich am gegenseitigen Support. Die anderen posten ihr Leben zeitnah auf Social Media Portalen, sind finanziell stabil aufgestellt und versorgen alle mit Kokain. Eins haben beide Clubs gemeinsam: sie gieren nach dem Leben, nach Unabhängigkeit, nach Zuwendung und oft auch nur nach Entspannung. Was sie antreibt oder hemmt liegt auch in der eigenen Persönlichkeit begründet, meistens aber an den Rahmenbedingungen, die ein Leben als Alleinerziehende in Deutschland so mit sich bringt. Und die Themen sind vielfältig. Da geht es um die Möglichkeiten mit oder ohne Kinder seine Freizeit zu gestalten, Drogen und Alkoholkonsum, toxische Partnerschaften. Überhaupt die Schwierigkeit, einen Partner zu finden, der auch wirklich ein Partner ist und nicht nur ein weiteres Kind.
Es geht um den sozialen Abstieg den Alleinerziehende oft erleben, Kinder mit Unterstützungsbedarf und das Framing von Menschen, die sich professionell mit dem Thema Pädagogik auseinandersetzen. Es geht um Migration und kulturelle Unterschiede, Rassismus, Feminismus, Klassismus und, und, und..
Die Themen alle unter einen Hut zu kriegen, scheint genauso schwierig wie eine Horde Kinder alleine groß zu ziehen. Das ganze kam mir vor wie ein buntes Bonbonglas voller Bertie Bott‘s Bohnen aller Geschmacksrichtungen. Oft habe ich mich köstlich amüsiert. Manchmal beißt man auf Themen, die einem bitter aufstoßen.
Man weiß auch oft nicht genau, wo Sarkasmus aufhört und Realität beginnt, aber aus eigener Erfahrung kann ich sagen, hier wurde jedes Thema angeteasert, das alleinerziehende Mütter, und sei es nur am Rande, beschäftigt. Und die Wut die aufgrund mangelnder Kenntnis Anderer aufkeimt, kenne ich nur zu gut. (ich könnte mit euch stundenlang über die Ungerechtigkeit der Steuerklasse für alleinerziehende reden- bei mir war das ein unterschied von 4 auf 2 von 50 € netto. Damit kann man sicherlich zwei Kinder alleine großziehen🙄!!!)
Die Dialoge haben Pfeffer. Sie sind oft überzogen, ragen ins Satirische oder Burleske und vermittelten mir mehrfach das Gefühl einer Achterbahnfahrt. Nicht immer war das leicht auszuhalten aber irgendwie hat die Autorin es geschafft, die völlig berechtigten Gefühle darunter sichtbar zu machen.
Bei der Menge der Figuren, die alle relativ gleichberechtigt nebeneinander stehen, ist es schwierig, eine Art roten Faden auszumachen. Es handelt sich mehr um Episoden, die einen thematischen Schwerpunkt haben, und trotzdem chronologisch voranschreiten. Das macht das ganze Buch etwas delulu hielt mich aber trotzdem bei Stange.
Es öffnet einen für die Probleme alleinerziehende Mütter jenseits jeder Reihenhaussiedlung, das auf jeden Fall, aber erreicht vielleicht nicht jede Leserin oder jeden Leser. Für mich eine spaßige Lese Erfahrung, die immer ein bisschen Bitterkeit mit geliefert hat. Wenn ihr für diesen wilden Ritt bereit seid, dann rauf aufs Pferd!